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Anarchismus und Geschichte Austausch über Nestor Machno

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Neben der allseits bekannten Kronstadt-Debatte ist zwischen Anarchisten und Kommunisten in Bezug auf die Oktoberrevolution der Bolschewiki immer auch die Bewertung von Nestor Machno, dem ukrainischen Revolutionär hochgradig strittig gewesen.

Die Gruppe um Nestor Machno.
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Bild: Die Gruppe um Nestor Machno. / PD

1. Mai 2012

01. 05. 2012

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Das generelle Problem über Nestor Machno ist das, dass Leute, die sich als Marxisten bzw. Kommunisten begreifen, oft ein parteiliches Verhältnis zu den Bolschewiken und zur Russischen Revolution haben. Irgendwie waren das doch aufrechte Kommunisten (obwohl man in der SU vor Stalin nicht von Kommunismus sprechen kann) und tüchtige Revolutionäre (was dann bei dieser Revolution für ein Scheissdreck herausgekommen ist, darüber schweigt man dann auch gerne taktvoll) und schon ist jeder, der gegen Lenin oder Trotzki was sagt, ein Antikommunist und Konterrevolutionär.

Es tritt irgendwie eine Usurpation des Begriffs Kommunismus durch die Sowjetpartie ein. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Frage der Beurteilung der Gewalt: Wenn die Bolschewiki recht haben, so ist die von ihnen ausgeübte Gewalt legitim, und ihre Gegner fallen zu Recht der Gewalt zum Opfer. Weil sie blamieren sich ja dadurch, dass sie Gegner der Guten sind.

Das ist also eine Argumentationslinie der Kommunisten: Die Rote Armee vertritt das Proletariat, liegt also auf jeden Fall richtig, und die Machnowzy sind Kleineigentümer, die ihr Eigentum bewahren wollen. Bei allen Konflikten, die zwischen den beiden auftreten, haben daher immer die Bolschewiki recht.

Zur Eigentumsfrage: Die Ukraine war vor der Revolution durch den – grösstenteils polnischen – Grossgrundbesitz geprägt. Schon in der Revolution von 1905 war Machno bei einer Gruppe engagiert, die von einem tschechischen Arbeiter mit anarchistischer Literatur versorgt wurde und die Grossgrundbesitzer enteignen wollte, und sich auch organisierte gegen die vom russischen und polnischen Grundherren ins Leben gerufenen Todesschwadronen. Dieser bewaffnete Widerstand von Machno und seinen Anhängern wird in der sowjetischen Historiographie so dargestellt, als sei er ein Wegelagerer gewesen, ein gewöhnlicher Krimineller also, der sich erst im Gefängnis eine politische Bildung zugelegt habe.

Nachdem er nach der Amnestie nach Guljaj-Polje zurückgekehrt war, fing er wieder dort an, wo er 1905 aufgehört hatte: Die Grundbücher wurden verbrannt, ein Dorfkomitee gegründet, das sich mit landwirtschaftlichen Fragen beschäftigte, und es wurde jedem freigestellt, Land in Eigenregie zu bestellen – die Zuteilung erfolgte durch das Dorfkomitee – oder gemeinschaftlich. Man muss hier ausdrücklich festhalten, dass Machno in der Ukraine kollektiviert hat, auf freiwilliger Basis, während Lenin mit dem Dekret über das Land Eigentum gesetzlich eingerichtet hat.

Den Machnowzy sozusagen zu unterstellen, sie seien eigentlich Kulaken gewesen, die sich auf Kosten des Proletariats bereichern wollten, nur weil sich die Bauern den Requirierungen widersetzt haben, ist halt auch eine recht tendenziöse Deutung der Ereignisse. Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen Grossgrundbesitzern und Bauern – nicht nur den Anhängern Machnos – war während des Hetmanats. Skoropadski, selbst zaristischer Offizier und Grundherr, hat diese Kiessling-Rolle deshalb angenommen, weil er sich damit der deutschen und österreichischen Truppen zur Niedermachung der aufrührerischen Bauern bedienen konnte.

Die deutschen und österreichischen Truppen plünderten die Ukraine aus und das wiederum verlängerte den Weltkrieg, der sonst wegen Versorgungsengpässen der Mittelmächte schneller vorbei gewesen wäre. Guljaj-Polje wurde in dieser Zeit von den vereinigten deutsch-ukrainischen Truppen eingenommen und zwei von Machnos Brüdern hingerichtet. Er selbst überlebte nur, weil er nicht dort war. Machno hat es der sowjetischen Führung immer sehr verübelt, mit dem Friedensschluss von Brest-Litowsk die Ukraine an die Achsenmächte und die Grundbesitzer ausgeliefert zu haben und damit diese Repressionswelle und Massaker an ukrainischen Bauern ermöglicht zu haben.

Die Frage der Progrome gegen die Juden ist das beliebteste Motiv in der sowjetischen und prosowjetischen Geschichtsschreibung, um die Machnowzy als Judenfresser und Machno selbst als Antisemiten hinzustellen. Der Artikel legt noch dazu ein Schäuferl zu und bezeichnet ihn als verlogenen Antisemiten: tut judenfreundlich, in Wirklichkeit aber …

Arschynow, sein Mitarbeiter, leugnet gar nicht den unter den Machnowzy verbreiteten Antisemitismus, aber hält fest: "Antisemitismus gibt es in Russland genauso wie in einer Reihe anderer Länder. In Russland, und konkret in der Ukraine, trat er nicht auf als Resultat der revolutionären Epoche oder aufständischer Bewegungen, sondern als Erbe der Vergangenheit." Dass Machno und sein Mitarbeiterstab alles gemacht haben, um dem entgegenzutreten, gibt ja sogar der Artikel implizit zu. Noch etwas anderes ist zu bedenken: Die Machnowzy waren auf Grundlage völliger Freiwilligkeit organisiert.

Von anderen Dörfern und Gegenden kamen Freiwillige, um sich entweder den kämpfenden Verbänden anzuschliessen oder aus den Erfahrungen der Dorfkomitees etwas mitzunehmen an Erfahrungen. Ganze Dörfer deklarierten sich als Teil des "befreiten Gebietes" und Anhänger Machnos. Und so ist es natürlich auch vorgekommen, dass Banden, die Pogrome veranstalteten und deutsche und jüdische Dörfer plünderten, sich als Machnowzy deklariert haben, ohne das geringste mit Machno zu tun zu haben.

Bild: Nestor Machno. / PD

Ein weiterer Punkt ist die Frage der Bildung: Machno und seine Anhänger werden gern als Primitivlinge, ungebildete Bauerntrampeln hingestellt, so auch in dem Artikel, die niedrige Instinkte bedient und spontane Entschlüsse gefasst haben, ohne Nachdenken. Machno kam 1917 aus der Butyrka nach Hause mit nichts als einem grossen Sack voller Bücher.

Das war für ihn das Wichtigste, das er aus Moskau nach Guljaj-Polje bringen wollte. Während des Bürgerkrieges warben die Machnowzy aus den Städten Leute mit etwas Schulbildung an, um mit ihnen ein System von Dorfschulen nach dem Vorbild der Escuela Moderna von Francisco Ferrer einzurichten. Die Verbitterung Volins, Machnos und Arschynows über das mangelnde Interesse der russischen Anarchisten hat auch darin ihren Grund, dass ihnen Intellektuelle fehlten, die das Publikationswesen betreiben, bei schwierigen ökonomischen Entscheidungen helfen und die Volksbildung vorantreiben hätten können.

Die wechselnden Allianzen Machnos werden als Zeichen seiner Wankelmütigkeit hingestellt, dabei hat das halt seinen Grund im Verlauf des Bürgerkriegs in der Ukraine: Als die Machnowzy 1919 Jekaterinoslaw (heute Dnepropetrowsk) einnahmen, ergaben sich die verteidigenden Truppen Petljuras, und schlossen einen Waffenstillstand mit den Machnowzy. Dafür wurden sie nicht entwaffnet. Dann öffneten die Machnowzy das Gefängnis, und es kam zu Plünderungen. Daraufhin verbündeten sich die Bolschewiki in der Stadt mit den Petljura-Truppen und die warfen die Machnowzy wieder hinaus.

Zu mühsam wäre es jetzt, auf die ganzen militärischen Fragen einzugehen. Kein Teil der späteren Sowjetunion hatte mehr ausländische Interventionsarmeen zu bekämpfen als die Ukraine: Die Machnowzy kämpften gegen die Deutschen und Österreicher, gegen die Truppen Wrangels und Denikins. Ohne die militärischen Erfolge von ihnen hätte die Ukraine nicht der späteren Sowjetunion eingegliedert werden können. Gerade Trotzki hatte grosses Interesse daran, die militärische Leistung der Machnowzy zu leugnen, weil die historische Wahrheit ihn eher alt ausschauen hätte lassen.

Amelie Lanier

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