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Tagein, Tagaus, der gleiche Trott, ab ans Band, hinter die Kasse, an die Uni, es ist zum heulen.

Vorstadt Le Quartier de la Fauconnière in Gonesse im Norden von Paris.
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Bild: Vorstadt Le Quartier de la Fauconnière in Gonesse im Norden von Paris. / David.Monniaux (CC BY-SA 2.0 cropped)

27. Mai 2020

27. 05. 2020

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Tagein, Tagaus, der gleiche Trott, ab ans Band, hinter die Kasse, an die Uni, es ist zum heulen. Und nun all die Fluchten zugesperrt, die Kneipe, der Fussball, zwei Wochen Urlaub, das scheinbar wahre Leben, komprimiert auf ein paar Stunden am Strand und den Fick im Hotelbett. Auf den Bahnhöfen dröhnt die Stimme aus unsichtbaren Lautsprechern: Beachten sie BlaBlaBla…. Aber keiner läuft Amok, nur stille Wut und Verzweiflung hinter weissen und blauen Gesichtsmasken. Immer mehr Kleinkinder, Säuglinge, werden mit Verletzungen in Kliniken eingeliefert, von denen die sich von Berufs wegen damit auskennen sagen, so etwas hätten sie noch nicht gesehen. Randnotizen, Kollateralschäden des Ausnahmezustandes.

All I want to say is that, They don't really care about us

Die Linken sagen, die Reichen sollen für die Krise zahlen, Lemmy und die Punks hätten gesagt: “Eat the rich”. Dazwischen liegen Welten. Von Vorstellungen und Lebensrealitäten. Und auch der Unterschied zwischen rebellierenden Bürgerkindern und Leuten, denen es ernst ist mit dem Bruch. Die einen gewinnen soziologische Einsichten für spätere Karrieren, die anderen landen vor Verzweiflung an der Nadel, im Suff oder bezahlen mit ihrem Leben.

Damals wie heute. Seit der Verhängung des aktuellen Ausnahmezustandes sind in Frankreich 13 Menschen bei Polizeikontrollen gestorben. Fast alle waren Jugendliche aus den Vororten. Vorgestern hat es Sabri Choubi erwischt, gerade mal 18 Jahre alt. Unglückliche Umstände sagen die Bullen, seine Freunde und seine Angehörigen glauben das nicht, die verhassten Bullen der Brigades Anti-Criminalité waren ganz in der Nähe. Seit zwei Nächten brennt die Luft in Argenteuil, einem Vorort von Paris. Autos gehen in Flammen auf, Barrikaden werden errichtet, die Bullen mit allem, auch Molotows angegriffen. Am Donnerstag gibt es einen Trauermarsch der Freunde und Angehörigen.

Nein, darunter alles kaputt zu schlagen geht es nicht. Die Dystopie lebt ausschliesslich davon, es nicht zu tun. Es ist nur die Frage, wann und wo beginnen.

“Es hat keinen Zweck, den falschen Leuten das Richtige erklären zu wollen. Das haben wir lange genug gemacht.” schrieb vor fünfzig Jahren Gudrun Ensslin in “Die Rote Armee aufbauen” (2). Vor ein paar Tagen schrieb ein taz Redakteur ein Loblied das den Adressaten eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste: “Die etwas biedere, aber unschlagbar diverse Linke von heute, die Bäume besetzt und Tiere aus Todesboxen befreit; die sich identitätspolitisch geschult nicht mit dem Verweis auf Nebenwidersprüche abspeisen lässt, wenn sie hier und heute radikal Rassismus, Sexismus und die Zerstörung unser aller Lebensgrundlagen bekämpft – diese Anti-RAF-Linke (!!! d.A.) ….”, um anschliessend seiner Sorge Ausdruck zu verleihen, dass die neugewonnene enge Bindung zwischen Staat und “Radikaler Linken” (Die in der Corona Umarmung ihren exzessiven Höhepunkt erlebt) verloren gehen könnte, wenn letzterer nicht entschieden genug gegen die Faschisten vorgeht. Ich glaube, niemand hat den Niedergang einer antagonistischen Linken, die einmal Bezugspunkt für Revolutionäre und Aufständische in aller Welt war, besser und prägnanter auf den Punkt gebracht als der taz Clown in ein paar wenigen Sätzen.

Nein das alles hat mit Corona und Covid 19 nichts und alles zu tun. Die Pandemie ist nur der Zusatztank, der gezündet, die Prozesse in rasender Geschwindigkeit beschleunigt, die eh schon ablaufen.

Eine weitere Übersetzung aus Frankreich, erschienen auf Paris Luttes Info. Nennt sie situationistisch, nennt sie Spätpunk, sucht Euch die Schublade selbst. Und habt Nachsicht mit dem Übersetzer, der erneut an der Begrenzung seiner Sprachkenntnisse verzweifelt.

Wir sind nichts, lasst uns alles sein!

Es war der 15. Mai. Und Paris schien zu feiern! Welch ein Horror.
Wo sind die Aufständischen des 14. Juni? Wo ist der Zorn?
Befreier? Wer schreit "Genug!”


Die allgemeine Verblendung verstümmelt unser Gewissen. Der Reflexionsprozess ist auf halbmast. Die Revolution (ein Begriff, der bald unaussprechlich sein wird) wurde auf die griechischen Kalender verschoben. Wo sind die Apachen von Belleville, das monte-en-l'air der Batignolles und die schwarzen Klamotten geblieben? Die Welt ist in Bewegung, aber die Wut ist ungebrochen. Die schreckliche oberflächliche Heiterkeit des Frühlings taucht wieder auf. Wo sind die wahren Übeltäter der Kommune? In den grossen Schulen oder an den klebrigen Kais von Stalingrad? Im Hof des Lycée Henri IV oder lauernd im Schatten der unscheinbaren Gassen der Metrostation La Chapelle?

Wie die Freiheit ist auch die Revolte nicht teilbar! Es ist an der Zeit, höchste Zeit, aus unseren kuscheligen Höhlen herauszukommen, Netflix (das neue Opium) zu verleugnen, alle Grundlagen unserer bleichen Gewohnheiten der Gefangenschaft zu brechen. Rüsten wir uns mit Baustellengittern aus und greifen diesmal überraschend an, also: psst! kein schriftliches Datum ! Zirkulation durch die Stimme des "Bettler-Volkes".

Sichere Gefangenschaft hat uns "gefickt" (ich sagte "ficken"), wo liegt überhaupt das Problem? Seit wann ist Sexualität nichts als eine leere Form! wie aufeinanderfolgende Mächte? Als 1938, während der Reichspogromnacht, die SA ihr grauenhaftes Pogrom durchführte und 25.000 Juden zur Deportation schickte, wäre niemand auf die Idee gekommen, ihre homosexuellen Orgien zu stigmatisieren, aber als Pierre Overney 1972 ermordet wurde, waren es die Transvestiten der homosexuellen Front der revolutionären Aktion, die mutig und in Stöckelschuhen einen Bus der C.R.S. umstürzten, sie verursachten einen wunderbaren Skandal! Sex ist eine leere Form, und alles ist eine Frage der Praxis und der "historischen Situation". Tod den Legalisten! Fazit: keine Barrieren von Klasse, Geschlecht, Rasse oder Geschlecht, kein Rassismus mehr, Raum für Mutanten! (alle sind willkommen, ausser natürlich der Overkill des Bankiers, für sie gilt: Keine Nachbarschaft!)

Lasst uns JETZT das Kap aller Stürme kreuzen, lasst uns aus ganz Europa herabsteigen, lasst jeden seinen Zauberspruch wählen, frei für ihn oder sie. Die anderen, wenn Sie ausflippen, haben Sie keine Angst, ich erkläre Sie für unschuldig, machen Sie Ihre Nickerchen in Ihren IKEA-Sesseln. Niemand wird Ihnen schaden (wir sind keine autoritären Marxisten, sondern horizontale Anarcho-Autonomisten, "Ordnung ohne Macht! ") Kurz gesagt, es ist an der Zeit, diese Geselligkeit hinter sich zu lassen, haben Sie diesen schrecklichen Tag beobachtet?

Dieser süsse, sonnige 15. Mai, als ob Paris sich von seinen Vampiren, seinen Vertreibern, seinen Enteignern, seinen Massenentlassungen befreien würde! Kein zaghaftes Hin und Her zwischen den Fährleuten und den Demonstranten mehr, das Gelb hat etwas zu lange gedauert, und jetzt geht es zurück zur schwarzen Flagge... jetzt offensiver denn je! Es ist höchste Zeit zum Angriff, mit aller Kraft und vor allem ohne Rückzug! Denn auch wir sind viele! Sie werden sehen, auch sie werden sich zurückziehen, Angst besteht in beiderlei Richtungen!

Ausserdem ist es ein Geschenk des Himmels, dass in der U-Bahn Masken vorgeschrieben sind! Ein Glücksfall wie dieser wird sich so bald nicht wiederholen. Sie sind alle zu Fantomas geworden! Kommen Sie jetzt herunter, morgen, nächste Woche, nächsten Monat, lassen Sie uns den sozialen Frieden mit einer anderen unedlen Melodie als "la Marseillaise" (igitt!) brechen, wählen Sie "la canaille" (1865), das ist passender!

Die Schläge werden sie nur mit Feuer verhindern, lernen Sie den Slang der ‘fortif' (? d.Ü.) von 1900 wieder kennen! Wenn nötig, lesen Sie noch einmal Emile Pouget, einen Freund der Roten Jungfrau.

Die Vendome-Säule ist eine Beleidigung! Kommen Sie zurück Courbet, um den Denkmälern Napoleons, den Triumphen im römischen Stil, dem Triumphbogen und all seinen Nazi-Paraden der Vergangenheit und (wer weiss) der Zukunft das Rückgrat zu brechen! Und wenn ein Rebhuhn Sie anruft und Sie nach Ihren fafs (Papiere) fragt, antworten Sie ihm im rimbaldischen Lexikon "Ich bin ein anderer" ....

Tapferkeit, Furchtlosigkeit und sogar eine Dosis Wahnsinn sind notwendig! 1877 befreiten Carlo Cafiero und Errico Malatesta die Berge von Matese! Clément Duval, der Gründer der "Panther der Batignolles" ist aus dem Gefängnis geflohen, es ist ihm gelungen! Ravachol starb guillotiniert und schrie nach sozialer Revolution. Na und? Sind es die Schmidts, die dir Angst machen? Hör auf zu zittern. Wir sind ihnen egal, für sie sind wir Clowns! Bis das melancholische Lachen des Jokers zu hören ist, wenn der Engel Gabriel die Apokalypse erklingen lässt!

Überraschungseffekt, alles ist da, und umso schlimmer, wenn der Covid 19 wieder an uns allen vorbeizieht! Wir müssen eines Tages sterben, und zwar viel besser auf einer Barrikade als in einem Krankenhausbett! Wir haben keine Waffen? Wir haben unsere Metaphern, unsere Tortenschaufeln, unsere Zyklotrons, unsere Teilchenbeschleuniger!

Bumm-Bumm-Badabumm!

Was, wenn der aufgeklärte Grossmarxist antwortet: "Und was werden Sie nach dem grossen manischen Moment tun? » Dann melden wir uns wieder bei ihm? Dann werden wir sehen.

right now, signiert: Jules Bonnot spectral

Vorwort und Übersetzung von Sebastian Lotzer

Fussnoten:

1) Für die Jüngeren und als Hommage an den dieser Tage verstorbenen Michel Piccoli eine schöne Kritik dieses Werkes

2) “Die Rote Armee aufbauen”, Gudrun Ensslin, Juni 1970 in der 883 http://www.rafinfo.de/archiv/raf/rafgrund.php

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