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Lieber den Colt im Halfter als die Bombe im Sack | Untergrund-Blättle

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Wilder Westen – nicht nur in Texas Lieber den Colt im Halfter als die Bombe im Sack

Politik

Amerikaner sollen überall Waffen tragen dürfen – also auch in Schulen: Donald Trumps Beitrag zu mehr Sicherheit im freien Amerika.

Waffen-Shop in Commerce, Texas, USA.
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Bild: Waffen-Shop in Commerce, Texas, USA. / Michael Barera (CC BY-SA 4.0 cropped)

25. Mai 2016
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Im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft sichert sich Donald Trump die Unterstützung der mächtigen Waffenlobby. In seiner Rede vor der National Rifle Association (NRA) am 20. Mai sagte Trump, er werde als Präsident das Recht auf Waffenbesitz verteidigen. Mehr noch: Trump will waffenfreie Zonen in den USA abschaffen – also auch an Schulen. Aus diesem Anlass stellen wir den Artikel «Lieber den Colt im Halfter als die Bombe im Sack» vom 6. Januar 2016 noch einmal online.

Ich stelle mir vor, wie Elizabeth Garcia am ersten Business day des Jahres 2016 vor Arbeitsbeginn noch schnell in einem Supermarket das Abendessen einkauft. Als sie an der Kasse die Kreditkarte aus ihrem Blazer fischt, glitzert golden ein Colt aus ihrem Schulterhalfter. «Ein Weihnachtsgeschenk von meinem Liebsten», erklärt sie Jack Norris, den sie eine Stunde später beim Fotokopierer trifft. «Damit er sicher ist, dass du dir all deine Verehrer vom Leib halten kannst?» Grinst er und trägt seine Smith & Wesson neuerdings offen am Gürtel. «18.00 Uhr in Mia’s Bar, wie immer.» Erinnert sie ihn. «Sure, 2016 nichts Neues.» Bestätigt er alte Gewohnheit. Als er kurz nach 18.00 Uhr wie einst John Wayne durch Mia’s Schwingtür marschiert, deutet Elizabeth auf Jacks Hüfte und flüstert: «Deine Pistole.» «Oh», erschrickt er, «so schnell gewöhnt man sich an etwas», und schiebt seine Waffe in die tiefe Manteltasche. «Und wo hast du dein edles Teil?», will er wissen. «Das werde ich dir sicher nicht zeigen.» Lächelt sie. Etwas maliziös.

Wilder Westen – nicht nur in Texas

«Typisch», mag die eine oder der andere beim Lesen der Neujahrsmeldung gedacht haben, in Texas dürften erstmals seit 1871 wieder und «ab sofort Schusswaffen offen getragen werden, bei der Arbeit, beim Einkaufen oder in Restaurants» (SRF-Nachrichten, 2.1.2016). Aber wer jetzt den zweitgrössten Staat der USA (nach Fläche & EinwohnerInnenzahl) in die alten Zeiten von Cowboys & Wildwest zurückfallen sieht, verkennt, dass «das offene Tragen von Waffen» in mehr als 40 der 50 US-Bundesstaaten bereits erlaubt ist, «allerdings mit verschiedenen Einschränkungen» (Focus online, 1.1.2016).

In Texas, dem jüngsten Mitglied der «Open Carry»-Fraktion dürfen sich zwar Vorgesetzte & Angestellte beim Mitarbeitendengespräch gegenseitig mit der Waffe in Schach halten, und Gäste können, auch in einem Gourmetrestaurant, versuchen, dem Wunsch nach fleischigem Nachschlag mit dem demonstrativ gezeigten Revolver im Gurt Nachdruck zu verleihen. Allerdings: Auch WirtInnen dürfen einen Colt im Schulterhalfter tragen. Nur bei Geistlichen gehört, weil ihr Arbeitsplatz die Kirche ist, die Waffe unter den Talar. Sie dürfen ihre Schäfchen so wenig mit Schüssen von der Kanzel auf den rechten Weg zurücktreiben, wie es BarkeeperInnen erlaubt ist, betrunkene Gäste – die ihren Whisky nicht bezahlen und nicht begreifen wollen, dass die geschäftstüchtig freizügige Kleidung nicht zu freiem Gegrabsche berechtigt – mit dem Colt im schwarzen Schulterhalfter zurechtzuweisen.

Weshalb alle TexanerInnen mit dem sichtbar getragenen Revolver ins Einkaufscenter marschieren, die Football-Fans ihre Stars aber nicht mit der Pistole anfeuern dürfen, bleibt JuristInnen-Logik. Schliesslich glauben die BefürworterInnen dieser «Open Carry»-Gesetze – falls es ihnen nicht nur ums grosse Geschäft mit den rund «300 Millionen Waffen in [US-amerikanischen] Privathaushalten» (SRF 4 News, 4.1.2016) geht – daran, «dass die offen zur Schau gestellten Waffen potenzielle Straftäter abhalten würden». Gibt es in Gotteshäusern, Bars und Sportstadien weniger potenzielle Kriminelle als in Restaurants, Supermärkten, Banken und an anderen Arbeitsplätzen?

Die Horrorvision – USA ohne Waffen

Natürlich wäre auch die US-amerikanische Welt noch sicherer, wenn die Horrorvision des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump Wirklichkeit würde. Der behauptet nämlich, wenn Präsident Obama die Waffengesetze, wie angekündigt, per präsidialem Dekret verschärfe – weil der republikanisch dominierte Kongress entsprechende Vorstösse bisher regelmässig blockiert hat –, werde es im freien Amerika künftig nicht mehr möglich sein, Waffen zu kaufen.

Schön wär’s, denn wie sagt doch selbst der Strafrechtsprofessor & Kriminologe Martin Killias im Tages-Anzeiger-Interview vom 2. Januar 2016: «Die USA sind ein gutes Beispiel. Dort passieren deshalb viel mehr Tötungsdelikte, weil die Täter davon ausgehen, dass die Hausbesitzer bewaffnet sind und sich deshalb selbst bewaffnen … Es ist viel gefährlicher, wenn mehr Leute bewaffnet sind.»

Das wird nicht nur in Texas, sondern in den ganzen USA noch eine ganze Weile so bleiben, denn selbst das von Spiegel online am 2.1.2016, noch bevor offiziell kommuniziert, als «eher technisch» bezeichnete Obama-Massnahmenpaket wird die US-Bevölkerung nicht entwaffnen. Ganz abgesehen davon werden RepublikanerInnen & Waffenlobby sich zu wehren wissen und die «Verschärfung des Waffenrechts im Alleingang» zum «Fall für die Gerichte» (SRF 4 News, 4.1.2016) machen. Und zuerst ist dann mal noch Wahlkampf, da wird es vermutlich keine & keiner wagen, was sich nicht einmal ein abtretender Präsident traut – die AmerikanerInnen aus ihrem Waffenparadies zu vertreiben. Schliesslich muss er oder sie damit rechnen, bei der Arbeit, beim Einkaufen oder beim Essen im Restaurant durch Waffen in Halftern zur Vernunft gebracht zu werden.

Wer nichts Böses im Schilde führt, kann Gesicht & Waffe zeigen

Wer die Logik der «Open Carry»-Bewegung – «dass die offen zur Schau gestellten Waffen potenzielle Straftäter abhalten würden» (Focus online, 1.1.2016) – zu Ende denkt, müsste den Colt in Gurt- oder Schulterhalfter, auch in Basketballhallen & Kathedralen, nicht nur erlauben, sondern einfordern. Ganz der Logik von Vermummungs- und Burkaverboten folgend: Wer nichts Böses im Schilde führt, kann Gesicht & Waffe zeigen. Bei «300 Millionen Schusswaffen in Privathaushalten» (SRF 4 News, 4.1.2016) und 321.24 Millionen EinwohnerInnen (de.statista.com) müssten da bei allen erwachsenen US-AmerikanerInnen ohne offen getragene Waffe die Alarmglocken läuten – wer keinen Colt im Halfter trägt, hat vermutlich eine Bombe im Sack.

Jürgmeier / Infosperber

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