Mimmo Lucano ist wieder Bürgermeister – und im EU-Parlament Neues Leben für das Willkommensdorf Riace

earth-europe-677583-70

Politik

Das kleine Bergdorf Riace im süditalienischen Kalabrien hat seit Ende der 1990er Jahre Geflüchtete aufgenommen und wurde als Willkommensdorf weltberühmt.

Mimmo Lucano am 25. Juni 2024 in Brüssel.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild vergrössern

Mimmo Lucano am 25. Juni 2024 in Brüssel. Foto: zVg

Datum 8. Juli 2024
5
0
Lesezeit4 min.
DruckenDrucken
KorrekturKorrektur
Der Zuzug junger Menschen aus aller Welt belebte den von Abwanderung schwer betroffenen Ort. Mit Hilfe der Fördermittel für die Aufnahme konnten Arbeitsplätze geschaffen werden, es entwickelte sich ein bescheidener Wohlstand für Einheimische und Zugezogene. Riace war auch ein Gegenmodell zu den menschenunwürdigen Flüchtlingslagern, die oft von der Mafia betrieben werden, und zur Ausbeutung von Migrant*innen in der Landwirtschaft.

2018 setzte eine Welle der Repression gegen den damaligen Bürgermeister Domenico (Mimmo) Lucano und seine Mitstreiter*innen ein. Treibende Kraft war der damalige Innenminister Matteo Salvini. Lucano hatte sich unermüdlich für die Schutzsuchenden eingesetzt, Menschlichkeit und praktische Solidarität höher bewertet als bürokratische Auflagen. In einem skandalösen Prozess wurde er 2022 zu über 13 Jahren Gefängnis verurteilt. In der Berufungsverhandlung im Herbst 2023 wurden die Urteile aufgehoben, geringfügige Strafen für Domenico Lucano und eine andere Angeklagte wurden zur Bewährung ausgesetzt, alle anderen Beschuldigten freigesprochen.

Hoffnung für eine echte Alternative

Seit 2019 war Antonio Trifoli Bürgermeister von Riace. Er steht der rechtspopulistischen Lega des heutigen Verkehrsministers und stellvertretenden Ministerpräsidenten Salvini nahe. Ohne Fördermittel versucht Lucano mit Unterstützer*innen seither, wenigstens in kleinem Umfang und mithilfe von Spenden Geflüchteten ein Bleiben zu ermöglichen.

Am 9. Juni diesen Jahres wurde eine neue Phase im Leben von Riace eingeleitet: Domenico Lucano wurde wieder zum Bürgermeister gewählt – und am gleichen Tag, auf der Liste der Alleanza Verdi e Sinistra (Grün-Linke Allianz), zum Abgeordneten des Europäischen Parlaments.

An seinem ersten Tag in Brüssel betonte er gegenüber der Zeitung Il Dubbio (Der Zweifel), dass es ihm darum ginge, dort die Geschichte von Riace zu erzählen. Eine Geschichte, die vielleicht den Tod von Satnam Singh hätte verhindern können. Der illegalisierte indische Erntehelfer war am 17. Juni nach einem schweren Arbeitsunfall verblutet, weil sein Ausbeuter ihn nicht ins Krankenhaus gebracht hatte. Im Interview führt Domenico Lucano weiter aus, dass er die „rassistische Propaganda, die sich auf Sicherheit, auf die Verstärkung der Grenzen und die Abneigung gegenüber Fremden stützt“ umstürzen möchte, die auch Riace zu Fall gebracht hat: „Heute in Brüssel zu sein, ist die Revanche der verlassenen Dörfer, der alten Gemeinschaften von Tagelöhnern, die der Welt eine Lektion erteilen. Ich werde diese Hoffnung mitbringen, die die Alternative ist, die wir Europa anbieten.“

Auftakt für einen lebendigen Sommer

Unter den sechs ins EU-Parlament gewählten Mitgliedern der Grün-Linken Allianz ist auch der frühere Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, der für seinen Kampf gegen die Mafia und seinen Einsatz für die Rechte von Geflüchteten bekannt wurde. Ebenso gewählt wurde die Lehrerin und antifaschistische Aktivistin Ilaria Salis, die im Februar 2023 in Budapest wegen angeblicher Gewalttaten auf einer Demonstration gegen eine Neonazi-Kundgebung verhaftet wurde. Im Gefängnis war sie menschenunwürdigen Behandlungen unterworfen und ihre Anwälte konnten eine Verlegung in den Hausarrest durchsetzen. Aufgrund ihrer Wahl als Europa-Abgeordnete kehrte sie nun nach Italien zurück.

In den Jahren des Kampfes um die Wiederbelebung von Riace und die Aufnahme von Schutzsuchenden ist eine Generation junger Riacesi herangewachsen, die sich mit kollektiver Kraft für die Weiterentwicklung ihrer Region einsetzen. Für das diesjährige Sommer-Kultur-Festival bereiten sie eigene Programmpunkte vor, für die sie ein Crowdfunding gestartet haben: Im Rahmen einer Kunstwoche Ende Juli soll im Bergdorf ein zerstörtes Wandgemälde wiederhergestellt, und ein neues Bild in Riace Marina gemalt werden. Kinovorstellungen, ein gastronomischer Parcours und Workshops zu traditionellem Handwerk mit begleitendem Kulturprogramm versprechen einen lebendigen Sommer, der ein Auftakt für eine neue Zukunft des Willkommensdorfes Riace sein könnte.

Elisabeth Voß