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Im Kofferraum durch Kurdistan | Untergrund-Blättle

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Politik

Startschuss in Istanbul Im Kofferraum durch Kurdistan

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Sibel Yalcin, Berkin Elvan und Kinder mit explodierenden Flaschen – Was man über die Millionenmetropole am Bosporus nicht in Reiseführern findet.

Propaganda auf der Strasse.
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Bild: Propaganda auf der Strasse. / lcm

9. August 2014
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Mein Weg in die Türkei und nach Kurdistan beginnt wie viele andere Tage auch: verkatert in Wien Ottakring. Er führt gekoppelt mit dem offenbaren Unvermögen der ÖBB grenzüberschreitende Zugreisen halbwegs vernünftig zu ermöglichen über die Stationen Wien-Graz-Spielfeld-Strass-Zidani Most-Ljubljana nach Istanbul.

Meine Begleitung aus Österreich sind zwei Genossinnen und ein Genosse aus Graz. In Istanbul und in Dersim werden weitere GenossInnen zu uns stossen, mit uns linke Viertel in erkunden, mit einem Affenzahn über enge Gebirgsstrassen brausen und mit Raki auf den Lippen mehrsprachig ArbeiterInnenlieder anstimmen.

Wenn du das erste Mal in deinem Leben in Istanbul ankommst, keinen Bock auf klassischen Touri-Schmafu hast, von zwei Genossen vom Flughafen abgeholt und in die Wohnung von einem der beiden gefahren wirst, bist du vor allem eines: Baff. Schon allein der Strassenverkehr, wo Verkehrsregeln mehr als Anregung oder gut gemeinter Rat ausgelegt werden, überfordert. Davon abgesehen ist es Mitten im Sommer einfach heiss. Eine schwüle Hitze sorgt dafür, dass dein Shirt beim blossen Herumstehen völlig durchnässt.

Wir sind die ersten Tage in Istanbul bei Ö. untergebracht. Ö. war lange Jahre als Guerilla in den Bergen Kurdistans, wurde angeschossen und verbrachte noch längere Jahre unter Folter, Hungerstreik und Todesfasten in türkischen Gefängnissen. Als er im Rahmen einer kurzzeitigen Amnestie nach Österreich gelangen konnte, lernte er Deutsch und spricht es nachwievor gut. Sein um zehn Jahre älter als sein Geburtsdatum wirkendes Gesicht kommt mir bekannt vor. Vielleicht haben wir uns auf einer Demo in Wien getroffen, so genau können wir es nicht rekonstruieren. Nach zehn Jahren Aufenthalt in Österreich und einer weiteren Amnestie konnte er schliesslich wieder in die Türkei zurückkehren, seine Tage im bewaffneten Kampf hat er hinter sich gelassen. Nicht zurückgelassen hat er die Erfahrungen von Kampf, Folter und Haft.

Unsere Tage in Istanbul nutzen wir neben Biertrinken am Meer und ausführlichem Verwundern über die vielen Leute, die sich wegen Ramadan bei einer Affenhitze unter Tags keinen Schluck Wasser gönnen, auch für einen kleinen Abstecher in den Gezipark. Von den massiven Protesten im Vorjahr, von den Barrikaden, vom Tränengas und von den vom türkischen Stadt Ermordeten fehlt jede Spur. Eine Genossin zeigt uns, wo die Barrikaden standen, wo die Krankenstation war, wo gekocht wurde und wo die Bibliothek ihren Platz einnahm. Ihr geht es wie vielen Menschen, die sich an den Protesten und insbesondere am Leben im Park jenseits vom kapitalistischen Alltagswahnsinn beteiligten. Ihre Augen leuchten durch die dunkle Sonnenbrille hindurch, als sie davon spricht, wie die Einkäufe und die Verpflegung in diesem Experiment des selbstbestimmten Lebens unter der ständigen Bedrohung durch die Polizei funktioniert haben. Ein Jahr später sitzen Familien in der Wiese und spazieren TouristInnen über den Taksimplatz, der sich gleich neben dem Park befindet.

dersimdiares3Wir besuchen auch das linke Stadtviertel Okmeydanı. Ortskundiger, Übersetzer, ständiger Begleiter und immer engerer Freund ist unser Genosse S., der in Graz wohnt und über den wir den Weg in die Türkei gefunden haben. Okmeydanı ist ein von revolutionären Kräften dominiertes Viertel. An jeder zweiten Wand finden sich Sprays verschiedener politischer Gruppen und Vereine. Antifaschistische Wandmalereien wechseln sich mit Bekundungen der Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf ab. Hammer und Sichel, rote Sterne, Aufforderungen zum Widerstand gegen das Bestehende, Stencils von Berkin Elvan und İbrahim Kaypakkaya prägen das Stadtbild in dem 120.000 EinwohnerInnen zählenden Teil Istanbuls.

Unsere erste Station führt uns in ein Vereinslokal der DHF (Föderation für Demokratische Rechte). Dort werden wir – wie noch viele weitere Male – zum nicht-ausschlagbaren Cay eingeladen. Wir werden durch das Lokal geführt: neben einem Sozialraum, in dem einige Tische besetzt sind, wird uns das Büro, das hauseigene Kino, das gleichzeitig für Diskussionsveranstaltungen verwendet wird, ein Kursraum und ein Proberaum gezeigt, in dem unter anderem Grup Munzur musizieren. Ein Genosse der DHF berichtet uns von ihrer Arbeit im Viertel, von den zahlreichen kulturellen Aktivitäten des Vereins, deren Vielzahl und Fülle den Stellenwert von kulturellen Fragen in der türkisch-kurdischen Linken uns hier erstmals im Verlauf unserer Reise vor Augen führt. An einer Wand hängen Gedichte, Zeichnungen und Briefe von Inhaftierten. Nach der nächsten Tasse Tee, weiteren Anekdoten und ein paar Zigaretten im Stiegenhaus brechen wir zur weiteren Erkundung des Viertels auf.

Wir kommen zu dem Ort an dem Berkin Elvan vergangenen Sommer als er Brot für seine Familie kaufen wollte von der türkischen Polizei ins Koma geschossen wurde. Das “Kind der Hoffnung” wurde zum Symbol der Geziproteste. Berkin verstarb abgemagert auf 16 Kilo im Alter von 15 Jahren am 11. März dieses Jahres. Landesweite Proteste von Millionen und zahlreichen Zusammenstössen waren die Folge. Erdogan bezeichnete ihn nach seinem Tod als Terrorist. An der Stelle, an der türkische Staat zuschlug, hängt ein grosses Transparent mit dem Gesicht von Berkin Elvan. An der Wand steht geschrieben: Berkin Elvan ölümsüzdür. Berkin Elvan ist unsterblich. Bei über 35 Grad im Schatten fröstelt es mich.

Weiter über die steilen Gassen und gepflasterten Gehwegen von Okmeydanı führt uns unser Weg in einen Park, wo die GenossInnen, die uns begleiten, von Teetrinkenden vor einem kleinen Kaffeehaus begrüsst werden. Sofort wird Platz gemacht, werden mehr Sessel und Tische herbeigeschafft. Wir schütteln Hände, sagen merhaba und setzen uns. Bei unseren neuen Bekanntschaften handelt es sich um AnhängerInnen der Volksfront (Halk Cephesi). Im Schatten der Bäume und der nächsten Runde Cay erzählen sie uns von diesem grünen Fleck inmitten von Wohnhäusern, an deren Wänden zur Revolution aufgerufen wird. Und so zünden wir uns unsere ersten Zigaretten im Sibel-Yalçın-Park an ohne zu wissen, warum er diesen Namen trägt. Unsere Tee spendierenden, neuen GenossInnen erzählen uns die Geschichte der gefallenen Revolutionärin. Erzählen uns wie sie von der Polizei nach einer Auseinandersetzung ins Viertel verfolgt wurde, deuten ans andere Ende des Parks, wo sie sich verschanzt hatte und berichten von der Schändung ihrer Leiche mit zig Einschüssen, die ihrem Körper nach dem Tod von der türkischen Polizei zugefügt wurden. Das politische Leben im Viertel spielt sich über Veranstaltungen oder Versammlungen oft in dem Park ab, den die revolutionären Kräfte nach Sibel benannt haben. Mittlerweile sagen alle in dem Viertel so dazu.

In Okmeydanı haben weder Polizei noch AKP etwas zu suchen. Es wird uns berichtet, dass wenn ein Polizeiauto ins Viertel fährt, eine entsprechende Reaktion darauf erfolgt. Die blosse Anwesenheit gilt als Provokation und wird dementsprechend beantwortet. Und wenn die Provokation mal eine Woche ausbleibt, dann würde eben die nächste Polizeiwache angegriffen werden. Auf unsere Nachfrage, wie wir uns die Reaktion auf Polizeianwesenheit vorstellen können, kommt die Antwort, dass sich das schon mal bis zu scharfen Schüssen hochschaukelt, aber die Menschen zuerst alles, was sie gerade finden können, auf die Polizei werden. Scharf geschossen würde erst später werden, zuerst gibt’s “Kleinigkeiten” wie Mollis.

Die Auseinandersetzungen, die hier geführt werden, mögen für Menschen, die ihre politische Tätigkeit woanders entwickeln, fremd wirken. Hier gehören sie genauso zum Alltag wie der laute Knall, der die Erzählung im Park plötzlich unterbricht und uns zusammen zucken lässt. Die GenossInnen aus Okmeydanı lachen laut und herzlich über unsere Reaktion. Der Knall wird uns dadurch erklärt, dass die Kinder im Park üben. Üben heisst hier im Viertel kleine Bomben aus leeren Plastikflaschen und allerlei anderem Zeug zu basteln, um eine türkische Lira sind sie käuflich zu erwerben. Beim zweiten Knall reisst es uns weniger, beim dritten kaum mehr. Ein alter Genosse mit dickem Schnauzer zieht tief an seiner Zigarette und meint lachend, dass wir nach einem Tag das Knallen nicht mehr wahrnehmen würden und am nächsten schon mitkämpfen könnten. Wir scherzen noch viel, bedanken uns für Tee und spannende Geschichten. Danach schauen wir noch ein wenig den Kindern zu, wie sie die Flaschen in die Luft jagen und verlassen das Viertel wieder.

Als gelernter Österreicher saugt man nicht nur bedenkliches Trinkverhalten und antipreussischen Reflex mit der Muttermilch auf, sondern auch eine gewisse Portion Granteln. Der Schädel brummt noch ein wenig von der feuchtfröhlichen und tanzfreudigen Erkundung des Istanbuler Nachtlebens vom Vortag, als wir in Kurdistan landen. Und während ich mich im ersten Teil über die Hitze in Istanbul mokiert habe, verschlägt es mir beim Ausstieg aus der Onurair-Maschine am Flughafen in Elazığ ob der Schönheit der kurdischen Berge nicht nur die Sprache, sondern wegen der trockenen, beissenden Hitze gleich noch den Atem dazu.

Während sich in der Millionenmetropole Istanbul konservative Viertel, wo wir wegen kurzen Hosen und vor allem die mitreisenden Genossinnen wegen Kleidern und Kopftuchmangel schief beäugt werden, mit endlosen Schlangen von TouristInnen, die vor diversen Sehenswürdigkeiten schlecht gelaunt in der Sonne vor sich hin brutzeln, mit linken Stadtteilen, wo militante Herangehensweisen an die Fragen des täglichen Lebens zum guten Ton gehören, abwechseln, sind in Dersim die Verhältnisse klar. Zumindest was die Präsidentschaftswahlen angeht, die bei unserer Ankunft Anfang August noch nicht geschlagen sind: Keine haushohen Erdogan-Werbungen, die von “nationaler Grösse” und “nationalem Stolz” sprechen; Keine Banner des gemeinsamen Kandidaten von kemalistisch-sozialdemokratischer CHP und faschistischer MHP, deren bewaffneter Arm in Form der Grauen Wölfe ja zuhause mitunter gemeinsam mit der österreichischen Sozialdemokratie den Ersten Mai begeht. Stattdessen sehen wir ausschliesslich Wahlwerbung der HDP (Demokratische Partei der Völker), einem Zusammenschluss aus kurdischer Befreiungsbewegung und Teilen der türkischen Linken. Präsidentschaftskandidat Demirtas propagiert eine mehr oder minder sozialistische Perspektive und ist bei der Wahl der fortschrittlichste Kandidat, der teilweise auch von revolutionären Kräften unterstützt wird.

Bild: Wandmalerei in der Türkei. / lcm

Am Flughafen werden wir von einem Genossen aus Dersim empfangen und steigen erstmals in unseren Hyundai Starex, in dem wir noch viele Kilometer durch Kurdistan fahren werden. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Elazığ (völlig überraschend gibt’s Cay, Ayran und Gegrilltes) starten wir unseren ersten Roadtrip durch die Berge. Unser Ziel für diese Nacht: Hozat. Der Hyundai bietet viel Platz und so sitzen bei unseren Reisen in der Regel vorne drei, hinten vier und im Kofferraum zwei bis drei. Aus den Boxen scheppern revolutionäre Lieder, deren Inhalt wir aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht nachvollziehen können. Mitgesungen wird natürlich trotzdem. Mit weit aufgerissenen Fenstern und die Landschaft mit einer Begeisterung fotografierend, wie man sie sonst nur von nervigen Tourigruppen kennt, die einer Fahne nach durch die Innenstadt hetzen und einfach jeden Scheissdreck ablichten, kommen wir vorbei an Weinreben, Obstbäumen und staubigen Feldstrassen an einen Stausee. Die Fähre, mit der wir ans andere Ufer kommen wollten, verpassen wir knapp. Das Warten auf die nächste ist hier kein Problem, denn die Kulisse ist mal wieder wunderschön. Knapp an der Grenze zum Kitsch senkt sich beim Warten auf das Boot die Sonne am späten Nachmittag langsam hinter einem Berg, der sich aus dem See erhebt. Möwen kreisen über unseren Köpfen, zwecks Kühlung werden die Füssen ins Wasser getaucht und leere Plastikflaschen schlängeln sich zwischen unseren Füssen am Ufer entlang. Romantisch.

Verbunden mit Tee, Zigaretten und Nicht-packen-weil’s-hier-so-schön-ist kommen wir nach der kurzen Überfahrt knapp vor Pertek an. Als Ausnahme-erscheinung in der Region wird Pertek doch tatsächlich von der AKP regiert. Deshalb seien auch die Strassen in dem Ort in einem so guten Zustand, erklärt uns S. Es wirkt wie ein kleiner Ausschnitt aus dem Alltag unter dem neuen Sultan von Ankara, unter dem System-Erdogan: stimm für mich, halt dich von RevolutionärInnen, KurdInnen und AlevitInnen fern, geh in die Moschee und bleib brav. Dann kommen neue Strassen oder staatliche Sozialleistungen, die nämlich nicht gesetzlich verankert sind, sondern deren Vergabe u.a. im Ermessen von regionalen Gouverneuren liegt. Vor welche Herausforderungen das die Menschen, die hier leben, stellt, werden uns in den kommenden Tagen Bürgermeister von kommunistisch regierten Gemeinden anschaulich berichten.

Der Weg nach Hozat führt durch Täler, entlang der rotbraunen Berge, die mit einzelnen Baumgruppen grün gepunktet in der Ferne erscheinen, entlang von Klippen, die neben der Strasse hunderte Meter in die Tiefe führen. Unter Missachtung sämtlicher zumindest formal geltenden Benimmregeln des Strassenverkehrs wie Geschwindigkeitsbeschränkungen, Überholverboten oder einer maximalen Anzahl an Fahrgästen, brausen wir immer weiter und höher in die Berge hinein. Neben der Strasse finden sich Graffiti und Malereien von PKK, HKO (Volksbefreiungsarme / MKP), Partizan (TKP/ML) und TKP. Plötzlich bremst der Genosse hinterm Lenkrad abrupt ab und wir schleifen uns neben der Fahrbahn am Schotter ein. Rauchpause.

Wir stehen am Strassenrand und überblicken ein tiefes Tal. Keine Bäume, kaum Schatten, viel Staub, trockene Gräser und Disteln. Der Fahrbahn entlang ziehen sich schroffe Steinklippen. Am anderen Ende des Tals sehen wir die türkische Fahne und gewaltige Letter in den Berg gezeichnet. Auch von unserem weit entfernten Standort sind die Buchstaben gut zu lesen. Ein Genosse deutet auf die steilen Klippen. Er erzählt vom Völkermord an den ArmenierInnen, davon als die Menschen in Dersim versuchten, zu helfen. 1937/38, gut zwanzig Jahre später, kam es hier zur Niederschlagung des Dersim-Aufstands. Die kurdisch und alevitisch dominierte Bevölkerung leistete Widerstand gegen die Türkisierungspolitik unter Atatürk.

Die Antwort auf ihre Forderungen nach selbstbestimmtem Leben, dem Recht, die eigene Sprache zu sprechen, Kultur zu leben und Religion auszuüben war hart: Umsiedlungen von ganzen Dörfern, wo Dörfer nicht freiwillig verlassen wurden, gingen sie in Flammen auf, der gesamte Landstrich wurde grossflächig verheert, Zehntausende deportiert. Folter, Vertreibung, Deportation und Mord kosteten weit über zehntausend Menschen das Leben, viele von ihnen ZivilistInnen und Kinder. Sie wurden im Rahmen der Türkisierung über die Klippen, an deren Rändern wir gerade geparkt haben, getrieben, gestossen und geworfen. Wie schon 1915ff. beim Genozid an den ArmenierInnen. Die Fahne und die Buchstaben am anderen Ende des Tals hat die türkische Armee angebracht. Wir bekommen die Übersetzung: “Ich bin stolz, Türke zu sein.”

Beim letzten Tageslicht erreichen wir Hozat. Erschöpft lassen wir uns im Teehaus nieder und werden gemustert wie bunte Hunde. Äusserlich erkennbare MitteleuropäerInnen fallen in der kleinen, kurdischen Bergstadt auf. Wir spazieren noch herum, gewinnen erste Eindrücke von Hozat. Entlang der Strasse hängen grossformatige Bilder an den Hauswänden: sie erinnern an den Dersim-Aufstand, bilden Gefallene und Märtyrer ab, sie zitieren Gedichte von Nâzım Hikmet, Ché Guevara findet sich neben Seyit Rıza, dem in der ganzen Region präsenten Anführer des Dersim-Aufstands. Angebracht wurden sie, als die DHF bis vor kurzem noch stärkste Kraft im Ort war. Um wenige Stimmen mussten sie den ersten Platz bei der letzten Wahl an die CHP abtreten, was daran liegt, dass die Soldaten der umliegenden Militärbasen eine Wahlberechtigung haben. Zum permanenten Belagerungszustand werden wir später mehr erfahren.

An Hauseingängen sitzen alte Frauen und plaudern miteinander. Sie unterbrechen ihre Gespräche kurz, als sie uns vorbei flanieren sehen. An den Wänden neben ihnen schwört die Volksbefreiungsarmee Rache für Berkin Elvan und die Toten von Soma. Unser Mitreisender Genosse Ö. ist aus Hozat, wuchs hier auf, ging hier zur Schule und als Guerilla in die Berge. Er scheint alle zu kennen: Eine Umarmung folgt der nächsten und es wirkt, als wäre er mit einem Drittel verwandt, dem anderen befreundet und dem nächsten verschwägert. In einem der vielen kleinen Läden organisieren wir noch Abendessen, Wasser, Raki und steigen wieder ins Auto. Von der Sonne ist schon lange nichts mehr zu sehen und im Vergleich zu Istanbul sind die Nächte in den Bergen angenehm kühl.

Auch wenn wir davon ausgingen in Hozat zu schlafen, ist es in dieser Region üblich, dass sich um die eigentliche Stadt in einem weiten Radius winzige Bergdörfer scharren, die aber wiederum der Stadt zugeordnet werden. Wieder was dazu gelernt. In eines dieser Dörfer geht die letzte Fahrt des heutigen Tages. Bei einer Sichtweite von geschätzten fünf Metern quält sich unser Auto im ersten Gang eine schmale, von Schlaglöchern durchzogene Schotterstrasse weiter in die Berge hinauf. Die letzten Meter keucht der Hyundai ordentlich, allerdings fühlen wir uns beim Genossen S., hauptberuflicher LKW-Fahrer in der Steiermark und Maoist unserer Wahl, in sicheren Händen. Schliesslich kommen wir in dem kleinen Bergdorf an und nehmen vorm grössten der Handvoll Häuser im Dorf auf der Betonterrasse Platz.

Ein paar sitzen um den Holzofen herum, legen nach und kochen Cay auf. Andere schieben noch Sessel und Tische herbei, damit wir alle sitzen können. Wir werden umarmt und geküsst, fühlen uns auf Anhieb wie zuhause. Nach der ersten Tasse Cay und der Vergewisserung, dass es das für den heutigen Tag mit dem Autofahren endlich war, wird uns erklärt, wo wir hier denn überhaupt sind. S. ist wieder so nett und macht stundenlang den Übersetzer. Der Mann, der neben mir sitzt, viel lacht, um sich kurz darauf wieder in ernste Gespräche zu vertiefen und uns den Tee serviert hat, ist ein alevitischer Dede. Ein Dede (=Grossvater) kann am ehesten mit dem, was wir als Priester kennen, verglichen werden, wobei es doch ganz anders ist.

“Was zur Hölle macht also eine Hyundailadung österreichischer, türkischer und kurdischer GenossInnen in der Nacht beim alevitischen Dede im Bergdorf?”, nahmen wir uns als Arbeitsfrage vom zweiten Teil dieser Artikelserie mit. Die einfache Antwort: zuerst einmal Tee trinken. Es ist kein Zufall, dass es RevolutionärInnen zum Übernachten in ein für AlevitInnen heiliges Haus verschlägt. Die Ausrichtung der AlevitInnen kann mit einer Spielart der Befreiungstheologie umrissen werden. Das AlevitInnentum (nicht zu verwechseln mit den AlawitInnen in Syrien) ist eine Glaubensrichtung, die ihren Ursprung im 13./14. Jahrhundert hat.

Zeit ihrer Existenz waren die Gläubigen Verfolgung, Ausgrenzung und Unterdrückung ausgesetzt. Über die Jahrhunderte kam es immer wieder zu blutigen Aufständen, die wiederum Massenmorde und Vertreibungen zur Folge hatten. Im heutigen Staatsgebiet der Türkei sind offiziell 15% der Bevölkerung alevitisch, behält man die Zwangssunnitisierungen, Vertreibungen und die permanente Repression im Hinterkopf, liegt der Prozentsatz weitaus höher. Nach dem was uns erzählt wird, sind es zwischen 20-25 Millionen, also ein gutes Viertel der Bevölkerung. Vom türkischen Staat werden die AlevitInnen nicht mal als religiöse Minderheit anerkannt.

AlevitInnentum und Revolution

Der Dede stammt aus einer heiligen Familie, die seit über 400 Jahren dieses religiöse Zentrum betreibt. Er ist das geistliche Oberhaupt, aber ebenso gewählter Bezirksrat von Hozat und erklärt uns, dass die AlevitInnen immer gegen Ungerechtigkeit gekämpft hätten. Bei den Geziprotesten 2013 standen sie gemeinsam mit revolutionären Kräften an der vordersten Front, verteidigten die Barrikaden gegen die Angriffe des türkischen Staats, warfen die Tränengasgranaten zurück und mussten als Folge der Auseinandersetzungen in Istanbul Todesopfer beklagen. Der Übergang zwischen RevolutionärInnen und Menschen alevitischen Glaubens ist fliessend, die Schnittmenge gross. Wir hören Geschichten von der Unterstützung der Guerillaeinheiten in der Region, davon dass Verletzte in dem Haus, wo wir schlafen werden, versorgt wurden. Mit der Hand weist der Dede auf einen der umliegenden Berge und meint, ob wir wüssten, was das für Lichter sind, die uns von dort aus entgegen leuchten. Nach der Verneinung der rhetorischen Frage überrascht die Antwort nicht: eine türkische Militärbasis. Er erzählt davon, dass in einzelnen sunnitischen Moscheen mitunter davon gesprochen wird, dass alevitische Frauen und Männer nach dem Gebet zum Beischlaf übergehen. Wir werden uns am nächsten Tag aus erster Hand davon überzeugen, dass dem nicht so ist.

Essen wird an den Tisch gebracht, erstmals seit unserer Ankunft in der Türkei muss ich mir temperaturbedingt eine Weste überziehen. Wir mampfen selbstproduzierte Köstlichkeiten wie den verflucht nochmal besten Schafskäse, den ich jemals am Gaumen hatte, pikante Oliven und wunderbar zubereitete kleine Stückchen Leber, über die ich mich als deklarierter Saumagen unserer Reisegruppe als einziger gebürtiger Österreicher drüber traue. Die anderen Feiglinge verschmähten bereits in Istanbul Kokoreç, unsere vegan lebende Genossin gilt als entschuldigt. Im alten Ofen auf der Terrasse knackst das Holz, der kühle Bergwind treibt Rauchschwaden behäbig an den schiefen Laternen vorbei, Hunde streuen herum und heulen alle paar Minuten in die kurdische Nacht hinein.

Das Leben am Berg ist kein einfaches: wer sich dem Erdogan-Wahnsinn nicht beugt, hat mit keinerlei Unterstützung zu rechnen. Staatliche Leistungen gibt es in vielen Fällen nur für SunnitInnen, die aber in der Region so gut wie nicht vorhanden sind. Trotzdem werden sunnitische Moscheen gebaut. Das Dorf bezieht sein von einem Gebirgsfluss abgezweigtes Wasser rund 500 Meter bergab von den Häusern bei einem kleinen Steinverbau. Dort plätschert es aus zwei Rohren. Abwasch, Trinkwasser, Körperhygiene und Wasser fürs Plumpsklo müssen so herbei geschafft werden. Im Winter liegen hier auf fast 2.000 Höhenmeter über drei Meter Schnee, die das Dorf monatelang vom Zentrum in Hozat abschneiden. An ein Wegkommen ist nicht zu denken und eine Schneeräumung ist schon allein aus logistischen Gründen nicht möglich. Strassen im engeren Sinn des Wortes sind nicht vorhanden. An selbstgebastelten Skiern und behelfsmässig gefertigten Schlitten werden die Wege durch die Schneemassen zurück gelegt. Strom gibt es im Schnitt alle zwei Tage, die auf jedem Dach zu findenden Solaranlagen schaffen Abhilfe.

Himmel, Hölle, Kommunistenmord

Wir sitzen lange beisammen und dank unseres grossartigen Übersetzers können wir uns bis tief in Nacht unterhalten. Der Dede erzählt, dass AlevitInnen und KommunistInnen von der Reaktion in der Türkei mit Hass überzogen und als Ticket ins Paradies gehandelt werden. Um nach dem irdischen Leben per Express ins Paradies zu gelangen, hast du nämlich neben dem Djihad noch eine zusätzliche Option: töte entweder sieben AlevitInnen oder sieben KommunistInnen. Dann gibt’s Paradies inklusive Jungfrauen und Co. Aufgrund der Geschichte und der nicht enden wollenden Unterdrückung des alevitischen Glaubens kommt er im Gegensatz zum handelsüblichen theistischen Opium ohne Antikommunismus aus. Kopftücher gibt’s hier maximal als normales Kleidungsstück bei älteren Frauen, ähnlich wie in kleinen österreichischen Dörfern. Der Dede fragt uns nach unseren Betätigungsfeldern und als er erfährt, dass ich mich hauptberuflich um Betriebs- und Gewerkschaftarbeit kümmere, ernte ich ein thumbs-up und die Bemerkung, dass das wichtig für die Revolution sei. Er will wissen, ob wir an Paradies und Hölle glauben. Als wir lachend den Kopf schütteln, zündet er sich die gefühlte dreissigste Camel an und spricht langsam mit sonorer Stimme. Seine von harter Landarbeit geprägten Hände holen zu weiten Gesten aus und er redet darüber, dass die Frage nach Himmel und Hölle keine religiöse ist. Für viele ist das Leben in der vom Kapitalismus verheerten Welt bereits jetzt die Hölle und einige wenige würden auf Erden das Paradies erfahren. Daher muss der Kampf im Hier und Jetzt passieren. Wir stimmen zu.

Bergbauern, Fekter und EU-Beitritt

Die ehemalige Innen- und spätere Finanzministerin Österreichs, Maria Fekter, sagte vor ein paar Jahren zum Thema Einwanderung sinngemäss, dass “wir” keine Bergbauern aus Ostanatolien bräuchten. Abseits des diesen Aussagen zugrundeliegenden Rassismus und Chauvinismus, können wir mittlerweile getrost sagen, dass die “ostanatolischen Bergbauern”, die wir kennenlernen durften, Weltoffenheit, Intelligenz, Menschenliebe und Solidarität in einem Ausmass in sich vereinen, das für Maria Fekter selbst nach eingehender “Überzeugungsarbeit” unerreichbar wäre. Wir diskutieren noch lange mit dem Dede. Obwohl es so scheint, als wäre das Dorf von dem was zuhause unter dem Begriff “Zivilisation” läuft, völlig abgeschnitten, ist er über weltpolitische Fragen bestens im Bilde. Zwar gibt es im Moment kein fliessendes Wasser im Haus, aber er deutet auf sein Smartphone und meint, dass sich die Menschen hier neben Zeitungen und Fernsehen eben über das Internet auf dem Laufenden halten. Er fragt uns, was wir zum EU-Beitritt der Türkei sagen. Wir antworten, dass die EU ausschliesslich den Interessen der Banken und Konzerne dient, sich in ihrer Wirkung immer gegen die Bevölkerung richtet und mit dem Beitritt den Völkern, die im türkischen Staat leben, ein Bärendienst erwiesen wäre. Er nickt bei der Übersetzung viel, ergänzt dass die Situation der AlevitInnen für die EU nie eine Rolle gespielt hat und meint, dass sie Armut und Kriege schafft, nur dem Kapital dient. Ausserdem sollten wir an die Geschehnisse dieses Jahr in der Ukraine erinnern. Amen, Dede!

Profane Problemchen unterm Sternenhimmel

Auch wenn wir bestens umsorgt werden, kann der proletarische Internationalismus nicht überall zur Stelle sein. Die Befriedigung unserer menschlichen Bedürfnisse stellen insbesondere einen Grazer Genossen und mich vor logistische Herausforderungen. Beim besten Willen können wir uns nicht ausmalen, wie wir uns auf der Rückseite des heiligen Hauses über das kleine Loch, das sich hinter der mit wenigen Bretter zusammengenagelten Tür befindet, hinhocken könnten, ohne uns wortwörtlich in die Hose zu scheissen. First world problems. Und auch als wir die beiden österreichischen Genossinnen um Rat fragen, wird die Situation nicht klarer. Unserer Meinung nach ist die Hose wie man es auch dreht und wendet immer im Weg. Das ist eines der ungelösten Rätsel, die ich wieder zurück nach Österreich nehmen werde. (Sachdienliche Hinweise dazu bitte an: lowerclassmagazine@riseup.net.) Mangels Flipchart und Youtube-Tutorials entschliessen wir uns dazu, beim Klogang die Hosen ganz abzustreifen und an einen der Nägel zu hängen, mit denen die Tür am Aufgehen gehindert wird. Klappt alles ausgezeichnet und erweist sich bei den nächsten Tagen in den Bergen als gangbare Strategie.

Vor dem Schlafengehen helfen wir noch beim Abwasch, was eine kleine Wanderung zum Wasser bedeutet. Wir tragen das Geschirr in grossen Plastikschüsseln die stockfinstere Strasse runter. Eine Taschenlampe vermeidet gröbere Stürze und spendet Licht für den Abwasch. An der Wasserstelle angekommen blicken wir in den Sternenhimmel, der sich über uns ausbreitet. Ich traue meinen Augen kaum, als ich zum ersten Mal in meinem Leben die Milchstrasse klar und deutlich über mir leuchten sehe. Während im nahegelegenen Stall offenbar eine Ziege aus dem Traum gerissen wird und wie wahnsinnig herumbrüllt, bestaunen wir mit sperrangelweit offenem Mund die unzähligen Sterne, bevor wir das saubere Geschirr wieder bergauf tragen.

Nach diesem langen Tag, der ungeplant zwei Artikel eingenommen hat, schleppen wir uns in unser Schlafzimmer, in dem bereits Betten vorbereitet wurden. Wir schlafen schnell und tief ein. Wie wenn wir schon wüssten, dass der nächste Tag blutig beginnen wird. Ausserdem erwarten uns kurdische Bergbauern, die verwundert reagieren, wenn du sie mit Frauennamen ansprichst, der erste Tag des Munzur-Festivals, Gebirgsquellen und ein meet-and-greet mit dem kommunistischen Bürgermeister von Ovacik, der vom Kampf gegen die Regierung und rätedemokratischen Strukturen zu erzählen weiss.

Blutiges Erwachen

Weit später als geplant erwacht das österreichische Zimmer im alevitischen Haus und wir begeben uns auf die Terrasse. Das Haus spendet noch Schatten, als wir frühstücken und den Ausblick auf Täler und Berge bei Tageslicht geniessen dürfen. Eine kleine Schotterstrasse, die sich den Berg runter schlängelt, blaublühende Disteln am Wegesrand, vereinzelte Baumgruppen an den kahlen Hügeln. Was gestern schon angedeutet wurde, gibt’s jetzt live und in Farbe: wir erfahren, dass eine Ziege geschlachtet werden soll. Wo, wann und wie beantwortet sich von selber, als mir Genosse Ö. winkt, dass ich ihm nachgehen soll. Er und eine knapp siebzigjährige Frau holen die Ziege aus dem Stall. Mangels jeglicher Schlachtungs- oder genereller Ziegenerfahrung beschränke ich mich darauf die Stalltüren hinter ihnen zu schliessen und nicht im Weg rumzustehen, als die beiden das Tier an den Hörnern heraus führen.

Wieder zurück beim Haus, sitzt der Dede an einer kleinen Steinmauer und wetzt sein Messer. Zu dritt wird die Ziege festgehalten, ihr schwant wohl schon Übles. Wir gehen ein paar Schritte zur Seite, als der Dede langsam mit dem Messer zur Ziege geht, die vor dem Abfluss, an dem wir am Vorabend unsere Zähne geputzt haben, gehalten wird. Mit ruhigen Handbewegungen streichelt er sie und spricht ein paar Worte, die auf den religiösen Hintergrund der Schlachtung schliessen lassen. Pathos gibt’s hier keinen, ich höre ihn Allah sagen und plötzlich spritzt Blut auf den Boden. Schnell blutet das Tier aus, zuckt im Liegen noch ein wenig. Der Dede raucht erst mal eine. Dann macht er sich wieder ans Werk: mit ein paar geschickten Messerschnitten und Handgriffen sind die Beine ab, die Ziege wird mit einem Ruck über dem Abfluss aufgehängt und ruck zuck gehäutet. Danach werden die Eingeweide entfernt und in eine Scheibtruhe [Schubkarre, Anm. d. Red.] geworfen. Mit einer Machete wird sie in ihre Einzelteile zerlegt, die dann in den umliegenden Dörfern unter den BewohnerInnen aufgeteilt werden. Während das Fleisch ins Haus getragen wird, schmiere ich mir die unverzichtbare 50er-Sonnencreme rauf. Die Veganerin unserer Reisegruppe hat das ganze Schauspiel skeptisch beobachtet, stellt aber danach fest, dass sie es nicht schlimm gefunden hat, weil dem Tier so viel Respekt gezollt wurde und das wenigstens ehrlicher ist als Extrawurst aus Massentierhaltung. Word. Wir sitzen noch zur Bergdorf (3)kollektiven Schlachtungsnachbesprechung zusammen, der Dede amüsiert sich über die Videos, die wir uns von der Opferung gemeinsam auf den Kameras ansehen. Zusammen mit unseren alevitischen FreundInnen beten wir noch eine Runde im Haus. Der Genosse neben mir macht mit Marx gesprochen den “Seufzer der bedrängten Kreatur”, aber nicht weil wir als AtheistInnen jahrhundertealte Reliquien küssen, sondern weil sein Überbein beim Hinknien schmerzt.

Kurz vor unserer Abfahrt aus dem Bergdorf gehen Genosse Überbein und ich zwecks Katzenwäsche (die Dusche funktioniert hier alle zwei Tage) zum Wasser hinunter. Schlechtes Timing: kurz vor unserer Ankunft parkt sich ein Geländewagen ein, Bergbauern füllen Wasserkanister auf. Einer der beiden versucht ein Gespräch mit uns zu beginnen, muss aber feststellen, dass unsere Türkischkenntnisse bei merhaba anfangen und bei hayata schon wieder enden. Besser macht die Situation auch nicht, als ich mal wieder türkische Wörter und Namen durcheinander bringe und glaube, dass er nach der Vorstellrunde Gülhan heisst. Der hünenhafte kurdische Bergbauer nimmt die Anrede mit weiblichem Vornamen mit Humor, klopft mir auf die Schulter und stellt sich nochmals als Hüseyin vor. Im Verlauf unserer Reise werden wir ihn wieder treffen und mit ihm über Frauenunterdrückung in der Türkei diskutieren.

Auf zum Festival

Nach einer herzlichen Verabschiedung von unseren alevitischen FreundInnen brechen wir auf. Heute kommen wir endlich zum eigentlichen Grund unserer Reise nach Kurdistan, dem 14. Munzur Doğa ve Kültür Festivali. Es ist der 31. Juli und Dersim steht bis zum 3. August ganz im Zeichen des Festivals: In den Ortschaften untertags breit gefächerte Diskussionsrunden, Tanzprogramm und Theater; Am Abend Konzerte mit tausenden BesucherInnen; Infostände, Büchertische, Bekleidungsverkauf, Fahnen, Plakate und Demonstrationen an allen Ecken und Enden. Unsere heutige Reise wird uns nach stundenlangen Fahrten über abenteuerliche Bergstrassen nach Ovacık führen. In Ovacık wird nicht nur das Wasser abgefüllt, mit dem die ganze Region versorgt wird. Der Fluss Munzur hat dort seinen Ursprung und Ovacık einen kommunistischen Bürgermeister, der uns im Rathaus empfangen wird.

Wir liefern noch Ziegelfleisch aus, unser Weg führt wir über kurvige und im seltensten Fall asphaltierte Strassen. Als wir so herumkurven und im Auto zu den uns immer vertrauteren Revolutionslieder fleissig abgehen, bleiben wir kurz stehen, reissen die Türen auf, drehen die Boxen auf Anschlag und legen eine kleine Tanzeinlage in den Bergen ein. Das erste Auto, das uns an diesem verlassenen Fleck entgegen kommt, hat ein vertrautes Kennzeichen: Mürz-Zuschlag in der Steiermark. Wir werden noch viele Autos aus Deutschland, Österreich, Frankreich oder Holland sehen. Für das Festival werden weite Wege aufgenommen. Schliesslich kommen wir an unserer ersten Festivalstation an. Wir parken und spazieren unter der sengenden Sonne die Strasse entlang, machen uns auf den Weg zur Munzurquelle. Es ist ordentlich was los und uns ist klar, dass alle, die hier unterwegs sind, eine revolutionäre Weltanschauungen haben. Vorbei an improvisierten Teehäusern unter Plastikplanen, vor denen Dürümbrot frisch zubereitet wird, an Bekleidungsständen, wo Shirts mit Aufdrucken an den Dersim-Aufstand erinnern, drängen wir uns durch die vielen BesucherInnen den Fluss mit seinen unzähligen Verzweigungen entlang. Über kleine Brücken und enge Wege, die aufgrund des Andrangs zur Geduldprobe werden, spazieren wir zur Quelle, trinken ein paar Schluck und suchen uns schattige Plätze.

Neben dem eiskalten Fluss, der von einigen Tollkühnen durchschritten wird, wachsen grosse Bäume aus dem staubigen Boden. Immer wieder hören wir von dort oder da Menschen singen, Tanzgruppen bilden sich, Menschen sitzen am Boden beisammen, trinken Cay und grillen. Zwischen den Bäumen wiegen sich Demirtas-Fahnen im Wind. Transparente der DHF und der Volksfront hängen an Brücken und auf Wänden. Politische Zeitungen werden verkauft, auf den Titelseiten wird zur Solidarität mit Palästina aufgerufen, Wahlwerbung gemacht oder über die aktuellsten Geschehnisse bei den Guerillas berichtet. An einem Stand der HDP nehme ich mir Material mit und spende für Rojava. Andere revolutionäre Gruppen verteilen Zettel mit dem Aufruf zum Wahlboykott. Wir massen uns keine Einschätzung der Situation an, nehmen aber wie schon bei vielen Gelegenheiten zuvor die Zerrissenheit der Linken, v.a. ihres revolutionären Teils, war. Wir hören von den Auseinandersetzung in Istanbul zwischen HDP und Volksfront, die zeitgleich mit unserem Aufenthalt in Kurdistan passieren. Ihnen folgten IS-Angriffe auf fortschrittliche Strukturen und grossflächige Polizeirazzien. Die momentane Schwäche wird von der Reaktion sofort ausgenutzt.

Wir stechen pigmentbedingt ins Auge. Vereinzelte skeptische Blicke verwandeln sich aber umgehend in bestätigendes Nicken und freundliches Lächeln, als mein Shirt, wo über dem Wiener Sowjetdenkmal Hammer und Sichel hervor blinzeln, wahrgenommen wird. Ausgerüstet mit Köfte und Ayran nehmen wir auf Stufen Platz. Neben uns wird gesungen. Ein Loblied auf die Volksbefreiungsarmee (HKO), wie wir übersetzt bekommen. Wir holen uns noch Tee und fahren wieder nach Ovacık, wo der Bürgermeister mittlerweile neben vielen anderen Terminen Zeit für uns gefunden hat.

Merhaba, Genosse Bürgermeister!

Fatih Maçoğlu ist vor kurzem zum ersten kommunistischen Bürgermeister der Region gewählt worden, der nicht über eine Namens- sondern eine dezidiert kommunistische Liste gewonnen hat. Wir werden in den ersten Stock des Rathauses gebracht, gleich Bürgermeister (2) - gefladertes Bildnach der Stiege werden wir von Fatih begrüsst. Er bittet uns in sein grosses Büro, wir nehmen auf tiefen Kunstledersesseln Platz und bekommen Cay serviert. Im gesamten Büro stehen verteilt am Boden und auf Kästen Blumen, wohl noch Gratulationen für die in diesem Jahr gewonnene Wahl. Hinter seinem computerlosen Schreibtisch hängt eine grosse Uhr, politische Gefangene haben sie im Knast angefertigt und dem Bürgermeister geschenkt. Das zentrale Versprechen, der von DHF und TKP unterstützten Wahlkampagne war die tatsächliche Einbindung der Bevölkerung in die politischen Belange der Stadt. Prompt umgesetzt wurde es mit neu geschaffenen rätedemokratischen Strukturen. Neben allgemeinen Zusammenkünften der gesamten Bevölkerung gibt es beispielsweise noch Versammlungen für BäuerInnen, für Frauen und für Menschen mit Behinderung. Alles, was in der Gemeinde entschieden wird, geht von diesen Versammlungen, die sich einer regen Beteiligung erfreuen, aus. Als uns Fatih Maçoğlu auf unsere Fragen antwortet und von den anstehenden Projekten berichtet, dringen Parolen auf Kurdisch von der Strasse durch die dünnen Fenster in den Raum: eine der zahllosen spontanen politischen Kundgebungen während des Festivals.

Seine drei grossen Vorhaben sind die Verbesserung der Strassen, der Umgang mit den Problemen, die der harte Winter mit sich bringt, und die Wohnsituation der Bevölkerung. Viele weitere Punkte werden von gesetzlichen Vorgaben und der Haltung der türkischen Regierung blockiert. Doch Ovacık weiss sich zu helfen und in der kurzen Regierungszeit wurden neben der Demokratisierung noch eine ganze Menge an Vorhaben umgesetzt: laut Gesetz dürfen von den Kommunen die öffentlichen Verkehrsmittel (Kleinbusse, die mit einem Affenzahn zwischen den Dörfern pendeln) nicht kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Gemacht wird das trotzdem. Der Bürgermeister meint: “Sollen sie uns doch klagen!” Betriebe müssen das hier abgefüllte Munzurwasser zum dreifachen Preis im Vergleich zur Normalbevölkerung beziehen, in Österreich ist es wohl genau umgekehrt. Noch ist es nicht möglich, Wasser kostenlos zur Verfügung zu stellen, es scheitert an den Befugnissen der Gemeinde. Deshalb sind Gemeindefusionen geplant, um so den juristischen Status aufzuwerten. Für arme und behinderte Menschen gibt es alles, was hier produziert wird, zum halben Preis in den Läden. Der Genosse Bürgermeister spricht davon, dass sie die Bevölkerung mit einem Lächeln von ihrer Sache überzeugen wollen. Er will Bewusstsein schaffen und die Menschen für die Revolution gewinnen. Immer wieder fächelt er sich Luft zu. Dass es bei den Temperaturen, die an die vierzig Grad gehen, offenbar nirgends Ventilatoren gibt, bleibt uns ein Rätsel.

Fotoshooting mit der Revolution

Schon warten vor der Tür die nächsten BesucherInnen, die einen Termin mit Fatih Maçoğlu haben. Wir schiessen noch ein paar schnelle Bilder mit dem Bürgermeister und begeben uns wieder auf die Strassen von Ovacık. Der grobe Plan: Bier, Chips, Fluss. An Alkohol zu kommen ist weder in Istanbul noch in Dersim so einfach wie zuhause. Dennoch sind unsere Sinne schon trainiert und wir nehmen die Witterung sofort auf, wenn wir die blau-weissen Signalfarben des Gerstensaftmonopolisten Efes erblicken – der Markenname am Logo wurde von der AKP-Regierung verboten, eine der vielen Kleinigkeiten, mit denen die Gesellschaft in der Türkei Stück für Stück umgekrempelt wird. Während in Österreich diese Farbkombination in der Regel auf rassistische FPÖ-Wahlwerbungen oder den völlig bescheuerten Oktoberfestimport am Wiener Rathausplatz erinnern, ist sie hier sehr erfreulich. Nach einem kurzen Abstecher zum Flussufer (Gebirgswasser eigentlich sich übrigens bestens zur Dosenkühlung) treffen wir den Rest der Reisegruppe in einem grossen Gastgarten, in dem der heitere Abend weitergeht. Zwischen hohen Bäumen sitzen viele an Tischen, trinken Cay, Efes oder Raki und gönnen sich Köfte. Unser Hunger ist gestillt und als wir – wie wir es gelernt haben – zum Bier noch Raki dazu bestellen, werden wir von unseren türkischen und kurdischen GenossInnen darauf hingewiesen, dass ein Entweder-Oder hierzulande üblich ist. Sonst würden wir sehr schnell betrunken werden und tatsächlich schiesst der Raki sofort in die Birne.

Als wir gut gelaunt zusammen sitzen, die ereignisreichen Tage rekapitulieren und nachschenken, will sich ein Zehnjähriger unbedingt mit einem Genossen aus Graz fotografieren lassen. Seine Eltern erklären uns warum: er findet, dass der Genosse aussieht wie Philipp Lahm. Nun kann man dem Jungen hier zwar keine böse Absicht unterstellen, aber ÖsterreicherInnen werden ungern für Deutsche gehalten. Gerade wenn’s um Fussball geht. Natürlich gibt’s das Foto trotzdem und als wir erfahren, dass er auf den Namen Devrim (= Revolution) hört, wollen wir auch noch Fotos mit ihm machen. Sein Vater erzählt uns, dass sie ihn eigentlich Dersim nennen wollten, was allerdings behördlich untersagt wurde. Angesichts der vielfältigen Unterdrückungsmechanismen, ist es eine politische Ansage, die Region bei ihrem eigentlichen Namen zu nennen. Seit 1937 muss es hier Tunceli heissen, die Bevölkerung sagt ungeachtet dessen Dersim zu ihrer Heimat.

Bevor wir uns zum Schlafen ins Gemeindehaus von Ovacık zurückziehen, sehen wir uns am Hauptplatz zusammen mit tausenden weiteren Menschen noch die letzte Band des heutigen Abends an. Wo am Nachmittag bei unserer Ankunft noch Soundcheck, politische Kundgebungen und Stände von politischen Organisationen waren, stehen, sitzen und tanzen die Menschen aus der Region jetzt zu den Liedern von Metin Kemal Kahraman, einer Zaza-sprachigen Musikgruppe aus der Gegend. Zwischen den Nummern lässt der Festvial in Ovacikfrontman seine Saz schweigen und spricht zu politischen Fragen. Anders als bei Konzerten in Mitteleuropa, wo Musikpausen von Trinksprüchen und Ausziehen-Rufen gefüllt werden, lauschen die KonzertbesucherInnen den Inhalten der kurzen Reden und spenden Applaus für das Gesagte.

Als die Wirkung des Raki langsam verklungen und die Band mit ihrem Auftritt fertig ist, beziehen wir unser Quartier für die heutige Nacht. Morgen steht wieder einiges auf dem Programm: stundenlange Autofahrten, Badespass, berührende Geschenke, Konzerte von Grup Yorum und Grup Munzur, ein Wiedersehen mit dem Bergbauern, dessen Name nicht Gülhan ist, und die Einweihung des Vollkofferraums.

Hermin Šnops / lcm
streifzuege.org

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