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Die westliche Trauergemeinde | Untergrund-Blättle

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Auf jeden Terroranschlag folgt dasselbe ekelhafte Ritual Die westliche Trauergemeinde

Politik

Bin ich ein abgestumpftes Arschloch, zu keiner menschlichen Regung mehr fähig, überlegte ich nach den mörderischen Terrorattacken in Paris. Die allgegenwärtige und öffentlich zur Schau gestellte Trauer ekelte mich an.

Mahnwache vor der Französischen Botschaft in Berlin nach dem Attentat auf Charlie Hebdo.
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Bild: Mahnwache vor der Französischen Botschaft in Berlin nach dem Attentat auf Charlie Hebdo. / Informationswiedergutmachung (CC BY-SA 4.0 cropped)

12. Juli 2016
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Es sind aber 130 Menschen gestorben, im Dienste einer kruden islamistischen Ideologie dahingemetzelt, wandte ich gegen meinen Abscheu ein. Ist es da nicht normal Solidarität und Anteilnahme zeigen zu wollen, wenn auch in der offensichtlich verblödeten Form der permanenten Beflaggung von Social-Media-Profilen?

Die intuitive Abneigung aber wollte nicht weichen. Und so blieb mir, da sich dasselbe Ritual nach jedem Anschlag, derer es ja gegenwärtig mehr als zu viele gibt, in abgewandelter Form wiederholte, nichts anderes übrig, als darüber nachzudenken, ob nicht doch der Ekel ein gerechtfertigter sein könnte.

Das volle Trauerpaket steht nicht jedem zu

Denn schon die Aufmerksamkeit, die die westliche Trauergemeinde den Opfern verschiedener, aber durchaus ähnlicher Massenmorde entgegenbringt, spricht Bände.

Sterben Menschen in Paris, beglücken uns die Leitmedien mit dem vollen Programm: Titelseiten über mehrere Wochen, ausführliche Recherchen zu Opfern und Tätern, Kondolenzschreiben von Politiker*innen, Künstler*innen, Intellektuellen. Die Staatenlenker*innen pilgern an den Ort des Geschehens, wo sie sich mit ihrem im Schmerz geeinten Volk ablichten lassen. Millionen Menschen halten inne.

Ereignet sich eine ähnliche grausame Tat in der Türkei, wie etwa im Oktober 2015 in Ankara, als IS-Selbstmordmörder eine Friedensdemonstration angriffen und 102 Menschenleben auslöschten, bekommen wir das Trauerpaket light vorgesetzt. Pflichtschuldig darf das Geschehen einen, vielleicht zwei Tage auf die vorderen Seiten der grossen Blätter. Merkel schreibt einen Brief, irgendein SPD-ler legt nach, man will sich ja nicht lumpen lassen. Eine Woche später ist alles vergessen, fragt man die Insass*innen der westlichen Trauergemeinde sechs Monate nach der Tat, ob sie sich denn noch an diesen Anschlag in Ankara erinnern, geht man leer aus.

Die meisten Trauernden finden Ankara und Istanbul zumindest noch auf der Karte, weil sie den verspäteten Transitflug ins Urlaubsdomizil noch auf dem Schirm haben. Doch es wird dunkler und dunkler, je weiter man sich in den Trikont begibt. Terroranschläge in Somalia, Nigeria oder Kamerun müssen schon eine aussergewöhnliche Opferzahl aufweisen, um sich länger als 24 Stunden in der Kategorie „ferner liefen“ zu halten.

Woran liegt dieses Ungleichgewicht? Die blosse geografische Distanz kann es nicht sein, denn schon der Terror auf dem Balkan interessiert weniger als der in England. Die offenkundig der Trauerökonomie zugrunde liegende Auffassung, es sei in manchen Weltgegenden eben „normal“, dass Leute sterben, hat ihren Grund wohl darin, dass der Kapitalismus die Welt eben tatsächlich so eingerichtet hat: Dort, wo zum Zwecke der Verwertung im Krieg gestorben werden muss, ist es eben „normal“. Und dort, wo aus dem gegenteiligen Grund, eben weil die Region und ihre Menschen kaum verwertbar sind, gestorben wird, auch.

Böser Terror, guter Terror

Neben der geopolitischen Abstufung der Trauerzonen richtet sich die öffentliche Anteilnahme noch stärker nach einem anderen Kriterium: Kollektiv beweint wird nur, wer von nicht-staatlichen Akteuren oder von in Ungnade gefallenen Staaten gemeuchelt wird. Wer einem Bündnispartner unserer humanistischen Regierungen zum Opfer fällt, hat Pech gehabt.

So eindeutig es auch „Terror“ im Wortsinn sein mag, wenn die türkische Regierung dutzende unbewaffnete Zivilist*innen in den Kellern der Kurdenstadt Cizre bei lebendigem Leibe verbrennt, dürfen die Angehörigen der Opfer nicht einmal auf Merkels Beileidsheuchelei hoffen. Keine Erinnerung an die Ermordeten wird ans Brandenburger Tor projiziert, wenn mexikanische Polizisten dutzende Studenten entführen und hinrichten lassen – mit illegal dorthin verkauften Gewehren aus deutschen Schmieden. Und niemand schert sich einen feuchten Dreck um die, die Saudi-Arabien seit vielen Monaten im Jemen in ihre Gräber bombt.

Es gibt ihn massenhaft, den „guten“ Terror, dessen Opfer der westlichen Trauergemeinde scheissegal sind: Südamerikanische Todesschwadrone, Erdogans faschistische Spezialeinheiten, die Mafiapolizei Mexikos, diverse Armeen bürgerlicher Staaten und ihrer Verbündeten – sie alle töten Zivilist*innen, um Schrecken zu erzeugen, und was sonst wäre die Wörterbuch-Definition von „Terror“?

Die Volksgemeinschaft der Trauernden

Die Auswahl derer, um die getrauert werden darf, ist selektiv und hat viel mit der Welt, in der wir leben, zu tun. Ebenso die Form, in der sich die Trauer ausdrückt. Man peppt das eigene Bildchen auf facebook, twitter und tinder mit der jeweiligen Landesfahne auf: Lachende Gesichter, halbnackt am Strand, Bierflasche in der Hand, darüber die Trauerfarben – Anteilnahme in der grotesken Verzerrung postmoderner Gleichgültigkeit, die von Liebe, Hass, Wut und Traurigkeit nur noch Verfallsformen kennt.

Der Fall wird gehashtagt: #jesuischarlie. Dann der nächste Anschlag: #jesuisparis. Und der nächste: #jesuisbruxelles. Und einmal geht noch: #jesuisistanbul. Die Nachfrage ist entstanden, der Markt übernimmt: Die entsprechend markierten Artikel erfreuen sich immenser Zugriffszahlen, die Einschaltquoten schnellen in die Höhe. Die „Je suis Charlie“ – DVD gibt es bei Amazon für 15,99 Euro, der Damen-Hoodie „Love Paris – Hate terrorism“ kostet der Mitfühlenden 28,90 Euro und für das kleine Trauerbudget muss der „Je suis Bruxelles“ – Schlüsselanhänger um 3,99 Euro reichen. Ein Schnäppchen.

Das Politmarketing diverser Rechtspopulist*innen riecht natürlich auch den Braten. Die schon regierenden Rattenfänger peitschen Gesetzesverschärfungen durch, ganz so, als sei das Sich-in-die-Luft-Jagen dadurch zu verhindern, dass man weiss, welche Porno-Seite Opa Müller im Januar 2016 begutachtet hat. Mehr Kameras, mehr racial profiling, Vorratsdatenspeicherung, mehr Befugnisse für die Staatsbüttel – mehr, mehr, mehr. „Noch zu wenig“, antwortet die noch nicht regierenden Rattenfänger und erhoffen sich ihr Stück vom Kuchen durch die Das-wird-man-doch-mal-sagen-dürfen-Hetze gegen Muslime oder besser gleich insgesamt alle „Fremden“.

Die Widersprüche sind verschwunden: Man versammelt sich hinter der Trikolore ohne an die französische Kolonialgeschichte zu denken, man projiziert die türkische Fahne ans Brandenburger Tor, die für Millionen Kurd*innen Leid, Tod und Vernichtung bedeutet. Wer ausschert und nörgelt, gilt als Nestbeschmutzer. Jetzt ist Trauer, du Arsch.

Die Tränen der Abgestumpften

Die Tränen der Abgestumpften trocknen schnell. Es ist nicht die Trauer, die wir für gefallene Freund*innen, Gefährt*innen empfinden, die uns ein Leben lang begleitet und dazu verpflichtet, das zu bekämpfen, was uns zu früh ihre Gegenwart, ihre Stimmen, ihr Lachen und ihre Nähe nahm.

Die diffuse – oft nur durch die Angst, man hätte ja selber in diesem oder jenem Restaurant gesessen haben können – motivierte Trauer bricht sich erruptiv Bahn und verschwindet schnell und folgenlos. Man muss sich keine Gedanken machen, wie einer Welt, in der Terror zum Alltag gehört, beizukommen wäre und was man selber machen könnte, denn man hat einen Schlüsselanhänger gekauft und Blumen niedergelegt.

Man braucht nicht zu fragen, ob es nicht noch viel grundlegenderer Änderungen der Einrichtungsweise unserer Gemeinwesen bräuchte als die regierenden und nicht-regierenden Rattenfänger behaupten, denn man ist so fest in die Trauervolksgemeinschaft eingemauert, dass der Blick nicht mehr dorthin zu reichen vermag, wo Licht ist. Das Trauerspektakel wird so selbst zum Teil des Problems, auf den es Antwort zu sein verspricht.

Peter Schaber / lcm

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