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Erinnern Pandemie Kriegstagebücher

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Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. (Albert Camus)

29. Mai 2020

29. 05. 2020

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Vor einigen Wochen habe ich endgültig Lebewohl sagen müssen zu einem meiner Patienten. Es war einer der ersten Frühlingsmorgende im März, die Sonne schien schon, aber sie wärmte noch nicht richtig. Im Herbst letzten Jahres hatte ich ihn wieder getroffen, er hatte darum gebeten, dass ich wieder mit ihm arbeite. Wir hatten uns vor Jahren kennengelernt, er war zu diesem Zeitpunkt wegen Totschlags inhaftiert. Er hatte allerdings nicht irgendeinen Menschen getötet, sondern hatte als erwachsener Mann den Menschen wieder getroffen, der ihn als Kind jahrelang sexuell missbraucht hatte.

Betrunken hatte er diesen Menschen dann mit blossen Händen tot geschlagen. A. war kein grosser Redner, manchmal redete ich mehr in den Stunden, die wir miteinander verbrachten, als er. Normalerweise ist es in meinem Beruf anders herum. Doch trotzdem gab mir A. in den raren, wenigen Worte, mit denen er von sich und seiner Lebensgeschichte berichtete, mehr Einblick in seine Seele, als die meisten anderen Menschen, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin.

Irgendwann war unser Miteinander, die gemeinsame Arbeit beendet, A. war zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr inhaftiert, er hatte Arbeit gefunden, lebte in einer betreuten Wohngemeinschaft und trank auch nur noch selten. Jedes Jahr besuchte er uns noch zu den Sommerfesten, die wir gemeinsam mit unseren Klienten feiern, wir spielten dann alle zusammen Fussball, voller Ehrgeiz und Kampfeswille als ginge es um sonst was, wurden für die Dauer des Spiels zu jenen Kindern, die wir alle einmal gewesen waren. Wir blieben im losen Kontakt. Bis er dann im Herbst erneut in mein Leben trat. A. war immer ein aussergewöhnlich kräftiger Mann gewesen, breitschultrig und untersetzt, aber mit der naiv-freundlichen Sicht eines Kindes auf die Welt.

Trotz aller körperlichen Kraft war er immer schutzlos gegenüber Menschen, die ihn manipulierten und ausbeuteten, dieser ganz gewöhnlichen Art und Weise der Boshaftigkeit war er hilflos ausgeliefert, was ihn im Nachhinein, wenn er realisierte, dass er wieder einmal ausgebeutet worden war, sehr wütend machte. Trotzdem hat er niemals, mit der Ausnahme des Menschen der ihn als Kind missbraucht hat, einen anderen Menschen geschlagen oder angegriffen, obwohl es ihm aufgrund seiner körperlichen Konstitution ein leichtes gewesen wäre.

Nun, da ich ihn im Herbst wiedertraf, war er deutlich gezeichnet von der Chemo, die er hinter sich hatte. Er kam gerade aus der Anschluss- Reha, es war bereits seine zweite Chemo. Wie ich erfuhr hatte er in den letzten Jahren alle ärztlichen widersprüchlichen Aussagen von “Nicht mehr lange zu leben” bis “der Krebs ist nicht mehr nachweisbar” hinter sich. Da sass er nun in diesem alten, breiten Sessel vor mir, freute sich sehr mich zu sehen. Seinem Körper sah man noch all die Kraft an, die einst in ihm wohnte, aber man sah auch das Werk des Krebses. Eines seiner ersten Sätze war: “Herr L., ich will nicht sterben”.

Die nächsten Wochen verbrachte ich mit Recherche, ich sprach mit den Leuten, die ihn in der letzten Zeit begleitet hatten, versuchte mir ein Bild von seiner medizinischen Situation zu machen. Ich musste zu dem Schluss kommen, dass der Krebs schon so weit fortgeschritten war, dass es keine Heilungsaussichten mehr gab. Die Wohneinrichtung, in der A. lebte, war nicht bereit, ihn weiter zu betreuen und hatte ihm gegen seinen Willen einen Platz in einem Hospiz organisiert.

Dort fand er sich nun wieder, und ich besuchte ihn fast täglich an diesem unwirklichen Ort, einmal in der Woche kam er zu uns in die Ambulanz. Ich muss gestehen, das mir jeder Besuch im Hospiz schwer fiel, jedes Mal krampfte sich mein Magen zusammen und nur widerwillig betrat ich diesen Ort. In unserer Gesellschaft wird die Etablierung eines Hospizwesens als menschlicher Fortschritt gesehen, aber ich muss sagen, dass ich diese Meinung nicht teile. So sehr sich die Menschen, die dort arbeiten auch Mühe geben, so sehr sind diese Orte doch auch und vor allem Orte der Isolation.

Orte, an denen Menschen, die dem nahen Tode geweiht sind, unter sich bleiben, ihre letzten Wochen oder Monate in der der beklemmenden Eintönigkeit die der eines Krankenhauses oder einer Pflegeeinrichtung gleicht verbringen. Ab und zu kommt etwas Besuch, aber eigentlich dienen diese Orte vor allem dazu, dieser Gesellschaft die Konfrontation mit dem Tod vom Leibe zu halten. Ich denke, wir alle sollten in Gesellschaft derjenigen sterben, an die unser Herz hängt, oder zumindestens mit dem Rauschen des Meeres in unseren Ohren oder dem Singen der Vögel auf einem Berggipfel und nicht alleine in einem dunklen Zimmer.

Nun A. wollte um keinen Preis an diesem Ort bleiben, er wollte auch nicht sterben, er wollte sich auch nicht darüber mit mir austauschen, die Gespräche mit mir nutzen, um sein “Leben Revue passieren zu lassen”, sich mit allem noch einmal auseinander zu setzen. All das was einem professionellen Helfer wie mir halt so vorschwebt. Er wählte seinen eigenen Weg, vielleicht hat er bis fast zum Ende an “ein Wunder geglaubt”, ich weiss es nicht, ich weiss nur dass es sein gutes Recht war, selbst zu entscheiden wie er mit seinem Leben und und seinem Sterben umging. Und so haben wir meistens schweigend im grauen Februar auf zwei Stühlen vor dem Hospiz gesessen und geraucht. Der Mann des Schweigens und der Mann der (zu) vielen Worte. Als seine Kräfte immer weiter nachgelassen haben, haben wir manchmal einfach nur noch in seinem Zimmer gesessen und er hat mir gestattet, eine Weile seine Hand zu halten, was ihm sichtlich schwer fiel, denn in seiner Welt hielten Männer nicht einander bei den Händen. Aber er überwand sich und bis zum Schluss war da so viel Kraft und gleichzeitig so viel Wärme in seinen Händen.

Zum Glück ist es mir gelungen seinen Wunsch, nicht an diesem schrecklichen Ort zu sterben, zu erfüllen. Es war möglich die enge Wohnung seiner alten Mutter so umzugestalten, dass die zum Ende notwendige Pflege auch dort von einem ambulanten Pflegedienst erbracht werden konnte und so ist er im März, mittlerweile bis auf die Knochen abgemagert, dort eingezogen. Nur wenige Stunden nach dem Umzug ist er dann gestorben. Bei seiner Mutter angekommen, konnte er endlich loslassen, obwohl er bis zum Schluss gekämpft hat, wie mir seine Mutter berichtete, die ihm in seiner Todesstunde die Hand hielt.

Und nun musste ich ihn nun im März beerdigen. Wir hatten ja zum Schluss nicht viel miteinander geredet, aber ein wenig, und anderem über seine Lieblingsmusik. Heavy Metal. Aber liebsten gefielen ihm aber die “leisen Lieder”, wie er fast schamhaft einräumte, “besonders das von Metallica, sie wissen schon…”. Und so hatte ich mich auf seine Beerdigung vorbereitet, ich hatte den Vorsatz gefasst, dass erste Mal in meinem Leben auf einer Beerdigung zu reden, etwas, was ich nicht einmal auf der Beisetzung meines Vaters getan habe. Weil da sonst niemand war, um A. zu würdigen.

Der Welt zu erzählen, was für ein feiner und aufrichtiger Kerl sich da hinter einer rauen Schale verborgen hatte. Ich wollte davon berichten, wie er mich beschämt hatte mit seinem Mut angesichts des eigenen Todes und was für ein Geschenk es gewesen war, ihm begegnet zu sein, wie wertvoll für mich all die geteilten Zigaretten unter dem grauen Berliner Winterhimmel gewesen waren. Ich weiss nicht, ob meine Worte ihm gerecht geworden wäre, ich hoffte, er hätte Nachsicht mit meinem Hang zum Plappern gehabt. Aber dann kam die “Verordnung des Berliner Senats über die erforderlichen Massnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus”.

Und so bin ich nun im März zum Friedhof gefahren, “die Anzahl der Trauergemeinde war auf maximal 10 Personen zu begrenzen”, “nur engste Familienangehörige und Freunde”, und wahrscheinlich habe ich noch Glück gehabt, dass mich am Eingang zum Friedhof keine Bullen abgewiesen haben, weil ich nicht zu dieser definierten Schnittmenge gehörte. Stattdessen fand ich eine verschlossene Friedhofstür vor, die mir nur widerwillig von einer Angestellten der Kirche geöffnet wurde. Die Trauerhalle war auf Anordnung des Senats ebenfalls verschlossen, und als erstes galt es sich in einer Liste samt Anschrift einzutragen, um eventuelle Infektionsketten nachverfolgen zu können.

Die Urne mit A. sterblichen Überresten war auf freiem Feld aufgebahrt, ohne Rede und ohne Musik (“Never cared for what they do - Never cared for what they know - But I know”, ich weiss, er hätte so gerne dieses Stück noch einmal erklingen lassen) ging es direkt zum Grab. Ein kurzes Innehalten, dann wurde schon die Urne in die Erde gelassen. Eine Handvoll Erde von jedem Trauergast, dann war es vorbei. Kein Handschlag, keine Umarmung für die in Tränen aufgelöste Mutter, die mir vorher am Telefon schambesetzt gebeichtet hatte, wie sehr sie die allgemeine Panik auch schon angesteckt hatte. Kein Leichenschmaus in einem nahen Cafe, um sich gemeinsam zu erinnern, sich gegenseitig zu trösten, denn die die wir zurückbleiben, brauchen diesen Trost, weil unsere Welt um einen wichtigen Menschen ärmer geworden ist.

Ich war selten in meinem Leben so wütend, wie nach dieser Beisetzung, und ich neige dazu sehr schnell wütend zu werden. Und ich bin es noch heute, da ich diese Zeilen schreibe. Es werden sich bestimmt Leute finden, die einwenden, man müsse aber doch die Notwendigkeit des Ganzen begreifen, aber was soll man diesen Leuten antworten? Wer nicht begreift, was der Tod für unser Leben bedeutet, wie notwendig es für unser Leben ist, den Abschied von eben jenem gestalten zu können, wer die fundamentale Bedeutung von Trauer und den dazugehörigen Ritualen nicht begreift, wer nicht in der Lage ist den Skandal zu begreifen, dass wir unsere Toten wie Hunde, nein noch schlimmer, verscharren, der ist wohl grundsätzlich verloren an diese neue Weltordnung der Dystopie.

Im folgenden die Übersetzung eines Textes des Wu Ming Kollektivs aus Bologna anlässlich des Todes von Salvatore Ricciardi, einem alten Genossen der italienischen Autonomia, der jahrelang inhaftiert war und bis zum Ende seines langen Lebens gegen das Knastsystem gekämpft hat. Dieser Text liegt mir schon länger am Herzen, leider komme ich erst heute dazu, die Übersetzungsarbeit zu vollenden.

DIE BEISETZUNG VON SALVATORE RICCIARDI (1)

Einen Freund und Genossen feiern und gleichzeitig wieder den öffentlichen Raum besetzen WU MING Ein letzter Abschied von Salvo, von den Liedern von Su, den Kommunisten der Hauptstadt! "Diese rebellische Stadt, nie gezähmt von Ruinen und Bombenangriffen..."

Von allen Massnahmen, die während dieser Zeit des Notstands ergriffen wurden, gehört das Verbot von Trauerfeierlichkeiten zu den entmenschlichendsten.

Im Namen welcher Vorstellung von "Leben" wurden diese Massnahmen ergriffen? In der vorherrschenden Rhetorik der letzten Wochen wurde das Leben fast ausschliesslich auf das Überleben des Körpers reduziert, zum Nachteil jeder anderen Dimension des Lebens. Hierin liegt eine sehr starke thanatophobe Konnotation, eine krankhafte Angst vor dem Sterben.

Die Thanatophobie durchdringt unsere Gesellschaft seit Jahrzehnten. Bereits 1975 stellte der Historiker Philippe Ariès in seiner bahnbrechenden “Geschichte des Todes im Westen” fest, dass der Tod in den kapitalistischen Gesellschaften "domestiziert", bürokratisiert, teilweise deritualisiert und so weit wie möglich von den Lebenden getrennt wurde, um der Gesellschaft "die Störung und zu starke Emotionen" des Sterbens zu ersparen und die Idee aufrechtzuerhalten, dass das Leben "immer glücklich ist oder zumindest immer so aussehen muss".

Zu diesem Zweck, so fährt er fort, sei es strategisch, "den Ort, an dem wir sterben, zu verlagern". Wir sterben nicht mehr zu Hause, unter Familienangehörigen, sondern allein im Krankenhaus [...], weil es unangenehm geworden ist, zu Hause zu sterben". Die Gesellschaft, so sagte er, müsse "so wenig wie möglich erkennen, dass der Tod eingetreten ist". Aus diesem Grund werden viele Rituale im Zusammenhang mit dem Sterben heute als peinlich und in der gegenwärtigen Epoche als Nutzungslosigkeit empfunden.

Schon vor dem Ausnahmezustand, den wir erleben, war die Ritualität des Sterbens auf ein Minimum reduziert worden. Deshalb waren wir immer so beeindruckt von den Manifestationen seines Wiederauftretens. Denken Sie an den weltweiten Erfolg eines Films wie “Die Invasion der Barbaren” von Denys Arcand.

Vor fünfundvierzig Jahren schrieb Ariès: "Niemand hat die Kraft oder die Geduld, wochenlang auf einen Moment [den Tod] zu warten, der seine Bedeutung verloren hat". Und was stellt der kanadische Film aus dem Jahr 2003 dar, wenn nicht eine Gruppe von Menschen, die wochenlang - in einem Kontext der Geselligkeit und wieder auftauchender säkularer Rituale - auf das Hinscheiden eines Freundes wartet?

Vor acht Jahren haben wir uns zusammen mit vielen anderen verpflichtet, die Wochen vor dem Tod von einem lieben Freund und Weggefährten, Stefano Tassinari, und auch die darauf folgenden Zeremonien in einem Umfeld der Geselligkeit und des säkularen Rituals zu gestalten. Viele unserer Fragen zu diesem Thema stammen noch aus dieser Zeit.

Wenn das Ritual, das mit dem Sterben verbunden war, bereits auf ein Minimum reduziert war, so hat das Verbot, dem Begräbnis eines geliebten Menschen beizuwohnen, es endgültig ausgelöscht.

Bereits am 25. März teilten wir einen schönen Brief eines Pfarrers aus Reggio, Don Paolo Tondelli, mit, der über die Szenen, die er miterleben musste, bestürzt war:

"Und so stehe ich nun vor dem Friedhof, mit drei Kindern einer verwitweten Mutter, die allein im Krankenhaus gestorben ist, weil die gegenwärtige Situation die Begleitung der Kranken nicht zulässt. Sie können den Friedhof nicht betreten, die getroffenen Massnahmen lassen dies nicht zu. Deshalb weinen sie: Sie konnten sich nicht von ihrer Mutter verabschieden, als sie das Leben verlassen hat, sie können sich auch jetzt nicht von ihr verabschieden, während sie begraben wird. Wir halten am Friedhofstor an, auf der Strasse, ich bin verbittert und innerlich wütend, ich habe einen starken Gedanken: Auch ein Hund wird nicht auf diese Weise zu Grabe getragen. Ich glaube, wir haben einen Augenblick lang übertrieben, wenn wir die Regeln auf diese Weise anwenden, wir sind Zeugen einer Entmenschlichung wesentlicher Momente im Leben eines jeden Menschen; als Christ, als Bürger kann ich nicht schweigen [...] Ich sage mir: Wir versuchen, das Leben zu verteidigen, aber wir laufen Gefahr, das Geheimnis, das so eng mit ihm verbunden ist, nicht zu bewahren.”

Dieses "Mysterium" ist weder das ausschliessliche Vorrecht des christlichen Glaubens noch des religiösen Empfindens, da es nicht notwendigerweise mit dem Glauben an die unsterbliche Seele oder etwas anderes einhergeht, sondern etwas, das wir uns alle fragen, wenn wir uns fragen: "Was bedeutet es zu leben?" Was unterscheidet das Leben vom blossen Weiterleben oder einfach vom Nicht-Tod?

Abgesehen davon haben die Gläubigen und Betrachter die Aussetzung der rituellen Zeremonien - einschliesslich der Totenmessen - als einen Angriff auf ihre Lebensform erlebt. Es ist kein Zufall, dass unter den Beispielen klandestiner Organisation, von denen wir in diesen Tagen gehört haben, auch die katakomben-logistische Fortsetzung des christlichen öffentlichen Lebens zu finden ist.

Wir haben unmittelbare Beweise dafür, dass in vielen Pfarreien die Gläubigen weiterhin an der Messe teilnahmen, trotz der Schilder an den Türen, auf denen stand, dass sie suspendiert waren. Man findet den "harten Kern" der Gemeindemitglieder im Refektorium des Klosters, oder im Pfarrhaus, oder in der Sakristei und in einigen Fällen in der Kirche. Zwanzig, dreissig Personen, die durch Mundpropaganda gerufen wurden. Insbesondere am vergangenen Donnerstag für die Missa in coena Domini.

Dasselbe gilt für Beerdigungen. Auch in diesem Fall haben wir direkte Zeugenaussagen von Priestern, die ohne Publizität kleine Riten mit engen Familienangehörigen abhielten.

In den letzten Tagen haben wir drei Arten des Ungehorsams gegenüber einigen der dümmsten und unmenschlichsten Merkmale der Einschliessung festgestellt.

Individueller Ungehorsam

Die individuelle Geste ist oft unsichtbar, aber gelegentlich ist sie auffällig, wie im Fall dieses Läufers am menschenleeren Strand von Pescara, der von Sicherheitskräften ohne jeden epidemiologisch fundierten Grund gejagt wird. Das Video wurde populär und hatte den Effekt, die Absurdität gewisser Regeln und ihre stumpfe Anwendung zu demonstrieren.

https://www.wumingfoundation.com/runner_pescara.MP4 Die Fortsetzung des Laufs war, objektiv und in seinem Ergebnis, eine sehr effektive Darbietung, eine Aktion des Widerstands und des "konfliktuellen Theaters". Das Fortsetzen des Laufens unterscheidet diese Episode qualitativ von den vielen anderen, die "nur" weitere Beweise für Repression bieten. Wie Luigi Chiarella "Yamunin" schrieb, erinnert das Video an "eine Passage aus ‘Menge und Macht’ von Elias Canetti über das Zupacken, das in der Tat eine Geste der Hand ist, aber auch und vor allem ‘der entscheidende Akt der Macht, wo sie sich auf die deutlichste Weise manifestiert, aus den entferntesten Zeiten, unter den Tieren und unter den Menschen’. Später fügt er hinzu - und hier kommt der Teil, der sich auf die Episode des Läufers bezieht -, dass ‘es dennoch eine zweite kraftvolle Geste gibt, die sicherlich nicht weniger wesentlich ist, wenn auch nicht so strahlend. Manchmal vergisst man unter dem grandiosen Eindruck, den das Greifen erweckt, die Existenz einer parallelen und fast ebenso wichtigen Handlung: sich nicht ergreifen zu lassen". Das Video [...] erinnerte mich daran, wie mächtig und befreiend es ist, sich nicht ergreifen zu lassen. Dann vergesse ich nicht, dass man, wenn man wegläuft, es tut, um mit neuen Waffen zurückzukommen, aber in der Zwischenzeit darf man sich nicht fassen lassen.’"

Klandestiner Gruppen-Ungehorsam

Es handelt sich um die Praktiken der Gemeindemitglieder, die sich organisieren, um heimlich zur Messe zu gehen, der Familienmitglieder eines lieben Verstorbenen, die mit dem Pfarrer vereinbaren, einen Bestattungsritus zu vollziehen... aber auch der Gruppen, die auf die eine oder andere Weise weiterhin Versammlungen abhalten, der Bands, die weiter proben, und der Eltern, die sich zusammen mit einem Lehrer organisieren, um die Schulbücher ihrer Kinder zu holen. Es handelt sich um eine Episode, die sich in einer Stadt in der Emilia ereignete, von der wir vor einigen Tagen berichtet haben.

Um die Bücher aus einer Grundschule zu holen, die im letzten Monat in der Schule zurückgelassen worden war, kam ein Lehrer in die Schule, nahm die Bücher versteckt in einem Einkaufswagen heraus und vertraute sie zwei Eltern an, die in der Nähe eines Bäckers bzw. eines Lebensmittelgeschäfts wohnen, damit die anderen Eltern sie mit dem "Umschlag" des Einkaufs von Lebensmitteln abholen konnten, um mögliche Bussgelder zu vermeiden. Die Bücher wurden den einzelnen Eltern gegeben, indem sie mit einem Seil von einem kleinen Balkon herabgelassen und in Einkaufstaschen oder zwischen Brotlaibe gestopft wurden, als wären es Handgranaten für den Widerstand. Auf diese Weise werden diese Kinder zumindest in der Lage sein, das Programm über das Buch mit dem Lehrer in der “Tele-Erziehung “zu verfolgen, und die Eltern werden Unterstützung für den unvermeidlichen Heimunterricht erhalten.

Nach einer Phase des Schocks, in der bedingungsloser Gehorsam und gegenseitige Schuldgefühle vorherrschten, organisieren sich Teile der Zivilgesellschaft - und sogar "Zwischenzonen" zwischen Institutionen und Zivilgesellschaft - "im Verborgenen" neu. In dieser Reorganisation ist implizit enthalten, dass bestimmte Einschränkungen als inkongruent, irrational und unterschiedslos strafend betrachtet werden.

Mehr noch: Zu Beginn des Notstands gehörten die Elterngespräche im Allgemeinen zu den schlimmsten Brutstätten der Panik, der Kultur des Misstrauens, der giftigen Sprachbotschaften, der Aufrufe zur Denunziation. Die Tatsache, dass nun einige von ihnen auch dazu benutzt werden, wahnhafte Verbote zu umgehen - warum sollte ein Lehrer nicht in der Lage sein, die im Klassenzimmer hinterlassenen Schulbücher zu holen? warum sollte ein Vater oder eine Mutter auf Täuschungsmanöver, Selbstzertifizierung usw. zurückgreifen müssen, um diese Bücher zurückzuholen? - ist ein weiterer Beweis dafür, dass sich die "Stimmung" geändert hat.

Provokativer Gruppen-Ungehorsam

Der Auftritt des Trios aus Rimini - ein Mann und zwei Frauen -, die Sex an öffentlichen Orten hatten und die Videos online stellten, begleitet von Beleidigungen, die auf die Polizei abgefeuert wurden, ist Teil dieser seltenen Fallgeschichte.

Die Polizei hegt seither einen Groll gegen den Fall, wie ihre offiziellen gesellschaftlichen Kanäle zeigen.

Das Einzige, was in diesem Katalog des Ungehorsams fehlt, ist natürlich…

Proklamierte Gruppen-Ungehorsamkeit

Hier haben wir einen sichtbaren und nicht mehr nur klandestinen kollektiven Ungehorsam im Sinn.

Einen Moment lang befürchteten wir, dass die Faschisten ihn als erste ins Spiel bringen würden. Forza Nuova versuchte, die Bestürzung der Gläubigen angesichts der Aussicht auf ein Osterfest "hinter verschlossenen Türen" und ohne die Via Crucis zu nutzen. Als jedoch Flugblätter in Umlauf kamen, die für morgen (Sonntag, 4.12.) eine Prozession zum Petersdom forderten, begleitet von Mottos wie "In hoc signo vinces" und "Rom wird ohne Christus kein Ostern kennen", stellten sie mit Bestürzung fest, dass nicht die Faschisten hinter ihnen standen. Stattdessen waren es unsere Genossen und Freunde von Radio Onda Rossa und der römischen Befreiungsbewegung, die heute Morgen in S. Lorenzo Salvatore Ricciardi mit der ersten politischen Demonstration auf der Strasse seit Beginn der Notlage begrüssten.

(Es folgt ein Einschub zum öffentlichen Abschiednehmen von Salvatore Ricciardi, d.Ü.)

Schlagzeilen über die Ereignisse von heute Morgen sind bereits in der Mainstream-Presse zu lesen. Eine genaue Chronik, begleitet von einigen wertvollen Anmerkungen, kann in diesem Telefongespräch mit einem Redakteur von Radio Onda Rossa [hier] gehört werden. Unter anderem weist unser Genosse darauf hin: "hier stehen tagelang Reihen von Menschen vor dem Metzgerladen, und wir können uns nicht einmal von den Toten verabschieden? [...] Wir sind unter freiem Himmel, während man in Rom nicht einmal eine Maske tragen muss, und doch hatten viele Leute Masken, und es waren ohnehin nur wenige Leute"... Dennoch drohte die Polizei damit, einen Wasserwerfer zu benutzen, um ein Begräbnisritual zu zerstreuen. Der Teil des Bezirks, in dem die aufrührerische Versammlung stattfand, wurde abgeriegelt, und die Anwesenden wurden von der Polizei festgenommen.

Während dieser Notstandssituation haben wir so viele surreale Szenen gesehen - heute, um nur ein Beispiel zu nennen, ist ein Hubschrauber in den Himmel geflogen, um einen einzelnen Bürger zu verfolgen, der an einem sizilianischen Strand spazieren ging und dabei öffentliche Gelder verschwendet hat - und selbst heute Morgen war der Höhepunkt noch nicht erreicht.

Wir unsererseits zollen denjenigen Anerkennung und Solidarität, die mit grossen Risiken laufen und unterwegs sind, um ihr Recht auf ein Zusammenleben einzufordern - im öffentlichen Raum, den sie immer mit ihrem Körper durchquert und mit ihrem Leben erfüllt haben - aus Schmerz und Trauer um den Verlust von Salvo, aber auch aus Freude darüber, ihn als Freund und Begleiter gehabt zu haben.

"Denn die Leiber werden zurückkehren, um die Strassen zu besetzen. Denn ohne die Leiber gibt es keine Befreiung."

Das haben wir gestern geschrieben und damit das "Lied des Lagers el-'Aqila" aufgegriffen. Wir bekräftigen unsere Überzeugung, dass dies geschehen wird. Und die Regierung fürchtet es auch: Ist es Zufall, dass Minister Lamorgese gerade heute vor "Brutstätten extremistischer Reden" gewarnt hat?

In ihrem Telefoninterview sagt die Redakteurin von Radio Onda Rossa, dass die derzeitige Situation im Wesentlichen eineinhalb Jahre dauern könnte. Die Machthaber möchten, dass es anderthalb Jahre ohne die Möglichkeit des Protests bleiben. Sie sind bereit, Gesundheitsvorschriften anzuwenden, um kollektive Proteste und Kämpfe zu verhindern. Für die Machthaber ist es ideal, die Wirtschaftskrise mit suspendierten Bürgerrechten zu bewältigen.

Es ist richtig, sich über absurde Regeln hinwegzusetzen.

Wir sollten noch einmal darauf hinweisen, dass, während eine Bevölkerung unter Hausarrest gehalten wird, während Beerdigungen verboten sind und de jure oder de facto verhindert wird, dass jemand frische Luft schnappen kann - was im Westen fast ein einzigartiges Phänomen ist, da uns nur Spanien in dieser Hinsicht folgt - und während individuelle Verhaltensweisen wie Joggen, "grundloses Ausgehen" oder "zu häufiges Einkaufen" angeprangert werden...während dieses ganze kleine Spektakel stattfindet, bleibt Italien das europäische Land mit der höchsten COVID-19-Sterblichkeitsrate. Eine gute Beruhigung für diejenigen, die von einem "italienischen Modell" sprachen, das von anderen Ländern nachgeahmt werden sollte.

Wer ist für ein solches Debakel verantwortlich? Diese Frage ist nicht schwer zu beantworten: Es waren diejenigen, die nicht rechtzeitig einen “medizinischen Schutzring “um Alzano und Nembro errichtet haben, weil der Besitzer sie darum gebeten hatte; es waren diejenigen, die die Infektion in den Krankenhäusern durch eine beeindruckende Reihe nachlässiger Entscheidungen verbreitet haben; diejenigen, die Alten- und Pflegeheime in Orte des Massensterbens von Coronaviren verwandelt haben; und schliesslich diejenigen, die, während all dies geschah, die öffentliche Aufmerksamkeit auf Unsinn und harmloses Verhalten gelenkt haben, während sie mit dem Finger auf Sündenböcke zeigten. Dies war ein schuldhaftes, sogar kriminelles Verhalten.

Überall auf der Welt bot der Coronavirus-Notstand eine goldene Gelegenheit, die Freiräume einzuschränken, mit unerwünschten sozialen Bewegungen abzurechnen, von dem Verhalten, zu dem die Bevölkerung gezwungen wird, zu profitieren und zum Nachteil der Schwächsten umzustrukturieren.

Zu all dem kommt noch der übliche Überfluss an irrationalen Wutausbrüchen hinzu. Die Aussergewöhnlichkeit unseres "Modells" des Notfallmanagements liegt in seiner völligen Umkehrung der wissenschaftlichen Logik. Denn es ist eine Sache, zum Guten (Schweden) oder zum Bösen (ein anderes Land nach dem Zufallsprinzip) die physische Distanzierung als notwendige Massnahme zur Verringerung der Ansteckungsgefahr durchzusetzen; es ist eine ganz andere Sache, die Bevölkerung in ihren Häusern einzusperren und sie am Verlassen der Häuser zu hindern, es sei denn aus Gründen, die von den Polizeibehörden überprüft wurden. Der Sprung von einem zum anderen drängte sich neben der - ebenfalls unbegründeten - Vorstellung auf, dass man "drinnen" vor dem Virus sicher ist, während man "draussen" in Gefahr ist.

Alles, was wir über dieses Virus wissen, sagt uns genau das Gegenteil, nämlich dass die Chancen, sich im Freien anzustecken, geringer sind, und wenn man den Abstand einhält, sogar fast null, im Vergleich zu drinnen. Aufgrund dieser Selbstverständlichkeit hielt es die überwiegende Mehrheit der von der Pandemie betroffenen Länder nicht nur nicht für notwendig, wie in Frankreich den Menschen generell den Ausflug ins Freie zu verbieten, sondern riet in einigen Fällen sogar davon ab.

In Italien ist dieser Radius bestenfalls zweihundert Meter von der Wohnung entfernt, aber es gibt Gemeinden und Regionen, die ihn auf null Meter reduziert haben. Für diejenigen, die in der Stadt leben, entspricht ein solcher Radius leicht einem halben Block asphaltierter Strassen, die viel überfüllter sind als auf dem Freigelände ausserhalb der Stadt, wenn es erreichbar wäre. Für diejenigen, die auf dem Land oder in dünn besiedelten Gebieten leben, ist ein Radius von zweihundert Metern jedoch ebenso absurd, da die Wahrscheinlichkeit, jemandem zu begegnen und sich ihm nähern zu müssen, unendlich geringer ist als in einem städtischen Zentrum.

Und nicht nur das: Wir haben gesehen, dass nur sehr wenige Länder die Verpflichtung eingeführt haben, ihre Anwesenheit im Freien durch Genehmigungen, Bescheinigungen und Quittungen zu rechtfertigen und sogar die Entfernung von zu Hause mit Hilfe von Google Maps zu berechnen. Dies ist auch ein wichtiger Schritt: Es bedeutet, die Bürger der Gnade der Strafverfolgungsbehörden auszusetzen.

Wir haben Fälle von Bluthochdruckpatienten registriert, die mit einer ärztlichen Verordnung, in der aus gesundheitlichen Gründen tägliche Bewegung empfohlen wurde, mit einer Geldstrafe von 500 € belegt wurden, oder mit einer Geldstrafe, weil sie mit ihrer schwangeren Partnerin spazieren gingen, der der Arzt das Gehen empfohlen hatte. Die Liste der Missbräuche und Idioten wäre lang, und man kann unsere Website für weitere Beispiele konsultieren.

Rechtsunsicherheit, die Willkür der Polizeikräfte, die unlogische Beschränkung eines Verhaltens, das für niemanden gefährlich ist, sind wesentliche Elemente des Polizeistaates.

Eine unlogische, irrationale Norm respektieren zu müssen, ist die Ausübung von Gehorsam und Unterwerfung par excellence.

Es wird nie "zu früh" sein, sich gegen solche Verpflichtungen aufzulehnen.

Es muss getan werden, bevor es zu spät ist.

Vorwort und Übersetzung von Sebastian Lotzer

Fussnoten:

1) Salvatore Ricciardi, 80 Jahre alt, war eine Stütze der römischen Antagonisten, Linken. Als ehemaliger politischer Gefangener war er viele Jahre lang an Kämpfen innerhalb der Gefängnisse und gegen die Haftbedingungen beteiligt. Er tat dies in einer Reihe von Büchern und unzähligen Sendungen von Radio Onda Rossa, das ihm gestern ein bewegendes vierstündiges Live-Special widmete. Er tat dies bis vor wenigen Tagen in seinem Blog Contromaelstrom, in dem er über das Gefängnis und den Coronavirus schrieb.

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