In Deutschland kommt der Angriff auf die Arbeiterklasse zwar nicht immer als offen verweigerter Lohn. Er kommt als
Reform. Als Modernisierung. Als notwendige Anpassung. Als Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit. Als Entbürokratisierung. Als Stabilisierung der Sozialversicherungsbeiträge. Als Flexibilisierung der Arbeitszeit. Als Sicherung des Standortes.
Die Merz-Regierung formuliert diesen Kurs in seiner ganzen Offenheit. Beim Jahresempfang des Bundesverbandes deutscher Banken erklärte der Kanzler, die Bundesregierung wolle die Wettbewerbsfähigkeit deutlich verbessern. Dies bedeutet niedrigere Energiekosten, niedrigere Unternehmenssteuern, weniger Bürokratie, Investitionen in Innovation und Infrastruktur und Reformen der sozialen Sicherungssysteme. Zugleich betonte er, dass Unternehmensfinanzierung stärker kapitalmarktorientiert ausgebaut werden müsse.[13] Das ist die Sprache des Standortes. Und Standort heisst in der kapitalistischen Ordnung immer: Die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse werden daran gemessen, ob und inwiefern sie dem Kapital nützen.
Ein besonders klares Beispiel ist die Arbeitszeit. Die Bundesregierung verteidigte den Plan, die tägliche durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ersetzen. Die CDU hatte bereits angekündigt, eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu schaffen und die elektronische Erfassung der Arbeitszeit–aufgepasst - unbürokratisch zu regeln.[14]
Was als Freiheit deklariert und verkauft wird, ist in der Klassenwirklichkeit oft die Freiheit des Kapitals, Arbeitskraft beweglicher, flexibler zu benutzen. Länger an einem Tag, anders verteilt über die Woche, angepasst an Auftragsspitzen, Produktionsdruck, Personalmangel und betriebliche Notwendigkeiten. Natürlich wird niemand sagen: Wir wollen die Arbeiter bis zum Erschöpfen arbeiten lassen. Man sagt: Vereinbarkeit. Flexibilität. Moderne Arbeitswelt. Aber die entscheidende Frage bleibt: Wer braucht diese Flexibilität zuerst? Der Arbeiter, der sein Kind abholen muss? Oder der Betrieb, der seine Arbeitszeit nach Auftrag, Markt und Kostendruck neu ordnen will?
Auch bei der Krankenversicherung zeigt sich diese Logik. Das Bundesgesundheitsministerium legte im April 2026 den Referentenentwurf für ein Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung vor. Der Entwurf spricht offen von Finanzierungslücken, Leistungsanpassungen, Zuzahlungen und Beiträgen der Versicherten sowie Patientinnen und Patienten.[15]
Besonders deutlich wird das an der Familienversicherung. Nach dem Referentenentwurf soll die beitragsfreie Familienversicherung für Ehepartner und eingetragene Lebenspartner begrenzt werden. In anderen Fällen sollen Mitglieder mit derzeit beitragsfrei mitversicherten Ehegatten künftig einen Beitragszuschlag in Höhe von 3,5 Prozent der beitragspflichtigen Einnahmen zahlen. Die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern soll erhalten bleiben.[16]
Für die Arbeiterklasse ist entscheidend: Wieder wird ein sozial erkämpfter Schutz zur Disposition gestellt. Wieder wird die Absicherung von Familien, Sorgearbeit, Krankheit und Pflege als Belastung behandelt. Wieder wird die Frage nicht gestellt, warum Vermögen, Kapitalerträge, hohe Einkommen und Unternehmensgewinne geschont werden, während Lohnabhängige über Beiträge, Zuzahlungen und Einschränkungen zur Kasse gebeten werden.
Dasselbe gilt für die Rente. Das Rentenpaket 2025 stabilisiert das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent und enthält zugleich die arbeitsmarktrechtliche Grundlage für die Aktivrente. In der Regierungspressekonferenz vom 22. April 2026 wurde die Aussage des Kanzlers diskutiert, die gesetzliche Rentenversicherung allein werde künftig allenfalls noch eine Basisabsicherung für das Alter sein. Die Bundesregierung verwies dabei auf eine neue Gewichtung der drei Säulen: gesetzliche Rente, betriebliche Altersversorgung und private Altersvorsorge.[17]
Auch hier tritt der Klasseninhalt offen zu Tage. Die Rente, die einmal als kollektive Absicherung nach einem Arbeitsleben erscheinen sollte, wird Stück für Stück in Richtung privater Vorsorge, Kapitalmarkt und individueller Verantwortung verschoben. Wer genug verdient, kann vorsorgen. Wer wenig verdient, wer unterbrochene Erwerbsbiografien hat, wer Kinder grosszieht, Angehörige pflegt, krank wird, arbeitslos wird, prekär arbeitet, soll am Ende lernen, dass seine Armut im Alter ein persönliches Vorsorgeproblem gewesen sei. So kommt der Angriff in Deutschland ziemlich vielfältig daher. Nicht nur als Entlassung. Nicht nur als Lohnverzicht. Nicht nur als Werksschliessung. Sondern auch als längere Arbeitszeit, als Einschränkung sozialer Rechte, als Umbau der Rente, als Belastung von Versicherten, als Privatisierung von Lebensrisiken, als moralische Kampagne gegen angeblich zu wenig Arbeit, zu viel Anspruch, zu hohe Kosten.
Die Mine in der Türkei und die Reformdebatte in Deutschland sind nicht dasselbe. Aber sie gehören zur selben Ordnung. Dort bleibt der Lohn aus. Hier wird die Arbeitszeit flexibilisiert, die Rente kapitalmarktfähig gemacht, die Familienversicherung beschnitten, die Krankenversicherung auf Beitragssatzstabilität getrimmt. Dort zeigt sich die Gewalt des Kapitals unmittelbar. Hier erscheint sie als Gesetzesvorhaben, Kommission, Reformpaket und Standortpolitik.
Die Form ist verschieden die Richtung jedoch dieselbe: Die Arbeiterklasse muss mehr leisten, länger durchhalten, mehr privat absichern, mehr selbst tragen, mehr Risiko übernehmen und darf weniger kollektive Sicherheit erwarten. Und das alles, damit der Standort profitabel bleibt.
Genau deshalb ist Doruk nicht weit weg. Doruk legt nur brutal offen, was in Deutschland verwaltet, moderiert und parlamentarisch formuliert wird: Die Sicherheit der Arbeiterklasse steht immer unter Vorbehalt! Sie gilt nur, solange sie mit der Profitabilität des Eigentums vereinbar ist.
Die Frage der Gewerkschaft: Gegenmacht oder Mitverwaltung?
Der Kampf der Doruk-Minenarbeiter zeigt noch etwas anderes, das für die Arbeiterklasse entscheidend ist: Es geht nicht nur darum, ob es Gewerkschaften gibt. Es geht darum, welche Rolle Gewerkschaften im Klassenkampf spielen.Die unabhängige Bergarbeitergewerkschaft Bağımsız Maden-İş tritt in diesem Konflikt nicht als Vermittlungsagentur zwischen Kapital und Arbeit auf. Sie organisiert den Marsch nach Ankara, benennt die offenen Löhne, die Abfindungen, den unbezahlten Urlaub, die unsicheren Arbeitsbedingungen und die Entlassung gewerkschaftlich aktiver Arbeiter als Klassenangriff. Sie führt den Konflikt nicht in die Sprache der gemeinsamen Verantwortung zurück, sondern macht sichtbar, dass die Arbeiter nichts fordern, was ihnen nicht ohnehin gehört. Laut bianet verlangten die Minenarbeiter neben offenen Löhnen und Entschädigungen auch das Ende erzwungenen unbezahlten Urlaubs, arbeitsschutzgerechte Bedingungen und die Wiedereinstellung entlassener Gewerkschafter.[18]
Das ist Gewerkschaft als Gegenmacht. Nicht als Dienstleister. Nicht als sozialer Reparaturbetrieb. Nicht als Ordnungsfaktor für einen ruhigeren Betriebsablauf. Sondern als organisierte Kraft der Arbeiter gegen Eigentümer, Staat und Polizei. Als die Arbeiter nach Ankara marschierten, wurden sie nicht mit Anerkennung für ihre Geduld empfangen, sondern mit Festnahmen. Gerade daran wird sichtbar, dass echte Gewerkschaftsarbeit nicht dort beginnt, wo sie den Konflikt befriedet, sondern dort, wo sie ihn öffentlich macht. Genau hier liegt der Unterschied zur sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaftspolitik, wie sie in Deutschland viel zu oft als Normalfall gilt. Dort treten Gewerkschaften nicht selten als Mitverwalter des Angriffs auf. Sie verhindern nicht den Stellenabbau, sondern verhandeln seine Form. Sie verhindern nicht die Standortlogik, sondern versuchen, den eigenen Standort innerhalb dieser Logik zu retten. Sie verhindern nicht die Weitergabe der Krise an die Beschäftigten, sondern sorgen dafür, dass diese Weitergabe sozialverträglich geschieht.
Bei Volkswagen wurde Ende 2024 eine Einigung zwischen Konzern, Betriebsrat und IG Metall erzielt, die Werksschliessungen
und unmittelbare betriebsbedingte Kündigungen abwenden sollte. Gleichzeitig beinhaltet sie den Abbau von mehr als 35.000 Stellen bis 2030 und eine dauerhafte Reduzierung der Produktionskapazitäten in Deutschland. Volkswagen selbst sprach von einer sozial verantwortlichen Reduktion der Belegschaft und von Kostensenkungen, die den Konzern wettbewerbsfähig ausrichten sollen.[19]
Das ist der entscheidende Punkt: Ein Angriff verschwindet nicht dadurch, dass er verhandelt wird. Ein Stellenabbau wird nicht zu Arbeiterpolitik, weil er ohne betriebsbedingte Kündigungen und mit Sozialplan organisiert wird. Natürlich ist es für die unmittelbar Betroffenen ein Unterschied, ob sie brutal entlassen oder mit Abfindungen, Altersteilzeit und Sicherungsfristen aus dem Betrieb gedrängt werden. Das ist nicht egal. Aber politisch bleibt die Frage bestehen: Warum akzeptiert eine Arbeiterorganisation überhaupt die Logik, dass zehntausende Arbeitsplätze verschwinden müssen, damit ein Konzern wettbewerbsfähiger wird?
Dasselbe zeigt Ford Saarlouis.
Die IG Metall erklärte nach der Einigung mit Ford, rund 1.000 Arbeitsplätze blieben nach 2025 erhalten, betriebsbedingte Kündigungen seien bis 2032 ausgeschlossen, Beschäftigte könnten mit Abfindungen früher gehen. Gleichzeitig bedeutete die Einigung den Abbau von rund 3.500 Stellen. Der IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Köhlinger sagte dazu, man habe nicht die beste Lösung erreichen können und sich deshalb für die zweitbeste entschieden: den Stellenabbau für Ford so teuer wie möglich zu machen.[20]
Dieser Satz ist ehrlich, aber gerade deshalb politisch entlarvend. Die Gewerkschaft organisiert nicht mehr den Bruch mit der Logik des Kapitals. Sie organisiert die teuerste Form der Niederlage. Sie kämpft nicht darum, dass die Arbeiterklasse über Produktion, Standort und Zukunft entscheidet. Sie kämpft darum, dass die Abwicklung geordnet, bezahlt und tariflich flankiert geschieht. Das ist nicht nichts. Aber es ist nicht genug.
Denn die Arbeiterklasse braucht Gewerkschaften nicht als Beerdigungsunternehmen für Arbeitsplätze. Sie braucht sie als Kampforganisationen. Sie braucht keine Funktionäre, die den Arbeiterinnen und Arbeitern erklären, welche Opfer leider unvermeidlich seien. Sie braucht Organisationen, die die Unvermeidlichkeit selbst infrage stellen. Die nicht zuerst fragen:
Wie retten wir die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes? Sondern warum Arbeiter für eine Wettbewerbsfähigkeit zahlen sollen, über deren Ziele sie nie entschieden haben?
Hier zeigt Bağımsız Maden-İş am Beispiel der Doruk-Minenarbeiter, was eine andere gewerkschaftliche Praxis bedeuten kann. Die Gewerkschaft macht aus dem Lohnraub keinen technischen Streit. Sie macht daraus eine öffentliche Konfrontation. Sie bringt die Arbeiter nicht zurück in die Vereinzelung, sondern auf die Strasse. Sie akzeptiert nicht die Sprache des Unternehmens, sondern formuliert die Sprache der Arbeiter: Löhne zahlen, Rechte zahlen, Entlassene zurück, Arbeitsschutz durchsetzen, unbezahlten Urlaub beenden.
Das soll nicht die Bedingungen in der Türkei zu romantisieren. Im Gegenteil. Gerade weil die Repression härter ist, gerade weil die Arbeiter weniger institutionelle Absicherung haben, gerade weil Polizei und Staat schneller offen eingreifen, ist der Mut dieser Gewerkschaftsarbeit umso sichtbarer. Aber dieser Mut stellt auch den deutschen Gewerkschaftsapparaten eine Frage: Wozu ist eine Gewerkschaft da? Zur Verwaltung des kleineren Übels? Oder zur Organisierung der Gegenmacht?
Die deutsche Sozialpartnerschaft hat der Arbeiterklasse nicht einfach nichts gebracht. Das wäre historisch falsch. Tarifverträge, Arbeitszeitverkürzungen, Mitbestimmungsrechte, Löhne, Urlaub, Kündigungsschutz, all das wurde erkämpft und oft durch Gewerkschaften verteidigt. Aber genau deshalb ist ihre heutige Rolle so widersprüchlich. Eine Organisation, die aus Klassenkämpfen entstanden ist, kann zur Institution werden, die Klassenkämpfe befriedet. Sie kann Rechte verteidigen und zugleich den Angriff auf diese Rechte verwalten. Sie kann Arbeiter mobilisieren und sie nach der Verhandlung wieder in den Betrieb zurückführen, mit der Botschaft, dass mehr leider nicht möglich gewesen sei.
Die Frage lautet daher nicht einfach: Gewerkschaft ja oder nein. Die Frage lautet: Welche Gewerkschaft? Welche Strategie? Welche Beziehung zur eigenen Basis? Welche Haltung zum Kapital? Welche Bereitschaft, die Standortlogik selbst zu brechen?
Eine Gewerkschaft, die den Arbeitern sagt, sie müssten Opfer bringen, damit ihr Unternehmen wettbewerbsfähig bleibt, erzieht sie zur Loyalität gegenüber dem Kapital. Eine Gewerkschaft, die den Arbeitern zeigt, dass jedes Opfer für den Standort die nächste Erpressung vorbereitet, erzieht sie zum Klassenbewusstsein.
Genau deshalb muss der Kampf der Doruk-Minenarbeiter auch als gewerkschaftliche Lehre gelesen werden. Nicht, weil dort alles einfach besser wäre. Sondern weil dort sichtbar wird, was Gewerkschaft sein kann oder muss, wenn sie mehr sein will als Sozialpartnerschaft, nämlich die organisierte Unversöhnlichkeit gegenüber der Weitergabe der Krise nach unten.
Solidarität ist keine Charity
Internationale Solidarität beginnt deshalb auch bei der Frage, welche Gewerkschaftspolitik die Arbeiterklasse braucht. Eine Gewerkschaft, die Standortkonkurrenz akzeptiert, bleibt national gefangen. Eine Gewerkschaft, die Angriffe nur sozialverträglich verwaltet, bleibt im Horizont des Kapitals gefangen. Eine Gewerkschaft, die Klassenkampf ernst nimmt, muss dagegen jeden Angriff auf Arbeiterinnen und Arbeiter als Teil einer gemeinsamen Lage begreifen: in der Mine, im Werk, im Krankenhaus, im Lager, im Büro, in der Türkei, in Deutschland, überall, also global.Wenn deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter den Kampf der Minenarbeiter in der Türkei als fremd betrachten, stärken sie am Ende dieselbe Logik, die morgen gegen sie selbst eingesetzt wird. Wenn türkische Arbeiter die Stellenstreichungen bei VW oder Ford als deutsches Problem betrachten, bleibt unsichtbar, dass auch dort Arbeiter für Entscheidungen zahlen sollen, die andere getroffen haben. Wenn griechische Arbeiter allein bleiben, wenn deutsche Arbeiter allein bleiben, wenn türkische Arbeiter allein bleiben, gewinnt immer jene Seite, die längst gelernt hat, global zu denken und zu handeln.
Die Solidarität, die nötig ist, ist nicht von Mitleid und Mitgefühl geprägt. Mitleid blickt von oben nach unten. Klassenbewusstsein blickt zur Seite und erkennt: Das, was mit dir geschieht, ist nicht dasselbe, was mit mir geschieht. Aber es kommt aus derselben Ordnung, derselben Logik, demselben Kalkül. Dein Kampf ist nicht mein Kampf, weil unsere Lebensbedingungen identisch wären. Er ist es, weil die Logik, die dich angreift, auch mich angreifbar macht.
Das ist der entscheidende Sprung nach vorne. Vom einzelnen Betrieb zur Klasse. Von der Branche zur gemeinsamen Lage. Von der Nation zur internationalen Organisierung. Vom Bedauern zum Gegenpol.
Die Arbeiterklasse muss lernen, sich für jeden Angriff auf Arbeiterinnen und Arbeiter weltweit zu interessieren. Und dies keineswegs aus sentimentaler Weltverbesserungsromantik, sondern aus nüchterner Einsicht. Jeder nicht gezahlte Lohn ist ein Signal. Jede Werksschliessung ist ein Signal. Jeder Lohnverzicht im Namen der Zukunft ist ein Signal. Jede Entlassung im Namen der Wettbewerbsfähigkeit ist ein Signal. Jede Kriminalisierung von Streiks ist ein Signal. Jede Repression gegen Gewerkschafter ist ein Signal.
Die herrschende Ordnung will, dass diese Signale vereinzelt bleiben, dass sie verstummen. Dass der Minenarbeiter in der Türkei als Randfigur, der VW-Arbeiter als privilegierter deutscher Industriearbeiter, die Arbeiter von Vio.Me als exotisches Krisenphänomen, Strike Bike als sympathische Geschichte aus der Vergangenheit erscheint. Doch zusammen gedacht komplettieren sie ein Bild: Solange die Arbeiterklasse ihre Existenz vom Eigentum anderer abhängig macht, besitzt sie keine Sicherheit, nirgendwo!
Die Selbstverwaltung als Hinweis, nicht als Trost
An dieser Stelle kann Selbstverwaltung ins Spiel kommen, aber nicht als Trostpflaster oder romantisches Ende einer traurigen Geschichte. Nicht als einfache Antwort, die alle Widersprüche auflöst. Eine besetzte Fabrik steht weiterhin in einer kapitalistischen Umwelt. Sie muss Rohstoffe kaufen, Produkte verkaufen, rechtliche Angriffe abwehren, Räumungen fürchten, Absatzmärkte finden, Schuldenfragen klären, interne Konflikte austragen. Wer Selbstverwaltung als fertiges Paradies beschreibt, macht sie angreifbar.Aber wer sie verschweigt, unterschlägt eine wichtige Wahrheit. Vio.Me und Strike Bike zeigen, dass Arbeiterinnen und Arbeiter nicht nur Opfer sind. Sie zeigen, dass die Fähigkeit zur Produktion nicht beim Eigentümer liegt. Sie liegt bei denen, die arbeiten. Beim Wissen der Hände, der Körper, der Köpfe, der Erfahrung, der Kooperation, der Routine, der Erfindungskraft.
Selbstverwaltung ist deshalb kein Beweis dafür, dass sich eine einzelne Fabrik problemlos ausserhalb des Kapitalismus retten kann. Sie ist aber ein Hinweis darauf, dass die herrschende Eigentumsordnung nicht natürlich ist. Sie zeigt auf das es auch anders geht. Aber dieses Andere bleibt bedroht, solange die gesellschaftliche Macht des Kapitals bestehen bleibt. Deshalb kann Selbstverwaltung nur dann mehr sein als ein Notausgang, wenn sie Teil einer grösseren Klassenbewegung wird. Einer Bewegung, die nicht nur einzelne Betriebe rettet, sondern die Frage stellt, warum Betriebe überhaupt in der Hand von Eigentümern liegen, die sie schliessen, verlassen oder gegen die Arbeiter verwenden können.
Was muss die Arbeiterklasse lernen?
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Doruk nun die ausstehenden Löhne zahlt. Natürlich müssen die Löhne gezahlt werden. Natürlich müssen Abfindungen, Kündigungsentschädigungen, Urlaubsgelder und alle offenen Ansprüche gezahlt werden. Natürlich müssen die entlassenen Gewerkschafter wieder eingestellt werden. Natürlich müssen sichere Arbeitsbedingungen durchgesetzt werden. Jeder konkrete Kampf braucht konkrete Forderungen. Wer nur vom grossen Ganzen spricht und die unmittelbare Forderung verachtet, hat den Klassenkampf nicht oder falsch verstanden.Aber wer bei der unmittelbaren Forderung stehen bleibt, versteht ihn ebenfalls nicht. Die Frage lautet: Was muss die Arbeiterklasse daraus lernen, dass sie immer wieder für Krisen zahlen soll, deren Schöpfer nicht sie ist? Was muss sie daraus lernen, dass ihre Sicherheit nie wirklich sicher ist, solange andere über Betrieb, Standort, Investition und Eigentum entscheiden? Was muss sie daraus lernen, dass ein Lohn, ein Tarifvertrag, ein Sozialplan, ein Standortversprechen, ein Regierungswort, ein Konzernname, ein wirtschaftlicher Aufschwung ihr keine dauerhafte Befreiung bringen?
Sie muss lernen, dass sie nicht auf die Vernunft der Eigentümer vertrauen darf. Nicht auf die soziale Verantwortung des Kapitals. Nicht auf die nationale Standortgemeinschaft. Nicht auf die Erzählung, dass Arbeiter und Unternehmer im selben Boot sitzen. Sie sitzen nicht im selben Boot. Die einen rudern. Die anderen besitzen das Boot, bestimmen den Kurs und werfen im Sturm zuerst diejenigen über Bord, die rudern.
Sie muss lernen, dass jeder betriebliche Kampf eine politische Seite hat. Nicht parteipolitisch im engeren Sinn. Sondern politisch, weil er inhärent die Machtfrage berührt. Wer entscheidet? Wer trägt das Risiko? Wer verfügt über den Reichtum? Wer zahlt in der Krise? Wer wird geschützt? Wer wird geopfert?
Sie muss lernen, dass Solidarität nicht nach Pass, Branche oder Lohnhöhe sortiert werden darf. Der Kampf der Minenarbeiter in der Türkei ist nicht weniger wichtig, weil er in der Türkei stattfindet. Der Kampf bei VW ist nicht unwichtig, weil VW-Arbeiter im Vergleich zu anderen besser bezahlt sind. Gerade die Unterschiede müssen Teil des Klassenbewusstseins werden. Denn das Kapital nutzt sie ständig: sichere gegen unsichere, Stammbelegschaft gegen Leiharbeit, deutsche gegen türkische, Industrie gegen Dienstleistung, Beschäftigte gegen Erwerbslose, Männer gegen Frauen, Alte gegen Junge, Zentrum gegen Peripherie.
Und sie muss lernen, dass es in einer Welt des Privateigentums keine dauerhafte Sicherheit für jene gibt, die nichts besitzen als ihre Arbeitskraft.
Fazit: Die Sicherheit, die es nicht gibt
Die Doruk-Minenarbeiter haben nicht nur einen Arbeitskampf geführt. Sie haben eine Wahrheit sichtbar gemacht, die auch dort gilt, wo sie besser verborgen ist. In der Mine zeigt sie sich als ausbleibender Lohn. In Thessaloniki zeigte sie sich als verlassene Fabrik. In Nordhausen zeigte sie sich als Werksschliessung und verweigerte Ansprüche. Bei Volkswagen zeigt sie sich als Umbau im Namen der Wettbewerbsfähigkeit. Bei Ford Saarlouis als Standortentscheidung, die eine ganze Region trifft. Und in der Reformpolitik der Merz-Regierung zeigt sie sich als Angriff auf Arbeitszeit, Familienversicherung, Krankenversicherung und Rente im Namen des Standortes.Nicht gleich. Nicht identisch. Nicht austauschbar. Aber verwandt im Kern. Der Kern heisst: Die Arbeiterklasse lebt von einer Sicherheit, über die sie nicht verfügt. Ihr Arbeitsplatz gehört ihr nicht. Ihr Lohn ist kein Geschenk, sondern muss erkämpft und verteidigt werden. Ihre Zukunft hängt an Entscheidungen, die in Vorständen, Ministerien, Eigentümerversammlungen, Finanzabteilungen und Konzernzentralen getroffen werden. Und wenn diese Entscheidungen scheitern oder wenn sie erfolgreich sind, aber noch mehr Profit verlangen, zahlen sie die Zeche.
Darum darf die Antwort nicht lauten: Hoffen wir auf bessere Unternehmer. Hoffen wir auf verantwortungsvollere Eigentümer. Hoffen wir auf sozialere Standortentscheidungen. Hoffen wir auf eine Krise, die uns verschont. Diese Hoffnung ist die weichere Form der Unterwerfung.
Die Antwort kann nur heissen: Organisation. Klassenbewusstsein. Internationale Solidarität. Aufbau von Gegenmacht im Betrieb, auf der Strasse, in Gewerkschaften, in Versammlungen, über Grenzen hinweg. Die Arbeiterklasse muss lernen, den fremden Kampf als Teil der eigenen Lage zu erkennen. Sie muss lernen, dass jeder Angriff auf Arbeiterinnen und Arbeiter irgendwo eine Warnung an Arbeiterinnen und Arbeiter überall ist.
Selbstverwaltung kann dabei eine widerständige Praxis sein. Sie kann zeigen, dass Produktion ohne Eigentümer möglich ist. Sie kann zeigen, dass Arbeiterinnen und Arbeiter nicht bloss Hände sind, sondern Köpfe, Organisatoren, Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums. Aber sie ist nicht der Trost am Ende der Niederlage. Sie ist ein Hinweis auf eine grössere Aufgabe: die Abhängigkeit selbst zur Disposition zu stellen.
Marx schrieb in Lohnarbeit und Kapital: "Solange der Lohnarbeiter ist, hängt sein Los vom Kapital ab." Und in Lohn, Preis und Profit formulierte er die Konsequenz noch schärfer: Statt des konservativen Mottos: 'Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!', sollte sie auf ihr Banner die revolutionäre Losung schreiben: 'Nieder mit dem Lohnsystem!'[21] 22
Genau hier liegt die Lehre von Doruk, Vio.Me, Strike Bike, Ford, Volkswagen und den aktuellen Angriffen auf soziale Rechte in Deutschland und weltweit. Nicht in der Sehnsucht nach einem sichereren Platz innerhalb der Unsicherheit. Sondern in der Erkenntnis, dass es keine Sicherheit gibt in einer Welt, in der Eigentum über Arbeit herrscht. Wer Sicherheit will, muss die Machtfrage stellen. Wer Befreiung will, darf nicht nur den besseren Verkauf der eigenen Arbeitskraft verlangen. Er muss die Ordnung, die Menschen zwingt, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu dürfen infrage stellen.



