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Antideutsche, Palästina-Solidarität und Anti-Antisemitismus

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Antideutsche, Palästina-Solidarität und Anti-Antisemitismus Vom deutschen zum europäischen Schuldkult?

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Politik

Allen vorangestellt sei, das die Hamas am 07.10.2023 ein Massaker an jüdischen Menschen verrichtete, um die Konfrontation zwischen dem Staat Israel und der in Geiselhaft genommenen palästinensischen Bevölkerung zuzuspitzen.

US-Kriegsminister Pete Hegseth empfängt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zu einem bilateralen Austausch im Pentagon in Washington, D.C., am 5. Februar 2025.
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US-Kriegsminister Pete Hegseth empfängt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zu einem bilateralen Austausch im Pentagon in Washington, D.C., am 5. Februar 2025. Foto: Madelyn Keech (PD)

Datum 30. Januar 2026
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Islamistische Gruppierungen wollen zu verschiedenem Grad ein religiös-fundamentalistisches, strikt patriarchales und hierarchisches „Kalifat“ errichten. Diese Gesellschaftsform (wie wir sie in Afghanistan, dem Iran oder der sudanesischen RSF in verschiedenen Varianten verwirklicht sehen) richtet sich zwar klar gegen die Form der liberal-demokratischen, europäisch geprägten Nationalstaaten.

Aus emanzipatorischer, sozialistischer Sicht können sie jedoch nicht als irgendwie erstrebenswert angesehen werden. Die verkürzte, binäre Logik, das der Feind meiner Feinde mein Freund wäre, war schon immer falsch und diente letztendlich strategischem Kalkül, das allerdings häufig auch nicht aufging. Interessanterweise wird sie gleichermassen von Imperialismus, wie von (nationalistischem) Antiimperialismus geteilt, die damit als Spiegelbilder gelten können.

Auf der anderen Seite steht die bekanntermassen extrem rechte israelische Regierung, Gruppen sogenannter „radikaler Siedler“, die den Zionismus wörtlich und in die eigenen Hände nehmen. Das in sich äusserst heterogene Gruppen, wie jüdische Menschen, von Opfern zu Tätern werden können schliesst sich ebenso wenig aus, wie das ihre eigene Pluralität der Nationen-Bildung des von ihnen beanspruchten Staates untergeordnet und schliesslich nivelliert wird. Zionismus war eine breite und vielschichtige Bewegung, die durch das ambivalente Wechselspiel von Integration/Assimilation und Autonomie/Orthodoxie im Zuge der Konsolidierung europäischer Nationalstaaten entstand.
Mittlerweile hingegen steht „Zionismus“ für die regionale Dominanz eines hochgradig militarisierten, Staates mit einer Bevölkerungszahl ähnlich von Tschechien, Griechenland, der Schweiz oder Kuba. Es ist klar, das von Seiten der israelischen Regierung keine Koexistenz, sondern der alleinige Anspruch auf das Land Palästina aufgemacht wird. Und als Protest dagegen reagieren diejenigen, die dies ablehnen mit dem bekannten Slogan „Vom Fluss bis zum Meer …“.

So weit, so bekannt. In Palästina-solidarischen Kreisen hierzulande, wie auch ausserhalb Deutschlands ist es zu einer feststehenden Behauptung geworden, die Deutschen – insbesondere die deutsche Linke – sei von einem „Schuldkult“ besessen. Ein Schlagwort, das seit je her von neofaschistischen Gruppierungen genutzt wird, um die „Erinnerungskultur“ zu diskreditieren und den Ultra-Nationalismus zu rehabilitieren. Aufgrund der Obsession mit ihren eigenen Verbrechen im Holocaust würden Deutsche blindlings das Agieren des Israelischen Staates billigen.

Dies wäre ein sozialpsychologischer Mechanismus, um den weiterhin bestehenden, eigenen Antisemitismus zu kaschieren und zu kanalisieren. Wer sich „bedingungslos“ mit dem Staat Israel „solidarisiert“, weil es diesen Schutzraum für jüdische Menschen aufgrund historischer Verantwortung unbedingt aufrechtzuerhalten gälte, entledigt sich jedenfalls ultimativ der Verdächtigung, selbst noch historisch eingegraben antisemitischen Vorstellungen zu haben.

Desgleichen auch ein Nationalstaat wie die BRD, die den Anti-Antisemitismus zur Staatsdoktrin erklärt. Die Begründung dafür lautet: aus historischer Verantwortung. Dabei wurde eine systematische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen inklusive des Holocaust erstens jahrzehntelang von Linken gegen die BRD- und DDR-Staatsdoktrinen betrieben (die sich mit einer abstrakten „Kollektivschuld“ oder dem Label per se „antifaschistischer“ Staat zu sein, reinwuschen). Zweitens begann eine staatlich geförderte Aufarbeitung erst ab den 1990er Jahren, aufgrund der veränderten internationalen Lage, in der Antikommunismus als Staatsdoktrin zu einem Klischee verkam, weil der Realsozialismus in der Systemkonkurrenz untergebuttert wurde und an sich selbst zugrunde ging.

Bei dieser Unterstellung des deutschen „Schuldkults“ handelt es sich im Grunde genommen um eine projektive Umkehrung der Annahme, das verdeckter oder „struktureller“ Antisemitismus auch innerhalb der globalen Linken fortbesteht und teilweise sogar ein wesentlicher Bestandteil von ihr wäre. Der linke Antisemitismus ist ein Produkt verkürzter Kapitalismuskritik. Mit dieser werden die komplexen Wirkungsweisen abstrakter Kapitalverhältnisse nicht begriffen, sondern stattdessen einzelne Gruppen als Schuldige markiert, die es zu kontrollieren oder zu vernichten gälte. Die verschwörungsmythologische Gedankenkette „US-Ostküste“ – „geheime Weltregierung“ – „Banker“ – „Juden“ reproduziert dabei in modernisierter Gestalt, die antisemitischen Ressentiments, welche über Jahrhunderte tradiert wurden und sich phasenweise immer wieder in Pogromen entluden.

Während das Label „antideutsch“ von neoleninistischen Gruppierungen zur Diskreditierung unliebsamer – weil kritisch denkender – Linkskommunist*innen verwendet wird, gab und gibt es tatsächlich Antideutsche, denen ich begegnet bin und denen ich eine fragwürdige Besessenheit vom Vernichtungswahnsinn der Deutschen attestieren würde.
Nimmt man hier wiederum eine Kollektivschuld aller Deutschen an, vereinfacht dies die Debatte, relativiert zum einen den Widerstand gegen das NS-Regime und diskreditiert zum anderen soziale Bewegung, denen generell unterstellt werden kann, dass sie ideologische, theoretische, rhetorische und affektive Verkürzungen aufweisen.

Indirekt – und als Faktor unter vielen – waren antideutsche Narrative meiner Ansicht damit auch daran beteiligt, zu untergraben, was gegen Faschisierung und letztendlich auch die Verbreitung von Antisemitismus tatsächlich wirksam gewesen wäre: Der Aufbau einer populären, sozial-revolutionär orientierten Bewegung, in denen zwar strukturell gedacht, gleichermassen aber auch Profiteure und Verantwortliche der Herrschaftsordnung benannt und attackiert werden.

„Free Palastine“ rief mir ein entfernt Bekannter zu, als er mich in einer Menge sah. Ich schaute ihn verdutzt an und fragte, was er damit sagen wolle. Er sagte: „Free Palastine – ja oder nein?!“. Und das er die ihm politisch bekannten Leute darauf hin abprüfe, wie sie dazu stehen würden. Ich entgegnete, dass die Situation ja offenbar komplizierter sei und es keinen Unterschied mache, ob er oder ich oder wer auch immer die Befreiung Palästinas vor sich hertragen würden. Dabei sei dahingestellt, ob diese überhaupt an sich gegen Israel (und also doch auch die Juden) gelingen könnte.

Er meinte, in anderen Ländern würden bei solchen Veranstaltungen doch mindestens zweidrei Palästina-Fahnen hängen. Eben einfach so, weil dies dazugehöre. Sicherlich, in Italien, Spanien, im globalen Süden, da hängen sie bei linken Veranstaltungen überall… Doch was änderte das am Agieren der israelischen Armee? Und: Was änderte es daran, das man sich nicht mit den Palästinenser*innen und Leidtragenden durch Staaten forcierter Konflikte allgemein solidarisierte, sondern am Ende doch wieder mit reaktionären Islamist*innen?

Vor mehr als zehn Jahren motzte ein anarchistischer Aktivist aus Kanada mit spanischen Wurzeln mich an und sagte sinngemäss: „Ihr Deutschen! Ihr seid so vernarrt darin, in allem die Besten und etwas Besonderes sein zu wollen. Selbst beim Genozid an den Juden beansprucht ihr eine Sonderrolle! Was haben aber die Spanier, Engländer, Niederländer, Franzosen getan, als sie Nord- und Südamerika kolonisierten? Sie verübten Massaker an den Indigenen, rotteten sie schonungslos aus und rechtfertigten das mit übelster rassistischer Ideologie, die sie noch religiös begründeten. Die Deutschen haben den Genozid nicht erfunden!“. Und damit hatte er Recht.

Wo ich ihm nach wie vor widersprechen würde ist, dass man von der Singularität des Holocaust sprechen kann, ohne deswegen andere Menschheitsverbrechen relativieren zu müssen. Es ist auch lächerlich sie gegeneinander aufzurechnen. Und nein: Mir fällt kein wahnhaft-antisemitisch getriebener Nationalstaat ein, unter dessen Militär-Regime bestimmte Menschengruppen millionenfach fabrikartig ermordet wurden – darunter vor allem Jüd*innen.
Nehmen wir an, der Genosse hatte Recht mit seinem Unmut über deutsche Linke. Dann ergibt sich für mich daraus eine kontroverse Frage: Wenn die Indienstnahme des Anti-Antisemitismus zur eigenen Kanalisierung eines verinnerlichten Schuldkomplexes – wozu dient dann die Palästina-Solidarität? Damit meine ich in erster Linie nicht, jene Empörung von Menschen der palästinensischen Exilgemeinschaft, ebenso wenig wie insbesondere der arabischen Gruppen, die sich mit ihnen solidarisieren, weil sie sich zurecht betroffen vom europäischen Imperialismus fühlen. (Inwiefern sie wiederum teilweise antisemitische Sichtweisen vertreten, ist hier nicht das Thema.)

Also: Dient die pauschale Palästina-Solidarität in der europäisch geprägten Linken (inklusive Nord- und teilweise Südamerika) eventuell zur Kanalisierung des Schuldbewusstseins über den eigenen „Siedlerkolonialismus“, die umfangreiche Vernichtung der indigenen Bevölkerungsgruppen und ihre anhaltende Entrechtung und soziale Ausgrenzung? Die Anhänger*innen dieser Position würden dem vehement widersprechen: Gerade das Bewusstsein über die Gräueltaten die Europäer*innen in den von ihnen kolonisierten Gebieten und die vernichteten und versklavten Völker, wäre doch Anlass, damit endlich Schluss zu machen. Kolonialismus, Imperialismus, Versklavung und wahrscheinlich auch Rassismus müsse man aber an der Frontlinie der westlich-imperialistischen Einflusssphäre beenden – und dort läge der „siedlerkolonialistische“ Staat Israel.

Wenn ich diese Logik nachvollziehe, scheint sie mir ziemlich ähnlich dem unterstellten „Schuldkult“ von deutschen Linken zu funktionieren. Geht es hierbei nicht um die Reinigung von der rassistischen, kolonialistischen, imperialistischen Schuld, die in die Selbsterzählung von westlichen Nationen eingeschrieben ist? Dies betrifft deutsche Menschen übrigens ebenso, wenngleich der deutsche Kolonialismus bekanntermassen nicht so umfangreich wie der spanische, britische und französische waren. Und weiterhin wurden Jüd*innen auch nicht nur Opfer von Deutschen, sondern ebenso von ihren russischen, rumänischen oder ungarischen Landsleuten und Nachbar*innen ermordet und vertrieben.

Die ganze Thematik ist also kompliziert. Wer von einem Schuldkult der Deutschen spricht, darf die affektiven Projektion von weissen Europäer*innen hinsichtlich ihres Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus nicht vergessen. Und vor allem, darf man sich ihrer nicht entledigen, indem man die damit verbundene historische Schuld auf die Bekämpfung des „zionistischen“ Staates Israel – und in der Praxis eben doch auf jüdische Menschen – projiziert. Das es hierbei linke und anarchistische Jüd*innen gibt, die ihrerseits – und aus ihrer Perspektive – die BDS-Kampagne unterstützen oder Israel als Nationalstaat ablehnen, stimmt, steht aber auf einem anderen Blatt.

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