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Pandemie Kriegstagebücher reloaded Italien: Die Revolte gegen Ausnahmezustand und Ausgangssperre generalisiert sich

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Was vor einer Woche mit den Konflikten in Neapel gegen die neue Dekrete der Regionalregierung begann, die eine erneute Ausgangssperre und die Schliessung von Gaststätten und kleinen Geschäften anordnete, hat sich innerhalb weniger Tage über weite Teile Italiens ausgebreitet.

Piazza Vittorio in Turin.
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Bild: Piazza Vittorio in Turin. / Sailko (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

3. November 2020

03. 11. 2020

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Tage danach gab es schon in über 30 italienischen Städten Proteste, Plünderungen und Riots in Turin, Strassenkämpfe in Mailand.. Diese spontane Bewegung ist voller Widersprüche, sowohl was ihre Ausrichtung als auch was ihre Zusammensetzung betrifft, wie könnte es in diesen Zeiten auch anderes sein. In Napoli gab es auf der einen Seite eine diffuse Mobilisierung von Anwohnern und Gewerbetreibenden, auf der anderen Seite eine Mobilisierung von Linken und Basisgewerkschaftlern, die sich Kämpfe mit den Bullen lieferten. Am nächsten Tag eine Mobilisierung der Faschos in Rom, die aber ausser Feuerwerk nicht viel auf die Reihe bekommen haben.

Die Homogenität dieser Revolte erinnert sofort und unmittelbar an die Anfänge der Gilets Jaunes Bewegung, in der anfänglich auch faschistische Gruppen präsent waren, bis sie in teilweise heftigen Kämpfen aus der Bewegung geprügelt wurden. Und analog auch die Reaktion in den Medien und bei der etablierten Linken jetzt. Von “Kleinbürger, Camorra bis faschistische Hools” ist alles zu finden in den Medien Berichten und Stellungnahmen. Simplifizierungen und Denunziationen eines widersprüchlichen Prozesses um zu versuchen, die Bewegung im Keim zu ersticken, denn es wird ein harter Herbst und Winter. So oder so.

Zu der gegenwärtigen sozialen Konfliktualität ist in den letzten Jahren schon alles Analytisches gesagt worden, der Corona Ausnahmezustand bündelt wie ein Brennglas den Klassenzusammenstoss, ausserhalb Europas haben die Revolten schon lange wieder das Niveau des rebellischen 2019 erreicht, von den monatelange Unruhen in den USA ganz zu schweigen. Nun also Europa, in der Nacht sprang die Revolte über, in Barcelona errichteten hunderte Jugendliche Barrikaden, griffen die Bullen an, vielleicht hat die Agonie, das Starren auf die tagtäglichen Zahlen und Kurven ein Ende. Vielleicht greift der Gedanke um sich, dass es mehr als um das nackte Leben gehen muss, wie Agamben sagen würde. Eine Übersetzung eines Textes von Genoss*innen aus Turin.

Turin: Die grosse Wut

In der soeben vergangenen Nacht hat sich ein Ausmass an Mobilisierung und Konflikten über den gesamten Stiefel ausgebreitet, wie man es seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hatte.

Von Mailand bis Neapel, von Turin bis Triest, von Cosenza bis Terni gingen Tausende von Menschen als Reaktion auf das neue Dekret des Ministerpräsidenten auf die Strasse. Sehr heterogene Räume voller Widersprüche, die den Eindruck erweckten, als sei ein Korken geplatzt, als sei eine Vermittlung abgenutzt. Die Vermittlung bestand darin, die Verhängung des ersten Lockdown gegenüber einem höheren Gut, nämlich der kollektiven Gesundheit der Gesellschaft, zu akzeptieren. Sich zu Recht eines Teils der individuellen Freiheiten (und auch eines bedeutenden Teils seines Einkommens) zu berauben, um die eigene Gesundheit und die der anderen zu verteidigen.

Diese Vermittlung hielt bis zum Erscheinen der zweiten Welle an, und plötzlich stellte sich heraus (trotz der verschiedenen Anzeichen), dass sich seit dieser Abriegelung nichts geändert hatte. Dieses "nichts mehr so sein wird wie vorher", das monatelang im Fernsehen und in den Zeitungen zur Schau gestellt wurde, war eigentlich eine Lüge. Alles blieb gleich, die einzigen Interessen, die geschützt wurden, waren die der Confindustria, während für die Arbeitslosen, die Arbeiter, die an vorderster Front in den Krankenhäusern kämpfenden Menschen und viele andere Gruppen, die ihre wirtschaftliche und soziale Lage in der Krise verschlechtert sahen, wenig und nichts getan wurde. In dieser Kluft, in diesem "Nichts lief gut" ist eine grosse Wut voller Widersprüche und Zweideutigkeiten gereift.

Diese Wut ist wie ein Schnellkochtopf explodiert, aus dem kein Dampf abgelassen wurde. Der Mangel an Einkommensunterstützung, an angemessenem Schutz in der Krise war der Zünder.

In Turin gab es zwei Plätze, die diesen Zorn auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck brachten. Auf der einen Seite an der Piazza Vittorio, wo sich Händler und Gastronomen konzentrierten, auf der anderen die Piazza Castello, wo sich eine viel gemischtere Zusammensetzung fand: Ultras, junge Grossstadtproletarier aus den Vorstädten, Migranten der zweite Generationen, Angestellte der Restaurant- und Unterhaltungsindustrie.

Zehn Minuten vor dem Beginn der offiziellen Zusammenkunft auf der Piazza Castello finden bereits die ersten Zusammenstösse statt. Die Polizei greift mit der harten Hand unmittelbar vor den ersten Feuerwerkskörpern und Rauchbomben ein. Attacke auf die Demonstranten in Richtung Via Roma und Via Cernaia. Ein Gebiet, in dem die Auseinandersetzungen stundenlang andauern werden und an Intensität und Entschlossenheit zunehmen. Schienen die Aktionen der Gegenseite unter der verwirrten Leitung der Questura (1) zunächst auf diese Region ausgerichtet sein, breiteten sich die Zusammenstösse in der Folge aus und konzentrierten sich auf die Polizei- und Carabinieri-Kordons, auf die Schaufenster der Strassen des struscio.

In der Zwischenzeit beginnt nach einigen Momenten der Spannung auf einer von der Polizei vollständig abgeriegelten Piazza Vittorio das lange Zusammenkommen von Händlern und Gastronomen. Die Interventionen sind vielfältig, aber viele bestehen auf der "Freiheit zu arbeiten". Hier sind die Interessen klarer und homogener, die Reden, die am meisten verbreitet sind, sind die von Kleinunternehmern in Not. Abgesehen von seltenen Interventionen, die das Problem auf eine andere Ebene stellen, wie zum Beispiel eine offene Kritik am Neoliberalismus, identifizieren die anderen die Regierung Conte als Gegenüber und folgen der Dynamik der Ladenbesitzer, die kaum für diejenigen sprechen können, die den Mehrheitszusammensetzungen auf dem Platz weniger nahe stehen. Der Wechsel zwischen den beiden Plätzen ist konstant, diejenigen, die, um dem Tränengas zu entkommen, an der Kundgebung auf der Piazza Vittorio teilnehmen, diejenigen, die aus Langeweile oder Neugierde auf dem anderen Platz vorbeischauen.

Man hat den Eindruck, dass die beiden gesellschaftlichen Ereignisse zum Teil unabhängig voneinander stattfinden, dass auf der Piazza Vittorio der politische Körper der Demonstration steht, derjenige, der seine Ziele, seine Klassenposition und seine kollektiven Ansprüche klar formuliert hat, während auf der Piazza Castello eine “magischere” Komposition steht, die ohne die entsprechenden Worte die offensichtlichen Tatsachenbeschreibungen variiert, ihren Zorn auszudrückt, ihn zu einer politischen Tatsache werden lässt. Die Worte sind also von den anderen geliehen, von den wenigen, die es gibt.

Jugendliche aus den Vorstädten, Gastronomen, die in Schürzen auf die Strasse gingen, Arbeitslose und Ultras, die den von den Händlern eröffneten Raum als einen Moment der Gelegenheit interpretieren, ihren Ärger auszudrücken, pur, ohne differenziert zu formulieren, denn dann wird materialisiert, was die Öffentlichkeit betrifft, wer spricht, wer was ausspricht, wer die Bühne betritt und vor die Kameras tritt, hier auf diesem anderen Platz.

Die starke Botschaft der Jugendlichen von der Piazza Castello kommt im Bild des in den sozialen Medien geteilten Schaufensters von Gucci besser zur Geltung, in der Umkehrung der Realisierung im Konsum, in der Aneignung von Reichtum. In dieser kleinen Szene manifestiert sich der unbewusste Kontrast zwischen den Interessen der verschiedenen Kompositionen, die sich an den gleichen Orten befinden, aber nicht zusammen marschieren.

Dies ist das Bündnis dieser Zeit, ein Bündnis zwischen verfeindeten Menschen, aber ein Bruch ist noch nicht gereift, denn andere Optionen, andere Möglichkeiten, die diese Konfliktbereitschaft wirklich erfassen, gibt es noch nicht, die denjenigen, die zu fünft auf sechzig Quadratmetern leben, glaubwürdige Perspektiven der Opposition geben, mit einem Gehalt, wenn es gut läuft. Das Bündnis zwischen der "Prekären" und der Mittelschicht, die in sich selbst investiert hat und nun leidet. Auf der anderen Seite gibt es das Grosskapital, die Confindustria (2), es gibt das Grosskapital, das, wenn es weiterhin gedeihen soll, sowohl den ersteren als auch den letzteren Möglichkeiten nehmen muss. Passiv noch am Fenster steht der obere Teil der Klasse, jene Proletarier, die noch die "Chance" haben zu hoffen, dass das Erdbeben am Horizont nicht so schrecklich ist, die aber in den letzten Monaten die ersten schwachen Anzeichen von Ungeduld gezeigt haben.

Was ist also in diesem Zusammenhang zu tun?

Wir haben keine bestimmten Antworten, wir wissen sehr gut, dass man, um sie zu finden, die vor uns liegende Realität leben muss, ihre Widersprüche kennen muss und an Wege denken muss, die die gegenwärtigen Strukturen und Kontexte materiell durcheinander bringen, in der Perspektive, dass die allgemeinere Phase, die wir durchleben, die einer Pandemie, die die ganze Gewalt dieses Systems, das die Gesundheit der Möglichkeit eines Einkommens entgegensetzt, zum Vorschein bringt, die nächsten Schritte besser klären wird.

Übersetzung: Sebastian Lotzer

Fussnoten:

(1) Polizeidirektion

(2) Italienische Unternehmensvereinigung

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