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Taser: Über 500 Todesfälle in den USA Hat bald jeder Tschugger einen Taser?

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Mehr Taser, mehr Taser-Einsätze, mehr vollkommen unbewaffnete Opfer: So sieht die Zwischenbilanz im Kanton Zürich aus. Die Alternative Liste (AL) hat deshalb Ende September im Zürcher Kantonsrat eine Anfrage in Sachen Taser gestellt.

Ein Taser der Firma Taser International, Modell X26 in der Polizeiausführung.
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Bild: Ein Taser der Firma Taser International, Modell X26 in der Polizeiausführung. / Junglecat (CC BY-SA 3.0 unported)

9. Januar 2014

09. 01. 2014

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Ende August war bekannt geworden, dass die Kantonspolizei Zürich ihre Taser-Bestände aufrüstet: die Anzahl Geräte steigt um über 30 Prozent auf 95 Stück, und neu dürfen sie 430 Polizist_ innen bei der Kapo Zürich einsetzen (130 Beamte mehr als früher). Brisant ist, dass nicht nur mehr die Sondereinheit «Diamant» tasern darf, sondern auch Regional-, Verkehrs- und Flughafenpolizist_innen. Alle neuen Geräte sind vom Typ X2, d.h. sie sind «zweischüssig»: es können zweimal hintereinander Pfeile abgeschossen werden.

Die bleiben dann im Körper stecken und leiten den Strom in die Muskeln, was zur schmerzhaften sofortigen Lähmung der betroffenen Muskulatur führt. Das Opfer bricht sofort zusammen – gefährliche Stürze sind programmiert.

Elektroschocks bei «Eigengefährdung»

Ein konkretes Beispiel dazu war ein Einsatz der Stadtpolizei Zürich im Jahr 2006. Eine verwirrte, gebrechliche 66-Jährige wurde in ihrer Wohnung durch die Skorpion-Einheit getasert, um sie in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. Die Betagte war mit einem kleinen Rüstmesser und einem Hämmerchen zum Bilderaufhängen «bewaffnet» gewesen. Als Begründung für den Taser-Einsatz diente ihre angebliche Eigengefährdung.

Vor den Augen des entsetzten Notfallpsychiaters traten die Robocops die Wohnungstür der Betagten ein, taserten sie wortlos und stürzten sich dann auf sie, um ihr bäuchlings die Hände auf den Rücken zu fesseln. Der Bundesrat schreibt in einem Evaluationsbericht von 2010, dass Taser zwischen 2003 und 2010 schweizweit 52 Mal eingesetzt wurden (davon zehn Mal nur mit Taser gedroht). In mindestens einem Fall wurde missbräuchlich ein zweites Mal Strom durch die im Körper steckenden Pfeile abgegeben, wie die Auswertung der Aufzeichnungsgeräte im Taser durch das Forensische Institut Zürich ergeben hat.

Laut demselben Bericht besteht «eine gewisse Gefahr bei Herzkranken und bei Personen, die unter Stress stehen, da dann der Körper bereits mit Adrenalin gesättigt ist. Auch kreislaufwirksame Drogen wie z.B. Kokain erhöhen die Verletzlichkeit des Herzens durch elektrische Impulse.» Gesicht und Genitalbereich sollten laut diesem Bericht wegen der grossen Verletzungsgefahr gemieden werden.

Im August 2013 wurde in den USA ein 18-jähriger, kerngesunder, nicht unter Drogen stehender junger Mann durch Tasern in die Brust getötet. Deshalb spricht vieles dafür, auch den Brustbereich zu meiden. 2012 wurden in der Schweiz 23 Menschen getasert – fast halb so viel wie 2003 bis 2010. Die Kurve der Einsätze steigt also steil nach oben. Übrigens: nur die Hälfte der Betroffenen war mit «Messern und anderen Waffen bewaffnet». Das heisst, über zehn Personen waren vollkommen unbewaffnet.

Gegenüber augenauf sagt Werner Schaub, Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich, dass Taser in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern angewendet worden seien. Im Schnitt würden sie fünf bis zehn Mal jährlich eingesetzt. Anlass dafür seien «ausschliesslich Notwehr, Notwehrhilfe und Amtsdurchsetzung», wobei gerade der letzte Punkt viel Platz für Willkür lässt. Es kann doch nicht sein, dass jemand getasert wird, nur weil er/sie vor einer Polizeikontrolle fliehen will.

Tool of the lazy cop

Amnesty International hat den Taser in den USA, wo er schon zu über 500 gut dokumentierten Todesfällen (seit 2001) führte, «das Werkzeug des faulen Polizisten» genannt. Das Komitee gegen Folter der Uno (CAT) hat sich bereits 2007 «äusserst besorgt gezeigt über die Tatsache, dass Taser enorme Schmerzen verursachen und eine Form der Folter darstellen und unter gewissen Umständen tödlich sein können».

Ganz speziell kritisiert wird der «Stunning Mode», bei dem der Taser direkt an den Körper gehalten wird. Dieser «Kontaktmodus» löst die gleichen Schmerzen aus, hinterlässt aber keine Spuren und ist deshalb nur sehr schwer nachzuweisen. Auch in der Schweiz wird der Kontaktmodus angewendet.

In seinem Bericht nimmt der Bundesrat auch Stellung zu Todesfällen. Eigentlich sind Tote selber für ihr Ableben verantwortlich: «Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die grösste Gefahr bei einem Taser-Einsatz von einem durch die Immobilisation bedingten Sturz sowie von einer Fehlplatzierung der Pfeile ausgeht.

Ein plötzlicher Herztod aufgrund einer alleinigen Taser-Wirkung ist praktisch ausgeschlossen; falls tödliche Herzrhythmusstörungen auftreten, sind sie durch ein Grundleiden oder eine Intoxikation mit körpereigenen oder körperfremden Substanzen bedingt.» Selber schuld, wer herzkrank oder gestresst ist oder gar unter Drogeneinfluss steht.

Anfrage im Kantonsrat

Taser werden unverhältnismässig häufig und nicht – wie ursprünglich geplant – als Alternative zur Schusswaffe eingesetzt. Stattdessen kommen sie als niederschwelligere Waffe zum Einsatz. So lauten die Befürchtungen von drei AL-Kantonsräten, die Ende September eine Anfrage an den Regierungsrat eingereicht haben. Auf die detaillierten Antworten warten wir gespannt.

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