Bei den Gen-Z-Demos entfaltete die neu entstandene Anti-Militarisierungsbewegung ebenso ihre Wirksamkeit wie die Kürzungen im Bildungsbereich. Der Drive der alten Klimabewegung, schwingt da noch mit und das Erwachen vor dem aufsteigenden Faschismus, wie auch die Palästina-Solidarität. Bei den Gen-Z-Protesten waren erwartungsgemäss die verschiedenen K-Gruppen stark beteiligt. Vor zehn Jahren wären sie eher vereinzelt aufgetreten. Aber anders als bei vorherigen Anlässen, dominierten sie nicht. Grosse Mühe, sich zurückzuhalten, gaben sie sich freilich ebenso wenig. Generell gab es keine festen Blocks, eher lose Haufen - der Situation entsprechend angemessen. Mindestens an den Zugangswegen zur Demo und in Chatgruppen machten sich auch Faschos ein eigenes Bild der Situation.
Was die initative Quelle für den Halloween-Tag angeht, irritiert das Astroturfing. Glücklicherweise haben die lokalen Akteure durchaus ihre eigenen Vorstellungen davon gehabt, was sie auf die Strasse tragen und wie sie dies tun wollen. Der Slogan auf der entsprechenden Homepage ist paradoxerweise gleichermassen sehr zutreffend wie grundfalsch. Dort wurde geschrieben: „Für die Menschen. Nicht für eine Partei. Unsere gemeinsamen Probleme sind wichtiger als das, was uns trennt.“ Manifestiert hat sich ein Partei-unabhängige soziale Bewegung, die mehrere gemeinsame Probleme benennen konnte. Die bürgerlich-liberale Vorstellung, sich in einer fiktiven Mitte zu bewege und neutral sachliche Interessen vertreten zu wollen, traf auf die anwesenden Protestierenden im Schnitt nicht zu. Sie kann auch nicht zutreffen, weil die Thematisierung der verknüpften Problemlagen Positionierungen erforderlich machen.
Die Polizei stand vor der Herausforderung, sich keine Eskalation der Situation vorwerfen zu lassen, musste zugleich jedoch auf alles gewappnet sein. Es wurden Drohnen eingesetzt, was eine besondere Bedrohungslage voraussetzt, deren Begründung sich wohl in einer Grauzone bewegen dürfte. Der standardisierte Einsatz von Drohnen ist jedenfalls nicht als „neue Realität“ hinnehmbar. Was war mit den verbarrikardierten Schaufensterscheiben der Boutiquen? Zum Einen sollten sie wohl schlichtweg die Bereitschaft zum Schutz von Privateigentum symbolisieren. Andererseits gab es hier offenbar doch die Angst, dass das eine oder andere Grüppchen, sich inspiriert fühlte, sich ihren Anteil an der Warengesellschaft direkt mitzunehmen. Sicher würde die Ordnungshüter dann einige von diesen paar identifizieren, festnehmen und ordentlich bestrafen können. Doch damit verbundene Bilder wären unbedingt zu vermeiden.
Wut auf die Bullen schwappte aus Frankreich rüber, speiste sich wohl auch aus früheren Erfahrungen hierzulande, zum Beispiel bei der Kriminalisierung des Antifaschismus oder der Klimabewegung. Öfter zu hören war auch das „Wo? Wo? Wo wart ihr in Hanau?“ Und schliesslich findet sich auch das eine oder andere Video bei Instagram, auf dem Cops grundlos einzelne Leute schubsen...
Möglicherweise nahmen viele Teilnehmenden wahr, wie abgekartet das Spiel war: Während die konservative Presse klare Ansagen forderte, wurde die Regierung durch die nationalistisch-autoritäre Gegenhegemonie ordentlich unter Druck gesetzt. Die AfD und ihr Umfeld wollten aufzeigen, die Regierung wisse nicht, wo der Hammer hängt bzw. wäre zu sanft, um diesen zu schwingen. Also schwang man ihn von Regierungsseite aus zunächst verbal heftig, stand aber vor der Herausforderung, die Gemüter der Protestierenden nicht weiter zu erhitzen. Immerhin verkalkulierte sich zuletzt das autokratische System des Aleksandar Vučić in Serbien, bei der zweijährigen Unterdrückung der regierungskritischen Bewegung. Offensichtlich hat sich die politische Landschaft allgemein stark nach rechts verschoben und ist die nationalistisch-autoritäre Gegenhegenmonie auf allen Ebenen real, überall verbreitet und strebt klar nach der Übernahme der Staatsmacht. Zugleich wollen grosse Teile der Bevölkerung keine solchen brutalen und absurden Verhältnisse wie in den USA erleben müssen.
Ein grosser Teil der Menschen gestern auf der Strasse, war sehr jung und politisch eindeutig links zu verorten. Dies ist eindeutig feststellbar: Es gibt eine linke Jugend, die zu einem Faktor geworden ist und in beschreibenden Worten durchaus für sozialistische Gedanken offen ist. Das Stadt-Land-Gefälle ist hierbei weiter vorhanden. Doch es ist nicht völlig ausgeschlossen, das sich auch in kleineren Städten wieder mehr linke Jugendliche finden. Zumindest bleibt dies zu hoffen und es ist an den Grossstädtern, die Leute, Räume, Versammlungen in ihrer jeweiligen Region zu unterstützen.
Wunderbar jedenfalls, dass so viele junge Menschen aufstehen, laut werden und schrittweise den Respekt vor der Herrschaftsordnung verlieren. Vermutlich wurden insbesondere Minderjährige hier und da, nach etwas Dynamik, eingekesselt und polizeilichen Massnahmen unterzogen - man will die Bengel noch erziehen, wenn sie möglichst jung sind. Es macht schon die Rede vom „Kinder-Kessel“ die Runde. Doch selbst als wenn dies aus Sorge beanstandet wird, sollte Leuten nur, weil sie unter 18 sind, nicht abgesprochen werden aus eigenem Willen und eigener Motivation heraus, zu handeln. Sicherlich waren Demos für viele eine pädagogisch wertvolle Erfahrung, die sich hoffentlich gut verankert. So machen also auch die Staatsmedien und regierungsnahe Privatmedien darauf aufmerksam, das die Jugendlichen möglicherweise berechtigte Anliegen hätten. Man formuliert und fängt hierbei sehr vorsichtig Stimmen von diesen ein. Dies ist die Kehrseite der allseits aufgewärmten skurrilen Behauptung „Linksextremisten“ würden sich unter die Demonstrierenden mischen und ihre eigentlich berechtigten Anliegen okkupieren. Selbst die Organisierten in linken Gruppen tun dies nicht, sondern sind offensichtlich zu weiten Teilen selbst konkret betroffen: von dem Zustand ihrer Schulen, psychischen Belastungen, Zukunftsängsten. Die Jugendlichen also - die anders als beispielsweise in den südostasiatischen Protesten der "Gen Z" im letzten Jahr - in den europäischen Post-Industrienationen aufgrund der demografischen Entwicklung viel weniger Anteil an der Gesamtbevölkerung haben. (Die Altersgruppe der Unter 30 Jährigen beträgt in der BRD nur 16% der Wähler*innen.)

Demo "Gen Z regelt", Brandenburger Tor, Berlin 31. Oktober 2026.Foto: Roy Zuo (CC BY-SA 4.0 cropped)
Ohne jede böse Absicht wird den - sagen wir 14 bis 24 Jahre alten - Menschen zugeschoben, Protest für gesamtgesellschaftliche Anliegen zu formieren. Diesen können sie nur durchhalten und weiterentwickeln, wenn sie dafür Unterstützung aus verschiedenen Bereichen erhalten. Gen Z wird es nicht alleine regeln - aber das Selbstbewusstsein, in der notwendigen gesellschaftlichen Transformation ein treibender Faktor zu sein, können die (anti-)politisch Aktiven unter ihnen durchaus beanspruchen.
Mittels digitaler Infrastruktur kann vieles schnell organisiert und Städte-übergreifend koordiniert werden. Doch wahr ist ebenfalls: Ob daraus aktive Gruppen entstehen, in denen sich Leute selbst organisieren und autonom agieren, steht auf einem völlig anderen Blatt. Das Dampfablassen von sozialem Druck ist dementsprechend auch ganz im Interesse der Regierung, die ihre Sparmassnahmen um jeden Preis durchziehen will - und gerade durch ihr Klammern an die Staatsmacht mittels sozialem Kahlschlag, Militarisierung und Polizierung den Weg für den Faschismus ebnet. Es ist eine alte Litanei, doch so gilt es, Organisierung, Aktion, eine eigene Kultur und Ethik sowie die Präfiguration einer anderen Gesellschaftsform, zu erlernen und einzuüben.


