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“Fortschritt” und “Vaterland” Patriotismus von Links

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Das “rote Salzburg” weiss sich nicht mehr zu helfen, warum so viele Kommunisten gegen das Vaterland hetzen: “Wer das wirklich Beste für ihr oder sein Land will, kann letztlich nur SozialistIn sein”.

Planetarium in Buenos Aires, Argentinien.
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Bild: Planetarium in Buenos Aires, Argentinien. / Luis Argerich (CC BY 2.0 cropped)

15. Dezember 2014

15. 12. 2014

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Stefan Klingersberger will den schlechten Ruf der guten Sache in linken Kreisen stärken: “Die ArbeiterInnen sind es aber, deren individuelles und Klassenschicksal am unmittelbarsten mit dem der eigenen Nation verbunden ist, und die sich daher dementsprechend eng mit ihr identifizieren können und müssen.”

Tatsächlich ist das Wohl und Weh des Arbeiters eng verbunden mit dem Schicksal seiner Nation: Geht es dem Staate schlecht wie in Griechenland, hat er keine Arbeit oder kann nicht mehr von ihr Leben. Und geht es der eigenen Nation so gut wie Deutschland, dann hat auch das mit dem Arbeiter zu tun: Dieser erarbeitet dann den Reichtum der Nation durch Europas grössten Billiglohnsektor und niedrigste Lohnststückkosten. Als Menschenmaterial seines Staates wird er entweder erfolgreich ausgebeutet oder nicht gebraucht und daher selbst von der Möglichkeit ausgeschlossen, zu (über)leben durch den Verkauf seiner Zeit und seiner Gesundheit. Was für ein guter Grund sich mit seiner Nation zu identifizieren lieber Stefan!

Es stimmt eben nicht, wenn Herr Klingersberger behauptet: “Was der Arbeiterklasse nützt, nützt der Nation, und was der Nation nützt, nützt der Arbeiterklasse”. Es Verhält sich genau anders herum: Alles was die Nation besitzt, besitzt sie auf Kosten der Arbeiterklasse. Die älteste Lüge der Politiker – das Wohl des Vaterlands sei unser Wohl – ist schon empirisch nicht zu halten mit einem Blick in die reichen Länder Westeuropas und die Armut deren Menschenmaterials: Sei es in den Nordamerikanischen Zeltstädten, den Französischen Vorstädten oder dem deutschen Niedriglohnsektor.

“Wahrer Patriotismus kann nicht rechts sein” weil man nur die Vaterlandsliebe, dass „Wir-Gefühl“ in die “richtige, progressive, revolutionäre Richtung zu lenken” braucht. Aus diesem Gefühl wächst eben nicht “nur chauvinistischer Nationalismus, sondern auch Solidarität samt Internationalismus”. ‘Wir’ – egal ob ‘revolutionär’ oder ‘reaktionär’ – bestehen, gesehen aus der patriotischen Brille, allerdings nicht aus einer Klasse von Lohnabhängigen. Diese finden sich nun wirklich ganz unabhängig von Landesgrenzen.

Das spezielle am nationalen ‘Wir’ ist gerade, dass hier Chef und Lohnarbeiter, Beamter und Soldat, Student und Professor unterschiedslos als Einheit gedacht werden. Und tatsächlich erwächst aus dieser Einheit auch Solidarität und Internationalismus. Frau Merkel erinnert so die Arbeitstiere der Nation in jeder Neujahrsansprache daran, weiterhin den ‘Gürtel enger zu schnallen’ und weiss freudig zu berichten über das hohe Ausmass an nationaler Solidarität beim DGB, der die Lohnforderungen seiner Mitglieder immer daran relativiert, dass der Betrieb nicht geschädigt werden darf.

Auch eine Form des Internationalismus erwächst ohne Frage aus dieser Sorte Patriotismus. Da fühlen sich Deutsche einmal mehr Verantwortlich für den Weltfrieden und der imperialistische Internationalismus eines Joschka Fischer steht Pate, wenm dieser schon lange keine linke, sondern nur noch ‘deutsche’ Aussenpolitik kannte und nicht nur, ‘nie wieder Krieg’ sondern eben auch ‘nie wieder Auschwitz’ gelernt hat. Ob Che sich so die ‘Zärtlichkeit der Völker’ vorgestellt hat?

Der Unsitte unmengen an Autoren für seine Sache in Beschlag zu nehmen setzt Herr Klingersberger die Krone auf mit seinem Versuch, ausgerechnet Fichte zum Zeuge für seine Idee eines Patriotismus zu machen, der die Welt umarmt. Fichte hat seine Vorlesungen gerne im Militärkostüm und Säbel gehalten, welche so schöne Titel trugen wie ‘Über den Begriff des wahrhaftigen Krieges’. Frankreich war für ihn nicht nur der Erbfeind der Deutschen, sondern ‘aller Menschen’ [!], und obwohl selbst nicht für den Kriegsdienst tauglich, so ersuchte er doch darum, die deutschen Kämpfer als Wanderprediger unterstützen zu dürfen. Ein wunderbares Beispiel für die stille Zuneigung der Völker in patriotischem Gefühle!

An dieser Stelle mag noch gesagt sein, das Patriotismus tatsächlich schlecht kritisiert ist, wenn der Krieg angeführt wird. Es ist nicht die Feindeshaltung nach aussen, sondern das ‘Wir-Gefühl’ nach innen, welches bereits Ziel der Kritik sein muss. Gerade dieses allerdings ist für Klingersberger der Anknüpfungspunkt: “Was der Nation am meisten nützt, ist sehr wohl ein legitimes Kriterium für richtige Politik.” Zwar könnte jetzt behauptet werden, dass die Nation ja gerade von der Ausbeutung der Arbeiter und so manchem Kriege profitiert, “jedoch wird der überwältigende Grossteil dieses Extraprofits wieder nur von der eigenen Ausbeuterklasse eingestreift.” Ein schönes Knechtsbewusstsein legt der gute damit hin, echauviert er sich nämlich darüber, dass doch glatt der falsche von seiner Arbeit profitiert: Nicht fürs Vaterland, sondern für den Kapitalisten schuftet er sich kaputt!

Einem solchen Linken ist der eigenen Materialismus und jener der Arbeiter dann auch zuwieder: “Jener Teil der Beute, welcher der Arbeiterklasse zugeteilt wird, ist vergiftet und wirkt als Droge, die vom notwendigen Klassenkampf ablenkt und den proletarischen Internationalismus zurückdrängt”. Hungern sollen die Hunde und sich aufopfern für Höheres, für “Fortschritt” und “Vaterland”! Und so leuchtet dann auch ein: “Die Aufgabe der SozialistInnen besteht folglich darin, theoretisch herzuleiten, überzeugend und mobilisierend darzulegen und schliesslich auch praktisch zu beweisen, warum gerade der Sozialismus der Nation am meisten nützt.”

Und so ist der Übergang gemacht: Sozialismus ist eben nicht das Beste für deine Interessen, sondern für die deiner Nation. Opfer dich auf: Für den Sozialismus und dein Vaterland. Bei Fidel hiess das: patria o muerte!

Berthold Beimler

Alle Zitate aus http://www.rotes-salzburg.at/?p=513

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