Immerhin wurde ihm von der Hochschule Anfang Juni 2026, also zwei Monate vor seinen Tod, die goldene Ehrennadel der Universität verliehen und damit auch anerkannt, dass die Entscheidung von 1960 „aus heutiger Sicht falsch war“. Damit drückt sich die Universitätsleitung auch heute noch um die klare Aussage, dass das Verbot, die Ausstellung am Campus zu zeigen, auch vor 65 Jahren schon falsch war.
Reinhard Strecker war schon in jungen Jahren klar, dass er sich mit dem Klima aus Antikommunismus und Verschweigen der Naziverbrechen, das die Adenauer-Ära prägte, nicht abfinden wollte. Zunächst entschied er Anfang der 1950er Jahre, Deutschland den Rücken zu kehren. Er wollte sich in Frankreich eine neue Existenz aufzubauen. Doch schliesslich beugte sich Strecker den elterlichen Wünschen und kehrte nach Deutschland zurück. Doch anpassen wollte er sich nicht, wie er noch 2019 in einem Interview mit der Deutschen Welle betonte. "Wenn ich in Deutschland bleiben sollte, musste sich das Land ändern. Dass man mit den alten Verbrechern die Demokratie aufbauen konnte, hielt ich für idiotisch." An der Freien Universität, an der Strecker Sprachwissenschaften studierte, fand er Gleichgesinnte. Er wurde Mitglied des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) und der SPD. Nur wenige Jahre später trennte sich die Partei von Ihren rebellischer werdenden Student*innen. Strecker hatte sich zum Ziel gesetzt, die Kontinuitäten hoher Nazis in den Institutionen der BRD und in Westberlin öffentlich zu machen.
Angeregt dazu hatten ihn auch Broschüren und Bücher, die damals in der DDR herausgegeben wurden. Doch Strecker war kein Anhänger des DDR-Systems und hatte sich sogar als Fluchthelfer betätigt. Trotzdem konnte er in der DDR die Dokumente sichten, die auch Grundlage für die Broschüren waren. Er kam zu dem Schluss, dass sie in einigen Punkten propagandistisch übertrieben, aber zum grössten Teil korrekt waren.
Angriff auf die Vergangenheitsbewältigung
Doch allein, dass Strecker in die DDR reiste und die Dokumente studierte, trug ihm im antikommunistischen Klima der frühen 1960er Jahre den Vorwurf ein, ein Handlanger Pankows zu sein. Deshalb wurde auch die Ausstellung „Ungesühnte Naziverbrechen“ bald angefeindet. Die SPD, die ihn anfangs noch unterstützte, distanzierte sich ebenfalls. Die Ausstellung durfte weiterhin nicht in öffentlichen Gebäuden und Universitäten gezeigt werden.In München hatte die Polizei sogar jede Werbung für die Ausstellung verboten. In Westberlin wurde die Galerie Springer unter Druck gesetzt, weil sie die Ausstellung zeigte. Doch sie beugte sich nicht. Je mehr die Ausstellung von konservativen Politiker*innen und Medien angegriffen wurde, desto grösser wurde das Interesse im In- und Ausland an ihren Inhalten. Strecker initiierte ein überparteiliches Komitee, dem auch der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Westberlin, Heinz Galiniski und der Schriftsteller Wolf-Dieter Schnurre angehörten.
Bis zum Ende unversöhnt mit den deutschen Verhältnissen
Auch wenn Strecker 2025 sogar das Bundesverdienstkreuz erhalten hat, blieb er bis zum Schluss unversöhnt mit Deutschland. „Nach all der Diffamierung und der Hetze gegen ihn, für die sich nie jemand entschuldigt hat, wird daraus wohl auch nichts mehr werden“, zitierte ihn der Journalist Michael Sontheimer 2019 im Spiegel.Der Antifaschismus war ihm noch im hohen Alter ein wichtiges Anliegen. So war er 2014 persönlich in Słońsk anwesend, als in der heutigen westpolnischen Kleinstadt ein Gedenkort für das ehemalige NS-Konzentrationslager Sonnenburg vorbereitet wurde. Weil es vom ca. 10 Kilometer entfernten Bahnhof Transportschwierigkeiten gab, trampte Strecker nach Słońsk und war als erster vor Ort, sehr zur Verwunderung der jüngeren Teilnehmer*innen der Veranstaltung, die brav auf den Shuttle-Dienst wartete.
Auch in der gesellschaftlichen Linken ist Strecker heute weitgehend unbekannt. Dabei gehört er zu den wenigen, die vor über 60 Jahren damit begonnen haben, die braune NS-Vergangenheit in Westdeutschland anzuprangern. Es gibt aber eine wichtige Ausnahme: 2011 führten Gottfried Oy und Christoph Schneider ein langes Interview mit Reinhard Strecker, das in dem von ihnen im Dampfboot-Verlag herausgegebenen Buch „Die Schärfe der Konkretion“ veröffentlicht wurde.
Dort machte Strecker auch erstmals öffentlich, dass er 1960 von einem FU-Hochschullehrer im vollbesetzten Audimax wegen der Ausstellung ins Zuchthaus gewünscht wurde. „Dokumente aus dem Ausland zu besorgen, um Deutsche ins Gefängnis zu bringen, sei wirklich das letzte an nationaler Verkommenheit“, tönte der rechte Professor.
Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die Apo
Strecker und seine Freund*innen leiteten die Ära der Ausserparlamentarischen Opposition (Apo) ein, die immer mit der Jahreszahl 1968 verbunden wird. Die Biografie von Strecker zeigt, dass die Auseinandersetzung mit dem NS viele Jahre vorher begonnen hat. Oft waren die Protagonist*innen einige Jahre im Ausland, vor allem in Frankreich, bevor sie sich der NS-Aufarbeitung in der BRD widmeten. Dazu zählt neben Strecker auch Beate Klarsfeld, die nach einem längeren Frankreich-Aufenthalt ihre Kampagne gegen Ex-Nazis in den BRD-Institutionen begann.Höhepunkt war die Ohrfeige, die sie dem damaligen Bundeskanzler Kiesinger wegen seiner Mitgliedschaft in der Nazipartei verabreichte. Nach 1968 trat die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit auch in der Apo in den Hintergrund.
Man konzentrierte sich auf den Widerstand gegen den Vietnamkrieg und solidarisierte sich mit den Palästinser*innen. Das führte dazu, dass die USA und Israel zum Hauptgegner wurden und nicht mehr die deutschen Verhältnisse. Dadurch gerieten auch Pioniere der NS-Aufarbeitung wie Strecker in Vergessenheit.


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