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Von Merkel, Counterinsurgency und Dschihad | Untergrund-Blättle

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Symmetrische und asymmetrische Kriege (Teil II) Von Merkel, Counterinsurgency und Dschihad

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Die Warensubjektivität beinhaltet das emotionale Manko der Vereinzelung und der Einsamkeit wie auch einen aggressiven Allmachtsanspruch. Beides erzeugt den Wunsch nach einer starken Gemeinschaft.

Seit den Terroranschlägen des 11.
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Bild: Seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 in New York und Washington und dem von Präsident Bush ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“ haben die USA in sieben Staaten der islamischen Welt militärisch eingegriffen: Afghanistan, Irak, Somalia, Jemen, Pakistan, Libyen und Syrien. / Austin Berner (PD)

31. Mai 2016

31. 05. 2016

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Im Kleinen verwirklicht sich dieses Bedürfnis z.B. in der Begeisterung für den Fussballverein oder im Stolz auf „seine“ Firma. Die abstrakte Allgemeinheit des Staates bietet darüber hinaus eine ideale Projektionsfläche zur Imagination einer homogenen Meta-Gemeinschaft. In ihr scheinen Vereinzelung und wechselseitige Instrumentalisierung aufgehoben zu sein. Die Identifikation mit dem Repräsentanten des grossen Ganzen lässt die Nation zum „Vaterland“ und die Mitmenschen zum „Volk“ werden.

Der Wunsch des Einzelnen nach gemeinschaftlicher Stärke und Aufgehobenheit führt umso gelungener zur Akzeptanz des Modells „kapitalistische Wirtschaftsnation“ und zu kapitalkonformer Loyalität, je weniger die hässlichen Konsequenzen der auf sich selbst bezogenen Geldbewegung ins Bewusstsein gelangen.

„We are the Champions“ (Queen)

Ob in Israel, in Amerika oder innerhalb Europas: Die Bilder eines Deutschlands, in dem jubelnde Menschen Flüchtlinge willkommen heissen und mit Spenden überhäufen, gingen um die Welt. Mit den Worten: „Für mich gehört es zur grundlegenden Menschlichkeit unseres Landes, dass man einem Flüchtling wie jedem anderen Menschen erst einmal freundlich entgegentritt“, verkörperte Kanzlerin Merkel das „sympathische Gesicht“ einer Bundesrepublik, die Flüchtlingen ihre Tore öffnet.

Verwunderung sollte das schon hervorrufen. Ist das die gleiche Angela Merkel, die ihren Vorgänger Gerhard Schröder für seine Agenda 2010 in den höchsten Tönen lobt, mit ihrer CDU eine verschärfte marktradikale Politik zulasten der deutschen Bevölkerung vorantreibt, die Multikulti für absolut gescheitert erklärt und die Abschottung Deutschlands mit Hilfe der Dublin-Regelungen vertritt? Wo ist die „Eiserne Kanzlerin“ geblieben, die das Projekt eines hegemonialen Deutschlands in Europa mit einer rigiden Austeritätspolitik gegenüber den südeuropäischen Krisenländern verbindet und dafür in diesen Ländern wahlweise mit Pickelhaube, Hitlerbärtchen, Hakenkreuzbinde oder in Naziuniform abgebildet wird? Was ist mit der „gefährlichsten Politikerin Europas“ (Alexis Tsipras) geschehen, die in den Krisenstaaten humanitäre Katastrophen anrichtet?

Mit ihrem Finger auf das C ihrer Partei weisend zieht die Kanzlerin zur Erklärung ihrer überraschenden Flüchtlingspolitik die humanitären Werte Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit aus dem Hut und begründet mit ihnen ihr neues Image „Mama Merkel, die Gütige“. Untermauert und verfestigt wird dieses Bild durch ihre magische Formel „Wir schaffen das“, die sie mit einer „Willkommenskultur“ verknüpft und hierarchisch abwärts bis hinunter zu den Ortsvorstehern als verpflichtend verordnet.

Genauer betrachtet enthüllt sich dieses Spektakel als counterinsurgency – als Paradebeispiel eines Akts professioneller Menschenführung, das den Interessen „Deutschlands“ dient und gleichzeitig den Blick auf das reale Weltgeschehen verstellt.

Die Formulierung „Wir schaffen das“ ist eine alltägliche Wortkombination. Wenn aber die Regierungschefin Deutschlands diese Worte als Mantra für alle Staatsbürger ausgibt, so gewinnen sie an Bedeutungstiefe. Mit „Wir“ spricht Angela Merkel „ihr Volk“ an, das sich von einem nationalen Standpunkt aus ihrem Ansinnen wohlwollend öffnen soll. Damit spaltet sie die deutsche Nation zwar in „Gutmenschen“, die die Weltoffenheit und Mitmenschlichkeit Deutschlands feiern, und in „Pegidapack“, das sich Sorgen um „Deutschland!“ macht. Zusammen aber feiern sie Deutschland, ohne es zu merken. Eine Geisteshaltung, die dem nationalen Standpunkt nichts abgewinnen kann, weil sie die Aufteilung der Welt in Nationen für ein Grundübel der heutigen globalen Misere hält, ist zur Feier nicht erwünscht und auch nicht eingeladen.

„Wir schaffen das“: Syrer selbst stellen mitunter die Frage, warum ihnen die deutsche Regierung auf der einen Seite Asyl zusichert, ihnen aber gleichzeitig die Visa verweigert, mit denen sie ganz normal einreisen könnten. Faktisch wirken die riskante Überquerung des Mittelmeers und die strapaziöse wie erniedrigende Tour durch den Balkan als Selektionsverfahren. Alte und Kranke werden durch die körperliche Anstrengung der Flucht von vornherein aussortiert, und die hohen Beträge, die für Schlepper gezahlt werden müssen, sondern all jene aus, die den ärmeren Schichten angehören.

„Wir schaffen das“: Die Vielen in der BRD ankommenden Flüchtlinge stossen auf eine arbeitende Bevölkerung, die unter dem Eindruck der Ereignisse feststellen muss, dass eine millionenstarke Sockelarbeitslosigkeit, Hartz 4, Sozialwohnungen, Kinder- und Altersarmut etc. nicht den Bodensatz an Lebensqualität bedeuten, sondern dass sich darunter ungeahnte Abgründe auftun. Diese Erkenntnis verhilft vielen zu noch mehr Stolz auf Deutschland. Dumm nur, dass durch die neue Situation eine virulente Intensivierung der Konkurrenz um Arbeitsplätze, Wohnraum und Sozialleistungen eingeleitet wird, die einzig und allein der internationalen „Wettbewerbsfähigkeit“ deutschen Kapitals dient.

Kill the Poor“ (Dead Kennedys)

Warum bekommen nur Syrer und Iraker von Merkel christliche Zuwendung und Zusicherung des Asyls. Was ist mit den vielen anderen, von denen so verdächtig selten zu hören ist? Was ist z.B. mit den Hungernden dieser Welt, die die Lazarusschicht der Menschheit bilden? Fast eine Milliarde Menschen sind chronisch schwer unterernährt. Alle fünf Sekunden verhungert auf dieser Erde ein Kind unter zehn Jahren und zig-tausende Menschen sterben täglich an Unterernährung oder ihren unmittelbaren Folgen. Wenn auch in früheren Zeiten die Fatalität von Umständen wie Dürre, Missernten und anderen Naturkatastrophen zum unausweichlichen Hungertod vieler Menschen führte, so leben wir schon seit vielen Jahrzehnten in einer Zeit, in der für die ganze Menschheit genug Lebensmittel hergestellt werden. Dementsprechend ist das Recht auf Nahrung, zutreffender Recht auf angemessene Ernährung genannt, als Menschenrecht völkerrechtlich verankert. Der Hunger dieser Welt ist kein schicksalhaftes Unglück mehr, sondern ein Verbrechen.

Die Hungernden sind Opfer der Machenschaften eines globalisierten Kapitalismus, der seine Problematik selbst nicht begreift oder nicht begreifen will. Ein Beispiel dazu: Peter Brabeck, 2015 Vorstandsvorsitzender der Firma Nestlé, will die äthiopischen Kaffeebauern mit seiner Kaffeepreispolitik doch nicht in den Hungertod treiben! Er sieht sich nur in Verantwortung gegenüber „seiner“ Firma. Unter dem Druck der internationalen Konkurrenz und dem Imperativ der Profitmaximierung muss er selbstverständlich die Produktionskosten senken.

Die Repräsentanten der „erfolgreichen“ westlichen Welt verneigen sich vor der Funktionslogik des Kapitals und verschliessen ihre Augen vor dem von ihr bewirkten Leid. Menschenrechte interessieren sie nicht wirklich und „Humanität“ wird letztlich nur für sich selbst und seinesgleichen eingefordert.

Gimme Hope“ (Eddy Grant)

Die falsche Moral, derer sich Angela Merkel bedient, hat eine lange Tradition und musste unter den Titeln „Humanismus“ und „Zivilisierung“ als Beleg einer kulturellen Höherwertigkeit schon zur Rechtfertigung der Kolonialverbrechen herhalten. Seine grösste Ausbreitung fand der Kolonialismus in der Zeit um den Ersten Weltkrieg. 68 Prozent der Fläche des Weltterritoriums bestand zu dieser Zeit aus Kolonien und 60 Prozent aller Menschen waren kolonisiert. Koloniale Herrschaft resultierte einzig und allein aus militärtechnischer Überlegenheit. Das Interesse der Kolonialmächte an den Naturressourcen und der Arbeitskraft der kolonisierten Länder überzog die Unterjochten mit Gewalt, Abwertung und Demütigung, Sklaverei und Völkermord inbegriffen.

Zahlreiche kolonisierte Gesellschaften veränderten sich im Zuge der Fremdherrschaft und der Ausrichtung ihrer Wirtschaft an den Bedürfnissen der Metropolenb nachhaltig. Die Menschen wurden aus ihrem traditionellen Sozialgefüge herausgebrochen, ihre früheren wirtschaftlichen Funktionsräume zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg beendete eine durch Kriege erzwungene Entkolonialisierungswelle die koloniale Ausbeutungspraxis der westlichen Herrschaft. In zeitlicher Hinsicht liegen die Grauen des Kolonialismus den ehemals Kolonisierten mithin näher als den Deutschen das Dritte Reich.

Durch nationalstaatliche Formierung versuchten die ehemaligen Kolonien, die Entwicklung der Produktivkräfte voranzutreiben und den Motor der Reichtumsproduktion durch Vernutzung von Arbeitskraft anzuwerfen. Die gesellschaftliche Reproduktion stellte sich im Voranschreiten dieses Bestrebens zunehmend auf die Basis von Arbeitskraft und Geldeinkommen um, die gesellschaftlichen Strukturen wurden von neuen, versachlichten Herrschaftsbeziehungen durchzogen. Im Prozess der Durchsetzung wertgesellschaftlicher Rationalität entstand auch in den ehemaligen Kolonialgebieten die massenhafte Warensubjektivität mit ihren zwei typischen ineinander verflochtenen Seelen: die abstrakte Privatheit als Einzelwille und dessen Allmachtsanspruch im „nationalen Wir“.

Die Hoffnungen auf „Wohlstand für alle“ liessen sich für die vom kolonialen Joch Befreiten nicht einlösen. Die global sich durchsetzende dritte industrielle Revolution läutete mit dem historischen Rückgang der abstrakten „Arbeits“-Substanz das Ende der Entwicklungs- und Expansionsfähigkeit des Kapitalismus überhaupt ein. Infolgedessen segmentiert sich die Welt heutzutage zunehmend in hochproduktive Kernregionen mit einer wachsenden Zahl „überflüssiger“ Menschen und in generell marginalisierte Armuts- und Elendssektoren. Letztere umfassen die meisten ehemaligen Kolonialgebiete.

Die Versuche der nachholenden Modernisierung brachten den früheren Kolonien kein System von Massenproduktion, Massenarbeit und Massenkonsum, sondern eines von Massenarmut und Ausgrenzung von der Warenwelt. An die Existenz als Warensubjekte adaptiert, finden sich die Menschen wieder in prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen ohne persönliche und kollektive Perspektive. Mit dem einen Auge ängstlich auf die Lazarusschicht der Menschheit blickend, mit dem anderen Auge ihre Ausgeschlossenheit von den Segnungen „westlichen“ Reichtums realisierend, kann sie die Imagination einer starken Gemeinschaft in Form der „Nation“ nur noch enttäuschen.

Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht, aha“ (Trio)

Im Prozess der Dekolonialisierung errangen nationalistisch-separatistische Freiheits- und Widerstandskämpfer nach dem Zweiten Weltkrieg Siege gegen militärisch und technologisch weit überlegene Kolonialmächte. Sie konnten sich damals schon auf eine Theorie des Befreiungskrieges und Insurgency-Strategien stützen. Mao Zedong z.B. erkannte und erklärte als Führer eines Partisanenkriegs die militärische Bedeutung der „Asymmetrien“ für die schwächere und eigentlich unterlegene Kriegspartei: die Asymmetrie des Raumes, indem sie ihre Kräfte über die gesamte Weite des Terrains verteilt und sich ohne Entscheidungsschlachten in diese Weite zurückzieht, die Asymmetrie der Zeit, indem sie den Kampf anhaltend in die Länge zieht und die Asymmetrie der Unterstützung, indem sie mit der Bevölkerung ein Verhältnis wie ein Fisch im Wasser eingeht, statt Grenzen zwischen Soldaten und Zivilisten aufrechtzuerhalten und anzuerkennen. Dazu gesellt sich die Asymmetrie der Entschlossenheit, für die die Bereitschaft, Verluste einschliesslich des eigenen Todes hinzunehmen, ein Gradmesser ist.

Die ehemaligen Kolonialmächte verfügen bis heute über keine Antennen, die für die Ursachen der asymmetrischen Kriege als hässlicher Rückseite der gleichen Medaille empfänglich sind, an deren Vorderseite sie sich mit ihrer Ideologie von Freiheit und Menschenrechten so gern erfreuen. Die zwangsläufigen Opfer der weltweiten Art kapitalistischen Wirtschaftens werden stattdessen je nachdem als Versager, Störfaktoren oder Feinde identifiziert. Im Zweifelsfall wird militärisch gegen sie vorgegangen. Bis heute führt die Frage, warum schwache militärische Gegner sich immer wieder so robust gegen die kriegerische Potenz grosser Nationen zur Wehr setzen können, unter westlichen Militärexperten zu kontroversen Diskussionen.

Wo militärische Mittel der konventionellen Kriegsführung nicht zum Erfolg führen, greifen die Westmächte auf counterinsurgency-Strategien zurück – eine Aufstandsbekämpfung, die sich nicht, wie gegenüber der eigenen Bevölkerung, auf prophylaktische Massnahmen beschränkt. Die Greueltaten des US-Militärs während des Vietnamkriegs z.B. dokumentieren, wie sich zum Standardprogramm militärischer Operationen Folterungen durch Waterboarding, Elektroschocks und Vergewaltigungen sowie Massaker an Frauen, Kindern, Alten und Gefangenen hinzuaddieren. Ausserdem versuchen vor allem die USA, ihre eigenen militärischen Vorgehensweisen durch den Einsatz neuer Produkte aus Wissenschaft und Forschung zu flexibilisieren.

Gegen die berühmten Ho-Chi-Minh-Pfade – mehr als 2000 Kilometer lange, teils unterirdische Dschungelpfade als militärische Infrastruktur – entwickelten sie das dioxinhaltige Entlaubungsgift Agent Orange, unter dessen Spätfolgen die Vietnamesen noch über Generationen leiden werden. Für die Kriegsszenarien der Gegenwart, die eher in Wüsten- und Gebirgslandschaften anzutreffen sind, entwarfen die Militärdesigner die Drohnen-Technologie. Drohnen mit markanten Namen wie Predator (Raubtier) oder Reaper (Sensenmann) sind ferngesteuerte Flugkörper, die ausgerüstet mit hocheffektiven Beobachtungssystemen und bestückt mit panzerbrechenden „Hellfire Missiles“ versteckte Feinde auffinden und eliminieren („find, fix, finish“). Aus Versehen werden dabei hauptsächlich Zivilisten ermordet.

Spätestens seit dem Vietnamkrieg, der als erster Fernsehkrieg bezeichnet wurde, werden von beiden Seiten asymmetrischer Kriegsführung Informationen, Desinformationen und insbesondere Bilder als Waffen globaler Reichweite und massiver Wirkung eingesetzt. Darüber hinaus kommt den Handykameras und Blogs der dezentral vernetzten Internetnutzer wachsende Bedeutung zu.

Boom, Boom, Boom, Boom“ (John Lee Hooker)

Seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 in New York und Washington und dem von Präsident Bush ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“ haben die USA in sieben Staaten der islamischen Welt militärisch eingegriffen: Afghanistan, Irak, Somalia, Jemen, Pakistan, Libyen und Syrien. Diese Interventionen waren von unterschiedlicher Intensität und Tragweite, haben jedoch insgesamt zweierlei bewirkt: Sie haben den Untergang ganzer Staaten ausgelöst oder vorangetrieben und zum Erstarken radikaler islamischer Bewegungen massgeblich beigetragen, von den Taliban und der Al-Qaida bis hin zum „Islamischen Staat“.

In dem Szenario asymmetrischer Kriege treffen drei Krisenerscheinungen der warengesellschaftlichen Moderne aufeinander, durchdringen und potenzieren sich gegenseitig. Als erstes ist der Amoklauf der USA zu nennen, der sich – das Ende der kapitalistischen Verbrennungskultur vor Augen – mit Rückendeckung „williger Helfer“ aus der NATO einen ungehinderten Zugang zu den Ölquellen des Nahen Ostens sichern will. Darüber hinaus betreibt das Pentagon eine Hegemonialisierung der Welt, im Zuge derer Afghanistan ins Fadenkreuz des US-Militärs geriet. Mit ihrem kriegerischen Vorgehen produzierte die US-Army im Nahen wie im Mittleren Osten Armut, Leid, Verbitterung und das massenhafte Phänomen der „Entwurzelung“. Zerbombt wurden nicht nur die Hoffnungen und Perspektiven der Menschen auf eine lebenswerte Zukunft, sondern auch die Identität mit der Meta-Gemeinschaft „Nation“.

Heute wird oft von scheiternden Staaten geredet. Ein Krieg oder andere Interventionen fremder Mächte können zu einer Destabilisierung oder zum Kollabieren eines Staates führen, das Scheitern eines Staates hängt aber primär mit einer mangelhaften Wirtschaftsleistung zusammen, die nicht in der Lage ist, eine tragfähige Basis für die notwendigen Strukturen eines Staates zu bilden. In die entstehenden staatlichen Leerräume drängen sich Warlordfigurationen, die keinen Anspruch auf abstrakte Allgemeinheit formulieren, sondern den Gebrauch direkter Gewalt als Mittel zur Regulierung von Märkten zu ihrem persönlichen Vorteil vorziehen. Ihre Gewaltherrschaft funktioniert als reine Plünderungsökonomie, die sich zerstörerisch in die vorhandenen wirtschaftlichen Strukturen hineinfrisst.

Warlords leben vom Krieg und haben wenig Anlass, militärische Entscheidungen oder gar das Ende des Krieges zu suchen. Überwiegend mit leichten Waffen, kaum ausgebildeten Kämpfern und Pickups als Ersatz für gepanzerte Fahrzeuge werden Hab, Gut und Leben der Bevölkerung zum Hauptangriffsziel. Es ist mithin kein Zufall, dass die „neuen Kriege“ für uns wenig in Gefechten und Entscheidungsschlachten sichtbar werden, sondern vor allem in Form von Flüchtlingsströmen und Elendslagern – ebenfalls Manifestationen von „Entwurzelung“.

Im Sumpf der Bombardements und des Staatenzerfalls wuchs neben den Warlords noch eine weitere, ungleich gefährlichere Blüte der Gewalt: der sogenannte Terrorismus, der der asymmetrischen Kriegsführung mit seinem Angriff auf die New Yorker Twin Towers ein ganz neues Gepräge gab. Mit ihrer Umwandlung von zivilen Passagierflugzeugen in Bomben und von Bürohochhäusern in Schlachtfelder zeigten die Terroristen ihre offensive Fähigkeit, die zivile Infrastruktur eines Landes als logistische Basis zu nutzen und sie gleichzeitig in eine Waffe des Angriffs auf sie umzufunktionieren. Ein möglichst grosser Schaden und möglichst viele Opfer sind für sie allein deshalb wichtig, weil sich die Intensität und die Dauer der medialen Aufmerksamkeit und Berichterstattung danach ausrichten. Die mediale Aufmerksamkeit, die den Terroranschlägen zuteil wird, transportiert folgende Botschaften: 1. Auch ein übermächtiger Gegner kann angegriffen und verletzt werden, und 2. kann es „jeden Einzelnen von euch“ das nächste Mal treffen – keinerlei Sicherheit mehr, nirgendwo und niemals.

I break together“ (Helge Schneider)

Auch Al Qaida-Terroristen sind Sozialisationsprodukte der Moderne. Ihre warenförmig konditionierte Matrix der Imaginierung einer übergeordneten Gemeinschaft tauschte den panarabischen Nationalismus gegen den globalisierten Panislamismus. Bin Laden war wohl der bekannteste Vertreter des radikalen islamischen Fundamentalismus, der eine buchstabengetreue, konservative Lesart des Koran einfordert und nationalstaatliche Lösungen ablehnt zugunsten der Umma, der weltweiten Gemeinschaft aller Muslime auf der Grundlage der Scharia, des islamischen Rechts. Der Wechsel zum Panislamismus darf aber nicht als authentischer Rückgriff auf eine alte gesellschaftliche Assoziationsform missverstanden werden.

Durch das Wahrnehmungsraster ihrer Warensubjektivität hindurch dient die Religion den islamischen Fundamentalisten als Ventil für tiefsitzende Frustration und als Medium der Rache für die vielen Arten erlittener Demütigung. Der Heilige Krieg, der „Dschihad“, bildet das Kernstück ihrer Ideologie. Während der Dschihad in der islamischen Welt traditionell als eine kollektive Pflicht zur Abwehr einer gemeinsamen Bedrohung angesehen wurde, sind Fundamentalisten davon überzeugt, der Dschihad sei eine permanente, individuelle Pflicht: „Man kann einem Amerikaner oder einem Juden stets auf der Strasse nachschleichen und ihn mit einem Revolverschuss oder Messerstich, mit einem selbstgebastelten Sprengsatz oder mit einem Hieb mit einer Eisenstange töten. Ihr Eigentum mit Molotowcocktails in Brand setzen geht ganz leicht.“ (Zawahiri, Al Qaida)

Der islamische Fundamentalismus von Al Qaida widmet seine Dienste der Rekonstruktion zerfallener Identitäten „entwurzelter“ Menschen auf dem Boden der Religiosität. Der gemeinsame Feind ist die „westliche Welt“ – vor allem die USA und die Juden. Ihr Credo: Der reine Glaube schafft die absolute Barriere zwischen uns und denen. Für ein politisches Programm, die Vision eines Staates und selbst für Zivilisation und Kultur bleibt kein Raum. Alles Streben der Fundamentalisten reduziert sich auf den Wunsch, Allah zu gefallen und seinen Worten Folge zu leisten. Als höchste Form der Hingabe an Gott gilt ihnen das Martyrium des Dschihads. Nicht dessen Ergebnis ist wichtig, sondern die Tat. Der Sieg wird erfolgen, wenn Gott es so entschieden hat.

Die Anzweiflung und Ablehnung islamisch-klerikaler Autoritäten und Institutionen, das Herausbrechen der Religion aus jeglichem kulturellen Zusammenhang, die Abkehr von territorialer Verbundenheit und die Hervorhebung des Ichs und dessen Verwirklichung in der Individualisierung des Glaubens verhalfen der Islam-Mutation von Al Qaida zur globalen Verbreitung. Sie erlaubt es Ausgegrenzten und Ausgeschlossenen auf der ganzen Welt, sich im Schoss der Umma aufgehoben und stark zu fühlen und ihren individuellen Kampf gegen die totale Verderbtheit der westlichen Welt aufzunehmen.

Gegen Ende des 2. Irakkrieges bildete sich zunächst innerhalb der irakischen Landesgrenzen eine neue terroristische Gruppierung, die heute unter dem Namen „Islamischer Staat“ bekannt ist und für Angst, Elend und Tod sorgt. Sie steht in Konkurrenz zu Al Qaida, obwohl beide auf die buchstabengetreue Befolgung der Worte des Korans bestehen und den Dschihad in den Mittelpunkt ihres Handelns stellen. Der Unterschied ergibt sich daraus, dass der IS sich nicht in Höhlen versteckt wie die Dschihadisten von Al Qaida im Thora-Bora-Gebirgsmassiv Afghanistans, sondern seiner Art des Islams in Form des „Kalifats“ ein gesellschaftliches Antlitz gibt. Nach Warlord-Muster verwalten sie die von ihnen kontrollierten Territorien marodierend, schüchtern die dortige Bevölkerung durch Exekutionswellen ein und zwingen sie, die Gesetze des Islam nach ihrer Lesart zu befolgen.

Durch seine Territorialisierung muss sich der IS weit mehr als Al Qaida mit den religionsinternen Konflikten der arabisch-persischen Welt auseinandersetzen. Das islamische Rechtsgutachten der Ashar-Universität – im arabischen Raum hochangesehen und respektiert –, in dem die Schia als Grundlage des Schiismus neben den vier grossen sunnitischen Schulen als fünfte Rechtsschule des Islam anerkannt worden ist, wird vom IS verhöhnt. Der Schiismus ist für ihn genauso Häresie wie die verschiedenen sunnitischen Rechtsschulen, soweit ihre Lehren sich nicht mit der von ihm geforderten einzig „wahren“ Auslegung des Korans decken. Auf Häresie steht die Todesstrafe: „Allah schlag sie tot, wie sind sie abgewendet!“ Koran 63, 4.

Mit dem Ausrufen des Kalifats in Teilen Iraks und Syriens, der rigiden Durchsetzung der Scharia und seinen terroristischen Greueltaten, mit denen er medial weltweit Aufsehen erregt, konnte der IS in der sunnitischen Welt Sympathiepunkte sammeln. Als neuer Leuchtturm des Islam und als Bollwerk gegen die Machenschaften des Westens geht er gegen die traditionellen islamischen Autoritäten in die offensive Konkurrenz um die Interpretationshoheit des Korans und bietet vor allem jungen, männlichen Sunniten ein Sprungbrett in eine radikal-religiöse Identität. Für diejenigen „Westler“, die sich schon für die Al Qaida-Ideologie samt ihrer Machenschaften begeistern konnten, ist das von Abu Bakr al-Bagdhadi ausgerufene Kalifat zu einem nervenkitzelnden Ausflugsziel geworden. In einer Art Jurassic Park können sie dort ihren Gewaltphantasien in Rambo-Manier freien Lauf lassen.

Immer, immer wieder geht die Sonne auf“ (Udo Jürgens)

Die globale Durchsetzung des warenproduzierenden Systems wächst sich in Verbindung mit einer durch die technologischen Errungenschaften der Mikroelektronik entfachten revolutionären Steigerung industrieller Produktivität zu einer Menschheitskatastrophe aus. Ungebremst konkurrenzorientiert konzentrieren sich die Verursacher dieser Dynamik weiterhin nur auf die Anfeuerung der Selbstbewegung des Geldes. „Terror“ ist für sie nicht als „Fleisch vom gleichen Fleisch“ erkennbar, sondern wird als Bedrohung von aussen militärisch angegriffen. Jetzt zeigt sich der Wunsch des IS nach Ausrufung eines Kalifats und seine dadurch entstandene territoriale Verortbarkeit als strategischer Schwachpunkt: Alles, was sich territorial erfassen lässt, kann durch die militärische Kraft der Weltmächte in Grund und Boden getrampelt werden.

Mit keiner militärischen Macht der Welt aber kann das Problem der Zersetzung der herkömmlichen Form der Warensubjektivität gelöst werden. Der Staat als abstrakte Allgemeinheit des „nationalen Wir“ verliert im krisenhaften Zerfall des globalisierten warenförmigen Systems an Kohäsionskraft. In Konkurrenz zu Staat und Nationalismus entwickeln sich neue Typen imaginärer Gemeinschaftlichkeit, aus denen der islamische Fundamentalismus mit religiös gekleidetem Allgemeinheitsanspruch herausragt. Seine Imagination einer überirdischen Sphäre, mit „Dschihad“ und „Scharia“ als Fixsternen, befördert ein äusserst aggressives, irrsinniges Modell von Allgemeinheit, das den Gewaltkern der Konkurrenzmonade mobilisiert und zu Mord und Totschlag übergehen lässt. Im „Westen“ erweisen sich der Terror von Al Qaida und IS einschliesslich seiner politischen Folgen als beschleunigendes Moment der Selbstzerstörung wertgesellschaftlicher Oberflächennormalität.

Über all dem schwebt das Damoklesschwert eines zunehmend aus den Fugen geratenen Konkurrenzkampfs zwischen atomar bewaffneten Weltmächten. Ein Ende des Kriegswahnsinns symmetrischer wie asymmetrischer Art ist nur durch radikale Überwindung kapitalistischer Funktionslogik, durch Auflösung von Staaten und Grenzen und durch eine weltweite Nivellierung menschlicher Lebensqualität vorstellbar. Das geht nur mit viel Lust zur Transformation.

Uwe von Bescherer
streifzuege.org

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