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Die legendäre Müllersendung im Schweizer Fernsehen | Untergrund-Blättle

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Züri brännt: Texte zur Bewegung Die legendäre Müllersendung im Schweizer Fernsehen

Politik

Nicht bewilligte Demonstrationen und stundenlange Strassenkämpfe. Tränengas, Gummigeschosse und tausende von Schaulustigen.

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17. August 2022
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Nach den Strassenschlachten in Zürich ein Gespräch: Wie kam es zu dieser Eskalation? War der massive Polizeieinsatz verhältnismässig? Wie soll es in der Jugendpolitik weitergehen?

00:31 Fredy Meier: Die Müllersendung war eine Einladung vom Fernsehen. Ihr könnt jemanden schicken, in eine Diskussionsrunde mit dem Polizeipräsidenten, dem Stadtrat…

00:48 Moderator CH-Magazin: Und schliesslich haben wir links von mir zwei Vertreter der Zürcher Jugendbewegung, die Anna Müller und der Hans Müller. Wir freuen uns, dass sie sich bereit erklärt haben, zu uns zu kommen.

00:59 Fredy Meier: Fredy heisse ich, wir sind im Café Felix und ich finde das so eine mondäne, durchgeknallte Deko, das gönne ich mir alle paar Wochen. Zahle dann ein bisschen mehr für den Kaffee, aber sonst fühle ich mich recht wohl hier.

01:18 Christoph Schuler: Ich bin der Christoph und ich war damals 1980 dabei, weil ich eigentlich schon in den 70er Jahren bei solchen destruktiven Aktionen mitgemacht habe. Und lustigerweise sitzen wir in einem Etablissement, das auch ein paar Pflastersteine nötig hätte…

01:43 Fredy Meier: Nein, das finde ich nicht.

01:44 Christoph Schuler: Nein, also der Fredy findet nein, bloss nicht.

01:51 Moderator CH-Magazin: Zuerst eine Frage an die Vertreter der Jugendbewegung: Was war eigentlich der Grund, dass Sie letztem Samstag demonstriert haben, obwohl Sie keine Bewilligung hatten? Vielleicht Hans Müller?

02:10 Hans Müller: Wie die Demonstranten an der Vollversammlung ausgeführt haben, wollten sie eine Demonstration machen für Amnestie, das heisst, sie wollten, dass Strafverfahren gegen ihre Kolleginnen und Kollegen eingestellt werden und dass alle freigelassen werden…

02:28 Fredy Meier: Bis anhin hatte die Bewegung sich standhaft geweigert, Interviews zu geben oder irgendwelche Sachen zu erklären. Der entscheidende Moment, der zur Klärung der Situation beigetragen hat, war, dass es eine Live-Sendung war. Dann hat es Klick gemacht. OK, Live-Sendung heisst, wir können machen, was wir wollen! Und dann war relativ schnell klar: Wir schicken keine Leute hin, die eins zu eins unsere Positionen vertreten oder unsere Inhalte weitergeben, sondern es war klar: Wir drehen das um.

03:09 Hans Müller: Jetzt müssen Sie sich anschauen, mit was für Sachen sie da kommen: Mit solchen Gummi-Patrönchen! Aber mit solchen Gummi-Patrönchen kann man doch nicht solche militanten Leute vertreiben wollen!

03:20 Anna Müller: Eben, ich finde es fast zu harmlos. Also ich wäre dafür, dass man zu Napalm greift das nächste Mal!

03:29 Fredy Meier: An der Helmutstrasse habe verschiedene Leute das gespielt und die Anwesenden haben dann gesagt, OK, ihr zwei geht. Ich, weil ich einfach extrem gut ausgesehen habe. Ganz entscheidend. Ich sag’s nicht gern.

03:48 Christoph Schuler: Weil du den dicksten Schwanz hattest.

03:50 Fredy Meier: Das hat mit so ein Selbstbewusstsein gegeben, vom Auftreten her, dass ich… und Hayat dasselbe. Sie haben gedacht, wir schicken den schönsten Mann und die schönste Frau der Bewegung. Dann seht ihr mal! Was sagt ihr jetzt? Ja, also das wurde geklärt, dann wurde geklärt, Müller, das war nicht unwesentlich mit dem Namen. Man hätte ja sagen können Pawlowitsch. Es ging darum, die breite Bürgerlichkeit damit auszudrücken. Das hat man dann gewusst, was sind die Dinge, die Leute immer sagen, das wollen wir aufnehmen.

04:37 Ausschnitt Nachrichtensendung: Im Laufe des Samstagnachmittages wurde im Zürcher Industriequartier gekämpft. Die Jugendlichen bauten Barrikaden, warfen Steine und Flaschen, die Polizei setzte Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse ein.

04:52 Fredy Meier: Die Bilder, die am Anfang kamen, über die Demo vor dem AJZ, die Polizei hat gesagt, die haben uns angegriffen vom AJZ aus und darum mussten wir das AJZ mit Tränengas beschiessen. Und da hat dann der Fünfschilling gesagt, Jungs, wieso seid ihr nicht 20 Meter zurück?

05:13 Leonhard Fünfschilling: Wie Sie in dem Fernsehfilm gesehen haben, war die Demo nach fünf Minuten aufgelöst. Trotzdem ist die Polizei stundenlang auf dem Platz geblieben. Hat vor allem das Jugendhaus beschossen, richtiggehend eingenebelt. Jedenfalls völlig unverhältnismässige Mittel eingesetzt.

05:36 Fredy Meier: Es gab ganz feine Momente, die für uns gespielt haben. Die Bilder waren eindrücklich, die haben gezeigt wie brutal und all das… und dann haben sie, also unsere Gegner so… keine Finesse, keine lustigen Dinge… also erstmal, ihre Art zu reagieren war bilderbuchmässig. Dann hat sich zwischen der Hayat und mir eine Rollenteilung ergeben, die gar nicht vorgesehen war.

06:13 Anna Müller: Ich möchte gern auf etwas eingehen, was Sie vorher gesagt haben…

06:18 Moderator: Entschuldigung! Er darf schnell das zeigen und dann dürfen Sie reden!

06:20 Anna Müller: Das war eine Fehlinformation, ich möchte das gern berichtigen.

06:28 Fredy Meier: Rückblickend kann man sagen, Hayat war die Freche, ich war netter. Nicht inhaltlich, aber formal nett. Nicht den Leuten immer ins Wort fallen. Und das hat natürlich eine wahnsinnige Verteufelung ergeben von ihr. Also als erstes sind die Namen bekannt werden, auf illegale Weise. Das ist der Meier, und das ist die Ausländerin. Ich sage es immer wieder und ich finde es langweilig, wenn ich das sage, aber ich finde es trotzdem wichtig: Zu dieser Zeit, 1980, eine Frau, die definitiv nicht aussieht wie eine Schweizerin und dann ist sie noch frech. Hexenverbrennung war dann angesagt, darum ging’s. Genau der gleiche Mechanismus wie Hexenverbrennung. Die Frau müssen wir fertigmachen. Das man dann fordert, dass sie ihren Schweizer Pass verliert… die ist hier aufgewachsen! Das hat man gefordert, der sexistische Scheiss, Todesdrohungen… es ging ums Frechsein.

07:55 Christoph Schuler: Sie war frech und die anwesenden Behördenvertreter*innen waren wahnsinnig blossgestellt durch das Theaterstück. Und das war wirklich unerhört.

08:09 Emilie Lieberherr: Jetzt muss ich das Wort ergreifen. Wenn der Herr Bärtschi das gesagt hat, haben Sie immer gesagt, das ist grauenhaft, das ist schlimm, dabei vertreten Sie die Jugendlichen…

08:21 Hans Müller: Da sind wir ganz gleicher Meinung.

08:22 Anna Müller: Da sind wir völlig dafür.

08:24 Emilie Lieberherr: Was Sie jetzt machen, damit unsere Zuschauer denken, was Sie für gute, brave junge Leute sind. Das glaube ich Ihnen überhaupt nicht. Und ich hoffe, dass unsere Zuschauer auch so klug sind, Ihnen das nicht alles abzunehmen.

08:37 Fredy Meier: Die Lieberherr hat es ja gecheckt, offensichtlich als erste. Ich glaube, sie haben schnell begriffen, dass etwas nicht stimmt. Das haben sie schon gemerkt. Und dann war ihr grosses Problem, dass sie nicht gecheckt haben, was nicht stimmt. Sie habe gemerkt, das ist komisch. Es ist kein Käsekuchen, aber was ist es? Sie hätten schon in der ersten Minute sagen sollen, du…

09:08 Christoph Schuler: Sie hätten eine andere Taktik ergreifen müssen. Als sie gemerkt haben, die erzählen ja einfach das, was wir immer erzählen. Von daher war es eine riesige Welle der Empörung, die Hayat ganz schwer getroffen hat. Dich weniger, weil Fredy Meier heisst sowieso jeder zweite.

09:30 Fredy Meier: Der Knast war die Abrechnung.

09:33 Christoph Schuler: Abrechnung war der Knast, ja sicher.

09:37 Fredy Meier: Und einfach zum Schluss vielleicht das: Es gibt zwei Sachen, die mich immer noch sehr rühren. Das ist ein Geschenk, das ist nicht, weil wir so wahnsinnig toll waren. Mit der Gegenseite, wie es funktioniert hat, es hätte ja sein können, dass sie sagen…

09:57 Christoph Schuler: Tut nicht so blöd.

09:58 Fredy Meier: Tut nicht so blöd. Wollt ihr in den Kindergarten?

10:05 Christoph Schuler: Emilie hat glaube ich mal Kindergarten gesagt.

10:07 Fredy Meier: Irgendwie hat sie… sie war die erste. Aber das hat ja nur funktioniert mit ihnen zusammen. Aber dass heute 18, 20jährige und so, junge Leute, Zürich brännt oder die Müllersendung sehen und das lustig finden, das finde ich total schön. Unglaublich!

10:28 Christoph Schuler: Das ist nur wegen eurer schauspielerischen Leistung natürlich. Dass auch ihr nie gebrochen habt und gesagt habt, OK, jetzt haben wir unsere Show angezogen, aber jetzt mal wirklich, die Gummigeschosse sind wirklich sehr gefährlich oder so, sondern dass ihr es so lange durchgehalten habt, ist schon sehr bewundernswert. Wie lang ging die Sendung?

10:50 Fredy Meier: 50 Minuten, 10 Minuten war der Film am Anfang über die Demo. Das eine mit jungen Leuten und das andere natürlich – grossartig, wenn du ins AJZ zurückkommst und alle sind gekommen und haben gesagt, habt ihr gut gemacht! Es ist nie jemand gekommen, der…

11:10 Christoph Schuler: Es gab schon Kritik aus der Bewegung, Leute haben gefunden, jetzt haben wir mal die Gelegenheit und ihr benutzt sie nicht, um alles zu sagen. Gerade darum war es ja ein Wahnsinnsmoment, dass man eigentlich die Gelegenheit gehabt hätte, 40 Minuten lang zu sagen, wir sind so arm, wir werden immer unterdrückt und ihr seid so gemein, die ganze Litanei hätte man bringen können. Aber nein, was machen sie? Sie machen sich einfach lustig über die Gegenseite und tun genauso blöd wie irgendwie Stammtischidiot. Das hat natürlich dazu beigetragen, dass es so denkwürdig war.

11:59 Emilie Lieberherr: Erzählen Sie das Ihren Leuten, die Sie heute Abend vertreten!

12:00 Moderator: Meine Damen und Herren, die Zeit ist leider abgelaufen…

12:05 Hans Müller: An die Wand stellen! An die Wand stellen!

12:06 Anna Müller: An die Wand stellen und Gewehr!

12:09 Moderator: …Sie sehen, dass die Diskussion etwas schwierig ist. Danke und auf Wiedersehen.

Text aus Strapazin NO:137

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