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Schweiz: Halbierungsinitiative / Kritik an Kunstschaffende

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Wie viel Vielfalt halten wir aus, auch im eigenen Denken? Schweiz: Halbierungsinitiative / Kritik an Kunstschaffende

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Politik

Der Text versteht die Initiative als Symptom eines wahrgenommenen Verlusts an medialer Vielfalt und verbindet diese Diagnose mit einer selbstkritischen Betrachtung der Rolle der Kulturszene in einem subventionierten System.

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Banner zur Volksabstimmung «200 Franken sind genug! (SRG-Initiative)» («Halbierungsinitiative») Foto: Arkelin (CC-BY 4.0 cropped)

Datum 4. März 2026
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Direkt oder indirekt wird heute nahezu alles subventioniert – vor allem dann, wenn wir den Begriff «Subvention» wörtlich ins Deutsche übersetzen: Unterstützung. Infrastruktur, Landwirtschaft, Banken, Kultur, Forschung, Verkehr, Energie – überall greifen kollektive Finanzierungsformen. In diesem Licht stellt sich weniger die Frage, ob die SRG unterstützt werden soll, sondern warum ausgerechnet hier gekürzt werden soll.

Offenbar sind viele mit der Berichterstattung unzufrieden. Dieses Unbehagen ist real und sollte ernst genommen werden. Doch es richtet sich weniger gegen ein einzelnes Medienhaus als gegen eine Entwicklung, die sich durch die gesamte westliche Medienlandschaft zieht: die zunehmende Verengung des Diskurses auf zwei Lager. Dafür oder dagegen. Richtig oder falsch. Gut oder böse. Der Bär ist schuld. Der Westen oder Osten sind schuld. Die Globalisten. Die Nationalisten. Impfen oder nicht impfen. Patriarchat oder Matriarchat. Ost oder West. Reich oder Arm.

Wo nur noch zwei Positionen sichtbar sind, entsteht zwangsläufig das Gefühl, dass etwas fehlt. Eine Demokratie braucht Medien – das ist unbestritten und dazu müssen wir Sorge tragen. Aber sie braucht Medien, die die Komplexität der Welt abbilden und nicht nur zwei sich gegenüberstehende Erzählungen. Denn die Wirklichkeit besteht nicht aus binären Codes. Sie besteht aus Perspektiven, Interessen, historischen Erfahrungen, kulturellen Prägungen.
Im Nationalrat sitzen viele Parteien mit unterschiedlichen Haltungen. Als Bürgerin oder Bürger können wir uns orientieren, vergleichen, gewichten, wählen. Auf internationaler Ebene hingegen erscheint die Welt in den Medien oft wie ein Spielfeld mit zwei Mannschaften. Die Sichtweisen von China, Russland, den USA, Argentinien, Frankreich oder afrikanischen Staaten werden nicht als gleichwertige Perspektiven nebeneinander gestellt, sondern in ein vorgefertigtes Deutungsschema eingeordnet.

Früher – zumindest gefühlt – war der Raum zwischen diesen Polen grösser. Formate wie «Mit offenen Karten» auf ARTE lebten davon, geopolitische Interessen sichtbar zu machen, ohne sie sofort moralisch zu sortieren. Heute scheint der moralische Reflex schneller zu sein als die Analyse.

Das erzeugt Unmut. Und dieser Unmut ist ein natürlicher, im Grunde regulatorischer Effekt. Es ist keine intellektuelle Art und Weise, aber eine, die zu solchen Massnahmen führt. Die Bevölkerung spürt, wenn Vielfalt verschwindet.

Denn im Grunde geht es nicht um für SRG oder gegen SRG. Es geht um die Frage: Wie erhalten wir die Vielfalt der Perspektiven?

Ein Medienhaus mit nur einer grossen Deutungsrichtung gleicht einer Monokultur. Sie ist effizient, übersichtlich – und anfällig. So wie in der Landwirtschaft die Monokultur die Bienen und die Biodiversität gefährdet, gefährdet die Entweder-Oder-Logik die Meinungsvielfalt. Ohne Vielfalt gibt es keine Resilienz, weder in der Natur noch in der Demokratie. Bei der Entweder-Oder-Mentalität ist wie bei der Monokultur das Aussterben vorprogrammiert.

Die Halbierungsinitiative kann man deshalb auch als Symptom lesen: als Versuch, auf struktureller Ebene etwas zu regulieren, was viele als inhaltliche Verengung wahrnehmen.
Ob der Geldhahn zuzudrehen der richtige Weg ist, bleibt offen.

Vielleicht wäre es produktiver, den Leistungsauftrag der SRG neu und demokratisch zu definieren: gewichtiger, pluraler, international perspektivenreicher, mit dem expliziten Ziel, die Vielstimmigkeit abzubilden, die der Schweiz entspricht.

Wie wir wissen ist die Schweiz selbst kein Zwei-Lager-System, sie ist ein permanenter Aushandlungsraum. Mit einer binären Mentalität würde dieses Land nicht lange existieren. Vielleicht ist die Initiative trotzdem der richtige Weg. Vielleicht auch nicht. Aber entscheidend ist etwas anderes:

Wir können darüber abstimmen.

Welches andere Land kann per Volksentscheid darüber befinden, ob seine Medienlandschaft vielfältiger werden soll? Kann das Volk in den USA über die Ausrichtung seiner grossen Medienhäuser abstimmen? Kann es irgendein anderes, sich demokratisch nennendes Volk auf dieser Erde?

Allein diese Möglichkeit ist bereits Ausdruck einer Medien- und Demokratiekultur, um die uns viele beneiden. Vielleicht sollten wir den Beitrag sogar verdoppeln?
Und jetzt – von Künstler zu Künstler:

Es ist ehrlich gesagt schwer mitanzusehen, wie schnell Teile der Kulturszene reflexartig in ein Lager springen, vielleicht aus Angst um die eigene Förderung.

Seit wann ist Kunst eine Interessenvertretung für den eigenen Subventionstopf? Wer nur dann laut wird, wenn die eigene Finanzierung wackelt, argumentiert nicht als Künstler, sondern als Kulturunternehmer im Selbsterhaltungsmodus.

Das Problem ist nicht, dass Künstler Fördergelder bekommen. Das Problem ist, wenn die Förderung beginnt, das Denken zu bestimmen.

Kunst war nie dafür da, sich mit der Hand zu füttern, die einen bezahlt. Das macht das Handwerk. Kunst war immer dafür da, genau diese Hand zu befragen. Natürlich können wir uns über diese Aussage streiten und genau darum geht es.

Ist die Aufgabe eines Künstlers nicht dieselbe wie die eines Wissenschaftlers? Die Welt zu hinterfragen, Komplexität auszuhalten und Widersprüche sichtbar zu machen. Dort hinzuschauen, wo es unbequem wird, auch für die eigene Position.

Wer nur noch die Argumente des eigenen Förderökosystems reproduziert, liefert keine Kritik mehr, sondern Content. Dann wird aus Kunst Dekoration. Aus Haltung wird PR. Aus Freiheit wird Abhängigkeit mit Atelier.

Gerade in der Schweiz, wo Kulturförderung ein öffentliches Gut ist, müsste die Kulturszene die erste sein, die diese Strukturen kritisch reflektiert. Nicht die letzte, die sie verteidigt.

statt blind dafür
und blind dagegen
– denkend.

Subvention darf kein Schweigegeld sein, idealerweise ist sie ein Vertrauensvorschuss der Gesellschaft. Dieser Vertrauensvorschuss verpflichtet zur geistigen Unabhängigkeit und gerade eben nicht zur Loyalität. Wenn Kunst nur noch dort kritisch ist, wo es nichts kostet, hat sie ihre gesellschaftliche Funktion bereits verloren.

Die eigentliche Frage lautet also nicht: Werden die Gelder gekürzt?

Die eigentliche Frage lautet: Trauen wir uns, auch die Strukturen zu hinterfragen, von denen wir selbst profitieren?

Und genau hier schliesst sich der Kreis: Wir können darüber abstimmen. Allein diese Möglichkeit ist ein Kunstwerk der politischen Kultur. Die Frage ist also nicht: SRG halbieren, ja oder nein?

Die Frage ist: Wie viel Vielfalt halten wir aus, auch im eigenen Denken?

Bujar Berisha