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Hintergrund Chomskys augustinischer Anarchismus

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Noam Chomsky ist vielleicht der bekannteste Anarchist der Vereinigten Staaten. Darin liegt jedoch eine gewisse Ironie; denn so wie der Heilige Augustinus einst betete, "Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, aber jetzt noch nicht", so ist Chomskys Ziel letztendlich Anarchie, aber jetzt noch nicht.

Noam Chomsky.
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Bild: Noam Chomsky. / Duncan Rawlinson (CC BY 2.0 cropped)

7. September 2011

7. Sep. 2011

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Chomskys Grund für das "noch nicht" ist, dass eine starke zentrale Regierung aktuell als Bollwerk gegen die Konzernelite notwendig ist; es wäre daher nicht ungefährlich den Staat abzuschaffen oder nur zu verkleinern, solange wir nicht zunächst den Staat benutzen, um die Macht der Konzernelite zu brechen:

Langfristig denke ich, dass zentralisierte politische Macht eliminiert, aufgelöst und schliesslich auf lokale Ebene verlagert werden sollte, mit Föderalismus, freien Assoziationen und so weiter. Andererseits würde ich gerade jetzt die [amerikanische] Bundesregierung stärken. Der Grund ist, dass wir in dieser Welt leben, nicht in irgendeiner anderen. Und in dieser Welt gibt es enorme Konzentrationen privater Macht, die so tyrannisch und totalitär sind wie es Menschen je erdacht haben.

Es gibt nur eine Möglichkeit die gewonnenen Rechte zu verteidigen, oder ihre Reichweite angesichts dieser privaten Mächte zu erweitern, nämlich eine Form illegitimer Macht aufrechtzuerhalten, welche von der Öffentlichkeit einigermassen zur Verantwortung gezogen und tatsächlich beeinflusst werden kann.

[You Say You Want a Devolution]



Chomskys Auffassung des Staates als unentbehrliches Bollwerk gegen "Konzentrationen privater Macht" mag zunächst verwirrend erscheinen, in Anbetracht der Tatsache, dass der Staat - wie Chomskys eigene Recherche immer wieder bestätigt hat - historisch gesehen solche Konzentrationen massgeblich ermöglicht hat. Doch was Chomsky zu meinen scheint ist nicht, dass der Staat jetzt generell als Bollwerk agiert, sondern dass er dazu gebracht werden kann dies zu tun. Wenn du einem viel stärkeren Gegner (privater Macht) gegenüberstehst, der ebenfalls ein Schwert (staatliche Macht) hat, tust du besser daran das Schwert zu ergreifen und es gegen ihn zu verwenden, statt das Schwert einfach zu zerstören.

«Der Staat ist keinesfalls gutartig - das ist wahr. Andererseits ist er zumindest teilweise rechenschaftspflichtig, und er kann so gutartig werden, wie wir ihn machen. Was nicht gutartig ist (sondern tatsächlich extrem schädlich), ist etwas, was du nicht erwähntest - unternehmerische Macht, die hochgradig konzentriert ist, und mittlerweile transnational. Unternehmensmacht ist bei weitem nicht gutartig und uns keinerlei Rechenschaft schuldig. Sie stellt ein totalitäres System dar, mit enormen Auswirkungen auf unser Leben. Sie ist ebenfalls der Hauptgrund dafür, dass der Staat nicht gutartig ist.»

[On Gun Control]



Es gibt hier zwei Annahmen, an denen ich Anstoss nehmen möchte.

Erstens nimmt Chomsky an, der Einfluss privater Unternehmen auf den Staat sei "der Hauptgrund dafür, dass der Staat nicht gutartig ist." Warum in aller Welt glaubt er das? Ein Machtmonopol lädt zu Missbrauch ein, egal ob die Lenker dieser Macht sich hautpsächlich innerhalb oder ausserhalb des Staatsapparates befinden. Wenn Chomsky glaubt, dass der Staat so harmlos wäre, wenn nicht böse Kapitalisten die Fäden in der Hand hielten, warum möchte er ihn langfristig überhaupt abschaffen?

Zweitens nimmt Chomsky an, dass die Macht des Staates "teilweise rechenschaftspflichtig" ist, während die der Konzerne uns "keinerlei Rechenschaft schuldig" ist. Zunächst bin ich mir nicht sicher, ob die Verantwortlichkeit der Staatsmacht hier mit der der real existierenden, vom Staat ermöglichten Unternehmensmacht kontrastiert wird, oder stattdessen mit der Verantwortlichkeit von Unternehmen, wie diese ohne staatliche Hilfe wäre. Wenn es aber ersteres ist, dann würde der Kontrast, selbst wenn korrekt, keinen Grund liefern sich der Abschaffung des Staates entgegenzustellen; dass X + Y gefährlicher ist als X allein ist kein guter Grund um X zu verteidigen.

Der Kontrast ist für eine Verteidigung des Staates nur dann relevant, wenn Unternehmen ohne staatliche Unterstützung immer noch weniger rechenschaftspflichtig wären als der Staat. Und hier scheint es offensichtlich, dass der Staat - selbst ein demokratischer Staat - weit weniger rechenschaftspflichtig ist als echte private Unternehmen.

Schliesslich kann ein Unternehmen deine Arbeit und/oder deinen Besitz nur dann bekommen, wenn du einwilligst sie abzugeben, während eine Regierung diese mit Gewalt entnehmen kann. Natürlich kannst du versuchen deine aktuellen Repräsentanten abzuwählen, doch nur in mehrjährigen Intervallen, und nur wenn du 51% deiner Nachbarn überzeugst dasselbe zu tun; stattdessen kannst du deine Beziehung zu einem Unternehmen jederzeit abbrechen, und ohne andere dazu zu bewegen sich anzuschliessen. Ausserdem bietet ein Kandidat ein Paket an politischen Positionen an, während ich bei privaten Unternehmen z.B. das Gemüse von Laden A und das Fleisch von Laden B auswählen kann.

David Friedman macht den Kontrast deutlich:

Wenn ein Konsument ein Produkt auf dem Markt kauft, kann er verschiedene Marken vergleichen. ... Wenn man einen Politiker wählt, kauft man nichts als Versprechen. ...

Ein Konsument hat nicht nur bessere Informationen als ein Wähler, er kann sie besser nutzen. Wenn ich mich mit verschiedenen Automarken befasse ... entscheide, welche am besten für mich ist, und sie kaufe, bekomme ich sie. Wenn ich mich mit verschiedenen Politikern befasse und entsprechend wähle, bekomme ich was die Mehrheit wählt. ...

Man stelle sich vor, wir würden Autos so kaufen, wie wir Regierungen kaufen. Zehntausend Menschen würden zusammenkommen und sich zur Wahl entscheiden, jeder für das Auto, was er bevorzugt. Welches Auto auch immer gewinnt, jeder der zehntausend müsste es kaufen. Es würde sich für keinen von uns lohnen sich ernsthaft anzustrengen, um herauszufinden welches Auto das beste ist; wie auch immmer ich mich entscheide, mein Auto wird von den anderen Mitgliedern der Gruppe für mich ausgesucht. ... Dies ist die Art und Weise, wie ich Produkte auf dem politischen Marktplatz kaufen muss. Nicht nur, dass ich die verschiedenen Produkte nicht vergleichen kann, es wäre mir die Zeit nicht wert, selbst wenn ich es könnte."

Die "Verantwortlichkeit" demokratischer Regierungen scheint lachhaft verglichen mit der des Marktes. Die Hauptfunktion der Wahlurne scheint mir zu sein, die Bevölkerung leichter lenkbar zu machen, indem man sie davon überzeugt, dass sie irgendwie am Ruder sei.

Nichts davon sollte für Chomsky neu sein, der schliesslich selber darauf hinwies:

"So wie die Dinge nun stehen ist der Prozess der Wahl etwas, was der Bevölkerung hin und wieder erlaubt zwischen nahezu identischen Repräsentanten der Unternehmensmacht zu wählen. Das ist besser als einen Diktator zu haben, doch es ist eine sehr beschränkte Form von Demokratie. Ein Grossteil der Bevölkerung merkt das und nimmt nicht einmal Teil. ... Und natürlich werden Wahlen fast vollständig gekauft. Bei den letzten Kongresswahlen gaben 95% der Wahlsieger mehr Geld [für Wahlkampf] aus als ihre Gegner, und die Wahlkämpfe wurden überwiegend von Konzernen finanziert."

[Chomsky's Other Revolution]



Nun, ja, genau. Was ist also die Basis für Chomskys Glauben an den demokratischen Staat?

Chomsky mag einwenden, dass meine Verteidigung der Verantwortlichkeit des Marktes die Tatsache ignoriert, dass sie die Abstimmung mit Dollars beinhaltet, sodass die Reichen mehr Stimmen als die Armen besitzen - während in einem demokratischen Staat alle gleich viele Stimmen haben.

Doch selbst wenn wir die kausale Abhängigkeit existierender Wohlstandsgefälle von systematischer Intervention des Staates beiseite lassen - ebenso wie die Tatsache, dass die Regierung die Macht der Wohlhabenden vergrössert, indem sie Resourcen dirigiert, die ihr nicht gehören - bleibt es immer noch so, dass wie wenige Dollars man auch immer haben mag, man für die Abstimmung mit diesen etwas zurückbekommt, während man für seine Wahlstimme nichts Gewolltes bekommt, es sei denn man wählt zufällig so wie die Mehrheit. Was ist weniger demokratisch: Ein System, in dem die Wirkung der eigenen Stimme von den eigenen Resourcen abhängt, oder eines, in dem 49% der Bevölkerung effektiv keine Stimme hat?

Chomsky ist sich sehr wohl bewusst, dass das, was er "Unternehmensmacht" nennt, massgeblich von staatlicher Intervention abhängt - da er wie kein anderer dazu beigetragen hat diesen Zusammenhang zu dokumentieren. Wie er anmerkt:

"Jede Form von konzentrierter Macht, was auch immer diese ist, wird sich nicht direkter demokratischer Kontrolle unterwerfen wollen, ebenso wenig der Disziplin des Marktes. Machtvolle Teile der Gesellschaft, darunter der Reichtum der Konzerne, sind natürlich gegen funktionierende Demokratie, ebenso wie gegen funktionierende Märkte, für sich selbst zumindest."

[Reflections on Democracy]



Wenn also die Konzernelite so viel Angst vor dem freien Markt hat, warum zögert Chomsky so, sie dort hineinzuschleudern?

Vielleicht ist Chomsky der Ansicht, dass zwar der Staat notwendig ist, um diese Konzentrationen privater Macht zu schaffen, nicht aber um sie aufrechtzuerhalten, sodass die Abschaffung des Staates an diesem Punkt die Macht der Konzerne intakt lassen würde. Das ist keine verrückte Ansicht, aber sie benötigt Argumente. Schliesslich ist systematische staatliche Intervention im Sinne der grossen Unternehmen nicht bloss etwas, was damals im Gilded Age oder der Progressive Era oder zu Zeiten des New Deal stattfand; sie geht weiter, massiv und ununterbrochen.

Ich würde nicht behaupten (tatsächlich habe ich es verneint), dass private Macht einzig und allein auf die Unterstützung durch den Staat zurückzuführen ist; aber es ist schwer zu glauben, dass all die staatliche Unterstützung schlicht überflüssig ist. Was der Fall sein müsste, wenn das Wegfallen staatlicher Unterstützung die Unternehmensmacht nicht merklich schwächen würde.

Chomsky sagte (in Answers to Eight Questions on Anarchism), dass er zwar "in einer ganzen Reihe von Fragen mit Leuten, die sich als Anarchokapitalisten bezeichnen, wesentliche Übereinstimmungen" habe, und ebenfalls "ihr Bekenntnis zur Rationalität bewunder[e]", nichtsdestoweniger aber die Marktversion des Anarchismus als "doktrinäres System" betrachte, "das, falls je umgesetzt, zu Formen der Tyrannei und Unterdrückung führen würde, die in der Menschheitsgeschichte wenige Entsprechungen haben". Warum? Weil "die Idee eines 'freien Vertrages' zwischen dem Potentaten und seinem hungernden Untergebenen ein kranker Witz ist".

Doch dieses Argument wirft offenkundige Fragen auf. Chomsky setzt genau den Punkt voraus, der zur Diskussion steht - nämlich dass sich, ohne staatliche Intervention im Interesse der Reichen, die Wirtschaft sich in "Potentaten" und "hungernde Untergebene" aufspalten würde. Nun ist es wahr, dass Marktanarchisten selber manchmal - fälschlicherweise, wie ich denke - ihre ideale Ökonomie als der Verteilung von Wohlstand und Arbeitsrollen in der jetzigen Wirtschaft sehr ähnlich beschrieben haben, nur ohne den Staat. Aber warum sollte Chomsky sie beim Wort nehmen? Wenn der Staat tatsächlich massiv und systematisch im Interesse des "Potentaten" und gegen den "hungernden Untergebenen" interveniert - wie Chomsky zugeben muss, denn seine Recherche zeigt ausdrücklich eben das - warum in aller Welt würde er erwarten, dass dieses Machtgefälle unverändert bleibt, sobald die Intervention aufhört?

Chomsky unterschätzt nicht nur die Resourcen der Anarchie, sondern scheint auch die Dienstbarkeit des Staates zu überschätzen. Er schreibt als ob der Staat, obwohl er gerade eine Menge Schlechtes tut, gänzlich anders sein könnte, wenn nur mehr Menschen richtig wählen würden. Nun ist es wahr, dass Wählen beeinflussen kann, wie schlecht die Regierung ist. (Wenn genügend Deutsche 1932 anders gewählt hätten, hätten sie ein weniger furchtbares Regime bekommen können.)

Dennoch, was letzten Endes falsch ist an einem Zwangsmonopol, ist nicht, dass die falschen Leute es betreiben, sondern dass solch ein Monopol anreiz- und informationsbezogene Perversitäten mit sich bringt, die sich nicht vermeiden lassen. Ausser indem man die Quelle des Problems entfernt, das Monopol, woraufhin man nicht länger einen Staat hat.

Roderick Long

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