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«Komm ja nicht in die Schweiz» | Untergrund-Blättle

Claude Chabrol, 1959.

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4000 Flüchtlinge in einer Nacht «Komm ja nicht in die Schweiz»

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Hamed Abboud wollte in die Schweiz fliehen, doch er wurde gewarnt. In Österreich lebt er jetzt in einer lausigen Unterkunft.

Flüchtlingskrise in Europa September 2015.
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Bild: Flüchtlingskrise in Europa September 2015. Das ehemalige Zollamt Freilassing-Saalbrücke in Salzburg dient als Notunterkunft für Flüchtlinge, die auf die Registrierung bei der Einreise nach Deutschland warten. / Eweht (CC BY-SA 4.0 cropped)

30. Oktober 2015

30. 10. 2015

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Hamed Abboud steht Ende September in Nickelsdorf, dem «Hotspot» an der österreichisch-ungarischen Grenze, wo im Schnitt 8000 Flüchtlinge pro Tag empfangen, verpflegt und dann mit Bussen nach Wien transportiert werden, mit Taxis nach Wien, Salzburg – oder wohin auch immer.

Das eigentliche Ziel sei die Schweiz gewesen, erzählt Hamed Abboud. Ein syrischer Kollege von ihm lebe seit Jahren dort. «Die Schweiz bedeutet für mich Sicherheit, humanitäre Tradition, Rotes Kreuz, Menschenrechte und Genfer Konvention», sagt er und schmunzelt. Deshalb habe er seinen Kollegen angerufen, ihn um Rat gefragt. «Komm ja nicht in die Schweiz», lautete der einzige Rat, den er bekam. Denn: «In der Schweiz ist die Situation für Flüchtlinge prekär, die Stimmung schlecht. Geh irgendwohin – aber komm nicht hierher!»

Langes Warten auf Asylentscheid

Hamed entschied sich deshalb für Österreich, kam ins Erstaufnahmezentrum Traiskirchen bei Wien – und wurde danach in eine Unterkunft im südlichen Burgenland geschickt, wo er auf den Asylentscheid warten muss. Gemeinsam mit 24 anderen Flüchtlingen aus dem Irak, aus Pakistan, Afghanistan und Somalia lebt er in einem ehemaligen Gasthaus unter prekären Bedingungen. 25 Personen teilen sich eine winzige Küche (maximal sechs Quadratmeter), eine Waschmaschine (wenn etwas kaputt geht, bleibt die Waschküche zur Strafe zwei Wochen geschlossen), der Zutritt zur Unterkunft ist für Aussenstehende strengstens verboten. Die Vermieterin – sie kassiert 21 Euro pro Person und Tag (das ergibt bei Vollbelegung 15'750 Euro pro Monat), muss dafür das Haus sauber halten (und die von Maden bewohnten Teppiche ersetzen) und die Flüchtlinge «verköstigen». Dass sie für Essen und Getränke viel Geld in die Hand nimmt, bezweifelt Hamed. Das Burgenland ist günstig, die Vermieterin kauft das Günstigste vom Günstigen im Grosshandel: Konserven, Aktionen, wenig Gemüse, wenig Früchte, billige Kekse. Fleisch essen Hamed und sein Bruder ohnehin nicht.

«Wir wollen niemandem unsere Kultur aufzwingen»

Doch Hamed beklagt sich nicht. Sein Bruder und er haben beschlossen durchzuhalten und sich eine günstige Wohnung zu suchen, sobald ihr Verfahren abgeschlossen ist. Bis dahin lernen sie Deutsch, nehmen an den Veranstaltungen teil, die von Freiwilligen organisiert werden, freuen sich über Kontaktmöglichkeiten – und darüber, dass es Menschen gibt, die keine Angst vor Moslems haben.

Das ist Hamed wichtig: «Auf unserem Weg von Syrien nach Österreich haben wir mit vielen Menschen gesprochen: Die meisten wissen nichts über unsere Kultur neben dem islamischen Horror und sie wissen nicht, dass wir Hunderte von Jahren mit dem Christentum gelebt haben. Die Organisation ‚Islamischer Staat‘ ist keine syrische Erfindung, wir sind keine Extremisten. Und wir sind nicht gekommen, um die Einheimischen zu töten, ihnen unsere Religion oder unsere Kultur aufzuzwingen. Wir wollen überleben und unsere Familien in Sicherheit bringen.»

Und noch etwas erzählt der Syrer: «Die Menschen in Europa haben Angst, Flüchtlingen würden ihnen ihre Arbeitsplätze stehlen. Das Gegenteil ist der Fall: Es wird neue Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung geben. Ich bin sicher, die Deutschen wissen das aus ihren bisherigen Erfahrungen mit syrischen Einwanderern.»

Hamed setzt sich in den nächsten Tagen gemeinsam mit jungen Schweizerinnen am Hauptbahnhof in Wien als Freiwilliger für die Organisation «train of hope» für die Flüchtlinge ein, schreibt Gedichte über Krieg und Heimat und über Männer, die nicht wiederkehren, hat vielleicht deshalb seinen Humor behalten, weil er sich Gram und Unsicherheit und Verzweiflung von der Seele schreiben kann. Irgendwann möchte er gerne die Schweiz besuchen, schreibt Hamed. Wenn er seine Papiere hat. Als Tourist ist er ja jederzeit herzlich willkommen!

4000 Flüchtlinge in einer Nacht

An einem Morgen der letzten Septembertage ist die Situation in Nickelsdorf ruhig. Die Einsatzkräfte von Polizei und Bundesheer geben sich entspannt. Oberstleutnant Helmut Marban sagt, 4000 Flüchtlinge hätten Nickelsdorf seit Mitternacht passiert, alles sei geordnet abgelaufen. «Wir warten jetzt auf den nächsten Zug.» Wann der ankomme, sei unklar, die Kommunikation mit den ungarischen Behörden eben nicht gerade perfekt.

Die Flüchtlinge aus dem Irak, aus Afghanistan und aus Syrien stehen geduldig in der Schlange, knabbern noch am Gebäck, das sie im Zelt des Roten Kreuzes erhalten haben, das Wetter ist gut, die Stimmung auch. «Danke, allen vielen Dank», ruft ein junger Mann, «wir sind in Europa, allen vielen Dank». Ein Flüchtling aus Damaskus erzählt, in Serbien hätte er sich mit seinem sechsjährigen Jungen immer hinten anstellen müssen, weil zuerst Familien transportiert worden seien. Seine Frau und seine Tochter jedoch hatte er zurücklassen müssen, denn «für alle hat das Geld nicht gereicht». Jetzt fährt er in die Niederlande, den Rucksack auf den Schultern, den Knaben an der Hand, er hofft auf die Anerkennung als Flüchtling – und darauf, dass Frau und Tochter bald nachkommen dürfen.

Flüchtlinge auch in Österreich noch abgezockt

Marban bezeichnet Nickelsdorf als «humanitären Korridor» und sagt, für Kontrollen oder gar Registrierung fehle schlicht die Kapazität. Der Durchgang der Flüchtlinge bringt nicht nur Menschen nach Österreich, sondern auch Geld. Viel Geld. Die Busunternehmen werden vom Innenministerium bezahlt, die Besitzer von Lebensmittelgeschäften und Tante-Emma-Läden verbuchen Umsatzrekorde, Wohnungen und Häuser können noch einträglicher vermietet werden.

Und dann sind da noch die Taxifahrer. Für eine Fahrt nach Wien verlangen sie 170 Euro – in umgekehrter Richtung beträgt der Tarif rund 100 Euro.

Die Nachfrage bestimmt den Preis und offensichtlich hat hier niemand Skrupel, sich auch die Wartezeit von den Flüchtlingen entschädigen zu lassen. Helmut Marban erklärt, ohne Taxifahrer hätte der Ansturm in den letzten Tagen und Wochen gar nicht bewältigt werden können, im letzten Monat habe man an die 130‘000 Flüchtlinge von Nickelsdorf weitertransportieren müssen. Um den Taxitarif kann man sich also nicht auch noch kümmern, «obschon die Polizei natürlich eingreifen müsste, wenn es sich offensichtlich um Wucher handelt». Doch so offensichtlich ist das eben nicht, und manche der Flüchtlinge wollen so schnell wie möglich weiter. Sie bezahlen lieber ein Taxi, als in der langen Schlange auf den Bus zu warten.

«In Deutschland ist alles besser»

Ein Iraker hat seine gesamte Familie mit dabei. Er hofft auf Arbeit, eine bessere Existenz, auf ein gutes Leben in Deutschland. «Uns betraf der Krieg nicht», sagt er. «Aber es geht uns schlecht, wir haben keine Zukunft. In Deutschland ist alles besser». Was er nicht weiss: Dass Deutschland genau in diesen Minuten darüber diskutiert, wenigstens vorübergehend die Grenzen zu Österreich dichtzumachen, um die Situation in Bayern wieder in den Griff zu bekommen, dass der Wiener Hauptbahnhof, wohin er jetzt mit Frau und Kindern fährt, hoffnungslos überfüllt ist, und dass in deutschen Politsendungen, Internetforen und Talkshows heftig und ausladend über die Grenzen der deutschen Willkommenskultur – und über das Scheitern von Angela Merkels Politik – gestritten wird.

Renate Metzger-Breitenfellner / Infosperber

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