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Warum der revolutionäre Defätismus der Zimmerwalder Linken auch heute noch aktuell ist

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Marx gegen Moskau? Warum der revolutionäre Defätismus der Zimmerwalder Linken auch heute noch aktuell ist

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Politik

Seit über 3 Jahren führt die Armee des kapitalistischen Russlands gegen die kapitalistische Ukraine Krieg. Es geht bei beiden Seiten um die kapitalistischen Interessen von zwei bürgerlichen Staaten.

Ehemalige Pension Beau Séjour, 1860 im Park des benachbarten Jagdschlösschens errichtet.. Die Kuranstalt Beau Séjour, links daneben, wurde 1971 abgerissen. In diesen Gebaeuden fand 1915 die Zimmerwalder Konferenz mit Lenin, Axelrod, Grimm, Platten, Sinowjew, Trotzki u.a. statt.
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Ehemalige Pension Beau Séjour, 1860 im Park des benachbarten Jagdschlösschens errichtet.. Die Kuranstalt Beau Séjour, links daneben, wurde 1971 abgerissen. In diesen Gebaeuden fand 1915 die Zimmerwalder Konferenz mit Lenin, Axelrod, Grimm, Platten, Sinowjew, Trotzki u.a. statt. Foto: Wandersmaa (CC-BY-SA 3.0 unprted - cropped)

Datum 27. August 2025
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Auf beiden Seiten sterben überwiegend Proletarier*innen und arme Menschen, so wie in allen Kriegen, die die herrschenden Kapitalisten führen. Wenn man die Debatten in der gesellschaftlichen Linken in Deutschland aber auch in anderen Ländern verfolgt, hat man den Eindruck, die Diskussionen bei linken Flügeln der Arbeiter*innenbewegung wären total vergessen. Vielmehr nehmen auch subjektiv radikale Linke darunter auch Anarchist*innen die Position der Vaterlandsverteidigung ein und stellen sich überwiegend auf die Seite der „Ukraine“. Als eines von vielen Beispielen für die Kriegsunterstützung aus dem subjektiv anarchistischen Spektrum sei das Interview „Ein Anarchist über den Kampf in der Ukraine“ in der deutsch-schweizer anarchistischen Publikation Barrikade1 genannt.

Hinter der Floskel, sich auf die Seite der Ukraine zu stellen verbirgt sich die Positionierung hinter der aktuellen ukrainischen Armee. Das wird in dem oben benannten Interview mit dem Anarchisten deutlich: Auf die Frage, ob er keine Widersprüche sieht, als Anarchist eine staatliche Armee zu unterstützen, antwortet er: „Ich sehe für mich keine Widersprüche. Ja, in jeder Armee gibt es eine gewisse Struktur des Zwangs, aber in der ukrainischen Armee noch am wenigsten. Initiative, Motivation, Selbstdisziplin: Das sind die Werte von Menschen, die dem Anarchismus auf Dauer treu bleiben, und genau diese Werte sind sehr wertvoll und relevant für die Arbeit im Krieg. Diese Werte sind das, was jetzt gebraucht wird.2 Er bekräftigt dann noch mal:

Wenn man bedenkt, dass dies ein sehr existenzieller Kampf ist, ein Kampf ums Überleben, um grundlegende Dinge, dann ist es für eine:n Anarchist:in ein Muss, für die Ukraine zu kämpfen. Das ist die richtige, ethische Sache.3

Hier wird schon in der Diktion deutlich, dass es für Kriegs- und Militardienstverweiger*innen auch von anarchistischer Seite wenig verständlich gibt.

Marx gegen Moskau?

Nur ein kleiner Teil vor allem (post)stalinistischer Kräfte verteidigen die russische Kriegsführung. In der gesellschaftlichen Linken der unterschiedlichen Länder sorgt die Frage, ob an die ukrainische Regierung Waffen geliefert werden und wenn ja, mit welcher Reichweite, für heftige Auseinandersetzungen. Die Befürworter*innen solcher Waffenlieferungen argumentieren, dass die Ukraine als überfallener Staat ein Recht auf Verteidigung habe. Nicht wenige linke Intellektuelle sind bemüht, ihre Positionen in Einklang mit zentralen Figuren der Arbeiter*innenbewegung zu setzen. So gab kürzlich der wissenschaftliche Mitarbeiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe Timm Grassmann im Schmetterling-Verlag das Buch „Marx gegen Moskau - Zur Aussenpolitik der Arbeiterklasse“4 heraus.
In einem Interview mit der Zeitung Neues Deutschland5 macht Grassmann klar, dass es ihm darum geht, Texte und Zeitungsartikel, in denen sich Marx gegen den Zarismus wendet, zu aktualisieren. „Im Zuge meiner täglichen Arbeit an den Marx'schen Manuskripten wurde mir zunehmend klar, von welch grosser Bedeutung schon früh die Frage war, mit der wir uns seit dem 24. Februar 2022 befassen müssen. Wie geht man mit einem autokratischen russischen Imperium um, das gezielt die emanzipatorischen Bestrebungen in Osteuropa zerstört, die reaktionären Kräfte im Westen unterstützt und mit seinen militärischen Übergriffen eine Bedrohung für den ganzen Kontinent darstellt?“

Hier wird nur eine Tradition der Sozialdemokrat*innen der unterschiedlichen Länder fortgesetzt, die Texte von Marx und Engels für ihre Position der Vaterlandsverteidigung heranziehen. Gegen sie positionierten sich seit Beginn des 20.Jahrhunderts die Linken in der Arbeiter*innenbewegung. Sie konnten den Ausbruch des ersten imperialistischen Krieges mit Unterstützung der Sozialdemokrat*innen der meisten europäischen Länder nicht verhindern. Doch mitten in diesen Krieg entstand die Zimmerwalder Linke, die einen revolutionären Ausweg aus Kapitalismus und Krieg suchte. Sie ist heute weitgehend vergessen. Dabei wäre es gerade heute, wo die unterschiedlichen kapitalistischen Blöcke wieder Kriege führen, umso dringlicher zu fragen, welche Antworten die Zimmerwalde Linke für uns heute noch aktuell sind.

Von Stuttgart nach Zimmerwald

Sieben Jahre vor dem 1. Weltkrieg wurde auf dem Internationalen Kongress der Sozialist*innen 1907 in Stuttgart[6] beschlossen, dass ein Krieg zwischen den Nationen mit allen Mitteln verhindern werden soll. Wenn das nicht gelingt, muss alles getan werden, damit er schnellstens beendet wird. Nach Beginn des 1. Weltkrieg gingen aber die meisten Sozialist*innen auf die Seite ihrer Bourgeoisie und wurden zu „linken“ Vaterlandsverteidiger*innen. Kleine Minderheiten in vielen sozialdemokratischen Parteien sowie die russischen Bolschewiki hielten an der Ablehnung fest, sich in einen Krieg zwischen verschiedenen imperialistischen Mächten auf eine Seite zu stellen. Ein erstes internationales Treffen fand am 5. - 9. September 1915 im schweizerischen Zimmerwald[7] statt.

Sie trafen sich als Ornitholog*innen getarnt in der Pension Beau Sejour in Zimmerwald. Es war eine so kleine Gruppe, dass einige der Kongressteilnehmer*innen sarkastisch anmerkten, dass ein halbes Jahrhundert nach Gründung der Ersten Internationale die in Zimmerwald versammelten Teilnehmer*innen in vier Wagen Platz finden könnten. Es war auch eine Momentaufnahme über die grosse Isolation der Kriegsgegner*innen. Und doch wurde das Treffen der Startschuss für eine Bewegung innerhalb der Arbeiter*innenbewegung, die gegen jegliche Unterstützung des Krieges auf allen Seiten agierte. Am linken Flügel der Zimmerwalder Bewegung entwickelte sich die Zimmerwalder Linke, die die russischen Bolschewiki ebenso erfasste, wie den Spartakusbund in Deutschland und Sozialist*innen und Anarchist*innen aus verschiedenen Staaten.

Die Zimmerwalder Thesen finden Unterstützung

Eine zentrale Rolle bei der Herausbildung der Zimmerwalder Linken spielte Lenin.

Bereits Anfang September 1914 legte er ein kurzes Thesenpapier unter dem Titel »Die Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie im europäischen Kriege“[8] vor, das international verbreitet wurde. Darin wurden die Grundsätze des revolutionären Defätismus erstmalig grob formuliert, die in den folgenden Jahren von den radikalen Linken der verschiedenen Länder in Broschüren, Artikeln, Reden oder Flugschriften tausendfach verbreitet wurden. Hier wurde die Grundlage für die Verankerung der Thesen der Zimmerwalde Linken in Teilen der Arbeiter*innenklasse gelegt.

Nach der Konferenz sorgten linke Aktivist*innen der verschiedenen Länder dafür, dass die Positionen von Zimmerwald bei den ausgebeuteten Massen in allen kriegsführenden Staaten bekannt wurden. Natürlich waren sie massiver Repression in allen kriegsführenden Ländern ausgesetzt. Viele bekannte Kriegsgegner*innen sassen im Gefängnis wie Rosa Luxemburg oder wurden zwangsweise an die Front einbezogen wie Karl Liebknecht in Deutschland. Deswegen war die „neutrale“ Schweiz zum Zufluchtsort vieler der linken Kriegsgegner*innen geworden, darunter Lenin. Auf einer Internationalen Kundgebung am 8. Februar 1916 in Bern erklärte er[9]:

„Seit mehr als anderthalb Jahren wütet der europäische Krieg. Und mit jedem weiteren Monat, mit jedem weiteren Tage des Krieges wird es für die Arbeitermassen immer klarer, dass das Zimmerwalder Manifest die Wahrheit gesagt hatte, als es sagte, dass die Phrasen von der "Vaterlandsverteidigung" und dergleichen nichts als „Betrug der Kapitalisten sind“[10]. Lenin ging dann auf die wichtige Rolle des Kampfes der revolutionären Arbeiter*innen in Russland gegen Krieg und Kapitalismus ein. Aber er zeigte in seiner Rede auch auf, wie die Ideen von Zimmerwald beim Proletariat vieler anderer Länder auf Zustimmung stiess: So zitierte er den US-Sozialisten Eugene Debs, der am 15. September 1915 in der US-amerikanischen Zeitung Appeal to Reason schreibt: "Ich bin kein kapitalistischer Soldat; ich bin ein proletarischer Revolutionär. Ich gehöre nicht zur regulären Armee der Plutokratie, wohl aber zur irregulären Armee des Volkes. Ich verweigere den Gehorsam, in den Krieg zu gehen für die Interessen der Kapitalistenklasse. Ich bin gegen jeden Krieg ausser einem Kriege. Für diesen Krieg stehe ich mit meiner ganzen Seele, und das ist der Weltkrieg für die soziale Revolution. An diesem Kriege bin ich bereit teilzunehmen, wenn die herrschenden Klassen einen Krieg überhaupt notwendig machen wollen."[11]

Revolutionärer Defätismus statt Pazifismus

Das ist die Position des revolutionären Defätismus. Im Unterschied zum Pazifismus wurde hier nicht jeglicher Krieg abgelehnt. Revolutionäre Defätist*innen riefen vielmehr zum Kampf gegen den Kapitalismus als Verursacher der Kriege auf. Die Soldaten aus der Arbeiter*innenklasse wurden aufgefordert, ihre Gewehre umzudrehen und sie gegen die Organe des kapitalistischen Staates zu richten. Vor allem die Oktoberrevolution in Russland hat den Positionen der Zimmerwalder Linken in vielen Ländern darunter auch in Deutschland Auftrieb verschafft. Schliesslich gehörte zu einer der ersten Massnahmen der revolutionären Sowjeträte das Dekret über den Frieden.
Die Sowjetunion beendete einseitig den Krieg und rief die Soldaten aller Länder auf, sich untereinander zu verbrüdern und die Gewehre gegen die Ausbeuter aller Ländern zu richten. Die Aufrufe blieben auch bei den Arbeiter*innen in Deutschland nicht ohne Folgen. So beschrieb Richard Müller,[12] ein führender Aktivist der Revolutionären Obleute, einer Selbstorganisation Berliner Arbeiter*innen in den Fabriken während des ersten Weltkriegs, dass die Ablehnung des Krieges zunahm und der Ruf, es Russland nachzumachen, im Laufe des Jahres 1918 angewachsen war. Es waren auch die Revolutionären Obleute, die in Berlin wesentlich im November 1918 den revolutionären Umschwung ermöglichte als Matrosen in Kiel begonnen hatten. SPD-Bürokraten wie Friedrich Ebert versuchten die Revolution, die Ebert nach eigener Bekundung hasste wie die Sünde, zu verhindern und die KPD war in Deutschland noch gar nicht gegründet.

So waren es die Revolutionären Obleute, die zusammen mit der Basis der Arbeiter*innen in verschiedene Räterepubliken beispielsweise in Bremen, Bayern, Braunschweig im Sinne des revolutionären Defätismus der Zimmerwalder Linken, eine Gesellschaft schaffen wollten, in der die Ursachen der Kriege, der Kapitalismus, beseitigt wären. Es waren genau jene Mehrheitssozialdemokrat*innen, die die Politik der Vaterlandsverteidigung im ersten Weltkrieg vorangetrieben hätten, die im Bündnis mit monarchistischen und frühfaschistischen Kräften wie den Freikorps alle Revolutionsversuche in den Jahren 1919-1923 blutig niederschlagen liessen.

Die Folgen sind bekannt. Nur 15 Jahre nach der Novemberrevolution kam in Deutschland der Nationalsozialismus an der Macht, der sehr früh Vorbereitungen für einen neuen imperialistischen Weltkrieg traf. „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“, lautete die Parole der KPD bereits 1932. Angesichts der besonderen Brutalität des NS-Faschismus an der Macht, wozu der eliminatorische Antisemitismus ebenso gehört wie die totale Zerschlagung der Arbeiter*innenbewegung und jeglicher Opposition, war während des zweiten Weltkriegs die Position des revolutionären Defätismus sehr schwach vertreten. Nur kleine linkskommunistische Gruppen hielten daran fest[13].

Der Grossteil der Linken unterstützte die Anti-Hitler-Koalition, zu der nach den Angriffen der Wehrmacht 1941 auch die Sowjetunion gehörte, um die Kapitulation des NS-Faschismus uns seiner Verbündeten zu erreichen. Das bedeutete konkret, eine aktive Unterstützung des Bündnisses der Sowjetunion mit allen anderen Staaten der Anti-Hitler-Koaltion durch einen Grossteil der Kommunist*innen und Sozialist*innen aller Länder. Das ist die diamentrale Entgegensetzung zur Politik des Revolutionären Defätismus, den die Zimmerwalder Linke während des 1. Weltkriegs vertreten hat.

Während diese damals die Arbeiter*innen aller kriegsführenden Länder aufrief, den Klassenkampf in allen Ländern zu intensiven, zu streiken und letztlich die Gewehre umzudrehen, wurde im 2. Weltkrieg auch von Kommunist*innen und Sozialist*innen eine Politik des Burgfriedens in allen Ländern der Anti-Hitler-Koaliton propagiert. Der Klassenkampf der Arbeiter*innen wurde faktisch eingestellt. Es ging jetzt in erster Linie darum, in all diesen Ländern alles zu tun, um den Krieg gegen die faschistische Achse Deutschland- Italien- Japan und ihrer Hilfswilligen in vielen Staaten zu gewinnen.

Vor allem der italienische Linkskommunist Amedeo Bordiga[14] und seine Unterstützer*innen sahen darin einen Verrat und einen Kniefall vor der stalinisierten Sowjetunion, die bereits seit Mitte der 1920er Jahre den Weg zum Sozialismus aufgegeben habe. Dass diese Linkskommunist*innen, wie sie sich selber verstanden, so wenig Unterstützung mit ihrer Postion des Revolutionären Defätismus im 2. Weltkrieg fanden, liegt aber auch in der besonderen Brutalität des NS-Faschismus. Viele derjenigen, die aus deren Machtbereich emigrieren konnten, warben in ihren Aufnahmeländern für einen schnellen Kriegseintritt gegen die faschistischen Achsenmächte. Dass Bordiga keinen Begriff von dem eliminatorischen Antisemitismus des NS hatte, zeigte seine 1961 veröffentliche Schrift „Auschwitz und das grosse Alibi“.[15] Dort versuchte Bordiga erst gar nicht den NS-Antisemitismus zu analysieren. Er warnte vielmehr davor, die NS-Vernichtungspolitik als Alibi zu benutzen, um sich in dem 2. Weltkrieg auf die Seite der Anti-Hitler-Koalition zu stellen.

Zimmerwalde Linke - noch heute aktuell?

Auch durch solche sektierische Positionen gerieten die Zimmerwalder Linken und der revolutionäre Defätismus weitgehend in Vergessenheit. Dabei wäre es gerade aktuell notwendig diese Postionen neu zu diskutieren. Tatsächliche fragen sich nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine und des Einschwenkens grosser Teile auch der ausserparlamentarischen Linken auf die Position der Vaterlandsverteidigung kleinere Teile der gesellschaftlichen Linken, welche Bedeutung die Zimmerwalder Linke heute noch hat.

Da ist an das Buch „Sterben und sterben lassen“ zu nennen, dass von dem AK Beau Sejour[16] herausgebracht wurde. Dass sie sich nach der Pension benennen, in der sich 2015 die kleine Gruppe der antimilitaristischen Linken in Zimmerwald traf, ist Programm. Im Vorwort heisst es. „Gegen diese neuen Kriegstrommeln und ihre zynische Logik, die die schrankenlose Aufrüstung zur Bedingung menschlicher Freiheit und Zivilisation erklären, richtet sich der vorliegende Sammelband. Er richtet sich an alle Antimilitarist*innen, die gegenwärtig wohl leider ähnlich minoritär sind, wie die sozialistischen Kriegsgegner, die sich im September 1915 als Ornithologen getarnt, in der Pension Beau Sejour im Schweizer Zimmerwald trafen, und die angesichts ihrer Zwergenhaftigkeit darüber scherzten, „dass es ein halbes Jahrhundert nach Begründung der Ersten Internationale möglich war, alle Internationalisten in vier Wagen unterzubringen“.[17]

Arbeiter*innen gegen Militarismus und Krieg

Tatsächlich macht es Sinn, heute an die Positionen der Zimmerwalder Linke zu erinnern. Wie während des ersten Weltkrieges kann heute wohl niemand bestreiten, dass alle kriegsführenden Staaten kapitalistische Mächte sind. Doch anders als während des ersten Weltkriegs gibt es heute keine starke organisierte Arbeiter*innenbewegung. In vielen Ländern ist sie vielmehr demobilisiert und zersplittert. Doch auch heute gibt es in verschiedenen Ländern Aktionen von Arbeiter*innen gegen Krieg und Militarismus. In Italien gab es mehrmals Blockaden von Waffenlieferungen an die Ukraine, an denen linke Gewerkschaften wie Sin Cobas und das genuesische Hafenarbeiter*innenkollektiv CALP[18] beteiligt waren. Einer der Mitbegründer des CALP ist Maurizo Gueglio. Er stellte die Aktion in dem nd-Interveiw in den Kontext der linken Arbeiter*innenbewegung.

„Wir sind Antimilitarist*innen und sehen uns in einer langen Tradition der Antikriegsarbeit der Arbeiter*innenbewegung. Deswegen sind wir gegen die Waffenlieferungen. Es geht darum, für Arbeitsplätze zu kämpfen, in denen für den Frieden und für ökologische und soziale Belange produziert wird. Wir fordern in unseren Flugblättern und Zeitungen, dass Gelder für diese sozialen Belange und nicht für Militär und Rüstung ausgegeben werden“,[19] erklärte er. Guglio machte auch deutlich, dass es dem CALP nicht nur um den Krieg in der Ukraine geht.

„Wir blockierten 2019 im Hafen von Genua Waffenlieferungen an das autokratische Regime in Saudi-Arabien, die dort für den Krieg im Jemen eingesetzt werden sollten. Dort starben weitgehend unbemerkt von Westeuropa Tausende Menschen in einem Bürgerkrieg, der wesentlich von auswärtigen Mächten wie Saudi-Arabien befeuert wurde“[20], wies er auf auf militärische Konflikte hin, die weltweit kaum wahrgenommen werden, obwohl durch die direkten und indirekten Folgen viele Menschen sterben. Auch die kriegerischen Auseinandersetzungen im Sudan könnten hier genannt werden. Das sind zwei Beispiele, bei denen von der gesellschaftlichen Linken niemand der Position widersprechen würde, dass hier keine kriegsführende Seite unterstützt werden kann, dass vielmehr der Kampf gegen alle kriegsführenden Mächte geführt werden müsste. In Griechenland war die kommunistische Gewerkschaft PAME an Aktionen gegen Waffenlieferungen beteiligt.

Sie konnten nicht verhindert, aber für einige Tage verzögert werden. Auch aus Belorussland und Russland wurden in den letzten zwei Jahren Aktionen gegen das dortige Militär bekannt. So riefen belorussische Eisenbahner*innen dazu auf, die Schienen für die Transporte unbrauchbar zu machen. Auch in Russland sind Fälle von Sabotageaktionen gegen Einrichtungen von Militär und Krieg bekannt.[21] Solche Aktionen können als eine Aktualisierung der Zimmerwalder Linken verstanden werden. Denn auch hier geht es um die Erkenntnis, dass die Arbeiter*innen aller Länder sich nicht an den Kriegen der kapitalistischen Staaten beteiligen sollten, sondern alles tun sollte, um sie zu verhindern oder zu sabotieren.

Vorbild Zimmerwalder Konferenz

So sind die Positionen der Zimmerwalder Linken durchaus noch aktuell. Doch es kommt in erster Linie darauf an, sie erst einmal wieder einer grösseren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Dazu soll am Schluss der Historiker Ewgenij Kasakow zu Wort, weil der Autor es nicht besser formulieren könnte: “Weite Teile der Linken sind schon jetzt dabei, die eine oder andere Kriegspartei zu unterstützen – ähnlich der Kriegseuphorie nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges. Die Vernetzung derjenigen Linken, die den Ukraine-Krieg weiterhin als einen Konflikt der Interessen kapitalistischer Staaten sehen und keine der Regierungen unterstützen wollen, ist eine praktische Notwendigkeit... Auch wenn die Zimmerwald-Konferenz nicht zur sofortigen Antikriegserhebung führte, könnte sie uns auch noch als Vorbild dienen.[22]

Peter Nowak