„(1) when that person's mother was unlawfully present in the United States and the father was not a United States citizen or lawful permanent resident at the time of said person's birth, or (2) when that person's mother's presence in the United States at the time of said person's birth was lawful but temporary (such as, but not limited to, visiting the United States under the auspices of the Visa Waiver Program or visiting on a student, work, or tourist visa) and the father was not a United States citizen or lawful permanent resident at the time of said person's birth.“
Dies sorgte sogleich für juristischen Streit, denn Absatz 1 Satz 1 des XIV. Zusatzes zur US-Verfassung bestimmt:
„All persons born or naturalized in the United States, and subject to the jurisdiction thereof, are citizens of the United States and of the State wherein they reside.“
(https://www.govinfo.gov/content/pkg/CDOC-110hdoc50/pdf/CDOC-110hdoc50.pdf, S. 16 [gedruckte Seitenzählung] bzw. 22 [digitale Seitenzählung]) Da die Trump-Verordnung ausdrücklich Personen betrifft, die in den USA geboren wurden, hängt also (fast) alles an der zweiten Voraussetzung „subject to the jurisdiction thereof“.
Unions-Staatsangehörigkeit und Bundesstaats-Zugehörigkeit
Ausserdem spielte auch noch das Ende des Satzes eine Rolle: „of the State wherein they reside“. Darauf liess sich aber von vornherein kein Argument gründen, denn das Ende des Satzes regelt nur die Zugehörigkeit zu den Bundesstaaten („are citizens […] of the State“):
„while the Clause does ensure state citizenship attaches for U. S. citizens in ‚the State wherein they reside,' Amdt. 14, §1, the explicit invocation of residence for state citizenship only highlights its absence from the criteria for U. S. citizenship.“
(https://www.supremecourt.gov/opinions/25pdf/25-365_4hdj.pdf, S. 27 der Datei = S. 22 des Mehrheitsvotums)
Die Trump-Verordnung betrifft aber nicht die Zugehörigkeit zu den Bundesstaaten, sondern die Zugehörigkeit zu den USA (Unions[3]-Staatsangehörigkeit).
Auf den Wohnsitz kommt es also nur für die Verteilung der Gesamtmenge der US-Staatsangehörigen auf die Bundesstaaten an – aber nicht für die Unions-Staatsangehörigkeit selbst (Implikation: es gibt US-Staatsangehörige, die aber keinem Bundesstaat der USA angehören[4]):
„Of course, domicile was [zur Zeit der Verabschiedung des XIV. Verfassungszusatzes] relevant to naturalization and expatriation. But that by no means suggests it was a prerequisite to national citizenship at birth. The principal dissent's [gemeint ist das abweichende Votum der Richter Thomas und Gorsuch] reliance on cases concerning changes to a person's state citizenship is thus misplaced.“
(https://www.supremecourt.gov/opinions/25pdf/25-365_4hdj.pdf, S. 24 der Datei = S. 19 des Mehrheitsvotums; Hv. hinzugefügt)
Es sind also zu unterscheiden zwischen:
- Einbürgerung und Ausbürgerung (irgendwann nach der Geburt) – darum geht es hier nicht –,
- „nationale / Unions-Staatsangehörigkeit qua Geburt“ – darum geht es hier – und
- „state citizenship“ – Zugehörigkeit zu den Bundesstaaten; darum geht es hier auch nicht.
Wie ist also die wirklich entscheidende Frage zu beantworten: Was bedeutet „subject to the jurisdiction thereof [of the United States]“? Über diese Frage hat am Dienstag der US-Supreme Court entschieden.[5] Er hat – in Überstimmung mit dem erstinstanzlichen Gericht[6], bei dem „Barbara“ ihre Klage eingereicht hatte – mehrheitlich die Auslegung bestätigt, die in etwa auch der von der US-Botschaft in der BRD – jedenfalls bis zum vergangenen Jahr[7] – verbreiteten deutsch-sprachigen Übersetzung der US-Verfassung zugrunde liegt: „Alle Personen, die in den Vereinigten Staaten geboren oder eingebürgert sind und ihrer Gesetzeshoheit unterstehen, sind Bürger der Vereinigten Staaten und des Einzelstaates, in dem sie ihren Wohnsitz haben.“
(https://web.archive.org/web/20250508085617/https://usa.usembassy.de/etexts/gov/gov-constitutiond.pdf, S. 10)
Ebenfalls vertretbar – auf den ersten Blick vielleicht sogar naheliegender – wäre eine Übersetzung von „jurisdiction“ mit „Gerichtsbarkeit“ (statt mit „Gesetzeshoheit“).
Die US-Regierung hatte demgegenüber die Auffassung vertreten, „subject to the jurisdiction [of the United States]“ sei
- gleichbedeutend mit der Formulierung „not subject to any foreign power“und
- diese Formulierung schliesse wiederum jedenfalls Kinder ohne zumindest einen Elternteil mit amerikanischer Staatsangehörigkeit oder zumindest mit dauerhaftem legalem Aufenthaltsstatus von der – in der Verfassung geregelten – Staatsangehörigkeit qua Geburt aus (darüber hinausgehende – nach-geburtliche – Einbürgerungen sind einfach-gesetzlich geregelt).
„all persons born in the United States and not subject to any foreign power, excluding Indians not taxed, are hereby declared to be citizens of the United States.“
(§ 1, 14 Stat. at 27 [oben bei der Randbemerkung „Who are citizens of the United States,“)
Die US-Regierung argumentierte quasi: Die Formulierung „subject to the jurisdiction“ im XIV. Verfassungszusatz sei die Kurzfassung für die gerade zitierte Formulierung im Civil Rights Act und der XIV. Verfassungszusatz müsse daher in diesem Sinne interpretiert werden:
„The same Congress that proposed the Fourteenth Amendment enacted the Civil Rights Act just a few months before, and the Clause was designed to adopt the same meaning as the Act. […]. The Civil Rights Act provided that ‚all persons born in the United States and not subject to any foreign power, excluding Indians not taxed, are hereby declared to be citizens of the United States.' § 1, 14 Stat. 27 (emphasis added). The Act, like the Clause, contemplated two criteria for birthright citizenship, both birth and political allegiance: (1) birth on U.S. soil (‚born in the United States'), and (2) having primary allegiance to the United States (‚not subject to any foreign power').“
(Petition [der US-Regierung an den Supreme Court] for a writ of certiorari before judgment; https://www.supremecourt.gov/DocketPDF/25/25-365/378052/20250926163053178_TrumpvBarbaraCertPet.pdf, S. 26 der Datei bzw. S. 16 der gedruckten Seitenzählung) Das Argument lässt sich allerdings mindestens genauso gut umdrehen: Der Civil Rights Act zeige, dass der US-Kongress anscheinend wusste, wie er ein Gesetz formulieren muss, wenn er Kinder von Staatsangehörigen anderer Staaten („subject to any foreign power“) von der US-Staatsangehörigkeit qua Geburt ausschliessen will. Wenn der Kongress – trotz dieses mutmasslichen Wissens – im XIV. Verfassungszusatz anders formulierte als im Civil Rights Act, dann wird er wohl auch etwas anderes gemeint haben, als er (vielleicht) in dem Civil Rights Act meinte (vielleicht hat er in dem Act aber auch nur enger formuliert als er wollte…).
Das Abstimmungsverhalten der RichterInnen
Wie dem auch sei – in ihrer Entscheidung von Dienstag nehmen fünf der neun US-Supreme Court-RichterInnen den Kongress mit dem, was tatsächlich im XIV. Verfassung steht („subject to the jurisdiction“ der Vereinigten Staaten; nicht: „not subject to any foreign power“) beim Wort. Warum schreiben manche deutsche Medien und auch ich in meiner Überschrift trotzdem, die Entscheidung sei mit 6:3-Stimmen ergangen[8]? – Weil der sechste Richter zwar auch gegen die Trump-Regierung stimmte – aber nur aus einfach- (nicht: verfassungsrechtlichen) Gründen. –
Was wissen wir über das Abstimmungsverhalten der einzelnen RichterInnen?
- Der 2005 von Georg W. Bush nominierte Vorsitzende Roberts schrieb das Mehrheitsvotum.
- Diesem schlossen sich die von Trump nominierte Richterin Barrett und die drei von demokratischen Präsidenten nominierte Richterinnen an.
- Der sechste Richter der numerischen, aber nicht argumentativen Mehrheit ist der trump-nomierte Richter Kavanaugh (die ‚argumentative Mehrheit' besteht – wie gesagt – nur aus den fünf erstgenannten RichterInnen).
- Die Minderheit besteht aus Richter Thomas (1991 von George H. W. Bush nominiert), Richter Gorsuch (Trump-nominiert) und Richter Alito (2005 von Georg W. Bush nominiert und 2006 vom Senat bestätigt).
Und was ist nun die Begründung der Mehrheit? Die Begründung lautet sinngemäss, dass „subject to the jurisdiction thereof [of the United States]“ in etwa das bedeutet, was auch in der deutschen Übersetzung steht (auf die deutsche Übersetzung haben sich die RichterInnen selbstverständlich nicht bezogen): der Gesetzgebung bzw. Gerichtsbarkeit unterworfen – und das seien automatisch alle, die den USA geboren werden – mit Ausnahme von Personen mit Immunität oder Quasi-Immunität (DiplomatInnen-Kinder; native Americans aufgrund ihres besonderen Status [die aber mittlerweile die Staatsangehörigkeit auf einfach-gesetzlicher Grundlage erhalten], …)[9]. Beweis?
„In 1868 [als der XIV. Verfassungszusatz in Kraft trat], as today, ‚jurisdiction' (in the context of a sovereign) refers to the ‚[p]ower of governing or legislating.' N. Webster, An American Dictionary of the English Language 732 (C. Goodrich & N. Porter eds. 1865); see also, e.g., 1 B. Abbott, Dictionary of Terms and Phrases Used in American or English Jurisprudence 671 (1879) (‚The authority of government; the sway of a sovereign power'). To be ‚subject to' the jurisdiction of the United States, then, is to ‚liv[e] under' its ‚dominion,' J. Worcester, Dictionary of the English Language 1435 (1860), a meaning reinforced by the Clause's territorial focus on those born ‚in' the United States.“
(https://www.supremecourt.gov/opinions/25pdf/25-365_4hdj.pdf, S. 16 der Datei = S. 11 des Mehrheitsvotums)
Schon 1812 habe der US-Supreme Court in diesem Sinne entschieden:
„The scope of that power [power of governing or legislating] was well settled in 1868, largely by ‚the celebrated case' of Schooner Exchange v. McFaddon, 7 Cranch 116. […]. Expounding on ‚general principles,' Chief Justice Marshall explained that ‚jurisdiction' referred to ‚the full and complete power of a nation within its own territories.' 7 Cranch, at 136. […] Still within the United States' power were the ‚private individuals' of a foreign nation who had ‚spread themselves through [our territory] as business or caprice may direct.' Id., at 144. ‚[I]t would be obviously inconvenient and dangerous to society, and would subject the laws to continual infraction,' Chief Justice Marshall explained, ‚if such individuals or merchants . . . were not amenable to the jurisdiction of the country.' Ibid.“
(ebd., S. 16 und 17 der Datei = S. 11 und 12 des Mehrheitsvotums; Hyperlink hinzugefügt)
Sehen wir uns die fragliche Stelle der Entscheidung aus dem Jahr 1812 an:

Diesen zeitgenössischen und vorausgehenden Sprachgebrauch habe sich der Kongress bei Verabschiedung des XIV. Verfassungszusatzes auch zu eigen gemacht:
„The congressional debates over the Civil Rights Act of 1866 and the Fourteenth Amendment confirm our view. The principal dissent (and the Government) lean heavily on a handful of ambiguous floor statements referencing ‚temporary sojourners' and ‚foreigners.' See, e.g., Cong. Globe, 39th Cong., 1st Sess., at 1117 (Rep. Wilson) (‚it may be that children born on our soil to temporary sojourners' do not fall within the Act's scope (emphasis added)); id., at 2890 (Sen. Howard) (the Citizenship Clause ‚w[ould] not, of course, include persons born in the United States who are foreigners, aliens, who belong to the families of embassadors or foreign ministers'). Far more frequent and explicit, however, were statements embracing the common law. See, e.g., id., at 498 (Sen. Trumbull); id., at 570 (Sen. Morrill); id., at 1124 (Rep. Cook); id., at 1832 (Rep. Lawrence); id., at 2768 (Sen. Wade); id., at 2891 (Sen. Conness); id., at 3032 (Sen. Henderson).“
(ebd., S. 25 der Datei = S. 20 des Mehrheitsvotums; Hv. i.O.)
Die Verfahrens-Dokumente
Das Barbara-Verfahren:
- Die Dokumente des Supreme Court-Verfahrens:
https://www.supremecourt.gov/search.aspx?filename=/docket/docketfiles/html/public/25-365.html- Die gestrige Entscheidung (in der korrigierten Fassung von heute [s. Fussnote 5]:
https://www.supremecourt.gov/opinions/25pdf/25-365_diff_ed9g.pdf - Der Antrag der Trump-Regierung:
https://www.supremecourt.gov/DocketPDF/25/25-365/378052/20250926163053178_TrumpvBarbaraCertPet.pdf (43 Seiten + 42-seitige Anlage) - Erwiderung der erstinstanzlichen KlägerInnen:
https://www.supremecourt.gov/DocketPDF/25/25-365/380948/20251029124241000_25-365%20Brief%20in%20Opposition.pdf (49 Seiten). - Rück-Replik der Regierung:
https://www.supremecourt.gov/DocketPDF/25/25-365/383785/20251106155818044_25-365%20Trump%20v.%20Barbara.pdf (14 Seiten).
- Die gestrige Entscheidung (in der korrigierten Fassung von heute [s. Fussnote 5]:
- Die Dokumente des erstinstanzlichen / District Court-Verfahrens (New Hampshire):
https://www.courtlistener.com/docket/70651853/barbara-v-trump/?filed_after=&filed_before=&entry_gte=&entry_lte=&order_by=asc- Die von der Trump-Regierung angegriffene Entscheidung vom 10.07.2025:
https://storage.courtlistener.com/recap/gov.uscourts.nhd.65710/gov.uscourts.nhd.65710.65.0_4.pdf (38 Seiten).
- Die von der Trump-Regierung angegriffene Entscheidung vom 10.07.2025:
- Die Dokumente des Appeals Court-Verfahrens (First Circuit), das aber – wegen des ‚vorgezogenen' Supreme Court-Verfahren, schnell auf Eis lag[10]:
https://www.courtlistener.com/docket/71319932/barbara-v-trump/.
- Die Dokumente des Supreme Court-Verfahrens:
https://www.supremecourt.gov/search.aspx?filename=/docket/docketfiles/html/public/25-364.html („Jun 30 2026[:] Petition DENIED.“)- Der Antrag der Trump-Regierung:
https://www.supremecourt.gov/DocketPDF/25/25-364/378054/20250926163913772_Trump%20v.%20Washington%20with%20appendix.pdf (156 Seiten; die Datei ist von S. 14 bis 44 der digitalen Zählungen mit dem Antrag in dem Barbara-Verfahren identisch; die ersten Seiten [darunter elf mit römischen Zahlen pagnierte Seiten und ein unpaginiertes Vorblatt] und die Anhänge sind unterschiedlich). - Replik der erstinstanzlichen Kläger (Bundesstaat Washington u.a.):
https://www.supremecourt.gov/DocketPDF/25/25-364/380949/20251029124329386_25-364%20CCJ%20Brief%20ISO%20Cert%20FINAL.pdf (33 Seiten) - Rück-Replik der Regierung:
https://www.supremecourt.gov/DocketPDF/25/25-364/383777/20251106153503083_25-364%20Washington%20Cert%20Reply.pdf (14 Seiten).
- Der Antrag der Trump-Regierung:
- Die Dokumente des Appeals Court-Verfahren (Ninth Circuit):
https://www.courtlistener.com/docket/69621321/state-of-washington-et-al-v-trump-et-al/- Die von der Trump-Regierung angegriffene Entscheidung vom 23.07.2025:
https://storage.courtlistener.com/recap/gov.uscourts.ca9.3b7bc70c-6fcb-460e-9232-c6bc8ad16303/gov.uscourts.ca9.3b7bc70c-6fcb-460e-9232-c6bc8ad16303.167.0.pdf (76 Seiten).
- Die von der Trump-Regierung angegriffene Entscheidung vom 23.07.2025:
- Die Dokumente des erstinstanzlichen / District Court-Verfahrens (Western District Washington):
https://www.courtlistener.com/docket/69561931/state-of-washington-v-trump/.


