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Rio de Janeiro, Brasilien Hintergründe zur WM und Proteste zur Eröffnung

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Zu Zeiten von Grossereignissen wie der Fussballweltmeisterschaft scheint es, als gebe es auf der Welt kein anderes Thema als eben jenes Ereignis.

Graffiti gegen die FIFA Weltmeisterschaft in Brasilien 2014.
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Bild: Graffiti gegen die FIFA Weltmeisterschaft in Brasilien 2014. / Thierry Ehrmann (CC BY 2.0 cropped)

17. Juni 2014

17. 06. 2014

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In Brasilien laeuft die Propaganda der FIFA auf Hochtouren. Im Fernsehen COPA COPA und nochmals COPA, so ziemlich jedes Unternehmen scheint auf den fahrenden WM-Kommerzzug aufzuspringen, es gibt kaum eine Werbung, die sich nicht auf die WM bezieht, wie absurd das auch immer aussehen mag.

Das Image des froehlichen Brasiliens, das weltweit vermarktet werden soll, hat allerdings Risse bekommen, und das nicht erst seit den Massenprotesten im letzten Jahr. Die Kritik an der WM, der FIFA und am brasilianischen Staat reisst nicht ab. Immer wieder kommt es zu Protestaktionen und Streiks. Die Zustimmung der Bevoelkerung zur WM ist einigen Umfragen zu Folge auf unter 50% gerutscht und auch die Einschaltquoten am Eroeffnungstag (im Pay-TV) lagen hinter den Werten der WM vor vier Jahren. In Rio wo traditionell die Strassen in Gelb und Gruen geschmueckt werden, ist deutlich weniger Schmuck als sonst, dafuer umso mehr Protestgraffiti (decoração anticopa \ Anti – WM Dekoration \ https://www.facebook.com/DecoracaoAntiCopa?fref=ts ) sichtbar. Wo es sonst lediglich einen Wettbewerb um die am schoensten geschmueckte Strasse gibt, findet in diesem Jahr ein Wettbewerb um die kritischste Strasse statt.

Folgen des Spektakels

Im Vorfeld der WM (und den olympischen Sommerspielen, welche 2016 in Rio stattfinden sollen) wurden in Brasilien im Zuge von Stadionbau, Stadtumbau und Veraenderung der Sicherheitsarchitektur mehr als 250.000 Personen zwangsgeraeumt, -umgesiedelt oder sind noch davon bedroht. Ganze Stadtviertel wurden dem Erdboden gleichgemacht um Platz zu machen fuer den Tross an Konsument_innen, der aus aller Welt angereist kommt.

Allein in Rio de Janeiro sind davon 20.000 Familien betroffen. So wurden beispielsweise 500 Familien der Vila Autódromo, 700 Familien der Communidade do Metrô Mangueira, 60 Familien der Favela do Sambódromo, 300 Familien der Favela Belém-Belém sowie das Aldeia Maracanã (eine von Indigenen besetztes Gebaeude in unmittelbarer Naehe des beruehmten Maracanã-Stadions) geraeumt. Die Bewohner_innen der Communidade do Metrô da Mangueira, die sich ebenfalls in unmittelbarer Naehe des Maracanã befand, wurden trotz heftigen Widerstands, mit vorgehaltener Waffe und unglaublicher Gewaltanwendung gezwungen ihre Haeuser zu verlassen, welche anschliessend vollstaendig zerstoert wurden, um Platz fuer Parkplaetze des Maracanã zu schaffen.

Polizeiliche Besetzung der Stadt – Repression

Die gesamte Innenstadt Rios ist von der (Militaer)Polizei besetzt. Bereits lange im Vorfeld des Megaspektakels wurde mit der sogenannten “Befriedung” der Favelas begonnen um das Bild eines fuer Tourist_innen sicheren Rios zu vermitteln. Die Unidade de Polícia Pacificadora (UPP \ Befriedene Polizeieinheit) besetze Ende 2008 als erstes die Favela Morro do Santa Marta in Botafogo, einem Stadtteil der reicheren Suedzone. Seitdem wurden, 38 UPP's eingesetzt. 2014 soll die Zahl auf ueber 40 steigen. Derzeit kontrollieren ca. 9.500 Militaerpolizist_innen 264 Communidades und ca. 1,5 Millionen Menschen. Im Jahr 2014 soll die Zahl der UPP-Bullen auf 12.500 und die Zahl der kontrollierten Bewohner_innen um 860.000 steigen (Zahlen stammen von der UPP selbst). (Eine Liste der besetzten Communidades findet sich auf der offiziellen Seite der UPP (http://www.upprj.com/index.php/historico).

Auch das Vergnuegungsviertel Lapa ist durch die Operacão Lapa Presente besetzt. Die Operation die von mehreren staatlichen Stellen u.a der Militaerpolizei koordiniert wird, patroulliert mit nach eigenen Angaben 138 Beamt_innen in den Abendstunden durch das Viertel. Ueberall in Rio de Janeiro sind Polizeieinheiten stationiert, rund um das Maracanã-Stadion werden sogar Bullen in den Bussen eingesetzt. Mehrere Staedte in Brasilien, darunter Rio haben ausserdem die Hilfe des Militaers waehrend der Spiele beantragt. In Rio mit der fadenscheinigen Begruendung, das Militaer solle den Drogenhandel in den Favelas bekämpfen.

Allein die Sicherheitsarchitektur fuer die WM hat sich der brasilianische Staat mehr als eine Milliarde Euro kosten lassen. Nur die Kommandozentrale in Rio mit 9.000 qm und ueber 1.000 Beschaeftiegten, verschlang 200 Millionen Euro (solche Zentralen gibt es an allen 12 Austragungsorten). Aber nicht nur durch die Militarisierung der innereren Sicherheit und der Besetzung der WM-Austragungsorte versucht der Staat die Bevoelkerung zu kontrollieren. Auch auf legislativer Ebene gab es eine autoritaere Offensive. Im Zuge von Grossereignissen Grundrechte einzuschraenken und autoritaere Gesetzespakete durch zu druecken hat ja inzwischen Tradition und so strotzt auch das zuvor geplante brasilianische Anti-Terror-Gesetz von absurd hohen Strafen, die sogar jene des Nationalen Sicherheitsgesetzes waehrend der Militaerdiktatur uebertreffen. Demnach sollen “gewalttaetige Proteste” als terroristisch eingestuft werden koennen, und daran Beteiligte bzw. dabei willkuerlich Verhaftete zwischen 15 und 30 Jahren eingesperrt werden koennen. Begruendet wird das Gesetzesvorhaben zum Einen mit der Forderung der FIFA, Demonstrationen duerfen die WM nicht gefaehrden, und zum Anderen mit dem Tod des Kameramanns Santiago Andrare, der bei einer Demo in São Paulo toedlich verletzt wurde.

Die brasilianischen Polizeieinheiten, darunter die BOPE, eine fuer ihre Brutalitaet bekannte Einheit die die Favelas ueberfaellt, absolvierten Crowd-Crontol-Trainings u.a. beim FBI und dem niedersaechsischen SEK.

Einen Tag vor der Eroeffnung gab es in Rio zudem eine Durchsuchungswelle bei Anti-WM Aktivist_innen, wobei mehrere Computer beschlagnahmt wurden und die Aktivist_innen mit auf die Wache genommen wurden.

Gewaltige Kosten – Enorme Gewinne

Die teuerste WM aller Zeiten kostet umgerechnet ca. 11 Mrd. Euro, davon werden 90% aus Steuergeldern bezahlt. Wahrend dessen geht die FIFA von einem Rekordgewinn von mindestens 5 Mrd. US-Dollar aus (vor allem durch Fernsehuebertragungsrechte, Lizensen und Sponsoring), den sie steuerfrei aus dem Land bringen darf. Lassen sich diese Gewinne tatsaechlich realisieren, wuerden sie gegenueber der WM 2010 in Suedafrika eine Steigerung von 36% und gegenueber der WM 2006 in Deutschland sogar eine Steigerung von 110% bedeutet. 2006 strich die FIFA 2,3 Mrd. US-Dollar ein. Neben der FIFA sind multinationale Konzerne wie Adidas oder Coca-Cola die Gewinner des WM-Spektakels, ebenso wie die riesigen Baufirmen und Sicherheitsunternehmen. Waehrendessen gibt es erhebliche Probleme im Gesundheits- und Bildungsbereich, sowie im oeffentlichen Nahverkehr. Eine der Hauptkritikpunkte der Protestbewegung ist daher auch die Verschwendung oeffentlicher Mittel und die Unterversorgungen der oeffentlichen Institutionen und Dienstleistungen

In Rio de Janeiro muss der Bundesstaat gesetzlich eigentlich 12% seiner Ausgaben in den Gesundheitsbereich investieren, 2013 waren es aber lediglich 7,2%. Im Bildungsbereich ist die Situation ebenfalls prekaer. So wurden in den letzten Jahren in Rio 157 Schulen geschlossen und die Anzahl der Schueler_innen pro Klasse drastisch erhoeht, ueberforderte Lehrer_innen mit unterirdischen Gehaeltern und gestresste Schueler_innen sind das Resultat.

Rassismus und Sexismus

Das der Sexismus und Rassismus durch das WM-Spektakel zunimmt ist offensichtlich und dass die FIFA aktiv daran beteiligt ist auch. So wurde beispielsweise im Vorfeld der WM von der FIFA, mit Unterstuetzung der brasilianischen Regierung ein Moderatorenpaar als Praesentator_innen der Auslosung der Spiele des Confederation Cups zurückgewiesen, weil diese schwarz seien, was nach Angaben der FIFA bei den europaeischen Zuschauer_innen nicht gut ankommen wuerde.

Ebenso ist damit zu rechnen, dass die sexuelle Ausbeutung, vor allem Minderjaehriger Frauen und Maedchen drastisch zunehmen wird. Schon jetzt hat Brasilien eine der hoechsten Raten an sexueller Ausbeutung Minderjaehriger. In der Region von Itaquerão im Osten São Paulos sind es beispielsweise Kinder zwischen 11 und 14 Jahren, die sich prostitueren. Ausserdem sind Frauen, vor allem wenn sie schwarz sind und \ oder in den Favelas wohnen mehrfach von der Militarisierung, der Kommerzialisierung und “Saeuberung” der Stadt betroffen. So gibt es beispielsweise unzaehlige Faelle von Vergewaltigungen durch die Polizei. Dass die Propaganda des WM-Spektakeln haeufig mit sexistischen Bildern und Stereotypen arbeitet, traegt ebenfalls zu einem sexistischen Klima, das sexuelle Uebergriffe einschliesst, bei.

Widerstand

In Rio gab es am Eroeffnungstag der WM zwei Demonstrationen. Die erste Demo startete gegen 11 Uhr im Stadtzentrum an der Candelária. Entgegen der Behauptung der brasilianischen Mainstream-Medien, die von 300 Protestierenden sprachen, waren es einige tausend, die sich unter dem Motto “NOSSA COPA É NA RUA – TODO APOIO AOS TRABALHADORES EM LUTA” (Unsere WM ist in den Strassen – Unterstuetzung der kaempfenden Arbeiter_innen) versammelten. Es beteiligten sich unterschiedlichste Menschen an der Demo. Von streikenden Lehrer_innen, ueber Feministinnen bis zu Anarchist_innen, der LGBT-Bewegung, sozialistischen und kommunistischen Parteien,organisierten Favela-Bewohner_innen, einigen MST-Mitglieder_innen, einigen Autonomen und streikenden Arbeiter_innen (Gesundheits- und Kultursektor) war ein breiter gesellschaftlicher Sektor vertreten. Aufgerufen hatte das Buendnis COPA NA RUA (WM in den Strassen \ https://www.facebook.com/copanarua). Die Demo blieb bis sum Endpunkt im Stadtteil Lapa friedlich. Dort kam es dann doch noch zu Auseinandersetzung mit der Polizei, die Traenengas-, Schockgranaten und Pfefferspraz einsetzte und mehrere Menschen brutal verhaftete. Die Gegenwehr in Form von Steinen und Flaschen viel eher spaerlich aus, da die Bullen den Platz schnell mit massiver Praesenz umstellten.

Eine zweite Demonstration startete am Nachmittag zu Beginn des Eroeffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien im Stadtteil Copacabana in unmittelbarer Naehe des riesigen FIFA-Fan-Festes, einer Kommerz-Amuesier-Fressmeile mit Grossbildleinwaenden am Strand von Copacabana. Die Demo, zu der die Frente Independente Popular aufgerufen hatte (http://frenteindependentepopular.wordpress.com/), war deutlich kleiner, aber von Beginn an mit deutlich groesserer Polizeipraesenz bedacht. Das mag nicht zuletzt daran gelegen haben, dass es viele Vermummte auf dieser Demo gab und auch der Black Bloc deutlich praesenter war als auf der Demo am Vormittag. Nach dem Start gelang die Demo schnell zum Fifa-Fan-Fest wo es zu einigen kleinen Scharmuetzeln mit der Polizei und vereinzelten Flaschenwuerfen kam. Entgegen vieler Zeitungen die von einem Zusammenstoss zwischen Fans und Protestierenden sprachen, gab es von den Teilnehmenden des Fan-Festes relativ viel Zustimmung fuer die Forderungen der Demonstration. Grosse Freude kam auf, als Kroatien durch ein brasilianisches Eigentor in Fuehrung ging.

Mittlerweile gibt es in der Protestbewegung Rios eine wachsende Unterstuetzung fuer die Mannschaft Argentiniens, nachdem der verhasste Buergermeister Eduardo Paes angekuendigt hatte, wenn Erzrivale Argentinien gewinne, wuerde er sich umbringen. Am Sonntag wird es daher in der Naehe des Maracanã waehrend des Argentinien Spiel eine Kundgebung geben.

Auch wenn die Demonstrationen vor allem im Vergleich zu den Massenprotesten des letzten Jahres relativ klein waren, herrschte doch eine kaempferische Stimmung. In den naechsten Wochen sind zudem verschiedene Protestaktionen geplant, wobei damit gerechnet werden kann, dass sich die Proteste im Laufe der WM vergroessern werden.

Unter anderem planen Bewohner_innen der Favelas, welche am staerksten von den Auswirkungen der WM und der staatlichen Repression betroffen sind am 23. Juni und am 13. Juli Proteste unter dem Motto “A FESTA NOS ESTÁDIOS NÃO VALE AS LAGRIMAS NAS FAVELAS” (Das Fest im Stadion ist nicht die Traenen der Favelas wert).

m 23.juni soll an das Blutbad der Polizeieinheit BOPE erinnert werden, das diese, nach Massenprotesten gegen die Fahrpreiserhoehungen vor einem Jahr, in der Maré (einem Favela-Komplex in der Naehe des Hafens) anrichtete. Dabei kam es zu 10 Toten.

Am 13. Juli ist der konkrete Anlass das Verschwinden von Amarildo vor einem Jahr. Amarlido war ein Favela-Bewohner aus Rocinha, der am 14.Juli 2013 von der UPP mit vielen anderen verhaftet wurde. Die Polizei behauptete spaeter, sie haette ihn mit einem Drogendealer verwechselt. Nach der Verhaftung verschwand Amarlido, die Hauptverdaechtigen fuer sein Verschwinden sind die Polizisten. Der Fall Amarildo ist zu einem Symbol fuer das Verschwinden-lassen von Personen durch die Polizei und fuer Misshandlungen durch dieselben geworden.

Neben den von den Medien viel beachteten Demos und Aktionen in vielen Staedten, gab es auch weniger beachtete, aber sehr interessante Protestaktionen. In São Paulo besetzte beispielsweise das Movimento Sem-Teto (Bewegung ohne Dach) waehrend des Eroeffnungsspiels ein Haus in einem noblen Viertel der Stadt. Am 16. Juni ist in Curitiba grosse Demo der LGBT-Bewegung waerend des Spiels zwischen Nigeria und Iran geplant, um gegen die Verfolgung Homosexueller (Todesstrafe) in diesen Laendern zu protestieren. Das Spiel wird von der Bewegung “Jogo do morte” (Spiel des Todes) genannt.

Carrapata

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