UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Re:publica: Konfetti gegen die Bundeswehr | Untergrund-Blättle

4122

und warum die re:publica eine Chance verpasst hat Konfetti gegen die Bundeswehr...

Politik

Die Digitalkonferenz re:publica sieht sich selbst als Ort der Debatte, der Kritik, der Einmischung, der Demokratie und der Intervention. In diesem Jahr gab es sogar einen eigenen Space, an dem Teilnehmer Protestschilder malen konnten.

Hat die re:publica ihren Zenit überschritten? labore:tory an der re:publica TEN 2016 in Berlin.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Hat die re:publica ihren Zenit überschritten? labore:tory an der re:publica TEN 2016 in Berlin. Foto: Martin Sauter (CC BY-SA 4.0 cropped)

30. Mai 2017
0
0
5 min.
Drucken
Korrektur
Das gesamte Design der Konferenz war auf das Motiv “Protestplakat” ausgerichtet. Als es dann wirklich zu Protestaktionen auf dem Kongress kam, löste das bei Publikum und Veranstaltern teilweise Ablehnung und Irritationen aus.

Doch von Anfang an. Wie der Tagesspiegel berichtete, hatte die Bundeswehr versucht sich einen Stand auf der re:publica zu sichern – und bekam ihn nicht. Doch am Ende war die Bundeswehr doch auf der Konferenz vertreten: In einer Podiumsdiskussion über “Content-Marketing” sollte der “Beauftragte für die Arbeitgebermarke der Bundeswehr” Dirk Feldhaus, die Möglichkeit bekommen, vollkommen unhinterfragt die Werbestrategie der Bundeswehr darstellen zu dürfen.

Das Panel war eine Veranstaltung der Media Convention, einer Konferenz, die zeitgleich zur re:publica, im gleichen Gebäude und mit der gleichen Eintrittskarte stattfindet. Viele Besucher dürften gar nicht mitbekommen haben, dass es sich um eine andere Veranstaltung handelt, so integriert ist die Media Convention in das Konzept. Da half dann auch die Distanzierung von re:publica-Gründer Johnny Haeusler wenig. Zumal es töricht wäre, wenn die re:publica keinen Einfluss auf das Programm ihrer Partner hätte.

Als nun das Panel begann, stürmten etwa 15 Menschen mit Konfetti, Glitzer und Protestschildern die Bühne und zeigten für vielleicht eine Minute ihren Unmut, dass die Bundeswehr auf der Konferenz einen solchen Raum bekam. Anlässlich der momentanen Ausweitung des Cyberwars und dem Skandal um Rechtsterrorismus in den Reihen der Armee eine logische Reaktion für kritisch denkende Konferenzbesucher.

Vielleicht wäre der Protest ausgeblieben, hätte der Bundeswehr-Werber in einem Streitgespräch auf der Bühne gesessen, auf dem ihm kritischen Fragen gestellt werden. Doch das war nicht das Umfeld der Veranstaltung. Ganz im Gegenteil: Die Moderation war affirmativ und im Publikum sassen etwa 400 Werbe-Fuzzis und Influencer-Marketing-Tanten, die so gar nicht verstehen konnten, warum man mit so einer personellen Besetzung nicht einverstanden sein könnte. Ungläubige Blicke und die Aktion kritisierende Tweets waren die Folge. Einer der Teilnehmer empörte sich auf Twitter und zensierte auch gleich die Sprüche auf den Protestplakaten in Echtzeit weg. Andere übernahmen gleich selbst die Slogans der Bundeswehr-Kampagne.

Die Zuschauer beklatschten im weiteren Verlauf der Veranstaltung artig die Video-Zugriffszahlen der Bundeswehr und am Ende liess die Moderatorin keine Fragen zum Thema zu. Der Mitschnitt des Panels enthält die Aktion nicht (ab ca. Minute 18), so dass diese dort gar nicht stattfindet. Besser hätte auch das Internationale Olympische Komitee einen Protest nicht wegschweigen können.

Protest bitte nur als schicke Instagram-Deko

Der Vorfall zeigt gleich mehrere Problemfelder: Wie weit darf eine Konferenz eigentlich die eigene Anschlussfähigkeit und Mainstreamigkeit drehen, ohne sich selbst komplett zu verraten? Gebe ich soviel Macht an Partner und Sponsoren ab, dass ich den Einfluss auf das Programm verliere? Wann verliere ich eigentlich diejenigen, die einmal treibende Kraft der Konferenz waren?

Dass solche Aktionen stattfinden, zeigt dass die Fliehkräfte der aus der Blogger- und Netzbewegung entstandenen Konferenz mittlerweile überreizt sind. Ein Teil des Publikums findet sich nicht mehr wieder zwischen Google-Ständen, Marketing-Getöse, Mercedessternen und einer Bundeswehr, die ihre Rekrutierungspropaganda auf der Konferenz abfeiern darf. Zugleich sind diese Leute irritiert über ein Publikum, das in Teilen so unkritisch ist, dass das Protestschild-Design der ganzen Konferenz nur noch als schöne Deko wahrgenommen wird, vor deren Hintergrund man hübsche Instagram-Bilder machen kann. Eine Aktion wie der Konfetti-Regen ist also mehr kritische und liebevolle Solidarität mit den Veranstaltern als eine Aktion gegen sie.

Die re:publica kann deutliche Zeichen setzen

Wenn die die re:publica den Weg der Mainstreamisierung weiter geht, dann verpufft der politische Anspruch der ganzen Veranstaltung in Marketing-Blabla. Diese Entwicklung ist sehr schade und traurig, denn ich mag diese Konferenz und auch die, die sie machen. Denn trotz allem gibt es ein tolles Programm, das eben genau eine kritische und demokratische Auseinandersetzung ermöglicht. Und jedes Jahr schafft die re:publica immer noch Raum für wichtige politische und kritische Positionen und bringt diese im Rahmen der Berichterstattung über das Event in den Mediendiskurs ein.

Als Konferenz muss man sich aber entscheiden, ob man versucht, eine Community zu stärken, zu fördern und weiter aufzubauen – oder ob man sich dem Mainstream bis zur Unkenntlichkeit annähert und dann irgendwann selbst in diesem untergeht. Als grosser und wichtiger Player im digitalen Diskurs – und genau das ist die re:publica ja – kann man starke politische Zeichen setzen. Wenn man will. Und wenn man sich traut.

Ein solches Zeichen wäre: Wir stehen für Frieden, gegen Cyber-Kriege und gegen die Anwerbung von minderjährigen Menschen für die Armee durch teure Youtube-Kampagnen. Um die Welt zu verändern, braucht es klare Positionen. Diese Chance hat die re:publica verpasst.

Update

Es gibt mittlerweile ein sechs Tweets langes Statement der Media Convention zum Vorwurf, die Aktion im Mitschnitt herausgeschnitten zu haben. Demnach werden Videoeinspieler der Veranstaltung aus Urheberrechtsgründen nicht im Mitschnitt gezeigt. Die Protestaktion fand während eines Einspielers statt.

John F. Nebel

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC 2.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Aufs Dach gestiegenLüneburg: Rede des OB Mädge von Aktivist*innen unterbrochen

06.07.2020

- Am 05.07.2020 haben Aktivist*innen von Unfug und Sympahtisant*innen die Rede des Lüneburger Oberbürgermeisters Ulrich Mädge zur Zukunftsstadt 2030 unterbrochen, um aufzuzeigen, dass die Wohnpolitik des Oberbürgermeisters und der SPD keine lebenswerte Zukunft ermöglichen.

mehr...
Schlegel
GesellschaftTodernst

07.12.1995

- Was ist Ernst? Ein Presseprodukt der TA-Media AG, die der Jugend das Blaue vom Himmel vorgaukelt und sich dabei noch Ernst nennt.

mehr...
Adbusting - Bundeswehr-Werbung.
Werbung bis zur Kenntlichkeit verändertWas ist Adbusting?

11.01.2019

- Adbusting ist eine Protestform, angesiedelt irgendwo zwischen Kunst und Politik.

mehr...
Urteil gegen kritische Website über die AfD: Wo AfD draufsteht, ist auch AfD drin

18.02.2018 - A panel discussion with Zeynep Kıvılcım and Peter Ullrich From the organizer's Website: "18. February 2018 | 14-16h Salon | Rosa-Luxemburg Stiftung Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin In recent years, protest against precarious labour conditions in Germany has been growing.

Aktionswoche- Bundeswehr raus aus Schulen und Hochschulen und enttäuschte antimilitaristische Hoffnungen auf Grün/Rot

20.09.2012 - Vom 24.-29. September 2012 findet die bundesweite Aktionswoche gegen Bundewehr in Schulen und Hochschulen statt.

Dossier: Drohnen
Peter D. Lawlor
Propaganda
Against Civilisation

Aktueller Termin in Freiburg im Breisgau

Besser-Spät-Als-Nie-Mittagstisch

Hallo liebe Freund_innen des guten Essens, nachdem der Besser-Späti-als-nie-Mittagstisch um 14:00 mit der Schliessung des Spätis gehen musste, wird es allerhöchste Zeit für einen neuen solidarischen Mittagstisch für alle. Wer mitessen ...

Mittwoch, 1. Februar 2023 - 14:00 Uhr

Stadtteiltreff Brühl-Beurbarung, Tennenbacher Straße 36, 79104 Freiburg im Breisgau

Event in Hamburg

Tramhaus

Mittwoch, 1. Februar 2023
- 20:00 -

Komet

Erichstraße 11

20359 Hamburg

Mehr auf UB online...

Brennende Tankstelle in der mexikanischen Stadt Culiacán während den Auseinandersetzungen am 6. Januar 2023.
Vorheriger Artikel

Extremistischer Kapitalismus und Plünderungsökonomie

Mexiko: Atomisierte Gewalt

Nächster Artikel

Heiko Beyer / Alexandra Schauer (Hg.): Die Rückkehr der Ideologie

Nach der Postmoderne…

Untergrund-Blättle