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Antifa oder doch eher Sozial-Voyeurismus: Zu den Outings auf nazifrei.org

Zu den Outings auf nazifrei.org Antifa oder doch eher Sozial-Voyeurismus?

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Politik

Es ist erfreulich zu sehen, dass junge Neonazis aus der Deckung ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden und so für ihr Weltbild geradestehen müssen.

Antifa Graffiti in Lucca, Italien.
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Antifa Graffiti in Lucca, Italien. Foto: Gabriele85 (PD)

Datum 6. April 2026
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Die Outings helfen auch dabei, an der Inszenierung einer wehrhaften, gut organisierten und gesellschaftlich legitimen Nazi-Truppe zu kratzen – was wichtig und richtig ist. Faschistoide Ideen und Menschen, die sich über andere stellen, haben nie eine Legitimation und gehören bekämpft.

Und trotzdem haben die Outings auf nazifrei.org (früher nazifrei.ch) nebst der Legitimitat fast durchgehend einen störenden Beigeschmack. Der Satz «Überlegt euch was ihr tun könnt damit sie (die Neonazis) ihr menschenverachtendes Weltbild nicht weiter in die Gesellschaft tragen können.» fordert die Lesenden auf nazifrei.org dazu auf, selbst aktiv zu werden. So weit, so gut.

Leider scheint es nicht so, dass auch die outenden Personen sich diesen Satz zu Herzen nehmen und sich der Verantwortung durch die Veröffentlichungen bewusst sind. Diverse Outings beschränken sich nicht auf das Offenlegen von Informationen, sondern werden gespickt mit Interpretationen und Wortlauten, wie sie sich sonst eher in Kommentarspalten von grossen Onlinemedien finden. Entsprechende Beispiele finden sich in den Texten auf nazifrei.org.
Zugegeben, bei manchem Widerspruch in der rechten Lebenswelt bleibt einem oft schlicht ein ironisches Lächeln. Sich über Berufsbilder, Arbeitslosigkeit, soziale Verhältnisse, Armut oder Menschen, welche ihre Eltern nicht kennen, lustig zu machen, ist jedoch keine antifaschistische Praxis, sondern peinlich. Die Klassenfrage kann auch bei Arschlöchern nicht einfach ausgeklammert werden. Wer sich kontext- und inhaltslos am Leid anderer ergötzen möchte, findet sein Glück wohl eher bei den Titeln von Ringier oder Tamedia.

Outings in dieser Form richten sich nicht an eine Mehrheitsgesellschaft, sondern v.a. an die eigenen «linken Stammtische» und machen nicht nur Nazis das Leben schwerer, sondern isolieren auch antifaschistische Recherchepraxis. Diese Isolation dürfte es ironischerweise indirekt gerade der Jungen Tat einfacher machen, ihre Positionen zu verteidigen.

Es bleibt die Hoffnung, dass die Betreibenden von nazifrei.org diese Kritik lesen und annehmen werden und in künftigen Outings ernsthafte Inhalte dominieren.

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