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Die Zerstörung von Artefakten Kultur und Barbarei

Politik

Im Leitartikel der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung schliesst der Leser Bekanntschaft mit dem offenbar sehr wichtigen Ereignis, dass im fernen Mossul ungebetene Besucher eines Museums, das es da offenbar gibt, Selfies darüber gedreht haben, wie sie systematisch die Ausstellungsstücke zerstören.

Von der Taliban gesprengte Buddha-Statue in Bamyan - Afghanistan.
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Von der Taliban gesprengte Buddha-Statue in Bamyan - Afghanistan. Foto: Afghanistan Matters (CC BY 2.0 cropped)

11. März 2015
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„IS-Milizionäre haben sich nun filmen lassen, wie sie im Museum von Mossul im Irak antike Statuen vom Sockel stürzen, die Bruchstücke mit Vorschlaghämmern und Schlagbohrmaschinen zertrümmern und dabei johlen: ‚Allahu akbar’. Im Internetvideo hört man dazu Koranrezitationen und religiöse Litaneien“.

Um dieses Happening angemessen zu würdigen, ist es offenbar wichtig zu wissen, dass andere vor über einem Jahrzehnt ganz woanders schon mal was Wertvolles kaputt gemacht und dabei sogar noch schwereres Gerät benutzt haben. Man erfährt, dass „eine Horde Taliban im März 2001 mit Panzern auf die Buddhas von Bamian schoss und die Monumentalfiguren dann mit Dynamit in die Luft sprengte (…). Mullah Omar, Chef der afghanischen Steinzeit-Islamisten und so etwas wie der Vorgänger des irakisch-syrischen IS-Kalifen, hatte die Kulturschändung ausdrücklich befohlen“.

Während sich also zwei Gruppen weit weg für die Zerstörung gewisser Artefakte engagieren und dafür sogar ihre Waffen missbrauchen, hat die SZ hierzulande jemanden gefunden, der sich für so altes Zeug interessiert, es sogar kennt und traurig wird, wenn es kaputt geht, nämlich „Margarete van Ess, Leiterin der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin“, die wörtlich sagt, „sie sei ‚verzweifelt’“. Das wird schon so sein, aber muss man das wissen?

Das muss man. Denn für Kulturfragen haben sich noch ganz andere Akteure zuständig erklärt, die kurz mit „die Welt“ vorgestellt werden und bei Gewalt gegen alte Steine jedes Mal „die Geduld“ verlieren: „Nach der Zerstörung der mehr als 1400 Jahre alten Buddhas (…) mehrten sich die Stimmen für ein gewaltsames Vorgehen gegen die Taliban“, und beim einfachen stimmgewaltigen Hasspredigen gegen die Taliban hat „die Welt“ es nicht belassen; ihr Vorgehen „nach dem Buddha-Frevel hat gezeigt, dass die Weltgemeinschaft sich nicht unbegrenzt provozieren lässt: Möglicherweise hätten die Taliban sich sonst mit der Welt arrangieren können, nach 20 Jahren Krieg wollten alle Ruhe in Afghanistan“, aber so haben sie noch mal 14 Jahre drauf gekriegt.

Schon auch wegen der zerdepperten Buddhas, irgendwie; jedenfalls erwarten die objektiven Berichterstatter, auch „die Mossuler Zerstörungsorgie könnte einen Prozess befördern, an dessen Ende eine internationale Koalition härter gegen den IS vorgeht als bisher.“ Die „frömmelnden Kulturschänder“ der Welt sollten gewahr sein, dass diese „Weltgemeinschaft“ bei einer Schändung alter Steine zuverlässig kein Halten mehr kennt und einen Rachedurst entwickelt, der ohne massenhafte Menschenopfer nicht zu stillen ist.

Einem unbefangenen Menschen fiele die Entscheidung vielleicht schwer, für eine der beiden so charakterisierten Seiten Partei zu ergreifen. Den SZ-Redakteuren überhaupt nicht. Sie stellen sich die Welt genau so vor und bringen es fertig, eindeutig parteilich zu sein – wer die Guten sind hat der gebildete Leser bereits an der Wortwahl erkannt und natürlich vorher schon gewusst: die Erinnerung an die „vielen Erschiessungen, Enthauptungen und Verbrennungen“ der Gegenseite ist hilfreich, die höfliche Abstraktion von analogen Massnahmen bei der „internationalen Intervention“ ebenso. Weil jeder weiss, dass Vernunft und Subordination dasselbe ist, erkennt man den Bösen leicht an der Dummheit, die übermächtige Rachsucht des Westens nicht ins Kalkül gezogen zu haben: „Würde der Chef der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Abu Bakr al-Bagdadi, gelegentlich zu einem anderen Buch greifen als zum Koran, wäre er vielleicht vorsichtiger.

Anzuraten wäre ein Band über die jüngste Geschichte Afghanistans. Der kulturlose Haufen stellt seinen bösen Charakter dadurch unter Beweis, dass er gegen Kunstwerke vorgeht, die der Menschheit fraglos heilig ist, wodurch er sein Daseinsrecht verwirkt und die Menschheit dazu provoziert, dieses Urteil zu vollstrecken und ihn restlos zu vernichten. Die heilige „Kultur“ leistet den Artikelschreibern für ihre Einteilung der Welt in Gut und Böse genau dasselbe, wie der „programmatisch primitiven Kraft“ ihr Mohammed. In Sachen Gewaltpropaganda stehen sie der gewiss nicht nach.

Berthold Beimler

Alle Zitate aus: S.1 „Der Frevel von Mossul“ (SZ, 28.2./1.3.15)

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