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Kolumbien: «Ich bin ein Vandale und Teil der Primera Linea» | Untergrund-Blättle

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Über die Proteste in Bogotá Kolumbien: «Ich bin ein Vandale und Teil der Primera Linea»

Politik

Während viele Menschen hierzulande denken, man müsse alle Theorien kennen, viele Bücher lesen und jahrelange Debatten führen, wissen viele der Kämpfer an der Frontlinie, woher sie kommen.

Proteste in Bogotá, Mai 2021.
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Bild: Proteste in Bogotá, Mai 2021. / Jorge2mg (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

1. Juli 2021
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Sie sind es, die das Feuer der Revolte in Kolumbien am Brennen halten. Wir haben einen Beitrag von Víctor de Currea-Lugo übersetzt, Reflektionen eines Gesprächs mit einem jungen Mann der Primera Línea[1] in Kolumbien:

Mein Name ist Martin, aber das spielt keine Rolle. Am Ende dieser Artikel wird man sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass ich Martin heisse. Mein Alter spielt auch keine Rolle, ich bin zu alt, um weiterhin zu warten, und zu jung, um zu resignieren.

Es ist möglich, dass ich heute Nacht durch das mörderische Blei irgendeines Polizist sterbe, es ist möglich, dass ich morgen an Covid sterbe, während ich auf einen Termin warte, dass ich durch das Messer eines betrunkenen Nachbarn sterbe, das wird nichts daran ändern, dass mein Name Martin ist, noch an eurem Vergessen am Ende dieses Textes.

Ich habe Marx nicht gelesen, also verstehe ich die Sache mit dem Klassenkampf nicht, aber ich hasse die Reichen, nicht weil sie reich sind, sondern weil sie Arschlöcher sind. Auf der anderen Seite tun mir die Möchtegern-Reichen leid.

Vor einer Woche kam ein Student, um mit uns zu sprechen, wir verstanden ihn überhaupt nicht, aber als sich die Menge versammelte, kam er mit seinen Büchern unter dem Arm wieder. Ein dicker Gewerkschafter und ein magerer Gewerkschafter kamen. Einer hat uns zugehört und ein anderer hat uns eine Predigt gehalten, bevor er gegangen ist. Ein Politiker kam, der nur Wählerstimmen sah, während ein Geschäftsmann in seinem Auto uns als sehr billige Arbeitskräfte sah.

Ein Staatsbediensteter kam, versprach Dinge, schaute uns über die Schulter und versprach dann wieder dasselbe, was er drei Tage zuvor gesagt hatte, er erinnerte sich nicht daran, dass wir ihn schon kannten und vergass, dass man als Lügner ein Gedächtnis haben muss.

Als der Regen kam, als die Kugeln kamen, als der Hunger kam, als die Nacht kam, als die Strasse sich lichtete und wir allein zurückblieben, wir und unsere Qualen, sahen wir unseren Schatten in einem riesigen Spiegel.

Wir sind allein, sagte sie, senkte ihre Kapuze ein wenig und lächelte, wir sind allein, rief der kleinste der anderen in der Gruppe neben uns. Und es war eine Erleichterung, es gab keinen Wind oder Lügen im Wind, keine Versprechungen oder Unwahrheiten im Regen.

Dann sahen wir uns an, wir erinnerten uns an die Nachrichten voller Scheisse, die Analysten voller Arroganz, die Politiker voller Opulenz. In der Ferne, von ihrem Fenster aus, waren die Dame mit dem Brot und der alte Mann mit dem Rotwein bei uns, als würden sie uns beschützen.

Morgen, vielleicht übermorgen, ist es vorbei, vielleicht stirbt noch ein Martin auf der Strasse. Täusch dich nicht, wir machen das nicht für Geld oder Ruhm, wir haben bereits einen Ruf als Banditen und Primera Línea. Wir tun es, weil wir entdeckt haben, dass Protest auch ein Grund zum Leben ist.

Wir möchten alles zerstören, was die Polizei repräsentiert und verkörpert. Aber das werden sie nicht verstehen, das können sie nicht, das konnten sie noch nie. Sie werden nicht verstehen, dass das Leben ein Spasmus ist, den man annehmen muss, und nicht eine Delikatesse, die man aufbewahrt, bis sie verfault. Das ist der Grund, warum wir weder euch noch den Präsidenten nachahmen.

Wir gehen nicht auf die Strasse, um zu protestieren, um eine konkrete Sache zu erreichen, wir tun es (zumindest ich), um für einen Moment jeneseits einer Gesellschaft zu sein, die uns nicht lässt, um für eine Weile zu sein, bevor wir sterben, besser als aufzuhören zu sein, ohne gewesen zu sein.

Aber sie wollen nicht zuhören, sie sind zu sehr in Papiere, Wahlen und Geld vertieft. Sie spielen Schach, wir umarmen, sie sind in hübschen Manieren gefangen und uns sind Ihre Manieren scheissegal.

Deshalb vergeuden sie Ihre Zeit, wenn sie uns sagen, was wir tun sollen. Ihr, die uns nie eine Hand gereicht habt, sagt uns jetzt, wie wir protestieren sollen; ihr, deren Hände schmutzig sind, sagt uns, wie wir sie waschen sollen. Der verletzte Junge neben mir, dessen Namen ich nicht kenne, ist mir mehr wert als euer ganze aufgeblasener Schwachsinn. Das ist noch so einer wie ich, der sich verirrt hat und von selbst gerettet wurde. Deshalb verstehen wir uns auch ohne zu sprechen.

Es kann sein, dass sie es schon vergessen haben, ich heisse Martin, aber auch Roberto, ich heisse Hoffnung ohne Warten, Glorie ohne Geniessen und Retter ohne Schutz zum Anfassen. Ich weiss nicht, warum die anderen kämpfen, ich bin mir nicht ganz sicher, warum sie klauen und andere töten.

Ich bin nicht in Eile, aber auch nicht dabei zu pausieren. Einer von euch, einer, der Bücher gelesen hat und eine Brille trägt, hat mir einmal gesagt, dass Dinge getan werden, um diese Existenz zu rechtfertigen. Und für mich hat diese ungewisse Gegenwart mehr Wert als alt und traurig in einem Bett zu enden.

Ich werde dir nicht zuhören, komm nicht mit Predigten, und ich werde meinen Atem nicht an dich und meine Worte verschwenden. Ich werde mit dir reden, wenn du die Geschichte vom Schlosser des Rotweins kennst, von meinem Nachbarn, der in einem Laden arbeitet. Nein, ich werde besser mit dir reden, wenn du weisst, was die Augen der alten Frau mit dem Brot am Morgen sagen.

Víctor de Currea-Lugo

[1] Primera Línea (wörtlich "Erste Reihe" oder "Frontlinie") ist der Name für ein loses Kollektiv von Demonstrant*innen, meist mit Kapuzen oder maskierte Gesichtern, die sich der physischen Konfrontation mit der Polizei widmen.

Zuerst erschienen auf Sūnzǐ Bīngfǎ

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