Verwechslung von Schutz des eigenen Lebens mit Schutz des Staats «Braucht Deutschland die Atombombe?»
Politik
«Braucht Deutschland die Atombombe?», fragt der Stern am 29.1.2026. Wenn schon so gefragt wird, kann die Antwort wohl nur “Ja!” heissen.

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Frontalansicht von vier B-61-Bomben. Foto: Phil Schmitten (PD)
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Zur Einführung also ein netter Trick, der immer funktioniert: Man zitiert die Frage, die man selbst aufwerfen will, als eine, die “sich stellt” oder längst “diskutiert wird”.
Dann fragt man bestürzt, ob die USA “uns” heute im Ernstfall auch noch nuklear beschützen. Frage zurück: Was stellen sich die Stern-Journalisten unter einem nuklearen US-Schutz für “uns” wohl so vor?
Meinen sie etwa im Ernst, die US-Politik, die bekanntlich nicht gerade zimperlich ist mit Opfern roundabout the world, hätten jemals vorgehabt, Martin Debes, Nico Fried, Miriam Hollstein, Veit Medick und Vitar Vasileuski “zu beschützen”? Sind sie wirklich so naiv, dass sie nicht wissen, dass der nukleare Schirm der USA den Nato-Kräften gilt, die von Europa aus früher die Sowjetunion und heute Russland durch konventionelle und atomare Waffen in Schach halten sollten?
Nein, so blöd sind sie natürlich nicht. Sie setzen vielmehr gezielt auf die Verwechslung von Schutz des eigenen Lebens mit Schutz des Staats und seiner Machtansprüche und reden einer weiteren Aufrüstung das Wort.
Ihr Kronzeuge: Brigadegeneral Frank Pieper, Direktor Strategie an der Führungsakademie der Bundeswehr. „Eigentlich sind Generäle wie er zur Zurückhaltung verpflichtet (haha, guter Scherz), aber Pieper will als Staatsbürger aufrütteln, als Privatperson. ,Die finale und grösste Bedrohung für Deutschland und Europa geht von russischen Nuklearwaffen aus. Konventionell werden wir ihn (Putin) nicht abschrecken können.'”
Klar, den Grund für den Ukraine-Krieg soll man keinesfalls mit dem Versuch der Nato in Zusammenhang bringen, bis an Russlands Grenzen vorzurücken. Und auch nicht als Auseinandersetzung darüber verstehen, wer die Führungsmacht in Europa ist – was dieser Krieg nach dem weitgehenden Rückzug der USA inzwischen ist. Stattdessen soll man sich vorstellen, dass Russland demnächst über “uns”, unsere Vorgärten und Weihnachtsmärkte herfallen will und mit seiner “Aggression” nicht aufhört, bis es von Wladiwostock bis Lissabon alles unterdrücken kann, was auf zwei Beinen geht.
Aber egal – wir haben verstanden: Ohne die USA braucht Deutschland die Bombe.
“Die nukleare Frage ist der Kern der nationalen Souveränität eines Staates. Auch Deutschland muss sich dieser Frage stellen.” (Harald Biermann, Haus der Geschichte, Bonn) Ja, wenn Harald Biermann das schon sagt, wird's wohl so sein. So schon mal gut eingestimmt, kommen die Hindernisse in den Blick:
Erstens der Atomwaffensperrvertrag. Ja, blöd, den haben “wir” unterschrieben. Und wir wollen ja auch, dass sich möglichst viele daran halten und nicht auch der Auffassung sind, die nukleare Frage sei “der Kern der nationalen Souveränität eines Staates”. Das würde “unsere” zukünftige Bombe entwerten. Auch dumm, dass bisher nur Nordkorea aus dem Vertrag ausgestiegen ist – mit solcher Art Schmuddelkinder wollen “wir” eher nicht in einer Ecke stehen.
Könnte Frankreich mit seinen Atomwaffen helfen? Ja sicher, aber: Die wollen dann doch tatsächlich die letzte Entscheidung über ihre Waffen behalten. Das hilft uns also auch nicht recht weiter und am Ende kommt dort vielleicht auch noch Marine Le Pen, “die Extremistin”, ans Ruder – ganz schlecht!
In diese trübe Lage kommt Hoffnung, wenn man nach Gronau fährt. Dort – so haben die Stern-Investigativ-Journalisten herausgefunden – reichert Urenco, der “zweitgrösste Hersteller weltweit. Nur der russische Konzern Rosatom produziert noch mehr.”, Uran an und verfügt über Zentrifugen, die diesen Ort zu “einem Fixstern in der Fachwelt” machen. ,Die Zentrifugen sind Weltspitze!', schwärmt zum Beispiel der Physiker und Atomsicherheitsexperte Wolfgang Liebert (und mit ihm der Stern).
“,Technisch gesehen wäre der Bau einer deutschen Atombombe kein Problem', sagt Moormann (früher Forschungszentrum Jülich, Nukleartechnik). “Um in der Anreicherungsanlage Gronau waffenfähiges Material herstellen zu können, sei nur ein überschaubarer Umbau nötig.”
Moment mal – war das nicht das Bedenkliche an Iran? Anreicherung, Zentrifugen, Bombe angeblich kurzfristig herstellbar? Wurden damit nicht jahrelang Sanktionen, Anschläge, ja Kriege legitimiert? Schon, aber zum Glück sind wir ja hier in Deutschland. “Bei der genehmigten Anreicherungskapazität in Gronau könnte man jährlich rund 17 Tonnen waffenfähiges Uran herastellen. Das wäre die 340-fache kritische Masse, also rund 340 Sprengköpfe.”
Halten wir fest:
Deutschland ist nur ein paar Umbauarbeiten von der Verfügung über eine veritable Atomstreitmacht entfernt – ein Untersuchungsergebnis, das den Stern regelrecht begeistert.
Andererseits: Die Gesellschaft muss sich dieser Frage noch stellen, die sie “jahrzehntelang vermieden” hat. Das war Quatsch.
Denn: “Politik ohne faktische Untermauerung der Macht ist unrealistisch”. (Herr Biermann)
Und gegen die Realität kann man bekanntlich nichts machen. Ein schöner Beitrag deutscher Journalisten beim Weg in die Kriegstüchtigkeit!


