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Medien verschweigen, dass sie gar nicht recherchiert haben So funktioniert Rufmordmaschine gegen Varoufakis

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Grosse Medien zielen auf die Person des griechischen Finanzministers, ohne Quellen ihrer «Informationen» offenzulegen.

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis bei seiner ersten Ankunft in Brüssel am 11.
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Bild: Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis bei seiner ersten Ankunft in Brüssel am 11. Februar 2015. / EU Council Eurozone (CC BY-NC-ND 2.0)

1. Juni 2015

1. Jun. 2015

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Während einer Sitzung der EU-Finanzminister in Brüssel hätten ungenannte Teilnehmende ihren griechischen Kollegen Varoufakis als «Spieler», «Amateur» und «Zeitverschwender» beschimpft. Das berichteten die Tagesschau des Schweizer Fernsehens sowie der «Tages-Anzeiger» und der «Bund».

Der griechische Journalist Nikos Sverkos hat recherchiert, woher diese Informationen stammten und brachte die zwielichtige Rolle einiger Medien-Einflüsterer oder «Spin-Doktoren» ans Tageslicht.

Sein Fazit: Namhafte Medien würden sich noch so gerne manipulieren lassen und süffige Schlagzeilen über den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis verbreiten, ohne deren Gehalt zu überprüfen.

Die Methoden von EU-Einflüsterern würden erklären, warum Varoufakis im übrigen Europa eine derart schlechte Presse hat, und warum die Berichte aus Brüssel sich derart gleichen.

Hochgradig plausible Enthüllung

«Secrets of the Brussels media machine» lautet der aus dem griechischen übersetzte englische Titel von Sverkos aufschlussreichem Artikel, dessen wichtigste Aussagen der deutsche Journalist Norbert Häring in seinem Blog auf deutsch übersetzt hat. Der langjährige Mitarbeiter des deutschen Handelsblatts hält die Darstellung von Nikos Sverkos für «hochgradig plausibel».

Inoffizielle Pressekonferenzen als anonyme Quelle

Die «gut geölte Brüsseler Medienmaschine» (Sverkos) operiere auf der Basis der Anonymität. Es seien zwar meist hochrangige Offizielle oder deren Sprecher, die ausgewählte Journalisten zu inoffiziellen Pressekonferenzen oder «Briefings» einladen, doch die eingeladenen Medien dürfen sie nur anonym zitieren. Die Leserschaft erhält den Eindruck, die Journalisten hätten die vertraulichen Informationen dank persönlicher Recherchen von direkten Verhandlungsteilnehmern erhalten, oder von Leuten, die wissen, was während der Verhandlungen tatsächlich gesagt wurde.

Medien verschweigen, dass sie gar nicht recherchiert haben

Ausgewählte Brüsseler Korrespondenten, die an solche inoffiziellen Pressegespräche regelmässig eingeladen werden, spielen dieses Spiel mit und wahren die Anonymität ihrer offiziellen Quellen. Sie verschweigen die Existenz dieser inoffiziellen Pressemeetings. Denn sonst würden sie nicht mehr eingeladen und vom Informationsfluss abgeschnitten. Sie müssten dann das Feld mit den «Insider-Informationen» den Konkurrenten überlassen.

Führend sind zwei Agenturen und die «Financial Times»

Deutsche, gegenüber Griechenland besonders kritisch eingestellte Vertreter bei der EU und deren Alliierte würden besonders häufig zu solchen ausgewählten «Pressemeetings» einladen. Französische oder italienische EU-Vertreter deutlich weniger. Griechische Diplomaten seien nie dabei, wenn es um Griechenland gehe. Diese inoffiziellen Pressekonferenzen würden sehr oft von einer deutschstämmigen Person geleitet, die auch für den Sprecherdienst der EU-Kommission arbeitet.

Auf Seite der Medien seien die wichtigsten Spieler die beiden grossen internationalen Nachrichtenagenturen «Reuters» und «Bloomberg», sowie die Zeitung «Financial Times».

Was auch immer diese Medien über die Konferenzen berichten, werde von vielen anderen Medien in Europa übernommen, manchmal sogar, ohne diese indirekte Quelle zu zitieren, stellte Sverkos fest.

Verhandlungen vom 23. Und 24. April als Beispiel

Als Beispiel geht Sverkos auf die denkwürdigen Verhandlungen des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis mit der Euro-Gruppe am 23. und 24. April in Riga näher ein. Am 24. April berichteten grosse Medien von Beschimpfungen, die sich Varoufakis während des eigentlichen Treffens von den Kollegen habe anhören müssen. Von konkreten Beleidigungen wurde berichtet – allerdings ohne Quellen zu nennen, und ohne darüber zu informieren, wer denn diese Beleidigungen angeblich ausgesprochen hatte.

«Tages-Anzeiger» und «Bund» hielten es für überflüssig, das Umfeld des griechischen Ministers mit diesen schweren Vorwürfen zu konfrontieren, eine Stellungnahme einzuholen und zu zitieren.

Anonyme Stimmungsmache

Und so kamen diese angeblichen Beschimpfungen gegen Varoufakis nach den Recherchen von Sverkos in die Medien: Die oben erwähnte deutsch sprechende Person, die offiziell für die EU-Kommission tätig ist, hat unmittelbar nach Ende des Treffens acht ausgewählte Journalisten für die übliche inoffizielle Pressekonferenz zusammengerufen. Was dort gesagt wurde, hat Sverkos nach eigenen Angaben von einem der Teilnehmenden direkt erfahren: Der Offizielle beschrieb Varoufakis als jemand von einem anderen Planeten, der sich verhalte, wie man das noch nie von jemand oder selbst von Varoufakis erlebt habe.

Zwei andere EU-Offizielle, einer, der für die Eurogruppe arbeitet, und einer von der diplomatischen Mission eines südeuropäischen Landes, hätten ein identisches inoffizielles Briefing für ausgewählte Journalisten gegeben. Sie hätten Varoufakis ebenfalls als «Ausserirdischen» bezeichnet. Sie hätte ebenso aggressive Beschimpfungen erwähnt. Das erfuhr Sverkos nach eigenen Angaben von einem Journalisten, der bei den Briefings anwesend war.

Als einzelne Journalisten anfingen, Fragen nach dem Kern der Meinungsunterschiede zu stellen, habe es keine Antwort gegeben. Offensichtlich ging es nur darum, die Person von Varoufakis schlecht zu machen.

Die drei genannten internationalen Leitmedien verbreiteten die Darstellung der Spin-Doktoren aus den inoffiziellen Pressekonferenzen. Sie berichteten von einer extrem aggressiven Atmosphäre bei dem Treffen und brachen dabei den üblichen journalistischen Code, der es verbietet, anonyme Quellen Beleidigungen aussprechen zu lassen und solche anonymen Beleidigungen zu verbreiten.

Hier als Beispiel, was die «Welt» unter Verweis auf Bloomberg daraus machte.

Und Christine Schärer berichtete in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens am 24. April nach der Anmoderation von Florian Inhauser wie folgt.

Wer Varoufakis so beschimpft haben soll und aus welcher Quelle diese Information stammt, erfuhren die Zuschauenden nicht. Trotz der schweren Vorwürfe holte die Tagesschau auch keine Stellungnahme der griechischen Seite ein.

Dementi eines Ministers wird ignoriert

Varoufakis italienischer Minister-Kollege Pier Carlo Padoan hat in der Folge öffentlich dementiert, dass es diese Beleidigungen bei dem Treffen gegeben habe. Dieses Dementi hinterliess aber in den Medien keine grösseren Spuren. Daraus muss man schliessen, dass in den europäischen Medien von anonymen Quellen verbreitete Beleidigungen, zudem ohne mit Namen identifizierte Beleidiger, mehr zählen als der abweichende Bericht des italienischen Finanzministers, der sich mit Namen zitieren lässt.

Im Gegensatz etwa zur «Frankfurter Allgemeinen» FAZ haben weder die Schweizer Tagesschau noch Tages-Anzeiger oder Bund über das Dementi des italienischen Ministers informiert.

Tages-Anzeiger-Korrespondent: «Ich stützte mich auf die Agenturen»

Stephan Israel, Korrespondent in Brüssel, erklärte gegenüber Infosperber, der «Tages-Anzeigers» und der «Bund» hätten die Beschimpfungen nicht dementiert, weil dies auch die «zuverlässigen» Agenturen Reuters oder Bloomberg nicht getan hätten. Er selber sei am Ministertreffen in Riga nicht dabei gewesen. Wenn er als Korrespondent an Ort und Stelle sei, gehörten Hintergrundgespräche, Kontakte mit Mitarbeitern der Minister, nationalen und EU-Diplomaten etc. zum Arbeitsalltag: «In der Regel dürfen diese Gesprächspartner nicht namentlich zitiert werden beziehungsweise auch nicht identifizierbar sein.»

Solche Hintergrundgespräche würden einen Einblick geben hinter die Kulissen und hinter die diplomatischen Floskeln. Aber selbstverständlich bestehe «immer die Gefahr, einem 'Spin' der einen oder anderen Seite auf den Leim zu gehen». Allerdings hält Stephan Israel die erwähnten Beschimpfungen mit den Worten «Spieler», «Amateur» und «Zeitverschwender» für «durchaus glaubwürdig».

Ob diese Ausdrücke tatsächlich so gefallen sind, weiss Korrespondent Stephan Israel nicht: «Gemäss meinem Kenntnisstand heute haben die Gesprächspartner von Bloomberg hier vermutlich die sehr angespannte Diskussion/Atmosphäre in Riga auf diese Ausdrücke reduziert/resümiert.»

Medien messen zwei Ellen

Ein Vergleich veranschaulicht, wie einige Medien bei der Inland- und Auslandinformation verschiedene Massstäbe anwenden. Informationen, wonach Bundesratsmitglieder während einer Sitzung Bundesrat Ueli Maurer als 'Spieler', 'Amateur' und 'Zeitverschwender' betitelt hätten, würden die Schweizerische Depeschenagentur und grosse Medien höchstens verbreiten, wenn sie entsprechende Informationen direkt aus dem Bundesrat hätten und auch wüssten, welcher Bundesrat sich zu solchen Ehrbeleidigungen hat hinreissen lassen. Und in einem solchen Fall bekäme Ueli Maurer Gelegenheit, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen.

Anonyme Beschimpfungen, ohne Betroffenen anzuhören

Seriöse Medien verbreiten keine von anonymen Quellen geäusserten Beleidigungen. Umso mehr, wenn nicht einmal darüber informiert werden kann, wer denn der Beleidiger namentlich ist.

Warum sich die SRF-Tageschau in diesem Fall nicht an diesen Grundsatz gehalten hat, liess das Fernsehen auf Anfrage von Infosperber bisher unbeantwortet.

Seriöse Medien respektieren zudem die Pflichten der Journalistinnen und Journalisten (Presserat), bei schweren Vorwürfen die Betroffenen anzuhören und über deren Stellungnahme kurz und fair zu informieren. Im konkreten Fall wäre Varoufakis oder sein Umfeld die Adressaten gewesen.

Weshalb weder Fernsehen noch der «Tages-Anzeiger» und der «Bund» dieser Pflicht nicht nachgekommen sind, bleibt offen. Zweifelsfrei sind es schwere Vorwürfe, wenn man einen Minister als «Spieler», «Amateur» und «Zeitverschwender» betitelt.

Weitere Fragen konnte das Fernsehen bisher nicht beantworten, weil die verantwortliche Redaktorin Christine Schärer in den Ferien weilt.

Urs P. Gasche / Infosperber

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