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Damals wie Heute - Kämpfe verbinden, Faschismus überwinden Antifa in Bern

Politik

Rückblick auf die antifaschistischen Abendspaziergängen seit 2000 bis heute in Bern.

Antifaschistischer Abendspaziergang in Bern.
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Antifaschistischer Abendspaziergang in Bern. Foto: barrikade.info

21. September 2022
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Am Anfang waren die Übergriffe...

In den späten 90er Jahren formierte sich in Bern und Umgebung eine militante Neonaziszene - hauptsächlich aus dem Eishockey- und Fussballumfeld rekrutiert. Diese entwickelte immer stärkere Aktivitäten im und um den Hauptbahnhof Bern und bei Fussball- und Eishockeyveranstaltungen. Für Menschen aus dem linken Umfeld oder mit Migrationshintergrund wurden diese Bereiche zur "No-Go-Zone", beim Bahnhof zu einem Spiessrutenlauf um auf den Zug zu gelangen.

Daraufhin formierte sich antifaschistischer Widerstand in Form von diversen Aktionen. Unter anderem fand am 22. Januar 2000 der erste Antifaschistische Abendspaziergang in Bern mit ca. 800 Teilnehmenden statt, welcher vom ’Bündnis alle gegen Rechts’ organisiert wurde . Das inhaltliche Anliegen war, auf die Übergriffe aufmerksam zu machen und gegen die rassistische Politik der SVP zu protestieren. Um die 250 Rechtsextreme versuchten den damals bewilligten Abendspaziergang anzugreifen. Die Stadtpolizei Bern verhaftete 102 von ihnen, teilweise waren sie mit Baseballschlägern, Ketten und CS-Gas-Sprays bewaffnet. [1]

Am 10. Juli 2000 wurde das besetzte Haus Solterpolter im Berner Marziliquartier von Neonazis mit Sturmgewehren beschossen. Dies war nicht der einzige Angriff mit Schusswaffen. [2]

Schritt für Schritt

Im neuen Jahrtausend entwickelte sich ein immer grösserer antifaschistischer Widerstand gegen die militante Neonaziszene in Bern. Es gab direkte Aktionen gegen die Rechtsextremen am Bahnhof, kleine Demos, spontane Konfrontationen, weitere Abendspaziergänge, Infoanlässe, Kampagnen und vieles mehr. Doch auch weiterhin kam es zu Angriffen durch Rechtsextreme. Als prägendes Beispiel ist hier der versuchte und fast geglückte Anschlag auf das 2. antifaschistische Festival am 04. August 2007 in der Grossen Halle der Reitschule zu nennen. Nur durch Glück wurde der Rucksack mit der Bombe entdeckt, welche kurz darauf draussen detonierte. [3]

Mit der Zeit konnten die Neonazis jedoch aus der Stadt verdrängt werden. Sie wagten sich zwar manchmal noch an Fussball- oder Eishockeyspiele, mieden jedoch ansonsten die Berner Innenstadt.

Die Abendspaziergänge fanden bis 2010 jährlich statt, ausser im Jahr 2007, in welchem eine Antifa-Kampagne dazwischengeschoben wurde, da der 7. Abendspaziergang 2006 nicht so verlief wie die Organisator*innen es vorgesehen hatten. Es war Zeit sich selbst zu hinterfragen und zu diskutieren, wie es weitergehen soll. Schliesslich ging es im Jahr 2008 mit den Spaziergängen weiter, bis am 02.10.2010 der zehnte und letzte Abendspaziergang stattfand, welcher durch das ’Bündnis alle gegen Rechts’ organisiert wurde. Danach wurde eine antikapitalistische Kampagne gestartet, da der Antifaschismus in diesem Moment zwar als weiterhin wichtig, jedoch nicht als Prioritär betrachtet wurde. Bereits seit Beginn der Abendspaziergänge war klar, dass sich der Kampf nicht nur gegen Faschismus richten soll, sondern alle Unterdrückungsmechanismen bekämpft werden müssen. Die Broschüren zu den jeweiligen Abendspaziergängen beinhalteten dementsprechend nicht nur Texte zu Antifaschismus, sondern es wurden Bezüge zu Antikapitalismus, Antisexismus, Umweltzerstörung und weiteren Themen geschaffen. Im Oktober 2015 wurde von der revolutionären Jugendgruppe Bern ein antifaschistischer Abendspaziergang mit dem Motto ’Tag für Tag das Ganze hinterfragen’ organisiert, welcher sich mit einem massiven Polizeiaufgebot konfrontiert sah. [4]

Damals wie Heute?

In der letzten Zeit ist die Präsenz von Faschist*innen und Neonazis auf der Strasse und Übergriffe auf Menschen, die ihnen als Feindbild gelten, wieder angestiegen. Wir sehen uns deshalb in der Pflicht, auch den antifaschistischen Widerstand wieder stärker zu forcieren und somit auch die Antifaschistischen Abendspaziergänge weiterzuführen. Wichtiger denn je ist uns dabei klarzustellen, dass der Faschismus nur die Spitze des Eisberges einer politischen Entwicklung ist, in welcher Rassismus, Nationalismus, Sexismus Trans-, Inter-, Agender- und Homofeindlichkeit, sowie weitere Formen von Diskriminierung und reaktionären Ideen tief verankert sind. Wo Konkurrenz und Autorität nicht nur im Wirtschaftsbereich zum guten Ton gehören. Eine politische Entwicklung, in welchem sich bei Abstimmungen die Mehrheit der Stimmenden klar für die Abschottung gegen Menschen auf der Flucht ausspricht [5] und aktiv Menschen ausgrenzt. Eine politische Entwicklung, in der die Armee einen höheren Stellenwert hat, als Bildung, Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Soziales und Gesundheit. Dagegen wollen wir uns gemeinsam stellen und unseren Unmut wiederum auf die Strasse tragen.

So wie früher? Nicht ganz, denn wir haben nicht vor, eine Neuauflage von zum Teil mackrigen Strassen-Antifas zu kreieren. Uns ist klar, dass es mehr Reflexion und Selbstreflexion bei wichtigen Themen wie Feminismus, Rassismus, Homo- und Transfeindlichkeit braucht, als es damals gab. Dazu gehört unter anderem unsere eigene Sozialisierung und unseren Status kritisch zu hinterfragen und auch in unseren Zusammenhängen rassistisches und sexistisches Verhalten zu thematisieren.

Denn wir können nur stärker werden, wenn wir unsere Schwächen und Stärken kennen, uns unseren Gemeinsamkeiten und unseren gemeinsamen Gegner*innen bewusst werden und fragend voranschreiten.

In diesem Sinne wünschen wir uns eine zugängliche, breit abgestützte, kämpferische Demo.

Damals wie heute: Kämpfe verbinden – Faschismus überwinden!

Wir sehen uns auf den Strassen.

abendspaziergang@immerda.ch

Fussnoten:

[1] https://www.bern.ch/mediencenter/medienmitteilungen/aktuell_pol_feu/2000-01-882

[2] https://www.bern.ch/mediencenter/medienmitteilungen/aktuell_pol_feu/2000-08-1266

[3] https://autonome-antifa.org/?article43

[4] https://www.20min.ch/story/spaziergang-mit-polizei-grossaufgebot-verhindert-976604805766

[5] https://www.srf.ch/news/abstimmungen-15-mai-2022/finanzierung-frontex/eu-aussengrenzen-ueber-70-prozent-stimmen-der-frontex-finanzierung-zu

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