Keine Feigheit.
Keine moralische Leere.
Keine Erlaubnis, wegzuschauen, wenn Menschen angegriffen, vertrieben oder gefoltert werden.
Neutralität ist Haltung.
Neutralität ist Schutzstatus.
Neutralität ist Handwerk.
Sie sagt: Wir werden nicht freiwillig zur Kriegspartei.
Wir werden nicht zum Sprachrohr eines Lagers.
Wir brechen aber auch nicht die Brücken ab, über die eines Tages der Frieden gehen muss.
Wir verurteilen den Angriff.
Wir schützen die Opfer.
Wir benennen den Aggressor.
Und wir sprechen trotzdem mit ihm.
Täter und Opfer sind nicht dasselbe.
Frieden ist ohne Gespräch unmöglich.
Solidarität ist keine Gefolgschaft
Die Schweiz darf der Ukraine helfen, ohne jede Forderung ihrer Regierung zu übernehmen. Sie darf den russischen Angriff als völkerrechtswidrig verurteilen, ohne ihre eigene Aussenpolitik an eine Kriegspartei abzutreten.Zelenskys Auftritt im Bundeshaus zeigte, wie schnell Mitgefühl zum staatlichen Bekenntnis werden kann. Die Mehrheit applaudierte, und plötzlich galt schon die Frage nach der politischen Bedeutung dieses Auftritts als verdächtig.
Sind bereits Fragen ein Verrat? –Ja, sie können. Trotzdem müssen Sie Platz haben.
Kosovo zeigt die schmerzhafte Grenze vorbehaltloser Positionierung: So wurde eine grosse Fahne auffällig aufgehängt – und wieder abgenommen, als die Wirklichkeit die eigene politische Erzählung eingeholt hatte. Kosovo zeigte sich solidarisch mit der Ukraine, bis Zelensky fand, Kosovo verdiene die eigene Staatsmacht so eigentlich nicht.
Die Solidarität mit den Opfern bleibt trotzdem bestehen
Aber: Der Feind meines Feindes ist nicht automatisch mein Freund. Das Opfer ist nicht automatisch mein Freund. Sonst wird aus Menschlichkeit Gefolgschaft. Darum fragen wir: Warum wurde Russland zum pompösen Friedensgipfel auf dem Bürgenstock nicht eingeladen? Ein Gipfel ohne die eine der zwei Kriegsparteien kann Unterstützung organisieren. Er kann Zustimmung sammeln. Er kann Bilder produzieren, aber Frieden verhandeln kann er nicht. Russland einzuladen hätte den russischen Angriff nicht gerechtfertigt. Es hätte bedeutet, die Schweiz als neutralen Gesprächsort ernst zu nehmen. Ein neutraler Ort leugnet die Rollen von Täter und Opfer nicht. Er verhindert aber, dass diese Rollen bestimmen, wer überhaupt miteinander sprechen darf.Am Verhandlungstisch bleibt ein Aggressor verantwortlich UND er wird zum Gesprächspartner. Denn: Ohne Gesprächspartner kein Gespräch. Ohne Gespräch kein Verhandeln. Ohne Verhandeln kein Frieden.
Wir wollen eine Schweiz, die wieder diplomatisch mutiger wird. Statt moralischer Posen eine Vermittlung, statt Stillschweigen und Kontaktabbruch das offen halten von Gesprächskanälen, statt Rechthabereien das Retten von Leben!
Und logisch ist dann eine Schweiz mit möglichst wenig Abhängigkeit. Eine Suchtfreie Schweiz! Straight Edge along all borders!
Dazu zählt zum Beispiel importierte Energie: Mehr eigene Quellen, stabile Netze, Speicher, Wasserkraft, Solarenergie. (Alles unter Vorbehalt, denn die Rohstoffe haben wir ja nicht ganz alle in unseren Landesgrenzen verfügbar … dazu gleich mehr.)
Wer im Ernstfall nicht selbst entscheiden kann, kann überhaupt nicht einmal im Ansatz politisch neutral sein. Natürlich wollen wir Handel mit allen – aber nicht blind und nicht um jeden Preis.
Geld hat keine Meinung / Geldströme haben Wirkungen
Handel kann Menschen versorgen, Beziehungen erhalten und Verhärtungen aufweichen. Er kann aber auch Kriegskassen füllen. Darum muss jedes Geschäft dem Frieden dienen, nicht bloss dem Gewinn. Die Wirtschaftlichkeit in allen Poren unserer Existenz mag entmutigen und droht, alle Menschlichkeit aufzulösen. Wir glauben aber und setzen uns dafür ein, dass diese Erkenntnis zu einem Aufwachen und nun genau dazu führt, dass wir als Gemeinschaft nochmal einen grossen, heilsamen Sprung machen miteinander. Neutralität darf kein Geschäftsmodell werden, doch sie kostet, wenn sie sich durchsetzen können will. Eine strengere Neutralität ist nicht automatisch billiger. Wer militärische Zusammenarbeit einschränkt, muss mehr im eigenen Land leisten. Das kostet Geld, Personal und politische Verantwortung. Welche Armee bewaffnet die Neutralität?Wie soll sie ausgebildet sein?
Welche Fähigkeiten braucht sie?
Wie wird sie demokratisch kontrolliert?
Und wer bezahlt sie?
Ich bin Pazifist. Mein Ziel ist eine Welt ohne Armeen. Ein einseitiger Verzicht der Schweiz wäre unter den heutigen Bedingungen jedoch naiv. Deshalb erscheint mir eine defensive Verteidigungsfähigkeit als schmerzhafte Realität und deshalb angebracht.
Aber: Wer bewaffnete Neutralität fordert, darf sich nicht mit Fahnen und Parolen begnügen. Es müssen die Konsequenzen offengelegt werden und erklärt, warum wir nur den Krieg professionalisieren sollen!? Eine ernsthafte Neutralität professionalisiert auch den Frieden: mit hervorragenden Diplomatinnen und Diplomaten, regionalen Fachleuten, Übersetzer:innen, Vermittler:innen und dauerhaften Strukturen für Gefangenenaustausch, Vermisstensuche, Entminung und Friedensverhandlungen.
Ja, eine neutrale Schweiz braucht eine Armee, die im Ernstfall bereitsteht. Aber sie braucht ebenso eine Diplomatie, die im Ernstfall nicht erst Telefonnummern suchen muss. Langfristig brauchen wir einen Plan für die Professionalisierung des Weltfriedens. Vielleicht braucht es eine offene Sicherheitsgemeinschaft, der alle Staaten angehören können. Eine Gemeinschaft, die sich nicht gegen einen bestimmten Staat richtet, sondern gegen den Krieg selbst. Vielleicht könnte aus einem grundlegend verwandelten Militärbündnis eines Tages eine solche Gemeinschaft entstehen. Ein Bündnis, das keinen äusseren Feind braucht, um nach innen zusammenzuhalten. Eine Ordnung, in der kein Staat den anderen grundsätzlich als Feind betrachten muss, sondern als möglichen Freund – als Teil derselben gemeinsamen Sicherheit.
Vielleicht wird die Menschheit eines Tages durch eine Gefahr ausserhalb der Erde gezwungen, ihre gemeinsame Zukunft zu erkennen. Sci-Fi träumt davon. Darauf sollten wir nicht warten. Friedensforschung, Diplomatie und internationale Institutionen müssen schon heute vorbereiten, was die Menschheit morgen dringend braucht.
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Werk aus der Serie „Heidi POP“ (2026), in der Honys Torres den konstruierten Charakter der Schweizer Neutralität durch eine pop-urbane Neuinterpretation von Heidi untersucht.Foto: Honys Torres (CC BY-SA 4.0 cropped)
Wer Ja stimmt, ist kein Held.
Wer Nein stimmt, ist kein Verräter.
Ein Ja macht die Schweiz nicht erstmals neutral.
Ein Nein macht sie nicht automatisch klug.
Die Neutralität ist bereits da. Die Verantwortung bleibt.
Gebt dem Gegner recht, wenn er recht hat.
Das ist Konkordanz und nicht zu verwechseln mit Kapitulation.
Die SVP soll anerkennen, dass ihre Initiative nicht die Neutralität selbst ist, sondern eine enge Auslegung davon.
Die anderen Parteien sollen anerkennen, dass die Sorge um die Neutralität berechtigt ist.
Ein richtiger Gedanke gehört nicht deshalb einem falschen Lager, weil er dort ausgesprochen wurde.
Hört auf, um die Neutralität zu streiten.
Nutzt sie.
Macht die Schweiz:
diplomatisch mutig,
energetisch unabhängiger,
militärisch defensiv,
friedenspolitisch professionell,
menschlich offen.
Ich bleibe neutral, weil ich mit allen sprechen will, mit Haltung. Neutralität ist kein Parteieigentum. Frieden, Unabhängigkeit und Vermittlung gehören uns allen.


