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Geschichte einer Fälschung Die “Protokolle der Weisen von Zion”

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Die »Protokolle der Weisen von Zion« gehören seit über hundert Jahren zum Standard-Rüstzeug der Antisemiten. Sie sind eine abstruse Kompilation über die angeblichen Pläne ‘der Juden’ zur Eroberung und Unterjochung der Welt. Der Inhalt dieses Machwerks ist nicht weiter wichtig. Wirklich interessant ist die Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte des Textes.

Der Urtext der »Protokolle der Weisen von Zion« entstammt dem Schlusskapitel des Romans «Mystères du Peuple» des französischen Schriftstellers Eugène Sue.
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Bild: Der Urtext der »Protokolle der Weisen von Zion« entstammt dem Schlusskapitel des Romans «Mystères du Peuple» des französischen Schriftstellers Eugène Sue. / PD

9. Januar 2014

9. Jan. 2014

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Henry Ford – einer der Säulenheiligen der kapitalistischen Produktionsweise und des »American Way of Life« im 20. Jahrhundert – plagte ein Problem [1]. Und da er über genug Geld verfügte, um sich eine Zeitung zu kaufen, gewandte Schreiberlinge einzustellen und die Auflage zu erhöhen, konnte er auch eine breite Öffentlichkeit daran teilhaben lassen.

»Der internationale Jude – das Weltproblem« titelte am 22. Mai 1920 Henry Fords Privatorgan »The Dearborn Independent« [2] – Auftakt eines bis ins Jahr 1922 dauernden publizistischen antisemitischen Dauerfeuers, in dem »The Dearborn Independent« 91 Nummern lang jeden erdenklichen Unsinn und alle Übel der Welt ‘dem Juden’ anlastete. Zu diesem Behufe wurden (seit August 1920) – natürlich – die »Protokolle der Weisen von Zion« ausführlich zitiert, referiert und abgekupfert, die Fords Privatsekretär und spiritus rector, Ernest Liebold, für seinen Chef publizierte [3].

»Im 20. Jahrhundert«, so schreibt der Ford-Biograph Robert Lacey, »erreichte der Antisemitismus einen schaurigen, brutalen Höhepunkt, und wenn man einem einzelnen Amerikaner seinen Beitrag zu den Untaten der Nazis anlasten könnte, dann wäre es Henry Ford. Seine Hetztiraden im ‘Dearborn Independent‘ und die Verbreitung der ‘Protokolle der Weisen von Zion’ hatten beträchtlichen Einfluss im Deutschland der zwanziger Jahre. Hitler, damals noch eine ganz unbekannte, unbedeutende Figur, las Fords Bücher, hängte sein Bild an die Wand und zitierte ihn häufig.« [4]

Jesuiten und Napoleon III.

Der Urtext der »Protokolle der Weisen von Zion« entstammt dem Schlusskapitel des Romans Mystères du Peuple von Eugène Sue [5], der 1857 erschien. Es handelt sich um einen (fiktiven) Brief des (historischen) Jesuitengenerals Roothaan an den (fiktiven) Jesuitenpater Rodin (den negativen Protagonisten aus Sues Roman Juif errant). In diesem Brief findet sich der später den »Weisen von Zion« untergeschobene ‘Plan’ als jesuitische Verschwörung, ebenso das Motto »Der Zweck heiligt die Mittel«.

Der französische Rechtsanwalt Maurice Joly veröffentlichte 1864 ein Pamphlet mit dem Titel Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu [Zwiegespräch in der Hölle zwischen Machiavelli und Montesquieu, oder Machiavellis Politik im neunzehnten Jahrhundert], Brüssel (als Erscheinungsort war – zur Täuschung der Zensur – allerdings Genf angegeben) [6]. Die Schrift ist eine beissende Satire auf Napoleon III., als dessen zynisches Sprachrohr Machiavelli fungiert. Dem Autor brachte die Schrift übrigens eine Geldstrafe von 200 Franc und 15 Monate Gefängnis ein.

Machiavellis Aussagen sind die fast wörtliche Vorlage für die »Protokolle«. Den Zusammenhang von Jolys Satire und den »Protokollen« hat 1921 die Londoner Times aufgedeckt. Allerdings war der Times entgangen, dass Joly wiederum Sues Roman als Vorlage benutzt hatte.

Deutsches Zwischenspiel 1921

Die deutschen Herausgeber von Henry Fords »Der internationale Jude« wappneten 1921 fürsorglich ihre Leserschaft gegen Zweifel an der Echtheit der »Protokolle«: »Neuerdings will man seinen [sic!] Ursprung in einem Pamphlet des französischen Advokaten Joly gegen Napoleon III. aus dem Jahre 1864 gefunden haben. Was über eine angebliche Übereinstimmung dieses Pamphlets und der ‘Protokolle’ in der Presse bekannt gegeben worden ist, ist gänzlich belanglos, berührt ihren Kern in keiner Weise. (…)

Zugelassen [!] ist die Möglichkeit einer gewissen Ähnlichkeit zwischen dem genannten Pamphlet und den ‘Protokollen’. Die sich aufdrängende Erklärung wäre: der Verfasser der ‘Protokolle hat von dem Joly‘schen Buche Kenntnis gehabt und sich an Formen und Gedanken angelehnt; der eigentliche Inhalt ist unverkennbar jüdisch.« [7]

Die Ochrana

Die Transformation der anti-jesuitischen beziehungsweise anti-napoleonischen polemisch-satirischen Fiktion in ein fiktives, aber als real ausgegebenes jüdisches Komplott ist das Werk von Peter I. Rackovskij (Ratschkowsky), 1885 bis 1902 Leiter der zaristischen Geheimpolizei Ochrana in Paris und 1905/06 Chef der politischen Abteilung des Polizeidepartments im Innenministerium des zaristischen Russland. Rackovskij stand unter Protektion des liberalen russischen Ministers und späteren Ministerpräsidenten Graf Sergej Vitte (Witte) [8]. In der Revolution von 1905 tat sich Rackovskij als antisemitischer Pamphletist hervor – u.a. mit Angriffen auf den »Judenpremier Vitte«.

Der in Paris lebende reaktionäre russische Agent und Publizist Ilja F. Cion (alias Elie de Cyon) [9] hatte 1898 ein Pamphlet gegen Vitte verfasst, das fast identisch war mit Jolies Satire gegen Napoleon III. Rackovskijs Pariser Ochrana-Abteilung stahl Cyons (offenbar nur in Manuskriptform existierende) Satire (wenn man das Opus denn so bezeichnen möchte).

Man musste lediglich noch den Namen »Vitte« durch »die Juden« ersetzen – voila! Der Verwandlung des Namens »Cyon« in »Zion« lag durchaus im Bereich des zynischen Humors des Pariser Ochrana-Leiters. Dies umso mehr, da es sich bei Vittes Opponenten um einen getauften Juden handelte.

Pogromhelden und Popen

Erste Auszüge aus den »Protokollen« erschienen 1903 in der Petersburger Zeitschrift Znamja, dem Organ des Antisemiten Pavel A. Krusevan (Chruschtschewan), einem der Gründer der ‘Schwarzen Hundertschaften‘, deren Mitglieder sich besonders als (staatlich wohlwollend geförderte, wenn nicht gar inspirierte und finanzierte) Pogromhelden hervortaten [10]; praktischerweise fanden zu dieser Zeit die Pogrome von Kishinov und Gomel statt [11].

Erweitert erschienen die »Protokolle« 1905 in der anonymen Schrift Die Quelle unserer Übel, die von G. V. Butmi de Kacman (Butmy), auch einem Mitbegründer der ‘Schwarzen Hundertschaften’, herausgegeben wurde – natürlich mit Billigung der staatlichen Zensurbehörden. Eine weitere Ausgabe publizierte Butmi unter seinem Namen ein Jahr später, diesmal mit dem Titel Die Feinde der menschlichen Rasse – Protokolle aus den geheimen Archiven der zentralen Kanzlei von Zion.

Die wichtigste Ausgabe, die die Grundlage für die Übersetzung der »Protokolle« in alle Weltsprachen wurde, erschien als Anhang zu Sergej A. Nilus, Das Grosse im Kleinen: Nahe ist der herandrängende Antichrist und das Reich des Teufels auf Erden [12]; das Buch wurde übrigens vom örtlichen »Roten Kreuz« gefördert [13]. Der Text wurde auf Anordnung des Metropoliten von Moskau von allen Kanzeln der Stadt verlesen und gelangte auch in die Hände des Zaren. Es heisst, dass Zar Nikolaus II. eine weitere Verwendung des Textes verboten habe, nachdem kurze Zeit später eine Untersuchung die »Protokolle« als das entlarvt hatte, was sie ja tatsächlich waren – eine Fälschung.

Nilus, ursprünglich ein merkwürdiger ‘Heiliger’, sollte als Beichtvater der Zarenfamilie installiert werden (wohl von der Ochrana), flog aber um 1903 aus dem illustren engeren Kreis heraus – wahrscheinlich, weil sein Lebenswandel selbst für den Zarenhof etwas zu exzessiv war (er fand später in Rasputin einen würdigen Nachfolger). Als aber die Revolution von 1905 das Zarenreich erschütterte, war zumindest sein Opus wieder offiziell ‘Mode’ – irgendwer musste schliesslich an allem die Schuld haben, und das konnte keinesfalls der Zarismus sein [14].

Epilog

»Eine besonders pikante Note hat auch die Tatsache, dass die Pläne der in den Protokollen auftretenden ‘Weisen von Zion’ zu dem von ihnen zu errichtenden Staat genau den Vorstellungen entsprachen, wie die russische, adlig bestimmte, radikale Rechte ihre eigene Herrschaft stabilisieren wollte: Der Staat, der ihnen vorschwebte, sollte eine diktatorische Autokratie sein; auf landwirtschaftlichen Grundbesitz als Grundlage der Macht des eigenen Volkes wurde grossen Wert gelegt; statt der Goldwährung sollte eine ‘Währung der Volksarbeit’, eine Papierwährung eingeführt werden; die ‘Kustar’-Industrie [15] sollte wiederhergestellt werden, die Sozialstruktur streng in Klassen bzw. Stände gegliedert sein. Die Protokolle konnten eben ihre Herkunft nicht verleugnen.« [16]

Jonnie Schlichting / syndikalismus.wordpress.com

Fussnoten:

[1] siehe Robert Lacey, Ford. Eine amerikanische Dynastie [1986], Düsseldorf - Wien - New York 1987 (Econ), besonders S. 139 - 150.

[2] Ford hatte im November 1918 sein wöchentliches Lokalblatt, (gerade 1.000 Abonnenten) aufgekauft, um es im grossen Stil und unter beträchtlichem Einsatz an Geld zu einer US-weiten Wochenzeitung zu machen, mit einer wöchentlichen Auflage von bis zu 300.000 Exemplaren (bei einem Abo-Preis von US$ 1,- pro Jahr wirklich günstig - und weit unter den Produktionskosten...).

[3] Eine deutsche Ausgabe erschien (unter dem Titel Henry Ford, Der internationale Jude) in 2 Bänden im notorisch antisemitischen Hammer-Verlag Leipzig, Bd. 1 im Jahre 1921, Bd. 2 dann 1922. Der 1. Band erreichte innerhalb eines Jahres schon 9 Auflagen; 1937 erschienen als 33. Auflage (in einem Band) das 117. bis 118. Tausend.

[4] Lacey, a.a.O., S. 149; siehe auch Peter Orzechowski, Schwarze Magie - Braune Macht, Ravensburg o. J. [nach 1985] (P.S.), S. 117.

[5] Eugène Sue (1804-1857): französischer Schriftsteller. Seine ebenso populären wie sentimentalen Romane behandelten soziale Themen. Eine gewisse Berühmtheit in marxistisch orientierten Kreisen erlangte Sue dadurch, dass in der von Karl Marx und Friedrich Engels 1843 verfassten Schrift Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik (Marx-Engels, Werke Bd. 4) Marx seinen Roman Les mystères de Paris [Die Geheimnisse von Paris] ausführlich und polemisch besprochen hatte.

[6] Eine - inzwischen vergriffene - deutsche Ausgabe erschien in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen »Anderen Bibliothek« unter dem Titel Ein Streit in der Hölle. Gespräche zwischen Machiavelli und Montesquieu über Macht und Recht, Frankfurt/M 1991 (Eichborn).

[7] Vorwort des Verlages [zu Ford, Bd. 1], a.a.O., S. 5, 6. - Dass diese Bewahrer des germanischen Wesens der deutschen Sprache nicht mächtig sind, ist ein immer wieder faszinierendes Phänomen.

[8] Sergej Jul’evic Vitte war 1892 Verkehrsminister, von 1892 - 1903 dann Finanzminister und von Oktober 1905 bis April 1906 Ministerpräsident des russischen Zarenreiches. Er war einer der gewieftesten und intelligentesten Politiker, die der letzte Zar aller Reussen zur Verfügung hatte.

[9] Cion/Cyon hatte Vittes Amtsvorgänger u.a. als Agent in Paris gedient. Nach der Übernahme des Finanzministeriums durch Vitte wurde er Korrespondent der reaktionären und antisemitischen Tageszeitung Moskovskija Vedemosti und veröffentlichte zudem mehrere Bücher gegen Vitte. In seiner Polemik gegen Vitte enthielt er sich allerdings jeglicher antisemitischer Ausfälle - wohl, weil er selbst jüdischer Abstammung war (siehe Heinz-Dietrich Löwe, Antisemitismus und reaktionäre Utopie. Russischer Konservativismus im Kampf gegen den Wandel von Staat und Gesellschaft 1890 - 1917, Hamburg 1978 (Hoffmann und Campe), S. 43 und die dazugehörigen Anmerkungen S. 223f).

[10] siehe Edward H. Judge, Ostern in Kischinjow. Anatomie eines Pogroms (Jüdische Studien, Band 3), Mainz 1995 (Decaton); zu Krusevan ebenda, S. 36 ff, sowie Löwe, a.a.O., S. 64.

[11] siehe Löwe, a.a.O., S. 57 - 68, sowie Judge, passim.

[12] Zarskoje Selo (2. Auflage 1905).

[13] möglicherweise eine ‘Wiedergutmachung’, da das Rote Kreuz vielen ‘wackeren russischen Patrioten’ als eine höchst verdächtige Institution galt - kontrolliert von den Freimaurern … (siehe Löwe, a.a.O., S. 129).

[14] Das wissen auch Henry Fords deutsche Herausgeber 1921, nach dem für Deutschland verlorenen Weltkrieg: »… der Weltkrieg war ein Judenkrieg«. (s. Vorwort des Verlages [zu Ford, Bd. 1], a.a.O., S. 4).

[15] Heimindustrie seit dem 18. Jh. - vergleichbar mit dem Verlagssystem in Deutschland; vgl. Lionel Kochan, The Making of Modern Russia, Harmondsworth 81973 (Penguin), S. 124f; siehe auch Hans Schwab-Felisch (Hrg.), Gerhart Hauptmann. Die Weber. Text und Dokumentation, Frankfurt/M - Berlin/W - Wien 1975 (Ullstein-TB).

[16] Löwe, a.a.O., S.129.

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