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Wieso verbreiten Politiker:innen und Militärs Thesen, die keiner Überprüfung standhalten?

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Wieso verbreiten Politiker:innen und Militärs Thesen, die keiner Überprüfung standhalten? Ist Pistorius von allen guten Geistern verlassen?

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Politik

Es geht hier nicht nur um den deutschen Kriegsertüchtigungsminister, sondern alle, die uns seit Monaten vom „russischen Angriff in zwei Jahren“ erzählen.

Boris Pistorius anlässlich des Feierlichen Gelöbnisses zum 20. Juli 2023.
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Boris Pistorius anlässlich des Feierlichen Gelöbnisses zum 20. Juli 2023. Foto: Dr. Frank Gaeth (CC-BY-SA 4.0 cropped)

Datum 12. Februar 2026
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Die Frage ist: wieso verbreiten Politiker:innen und Militärs im Brustton der Überzeugung Thesen, die keiner Überprüfung standhalten? Und – wie soll man mit solchen Leuten umgehen?

(Es geht hier auch nicht um ein ‚Weisswaschen' der russischen Kriegführung in der Ukraine. In jedem Fall ist sicher, dass solch eine Art der Kriegführung in dicht besiedelten Gebieten genau die russischsprachige Bevölkerung schädigt, die angeblich verteidigt werden soll.)

Aber eine Sache ist Kritik an der russischen Armee und etwas anderes gezielte Panikmache. Sehen wir nun, was westliche Quellen zur Wahrscheinlichkeit sagen, dass Russland europäische NATO-Mitglieder angreift.
  • Die Rüstungsausgaben der NATO, selbst wenn man die USA abzieht und die Kaufkraft bereinigt, sind ein Mehrfaches von denen Russlands. In diesem Zusammenhang wird oft darauf verwiesen, dass Russland die Ausgaben stark steigert. Das tut die NATO seit Jahren ebenfalls (5-Prozent-Ziel), und es stellt sich die Frage, wer auf wen reagiert.
  • Die westlichen Armeen sind ebenfalls haushoch überlegen
  • Das bestätigt der NATO-Generalsekretär Rutte, der einen gewissen Überblick haben müsste.
  • Wenn man all diesen Quellen nicht vertrauen sollte, reicht es, die Nachrichten zu sehen, wie langsam die russische Armee Richtung westliche Ukraine vorrückt.
Aus welchen Gründen wird dieses Hirngespinst trotzdem verbreitet? Hier werden drei Hypothesen untersucht: 1) psychologische 2) politische 3) materielle.

Psychologische Erklärungen

Wenn man unterstellt, dass diese europäischen Politiker:innen und Militärs sich (im Gegensatz zu anderen Präsidenten) geistiger Gesundheit erfreuen, muss es andere Gründe geben. Vielleicht ist es ganz aufschlussreich, zu überprüfen, ob sie einer Verschwörungstheorie (VT) anhängen. Zunächst einige Informationen zur Wirkung von VT (nach Katharina Nocun + Pia Lamberty, Fake Facts, Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen; Quadriga Verlag, Köln 2021) :
  • Die Anfälligkeit für VT steigt bei einem Gefühl von Kontrollverlust (Seite 55). Tatsächlich hat die EU-'Elite' in den letzten Jahren drei schwere Ereignisse dieser Art verkraften müssen:
    • China begnügt sich nicht mehr mit der Rolle der ausgelagerten Werkbank, sondern überholt die USA und die EU
    • immer mehr Staaten übernehmen die Methoden, völkerrechtswidrige Kriege zu führen, die ihnen der Westen in Jugoslawien, Irak usw. vorgeführt hat
    • das US-Regime reagiert auf 1) und 2), indem es den treuen Vasallen EU vor die Hunde wirft.
  • VT sind gegenüber Sachinformationen resistent (S. 62).
  • Der ‚confirmation bias' sorgt dafür, dass bevorzugt die Informationen aufgenommen werden, die die eigene Meinung bestätigen (S. 61); die durch abweichende Daten entstehende kognitive Dissonanz wird verringert, indem man diese als unglaubwürdig einstuft.
  • Wer sich in einer Echokammer befindet, wo er nur das wiederholt bekommt, was er selbst sagt, neigt zur Radikalisierung.
  • Die Einbindung in eine Gruppe verstärkt den Effekt (S. 49).
  • Je mehr in eine Idee investiert worden ist, desto schwieriger ist es, sie in Frage zu stellen oder als Irrtum anzuerkennen (S. 50).
  • Kritiker:innen werden als Werkzeuge des Gegners angesehen (S. 176).
  • Laut dem ‚optimism bias' wird das Risiko der eigenen ‚Gegen'massnahmen unterschätzt (S. 63).
  • Dummerweise haben Menschen mit einer höheren Neigung zu VT eine stärkere Präferenz für Ordnung und Struktur und eine geringere Ambiguitätstoleranz. Wenn das nicht an Militär und Polizei erinnert … (S. 57).
Es gibt also Hinweise, dass das Verhalten der EU-Politiker:innen und Militärs teilweise damit erklärt werden kann, dass sie von einer Verschwörungstheorie betroffen sind.
Daneben gibt es noch zahlreiche ‚normale' kognitive Verzerrungen, denen auch der Autor (und die Leser:innen) unterliegen?. Da stellt sich die Frage, ob das Leben als Berufspolitiker:in oder im Generalstab besonders anfällig für sie macht, weil sie sich lange Zeit in derselben geschlossenen Gruppe aufhalten. Hier eine Liste (gekürzt und mit Beispielen)

Es kommen immer erst der Name, dann ein Link und schliesslich ein Beispiel:

Attributionsfehler: https://de.wikipedia.org/wiki/Attributionsfehler = Die Veränderung vom guten Bild Putins nach seiner Rede 2001 im Bundestag https://www.youtube.com/watch?v=9jyLQmyg9hs zum heutigen ‚Dämon'
Backfire: https://de.wikipedia.org/wiki/Backfire-Effekt = Was nicht ins Weltbild passt, wird als Beleg für böse Absichten verwendet, z.B. russische Waffenstillstandsvorschläge zu Weihnachten
Beharren: https://de.wikipedia.org/wiki/Beharren_auf_%C3%9Cberzeugungen = Merz: „Die Mittel der Diplomatie sind ausgeschöpft“ https://www.pubaffairsbruxelles.eu/eu-in-the-media/german-chancellor-merz-on-ukraine-no-hope-left-for-a-diplomatic-solution-to-the-conflict/
Bestätigungsfehler: https://de.wikipedia.org/wiki/Best%C3%A4tigungsfehler = Durch Infoauswahl in den Zeitungen verstärkt
Dichotomie: https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#In_der_klinischen_Psychologie = „alles oder nichts“, monatelange Diskussionen über Gebietsabtretungen, anstatt die strittigen Gebiete als neutrale Zone unter internationaler Verwaltung zu stellen o.ä. https://usrussiaaccord.org/making-the-case-for-east-ukraine-by-benjamin-s-dunham/
Dunning-Kruger: https://de.wikipedia.org/wiki/Dichotomie#In_der_klinischen_Psychologie = Selbstüberschätzung, z.B. die Reihe von ‚game-changer-Wunderwaffen' in den ersten Kriegsjahren
Escalation of Commitment: https://de.wikipedia.org/wiki/Eskalierendes_Commitment = Nach jedem Fehlschlag eins draufsetzen, z.B. immer weitreichendere Waffen
Etikettierung: https://de.wikipedia.org/wiki/Etikettierungsansatz = Jahrelang waren die Befürworter:innen eines Waffenstillstands ‚Putin-Helfer', jetzt fordert der Westen einen Waffenstillstand
Framing: https://de.wikipedia.org/wiki/Framing-Effekt = „Krieg vorbereiten, um ihn nicht führen zu müssen“, so wird Waffenkauf eine Friedensaktivität
Frequenz-Illusion: https://de.wikipedia.org/wiki/Frequenzillusion = z.B Drohnenflüge, die seit Jahren stattfanden, nach entsprechender ‚Berichterstattung' verstärkt bemerken
Gruppenzwang: https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppenzwang
Horn-Effekt: https://flexikon.doccheck.com/de/Horn-Effekt = Zur Feindbildschaffung
Handlungstendenz: https://de.wikipedia.org/wiki/Action_Bias = Lieber etwas Sinnloses als nichts tun
Herdenverhalten: https://de.wikipedia.org/wiki/Herdenverhalten
Kognitive Dissonanz (vermeiden): https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Dissonanz = Unfähigkeit, die Vorschläge des Gegners überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und nüchtern zu analysieren
Law of the instrument: https://de.wikipedia.org/wiki/Law_of_the_Instrument = Soldat:innen sind für die Kriegführung ausgebildet, also ‚lösen' sie alles mit Krieg und es fällt ihnen schwer, an andere Lösungen zu denken
Mere exposure effect: https://www.nineblaess.de/de/blog/kognitive-verzerrungen-liste/ Punkt 17 = Manipulationsmethode, z.B. die steigende Anzahl von Fotos netter Soldatinnen auf der Titelseite ehemals ‚liberaler' Zeitungen
Mitläufereffekt: https://de.wikipedia.org/wiki/Mitl%C3%A4ufereffekt
Moralische Lizensierung: https://de.wikipedia.org/wiki/Moralische_Lizenzierung = Zu jedem Besuch mit neuen Waffenlieferungen gehört ein Besuch mit Mitbringseln in einem Kindergarten, Krankenhaus usw.
Nachträgliche Begründungstendenz: https://de.wikipedia.org/wiki/Nachtr%C3%A4gliche_Begr%C3%BCndungstendenz Waffenlieferungen
Negativitätsbias: https://digitales-institut.de/die-10-haeufigsten-kognitiven-verzerrungen-eine-liste/ = Verhandlungsangebote ignorieren
Projektion: https://de.wikipedia.org/wiki/Projektion_(Psychoanalyse) = Spiegeln die ‚Warnungen' vor einem Angriff Russlands vielleicht den geheimen Wunsch wieder, Russland anzugreifen?
Rückschaufehler: https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckschaufehler = Die Erklärung des russischen Einmarschs in die Ukraine bei Ausblendung der Vorgeschichte seit Gorbatschow
Selbstwertdienliche Verzerrung: https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstwertdienliche_Verzerrung = Dauernde Fortschrittsmeldungen, auch wenn der Rückzug schon vorbereitet wird
Versunkene Kosten: https://de.wikipedia.org/wiki/Versunkene_Kosten = Niemand würde einen Fahrradreifen aufpumpen, der ein grosses Loch hat, aber es werden steigende Milliardensummen in allgemein bekannte ukrainische Korruptionsnetzwerke gesteckt
Wahrheitseffekt: https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrheitseffekt_und_Wahrheitsurteile = Glaubwürdigmachung von Fehlinformationen durch dauernde Wiederholung
Wahrscheinlichkeitsvernächlässigung: https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrscheinlichkeitsvernachl%C3%A4ssigung = Ausklammern des steigenden Risikos für einen Atomkrieg durch Fehlinterpretation

Es scheint also einige Belege dafür zu geben, dass bei den Sofa-Kriegsheld:innen, die bei uns über Krieg und Frieden entscheiden, Wahrnehmungsverzerrungen verstärkt auftreten.

Politische Erklärungen

Dass ein zugkräftiges Feindbild helfen kann, innere Konflikte zu übertünchen, ist allgemein bekannt (Klaus Moegling, S.167). Dabei kann es sich um abgrenzbare Gruppen im eigenen Land handeln (Jüd:innen, Migrant:innen, Palästinenser:innen) oder um ein ganzes anderes Land.
So sind dann manche Leute bereit, bei leerem Kühlschrank und ohne Heizung Goebbels (und heute Pistorius,) für die ‚Kriegstüchtigkeit' (und in die Kriegsinvalidität) zu folgen.

Auf eine Beschreibung der innenpolitischen Situation in allen Ländern, wo das zutrifft, verzichte ich hier. Als Beispiele mögen reichen:
- Macron (ohne politische Basis)
- Netanyahu (anhängige Strafverfahren)
- Selenski (im Amt ‚verlängert')
- Trump (anhängige Strafverfahren und Sexskandale)

Natürlich gibt es steuerfinanzierte Einrichtungen, die zur passenden Zeit mit den passenden Ereignissen und Narrativen nachhelfen, wie man bei der Drohnenhysteriekampagne gesehen hat.
Ungeklärt bleibt, wie Einrichtungen, die es eigentlich nicht nötig hätten, wie die Evangelische Kirche Deutschlands, sich in diesem Rahmen sogar zur Rechtfertigung von Präventivkriegen versteigen. Aber das ist nicht unser Hauptthema.

Halten wir nur fest, dass die ‚Eliten' einer EU, bei der der Lack abblättert, und einer Bundesrepublik Deutschland, in der alle sozialen Errungenschaften der letzten 150 Jahre nach und nach abgebaut werden, durchaus ein politisches Interesse an einem Dauerkrieg und einem neuen Feind im Osten haben können. Oder einfach aus den in 1) beschriebenen Gründen nicht fähig sind, den Weg aus der Sackgasse zu nehmen, in die sie uns alle gebracht haben.

Materielle Erklärungen

Lassen wir uns mal vom Optimismus-Bias leiten und unterstellen, dass die Korruption im Rüstungsbereich in der EU (noch) nicht so fortgeschritten ist wie in der Ukraine.
Dennoch ist offensichtlich, dass es auch hier Situationen gibt, wo das, was jemand politisch vertritt und das, woran er verdient, sich überlappen. Beispiel der ehemalige CIA-Direktor und US-Aussenminister Pompeo.

Die systemischen Voraussetzungen dafür sind auch in der Bundesrepublik gegeben:

1) die ‚Drehtüren' von der Bundeswehr und dem ‚Verteidigungsministerium' zur Industrie bewegen sich ständig.

2) das Parlament, das sowas kontrollieren sollte, ist praktisch lahmgelegt. Bei einer Untersuchung des ‚Verteidigungs'ausschusses des vorigen Bundestags stellte sich heraus: „Von 11 Leitungsmitgliedern haben 5 Lobbykontakte, damit lässt sich wohl sagen, dass dieser Ausschuss fest in den Händen von Personen ist, die der Rüstungsindustrie stärker verpflichtet sind als ihren WählerInnen. Von den restlichen 27 Mitgliedern 5, zwei davon auch zu friedensorientierten Einrichtungen. Dazu kommen erfahrungsgemäss die, die ihre Kontakte/Nebentätigkeiten nicht angezeigt haben. Das heisst, von 38 Personen haben mindestens 10 militaristische Lobbykontakte, und mindestens 2 gleichzeitig friedensorientierte.“ (Aus der im Internet zirkulierenden Liste „'Verteidigungs'ausschuss des Bundestages 2022“.)

Auf EU-Ebene ist es ähnlich. Wenn jemand die Zeit und die Mittel hat, das genauer zu untersuchen, kommen bestimmt einige Skandale zum Vorschein. Bis dahin handelt es sich um eine Vermutung, die nicht gerichtsverwertbar ist, aber ‚an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit' hat.

Was nun?

Wie soll man sich gegenüber Leuten verhalten, die von Verschwörungstheorien beeinflusst sind, verstärkt unter Wahrnehmungsverzerrungen leiden und ein politisches und materielles Interesse an der Aufrechterhaltung und Verbreitung bestimmter Fehleinschätzungen haben?
1) Es bringt wenig, aufwändig recherchierte Dokumentationen zu schicken. Wenn sie überhaupt über die wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen hinauskommen, fallen sie den oben beschriebenen Filtern zum Opfer.

2) Es ist beschränkt sinnvoll, die Diskussion zu suchen, wie das z.B. das Projekt EVAL tut.

3) Die Autorinnen von ‚Fake Facts' haben ein zweites Buch „True Facts, Was gegen Verschwörungstheorien wirklich hilft; Quadriga Verlag, Köln 2021“ verfasst, das ich hier nicht berücksichtigt habe. Darin wird der konkrete Umgang mit VT-Anhänger:innen beschrieben.
Es kann auch hilfreich sein, die Empfehlungen von Sektenberatungsstellen einzubeziehen.

4) Wahrscheinlich ist es besser, den Dialog mit Leuten zu suchen, zu denen man über persönliche Empfehlung oder gemeinsame Bekannte kommt, um die Scheuklappen etwas zu öffnen.

5) ‚Debunking', also Konfrontieren mit Fakten, allein reicht nicht (S. 281). Wirksamer als umfangreiche Information sind kritische Fragen (S. 285). Insofern sind Formate wie ‚Frag den Staat' und ‚Abgeordnetenwatch' vielleicht effektiver, auch wegen der ‚stillen Mitleser' (S. 289).

6) Die Selbstkorrekturfähigkeit der ‚Entscheidungsträger' ist minimal, egal wie man mit ihnen umgeht. Wer das noch nicht am jahrzehntelangen Afghanistankrieg und dessen ‚Aufarbeitung' gemerkt hat, sieht es jetzt beim erbärmlichen Bestreben der Bundesregierung, die eigenen ehemaligen Angestellten lieber in die Hände der Taliban fallen zu lassen als nach Deutschland zu retten.

7) Aus alledem folgt: reine Dialogformate sind beim gegenwärtigen Stand der ‚demokratischen Kultur' in der Bundesrepublik und der EU bei wichtigen/konfliktiven/emotionsbesetzten Themen weitgehend sinn- und folgenlos.

Es kann vernünftig sein, solche Gespräche eine Weile diskret zu führen, aber wenn das nichts bringt, hilft nur öffentlicher Druck. (Mit ‚Druck' meine ich dabei nicht nur Presseerklärungen, sondern z.B. Bahnarbeiter, die keine Waffenlieferungen ins Ausland abfertigen. Was die italienischen Hafenarbeiter schaffen, sollte doch auch woanders möglich sein.)

Damit dieser Druck entstehen kann, müssen von der NATO aufgebaute Feindbilder ‚auseinandergenommen' werden.

Save the civilians