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Kieferbruch und Knast – eine Geschichte aus dem Bundeslager Embrach | Untergrund-Blättle

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Eine Geschichte aus dem Bundeslager Embrach Kieferbruch und Knast

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Bereits im November 2019 geriet das Bundesalylzentrum auf dem Duttweilerareal in Zürich ins Kreuzfeuer der Kritik.

Das Bundeslager Embrach befindet sich isoliert am Waldrand zwischen der Klinik der Integrierten Psychiatrie Winterthur, einem Baseballfeld und einer Hochhaussiedlung.
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Bild: Das Bundeslager Embrach befindet sich isoliert am Waldrand zwischen der Klinik der Integrierten Psychiatrie Winterthur, einem Baseballfeld und einer Hochhaussiedlung. Per Zufall kommt hier niemand vorbei. Solidarität und Unterstützung sind weit weg, das bemerken auch die Bewohner*innen. Es zermürbt sie, bringt sie jeden Tag an die Grenze des Ertragbaren. / ajour magazin

21. Februar 2020

21. 02. 2020

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Der repressive und gewaltvolle Umgang mit den Menschen im Asylprozess ist jedoch kein Stadtzürcher Unikum. Im Bundesasylzentrum Embrach kam es Mitte Januar 2020 zu einem gewalttätigen Übergriff: Sicherheitsleute haben einem Bewohner den Kiefer gebrochen.

Es ist ein grauer Tag in Embrach, nördlich des Zürcher Flughafens. Vorbei an der psychiatrischen Klinik biegen wir in einen schmalen Waldweg ein. Da steht es, das Bundeslager, das sie beschönigend «Bundesasylzentrum» nennen. Es steht nicht hinter einem Zaun, sondern hinter einer Hecke. Keine Betonfassade, kein Stacheldraht, dafür viel Holz und gut sichtbare Kameras. Wir gehen in Richtung der «Rezeption», so wird der Ort genannt, an dem sich alle Asylsuchenden bei jedem Eintritt anmelden und sich einer Körperkontrolle unterziehen müssen. Wir stehen vor dem mächtigen Gebäude, aber auch vor zwei eingeschlagenen Scheiben, an denen ein Zettel hängt. «Don’t touch» steht in fetter Schrift darauf. Die Geschichte hinter den Scherben ist verstörend. Sie handelt von Behzad, der sich gegen Willkür, Demütigung und die Gewalt des Schweizer Migrationsregimes wehrt.

Drei Securitas-Mitarbeiter und ein gebrochener Kiefer

Am 17. Januar 2020 wurde Behzad von drei Securitas-Mitarbeitenden auf dem Gelände des Bundeslagers in Embrach verprügelt. Sie brachen ihm den Kiefer in der Nähe des Kiefergelenks. «Sie fixierten mich auf dem Boden. Einer sass auf meinen Beinen, einer drückte auf Kopf und Schulter und der dritte hat mich geschlagen», schildert er die Schlägerei, die zu seiner Verletzung führte. Dann kam die Polizei und führte Behzad ab. Trotz der schmerzhaften Verletzung verfügte das Migrationsamt des Kantons Zürich, Behzad zu inhaftieren. Vom 17. bis zum 20. Januar 2020 sitzt er im Gefängnis der Kantonspolizei auf dem Zürcher Kasernenareal. Die einzige Hilfeleistung, die er dort erhält, ist ein Papier, auf dem steht: «Im Bedarfsfall haben Sie Anspruch auf ärztliche Behandlung.»

Im Bundesasylzentrum in Embrach gelten strenge Regeln. Die Hausordnung legt 23 Uhr als späteste Uhrzeit für normalen Einlass fest. Am Freitag, dem 17. Januar 2020 kommt Behzad dreissig Minuten zu spät ins Zentrum zurück. Er hat an diesem Abend Alkohol getrunken, wie so oft in letzter Zeit. Aber richtig besoffen ist er nicht. Wegen seiner Verspätung verwehrt ihm ein Securitas-Mitarbeiter den Einlass in sein Zimmer. Behzad soll niemanden wecken und darum in einer Abstellkammer neben dem Warteraum schlafen, in einem sogenannten Notschlafzimmer. So sieht es das Reglement in den neuen Bundesasylzentren in der ganzen Schweiz vor. «Ich finde das demütigend, das Zimmer ist extrem dreckig und es stinkt», sagt er zum Sicherheitsmann.

Es ist nicht das erste Mal, dass er diese Unterhaltung führt – in der Vergangenheit hat er auch schon auf zusammengeschobenen Stühlen im Warteraum geschlafen, um das Notschlafzimmer zu meiden. Das Zentrum bietet Platz für 360 Personen, im Moment ist es mit vierzig bis fünfzig Bewohner*innen massiv unterbelegt. Viele Zimmer stehen leer. «Kann ich mich in einem leeren Schlafzimmer schlafen legen, statt in der dreckigen Kammer? Oder dann wenigstens im Notschlafzimmer der Frauen, das habe ich heute geputzt?», fragt Behzad wiederholt. Der Securitas verneint und schiebt nach: «Du hast wohl das Gefühl wir sind hier in einem Hotel».

Ein Ausraster als widerständiger Akt

Behzad fühlt sich in diesem Moment ohnmächtig, sieht keine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Der schikanöse Umgang mit den Bewohner*innen des Bundesasylzentrums richtet sich immer wieder gegen ihn. Einmal, als er sich vegane Lebensmittel gekauft hat, wurden ihm diese weggenommen. Behzad ernährt sich vegan, ist unzufrieden mit dem Essen im Zentrum und spricht von Mangelerscheinungen. «Auch ausserhalb des Zentrums sind wir komplett unfrei. Als wir an einem Abend draussen im Wald auf der Bank sassen, kam kurz nach 22 Uhr die Polizei und befahl uns, die Handymusik auszuschalten», erzählt er. Die Bank liegt mindestens hundert Meter vom nächsten bewohnten Gebäude entfernt.

Die ständigen Demütigungen sind für Behzad unerträglich. An diesem Freitagabend macht sich eine grosse Wut in ihm breit. Er denkt sich: «Wenn sich der Securitas hier als grosser Chef aufspielt, dann muss er auch die Konsequenzen tragen». Behzad kündet dem Sicherheitsmann gegenüber sogar an, dass er etwas beschädigen werde, wenn er wieder in der dreckigen Abstellkammer schlafen müsse. Dann geht er nach draussen, trinkt noch ein Bier und holt sich drei Steine. Damit wirft er die Scheiben der Rezeption und der Eingangstüre ein. «Ich habe damit keine Menschen in Gefahr gebracht», versichert er. «Dieses Gebäude ist ein Symbol dieses gewalttätigen Systems, und an diesem Symbol wollte ich Schaden anrichten.» Die Sicherheitskräfte reagieren aufgescheucht und wütend. Drei Securitas-Mitarbeiter werfen Behzad zu Boden und treten ihn gemäss seiner Erinnerung mit Stiefeln gegen Kopf und Rumpf. Behzad ist verletzt, er hat Schmerzen und weist auf diese hin. Seine Schreie verhallen ungehört im angrenzenden Wald.

Dann kommt die Polizei und verhaftet ihn. Die prügelnden Securitas bleiben unbehelligt, genau lässt sich das jedoch nicht nachzeichnen. Die Polizei bringt ihn ins Untersuchungsgefängnis auf dem Zürcher Kasernenareal und leitet ein Strafverfahren gegen ihn ein. Weil der zuständige Arzt ihn für hafttauglich befindet, kann er das Gefängnis erst nach drei Nächten verlassen. «Ich habe dem Arzt mehrere Male gesagt, dass ich in den Notfall muss, doch dieser meinte nur, es sei nicht so schlimm», schildert er die medizinische Untersuchung im Gefängnis. Auf die Anfrage von ajour bezüglich der Hafttauglichkeit von Behzad reagiert das Gefängnis in Zürich nicht.

Nach der Entlassung kehrt er aus Mangel an Alternativen nach Embrach zurück – dahin, wo er verprügelt worden ist. Der Pfleger des Bundesasylzentrums untersucht ihn und schickt ihn für weitere Abklärungen ins Spital Bülach. Von da wird er ans Universitätsspital Zürich überwiesen und mehrere Stunden lang am Kiefer operiert. Behzad hat nun eine Metallplatte im Kiefer und kann noch immer nicht richtig essen. Und dann? Wieder bleibt ihm nichts anderes übrig, als nach Embrach zurückzukehren, wo dieselben Männer, die ihm die Verletzungen zugefügt haben, weiter Wache schieben.

Ob eine Aufarbeitung des gewalttätigen Vorgehens der Securitas-Mitarbeiter stattfinden wird, ist unklar. Auf Nachfrage sagt ein Mitarbeiter der für den Zentrumsbetrieb verantwortlichen Asylorganisation Zürich (AOZ) lediglich, dass ihnen der Vorfall bekannt sei, er aber nicht wisse, ob diesbezüglich weitere Schritte unternommen würden. Nach seiner Rückkehr wird Behzad in die Loge gerufen. Da empfangen ihn Bernhard Roth, der Leiter Betreuung für Embrach der AOZ, ein weiterer Mitarbeiter der AOZ und der Chef des Sicherheitsdienstes. Sie fragen nicht wie es ihm geht, sondern teilen ihm lediglich mit, dass er Probleme bereite. Deshalb auferlegen sie ihm noch schärfere Regeln für seine restliche Zeit im Lager.

Weder AOZ noch SEM beziehen Stellung

Als ajour Roth mit den Vorwürfen konfrontiert, verweist dieser «zuständigkeitshalber» ans Staatssekretariat für Migration (SEM), welches wie ein Wachhund Anfragen zu allen Bundesasylzentren an sich reisst – auch wenn SEM-Mitarbeitende und insbesondere ihre PR-Abteilung nicht im operativen Lageralltag tätig sind. Zuerst schaltet sich Reto Kormann ein, der stellvertretende Leiter Information und Kommunikation. Er bittet um mehr Zeit, bevor es eine Antwort von ganz oben gebe. Daniel Bach, Leiter Stabsstelle Information und Kommunikation sagt dann jedoch lediglich, dass der entsprechende Securitas-Mitarbeiter nicht mehr im Zentrum tätig sei. Seit wann der Sicherheitsmann nicht mehr in Embrach arbeiten soll, gibt er nicht preis.

Alle anderen Fragen bleiben unbeantwortet, da es sich bei der Angelegenheit um ein laufendes Verfahren handle. Auch auf den Hinweis, dass es um eine traumaspezifische Aufarbeitung eines solchen Vorfalles und nicht nur um den Sachverhalt geht, erhalten wir keine Antwort. Das SEM verweist lediglich auf die Hausordnung, stellt die Darstellung von Behzad in Frage und betont, dass der Übernachtungsraum im Eingangsbereich stets sauber sei. Letzteres widerspricht den Aussagen verschiedener Personen sowie den Fotos vom dreckigen Raum, die ajour vorliegen. Auch in Bezug auf den Securitas-Mitarbeiter scheint Bach falsch informiert zu sein oder gezielt Fehlinformationen zu verbreiten: Der Sicherheitsmann, der ihm den Kiefer gebrochen hat, habe am 30. Januar 2020 im Lager gearbeitet, versichert uns Behzad – also an jenem Tag an dem Daniel Bach behauptete, dass der angesprochene Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes «aktuell nicht im BAZ Embrach arbeitet».

Behzad erstattete Anzeige gegen den Mann, der ihn am Boden liegend mehrere Male mit dem Fuss gegen den Kopf getreten hat – zumindest gegen denjenigen, den er klar erkennen konnte. Aber das ist ein schwacher Trost für ihn: «Wir haben kaum Möglichkeiten, uns irgendwie zu wehren. Wir werden komplett überwacht, niemand hört uns zu und wir werden jeden Tag mit Personenkontrollen und schikanösen Regeln gedemütigt.» Diese Zustände sind kein Zufall. Sie sollen asylsuchenden Menschen mitteilen, dass sie unerwünscht sind. Die Gewalt hat System und das System funktioniert. Bereits vor diesem Vorfall hat Behzad eine Rückführung nach Deutschland beantragt. Nächste Woche wird er ausreisen. «Noch nie bin ich irgendwo so schlecht behandelt worden», fasst er seine Zeit in der Schweiz konsterniert zusammen. Er wird sie wohl kaum je vergessen können.

Louis Libertini und Nino Fedele
ajourmag.ch

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