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Ein unvollständiger Rückblick Die Geschichte der extremen Rechten in der Schweiz

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Was bisher geschah: Der Rückblick zeichnet – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – die Geschichte der extremen Rechten in der Schweiz seit den 1980er-Jahren nach.

Immer wieder Innerschweiz.
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Bild: Immer wieder Innerschweiz. Umzug der PNOS durch Sempach anlässlich der Schlachtfeier. / antifa

24. Oktober 2016

24. Okt. 2016

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Vereinzelt tauchten Naziskins bereits in den 1980er-Jahren in diversen Schweizer Städten auf – oft als Schlägertrupps. Von 1987 bis 1991 erlebte das Land einen «kleinen Frontenfrühling» (der Rechtsextremismus-Kenner Jürg Frischknecht in Anspielung an die Frontenbewegung der 1930er-Jahre): Neonazistische Organisationen wie die Patriotische Front um Marcel Strebel (†) gründeten sich und suchten die Öffentlichkeit. Im August 1989 demonstrierten in der Luzerner Altstadt 30 Neonazis gegen den 200. Jahrestag der Französischen Revolution. Es war die erste rechtsextreme Kundgebung in der Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg. Die rechte Szene war auch verantwortlich für eine ganze Reihe von mörderischen Attacken und Anschlägen mit insgesamt sieben Todesopfern.

Nach dem Zusammenbruch des «kleinen Frontenfrühlings» 1991 – etliche Wortführer waren als Gewalttäter verurteilt worden – prägten lokale Naziskin-Cliquen die extreme Rechte. Eine Organisation meldete ab 1994 ihren Führungsanspruch an: die Schweizer Hammerskins (SHS), ursprünglich eine Luzerner Gruppe um Gary Albisser und Patrik Iten. Zwei schlagzeilenträchtige Ereignisse des Herbstes 1995 gingen auf das Konto der SHS: die Randale am Rande von Christoph Blochers Anti-EU-Demo in Zürich und der dreiste Überfall auf das linke «Festival der Völkerfreundschaft» in Hochdorf LU – eine Gewaltaktion, die sie vorübergehend empfindlich schwächen sollte: Die Polizei verhaftete in der Folge über 60 Naziskins.

Neuer Schub

1996/1997 konnte sich die extreme Rechte stark ausbreiten, die Zahl der Naziskins wuchs auf gegen 500 an. Zahlreiche Neugründungen (beispielsweise die Nationale Initiative Schweiz (NIS) in Zürich oder die Nationale Offensive (NO) im Umland von Bern), erste Internet-Auftritte, diverse Zeitschriften, mehrere Versände, aber auch ein «Nationales Info-Telefon» mit Veranstaltungstipps waren Beleg für die gefestigten Strukturen.

Neben den Hammerskins etablierte sich 1997/1998 zunächst in der Deutschschweiz, später in der Romandie eine Schweizer Sektion des internationalen Neonazi-Netzwerks Blood & Honour (B&H). Gleichzeitig mutierte die Schweiz zum Konzertparadies für RechtsrockerInnen: Als gewiefter Party-Organisator tat sich der Neuenburger Naziskin Olivier Kunz hervor. Über 700 Naziskins aus ganz Europa besuchten beispielsweise im März 1998 ein Konzert in Chézard-St-Martin NE.

«Die Schande vom Rütli»

Die öffentlichen Auftritte häuften sich und waren Indiz für das erstarkte Selbstbewusstsein der Neonazis. Am 1. August 2000 störten gut 100 Naziskins die Rede des damaligen Bundesrats Kaspar Villiger auf dem Rütli mit Buhrufen. Ein grosses Medienecho war ihnen gewiss. Die neue Vitalität der rechten Szene manifestierte sich auch in einem frappanten Anstieg an Gewalttaten. Drei Beispiele: Drei Naziskins feuerten Mitte Juli 2000 über hundert Schüsse auf das linke Wohnprojekt «Solterpolter» in Bern. Ende Januar 2001 ermordeten vier Mitglieder des rechtsextremen «Orden der arischen Ritter» in Interlaken ihren 19-jährigen Kameraden Marcel von Allmen, weil dieser das Schweigegelübde der Gruppe gebrochen hatte. Im April 2003 schlug eine Gruppe Naziskins in Frauenfeld einen 15-jährigen Besucher eines SKA-Punk-Konzerts spitalreif. Der Jugendliche trug bleibende Schäden davon.

Zugleich entdeckten die Neonazis die klassische Polit-Arbeit: Im September 2000 gründeten Sacha Kunz und Jonas Gysin, zwei Akteure aus dem Umfeld von Blood & Honour, die Partei National Orientierter Schweizer (PNOS), die sich rasch in den Vordergrund schob und bis heute – trotz hoher Kaderfluktuation und zahlreicher Gerichtsverfahren – die bestimmende und konstanteste Organisation der extremen Rechten ist. Deutlich kurzlebiger erwiesen sich zwei weitere überregional angelegte und grossspurig angekündigte Projekte: die Nationale Partei Schweiz (NPS) des Berner Naziskins David Mulas (2000/2001) und die Nationale Ausserparlamentarische Opposition (NAPO) des Holocaust-Leugners Bernhard Schaub (2003–2005).

So stark wie nie

Es folgten fette Jahre für die Schweizer Neonaziszene. Nicht nur stieg die Zahl der behördlich registrierten Exponentinnen und Exponenten auf rund 1200 an – ein Höchststand. Die extreme Rechte konnte auch einige Mobilisierungserfolge verbuchen: Das «Sommerfest» der Hammerskins 2002 in Affoltern am Albis ZH etwa lockte rund 1200 Naziskins aus mehreren europäischen Ländern an. Zudem ging die Strategie der Neonazis, patriotische Feiern und Gedenkorte zu vereinnahmen, zunächst voll auf. Am 1. August 2005 standen nicht weniger als 800 Naziskins auf dem Rütli und grölten und pfiffen während der Rede von Bundespräsident Samuel Schmid. In Sempach LU reihten sich die Rechtsextremen regelmässig – und von den Behörden unbehelligt – in den offiziellen Umzug der Schlachtgedenkfeier ein, um im Anschluss eine eigene Kranzniederlegung zu veranstalten.

Eigentliche Wahl-Coups konnte die PNOS landen und somit ihren Anspruch, eine politische Partei zu sein, zumindest zum Teil einlösen: Im Oktober 2004 wurde Tobias Hirschi ins Langenthaler Stadtparlament gewählt, im April 2005 Dominic Bannholzer in den Gemeinderat von Günsberg SO. Fast gleichzeitig etablierte sich in ihrem unmittelbaren Umfeld die Kameradschaft Helvetische Jugend (HJ). Die HJ, in den Kantonen Bern und Luzern beheimatet, sorgte zu Beginn mit militantem Aktionismus für Schlagzeilen: Im Oktober 2004 attackierten HJ-Aktivisten eine Antirassismus-Demo in Willisau LU. Im Berner Oberland fiel derweil die Kleinst-Organisation Bund Oberland um die beiden PNOS-Kader Mario Friso und Michael Haldimann mit einer stark ausgebauten Web-Präsenz, dem Vertrieb holocaustleugnender Literatur und dem Verteilen von «Schulhof-CDs» auf – und mit der Fähigkeit, lange Zeit unerkannt zu bleiben.

Auch die lebendige Rechtsrock-Subkultur, die sich ab 2001 in der Schweiz herausbildete, legte Zeugnis ab von der Stärke und Breite der extremen Rechten. Bands wie Dissens (seit 2001), Indiziert (seit 2001) und Amok (ab 2004) – um nur die Szenegrössen zu nennen – traten regelmässig an einschlägigen Konzerten und Partys im In- und Ausland auf. Und veröffentlichten mehr oder minder fleissig Tonträger, wobei sie für die Produktion teilweise auf lokale Labels (HRD Records in Roggwil BE) zurückgreifen konnten.

Stagnation und Durchhalteparolen

Seit ungefähr 2008 stagniert die extreme Rechte auf hohem Niveau. Die PNOS als wichtigste Kraft ist stark mit sich selbst beschäftigt: Gerichtsprozesse, Rücktritte und Knatsch in den eigenen Reihen haben der Partei zugesetzt. Zwar verteidigte die PNOS ihren Sitz im Langenthaler Stadtrat bei den Wahlen im Oktober 2008 überraschend, ihr gewählter Vertreter Tobias Hirschi hat sich mittlerweile aber aus dem Parlament zurückgezogen. Bei Aufmärschen, Feiern und Parteianlässen konnte die PNOS zuletzt deutlich weniger Teilnehmende mobilisieren.

Ein Beispiel: Der Ausflug aufs Rütli 2012 hätte «einer der grössten patriotischen Aufmärsche der Neuzeit» werden sollen. Trotz breitem Aktionsbündnis – PNOS, Kameradschaften, Holocaustleugner und Naziskin-Dachorganisationen – war der Zulauf aber mit knapp 200 Personen ausgesprochen dürftig. Um die Subkultur der Naziskins ist es ziemlich still geworden. Die beiden grössten Netzwerke in der Schweiz, die Hammerskins und Blood & Honour, suchen nur selten die Öffentlichkeit, sind aber nach wie vor aktiv – etwa als Organisatoren von Rechtsrock-Konzerten – und international gut vernetzt.

Dennoch traten in den letzten Jahren neue rechtsextreme Akteure auf den Plan, die zumindest für einige Zeit einen erstaunlichen Aktivismus an den Tag legten: in der Deutschschweiz und in Liechtenstein die Europäische Aktion (EA), das neuste Projekt des Holocaustleugners Bernhard Schaub, in der Innerschweiz die 2008 ins Leben gerufene, PNOS-nahe, mittlerweile in der EA aufgegangene Kameradschaft Waldstätterbund, in Genf die Jeunes Identitaires Genevois, ein 2005 formierter Ableger der französischen Identitaires-Bewegung, und die seit 2010 bestehende Gruppe Genève Non Conforme, zu deren Vorbildern die faschistische, italienische Organisation Casa Pound zählt. Der Berner Oberländer Online-Versandhandel Holy War Records bot zudem jahrelang eine breite Auswahl an CDs und Literatur feil.

info.antifa.ch

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