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Frauen und Lesben in der brasilianischen Landlosen Bewegung

Frauen und Lesben in der brasilianischen Landlosen Bewegung Kapitalismus und Patriarchat überwinden

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Politik

Ende der 1990er Jahre lernte ich die Bewegung der Landlosen (Movimento dos Sem Terra, MST) kennen. 1999 nahm ich zum ersten Mal an einer ihrer Demonstrationen im Nordosten Brasiliens teil.

8. März Zugbesetzung in Brasilien.
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8. März Zugbesetzung in Brasilien. Foto: zVg

Datum 1. September 2026
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Die Umverteilung von Land und die Veränderung des Landwirtschaftsmodells waren angesichts hungernder Menschen und sklavenähnlicher Arbeitsverhältnisse überfällig. Die Entschlossenheit, mit der die Landlosen sich aufgemacht haben, dies umzusetzen beeindruckte mich.

Seit dieser Zeit fühle ich mich der MST und insbesondere den Frauen und Lesben darin verbunden.[1]

Im Februar dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit, einige Besetzungen und die Bundesschule der Bewegung Florestan Fernandes, zu besuchen, viele BesetzerInnen und ihre Arbeit kennenzulernen und WenDo vorzustellen. Es war eine inspirierende Erfahrung. Die MST verändert sich und ist auf vielen Ebenen aktiv. Sie erkämpft und lebt Veränderungen. Davon möchte ich berichten.

Geschichte

Die Landlosen Bewegung gründete sich 1984, am Ende der Militärdiktatur (1964 - 1985). Die extrem ungleiche Landverteilung, etwa 10 Prozent der Bevölkerung besitzen rund 80 Prozent des Landes, ist das Erbe der Kolonisierung. Nach der Unabhängigkeit (1822) und der Abschaffung der Sklaverei (1888), hat es weder eine Landreform noch Entschädigung für die verschleppten AfrikanerInnen und ihre Nachfahren gegeben.
Indigene müssen bis heute für die Anerkennung und den Erhalt ihrer Gebiete kämpfen. Die koloniale Ordnung und Ideologie werden von Grossgrundbesitzern, Chemiekonzernen (auch aus Deutschland), dem Agrobusiness und der Militärpolizei brutal verteidigt.

Selbstverständnis

Die MST ist heute die grösste soziale Bewegung und der grösste Bioreiserzeuger Brasiliens und Südamerikas. Sie kämpft für eine Landreform, eine soziale und ökologische Landwirtschaft und die Veränderung der Gesellschaft hin zum Sozialismus. Dabei wendet sie kollektive Aktions- und Organisationsformen an. Land besetzen, gesunde Lebensmittel produzieren, Frauen, Männer, Alte, Junge und Kinder organisieren sich und nehmen die Landreform und ihre Geschichte in die eigenen Hände. Sie verändern ihr Leben, die herrschende Kultur und die Gesellschaft.

Besetzen

Die Besetzung eines Stücks unproduktiven Landes beginnt mit einem Zeltlager, Acampamento. Mit vielfältigen Aktionen wird die Regierung unter Druck gesetzt. Denn die brasilianische Verfassung schreibt vor: Land muss sozial verantwortlich genutzt werden. Die staatliche Behörde für die Landreform (Incra) kann die Besetzung legalisieren. Das kann Jahre dauern. In dieser Zeit kommt es häufig zu Gewalt von Grossgrundbesitzern und der Militärpolizei.

Zu Beginn einer Besetzung werden verschiedenen Aktionsfelder verteilt.

Schutz vor Angriffen

Sie arbeiten auf zwei Ebenen, selbstorganisiert und auch naturheilkundlich, gleichzeitig wird der Staat in die Pflicht genommen Gesundheitszentren zu stellen. Bildung: es werden bewegungseigene Schulen und Kindergärten aufgebaut, Alphabetisierungskurse, Aus- und Weiterbildung für Erwachsene organisiert.

Frauenräume werden geschaffen

Das Land soll die BesetzerInnen ernähren. Es wird ohne Ackergifte und Gentechnik produziert, Agroforste werden gepflanzt, aufgeforstet, Eier und Fleisch produziert, ökologische Abwasseraufbereitung ausprobiert, u.v.m. Bei allen Aktivitäten wird auf Kollektivität gesetzt. Ist die Landbesetzung legalisiert, (Asentamento) kommt es auch zu Privatisierung. Jede Frau und jeder Mann kann einen Landtitel erhalten. Auf jeder Besetzung gibt es Gemeinschaftsgärten. Die Produktionsmittel werden gemeinsam verwaltet, Genossenschaften gegründet und Lebensmittel vermarktet und gespendet.

Organisieren

Die MST ist basisdemokratisch organisiert. Die Besetzer:innen organisieren sich in Zellen und senden Vertreter:innen, jeweils eine Frau und einen Mann, auf die Vollversammlungen. Von dort werden Vertreter:innen auf regionale, überregionale und landesweite Treffen entsandt. Alle Entscheidungsgremien werden paritätisch mit Frauen und Männern, VertreterInnen aus den verschiedenen Sektoren z.B. Produktion, Ausbildung, Geschlecht, Kultur, Finanzen besetzt.

Wichtig ist der MST die Schulung der Besetzer:innen in Ökolandwirtschaft, Ökologie, Ökonomie, Feminismus, Tierschutz und Selbstverteidigung. Die MST ist in 24 von 26 Bundesstaaten aktiv, mit ca. 1,4 Millionen Aktiven. Sie hat dort Schulungszentren und eine Universität aufgebaut, die u.a. von Professor:innen und Künstler:innen aus Brasilien und international unterstützt werden.

Diese stehen auch Menschen aus anderen Bewegungen offen. Darüber hinaus hat die MST Studienplätze für Menschen aus den Bewegungen erkämpft. Es kommen aber auch junge Menschen von den Universitäten in die Bewegung. Ich habe einige Frauen und Männer mit Uniabschlüssen getroffen, die aus Überzeugung für die Bewegung arbeiten, auch wenn sie weniger verdienen als in der Privatwirtschaft. Die MST stellt sich gegen das Agrobusiness und dessen Vergiftung des Landes. Sie bekämpft den Rohstoffextraktivismus, die Exportorientierung der brasilianischen Wirtschaft und mobilisiert gegen das Mercosur-Abkommen.

Internationale Solidarität

Unter anderem werden Volxküchen in Favelas mit Produkten der Besetzungen beliefert. Die MST setzte durch, dass das kostenlose Schulessen zu 40 % aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft kommen muss. Bedürftige Familien erhalten Lebensmittelpakete der Bewegung. Nach den verheerenden Überschwemmungen im Norden von Minas Gerais im Februar dieses Jahres lieferte die MST als erste Lebensmittel und andere Hilfsgüter für die betroffene Bevölkerung.

Ich habe Frauen getroffen, die in einer Küche der „Solidarischen Hände“ kochen oder in einer Verteilstelle Lebensmittelpakete packen. Sie waren stolz, die Menschen mit gesunden Produkten aus ökologischem Anbau zu versorgen.

Die Bewegung unterhält Kontakte auf vielen Kontinenten. Es gibt einen regen Austausch z.B. mit Kuba und Venezuela. Das kubanische Alphabetisierungsprogramm wurde in Brasilien eingeführt. Kuba wird bei der Umstellung und Diversifizierung seiner Landwirtschaft unterstützt. Es gibt Austauschprogramme mit Ländern Europas und Südamerikas.

Die Geschlechterfrage

Frauen nehmen innerhalb der Bewegung auf allen Ebenen und in allen Bereichen eine aktive Rolle ein. Sie erkämpften die Beteiligung an der Formulierung und Umsetzung politischer Ziele.
Seit den Anfängen (1984 – 1989) beteiligten sie sich an Besetzungen und Aktionen, übernahmen vielfach Versorgung und Sorgearbeit. Aber die patriarchale Kultur reproduzierte sich innerhalb der Bewegung. Die geschlechterspezifische Arbeitsteilung wurde als naturgegeben hingenommen. Doch ab 1989 drängten Frauen auf Beteiligung in den Entscheidungsgremien. Sie organisierten sich in autonomen Frauenkollektiven, und der 8. März wurde zu ihrem Kampftag, an dem sie häufig neue Ländereien besetzen.

Darüber hinaus problematisierten sie ihre Rolle innerhalb der Bewegung und erkämpften im Jahr 2000 die Frauenkommission als eigenständigen und selbstorganisierten Sektor. Sie vertieften die Debatte
über die Unterdrückung der Frauen im Patriarchat und die Auseinandersetzung um andere Beziehungen der Geschlechter zueinander und der Menschen zur Natur. Das Patriarchat, der Rassismus und die Klassenzugehörigkeit werden als Quellen für die andauernde Gewalt gegen Frauen benannt. Sie haben den Kampf dagegen zur Sache der Bewegung gemacht.

Neue Zielsetzung

Landreform von unten, feministisch und antirassistisch Kontakte und Dialoge mit Bäuerinnen aus anderen Ländern im Zusammenschluss 'Via Campesina' wurden verstärkt.

Ab 2002 wird die Konfrontation mit dem Agrobusiness zum zentralen Aktionsziel. Die Parität (von Frauen und Männern) in allen Instanzen wird zum organisatorischen Prinzip.

Die konservative Wende und die Repression gegen soziale Bewegungen nach dem Putsch gegen die erste Präsidentin Brasiliens, Dilma Rouseff, (2016) schuf neue Herausforderungen. Gleichzeitig wuchs die Notwendigkeit Gewalt gegen Frauen innerhalb der eigenen Organisation zu bekämpfen. Die Überwindung des Machismo ist nicht nur eine individuelle Angelegenheit, sondern eine Aufgabe aller. Männergruppen bildeten sich.

Die eigenständige Organisation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen und Transvestiten führte zu dem Verständnis, dass Emanzipation ein kollektiver Prozess ist. Hass und Diskriminierung gegen Minderheiten sollen auf den Besetzungen keinen Platz haben. 2018 wurde der LSBT Sektor gegründet. Aktuell sind mehr Frauen als Männer in der Nationalen Direktion der MST. Das ist ein historischer Erfolg der Frauen. Jedoch die Praktiken und die organisatorische Kultur der Direktion zu verändern, bleibt die wirkliche Herausforderung.

„Frauen besetzen nicht nur Orte, sie verändern Bedeutungen. Indem sie in die verschiedenen Instanzen eintreten, nehmen sie ihr konkretes Leben mit, das Sichkümmern, die Produktion, die Erinnerung, die Rebellion und die Hoffnung. So zeigen sie, dass der Kampf für die Erde auch bedeutet die Beziehungen neu zu erfinden. Das Patriarchat zu zerstören bedeutet neue Formen der Politiken zu säen, kollektiver, humaner, gerechter. Wenn Frauen sich organisieren, nähren sie Zukunft. Wo Frauen sich gemeinsam erheben, verändern sie die Geschichte.“ (Zitat aus einem internen Text) Am 8. März 2026 haben 11.000 Frauen der MST in 13 Bundesstaaten an Aktionen zum 8. März teilgenommen. 7 unproduktive Ländereien wurden neu besetzt.

Im Bundesstaat Minas Gerais (MG) wurde der Zug des brasilianisch, australischen Bergbauunternehmens Samarco, der Eisenerz abtransportiert, aufgehalten und besetzt. 11 Jahre nach dem von Samarco verursachten Dammbruch bei Mariana, MG, und der grössten registrierten Vergiftung durch Rückstände des Eisenerzabbaus, bestehen sie weiterhin auf der Bestrafung der Verantwortlichen und der Fortsetzung der Verhandlungen über Entschädigungen.

Der Kampf für Gerechtigkeit, für Mutter Erde und das gute Leben für alle braucht unseren langen Atem.
Fussnoten:

[1] Ich verwende, den Sprachgebrauch der MST, bezüglich Frauen. Sternchen oder Unterstrich werden in Brasilien, meiner Erfahrung nach, nicht benutzt. Wo Frauen sich organisieren, sind viele von ihnen Lesben. Ich benenne sie, wenn sie dies als Lesben tun.

Zum Weiterlesen

https://mstbrasilien.de
https://mst.org.br/
https://viacampesina.org/en/international-peasants-voice/ www.kooperation-brasilien.org/de

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