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Die moralische Maske: "Unterdrückung" als Kriegsbegründung

Die moralische Maske: "Unterdrückung" als Kriegsbegründung Der König ist tot! Es lebe der König?

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Politik

Wenn die "regelbasierte Ordnung" mit Bomben und Lügen den Iran "befreien" will – und warum Befreiung von Herrschaft alle Menschen betrifft, vom Iran bis nach Tel Aviv.

Der vierte Tag des Krieges in Teheran, 3. März 2026.
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Der vierte Tag des Krieges in Teheran, 3. März 2026. Foto: Avash Media (CC-BY 4.0 cropped)

Datum 11. März 2026
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Es ist ein altes, zueilen eigentlich bekanntes Muster, das sich wiederholt wie ein Alptraum, dem man nicht entkommen kann. Im Juni 2025 begannen die USA und Israel mit dem, was sie euphemistisch "Operation Midnight Hammer" nannten. Hinter diesem Titel verbirgt sich nicht weniger als ein koordinierter Luftangriff auf iranische Nuklearanlagen, Militärstützpunkte, Kommunikationsinfrastruktur und Regierungsgebäude. Die Begründung, die in den ersten Stunden durch alle westlichen Medien lief, war einprägsam und vor allem einfach: Der Iran stehe "unmittelbar vor der Atombombe". Ein paar Wochen, vielleicht Tage noch und Teheran würde über funktionsfähige Nuklearwaffen verfügen. Die Zeit dränge. Man müsse handeln, um eine allumfassende "existenzielle Bedrohung" abzuwenden.

Doch wer genau hinsieht, wer die Zeitachsen und Entwicklungen vergleicht, wer die Aussagen der Politiker mit den Einschätzungen der Geheimdienste und der IAEA konfrontiert, erkennt unweigerlich die bekannte Farce. Noch im August 2024, also weniger als ein Jahr vor dem Angriff, gaben US-Geheimdienste zu Protokoll, dass der Iran "noch Jahre von der Atomwaffe entfernt" sei. Die Einschätzung war eindeutig sowie unumstösslich: Es gebe keine "unmittelbare nukleare Bedrohung". Im März 2025, drei Monate vor dem Krieg, bestätigte das Office of the Director of National Intelligence unter Leitung von Tulsi Gabbard: "Iran is not building a nuclear weapon." Ajatollah Khamenei habe das Nuklearwaffenprogramm, das 2003 suspendiert wurde, nicht wieder reaktiviert.

Die Lüge, die den Krieg rechtfertigt

Die Widerlegung der Kriegslüge kam ausgerechnet vom IAEA-Direktor selbst. Rafael Mariano Grossi sagte am 2. März 2026, also nach den Angriffen durch die USA und Israel unmissverständlich: "We don't see a structured program to manufacture nuclear weapons in Iran." Auf die explizite Frage eines Journalisten, ob der Iran "days or weeks away from building a bomb" sei, antwortete er schlicht und einfach mit: "No." Diese Aussage eines Mannes, der kein Freund des iranischen Regimes ist, der dessen Verweigerung von IAEA-Inspektionen wiederholt scharf kritisiert hatte, hätte die Kriegsbegründung zusammenbrechen lassen müssen. Jedoch fanden die Aussagen in den Medien kaum Raum oder wiederhall.

Die Parallele zum Irak 2003 liegt auf der Hand, und sie ist so präzise, dass sie eigentlich beunruhigen sollte. Damals, am 5. Februar 2003, präsentierte US-Aussenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat angebliche Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen: Satellitenbilder von angeblichen Giftgasfabriken, abgehörte Telefonate, Behauptungen über Aluminiumröhren, die angeblich für Atomwaffen verwendet werden sollten. Jahre später räumte Powell selbst ein, dass diese Beweise gefälscht bzw. bewusst falsch interpretiert waren. Diese Lüge kostete über eine Million Menschenleben, zerstörte einen souveränen Staat, destabilisierte zudem eine ganze Region und führte letztlich zur Geburt des "Islamischen Staates".
Heute behaupten Donald Trump, Benjamin Netanjahu und auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, der Iran sei "kurz vor der Bombe", während ihre eigenen Geheimdienste das Gegenteil belegen. Der einzige aber nicht unrelevante Unterschied zum Irak 2003 ist lediglich der Grad des Zynismus: Powell „musste“ noch gefälschte Satellitenbilder präsentieren, sich noch vor den UN-Sicherheitsrat begeben und eine internationale Legitimation einfordern. Heute genügt die blosse Behauptung, verbreitet über Twitter, Fox News und die deutschen Qualitätsmedien, die brav von "unmittelbarer Bedrohung" sprechen, ohne die Geheimdienstberichte zu erwähnen, die das Gegenteil belegen.

Der Völkerrechtsbruch ist dabei so offensichtlich wie unbeachtet sogar unrelevant. Die Angriffe auf iranische Nuklearanlagen, wie sie aktuell stattfinden, verstossen gegen IAEA-Resolutionen, die bewaffnete Angriffe auf Kernanlagen ausdrücklich und unmissverständlich verbieten. Sie verstossen gegen die UN-Charta, deren Artikel 2.4 alle Mitgliedstaaten verpflichtet, "in ihren internationalen Beziehungen von der Androhung oder Anwendung von Gewalt abzusehen". Sie verstossen gegen das humanitäre Völkerrecht, das den Schutz von Zivilisten und ziviler Infrastruktur vorsieht. Die "Operation Midnight Hammer" als auch die aktuell laufende „Operation Epic Fury“ waren und sind ein Angriffskrieg, der Aggressionsdelikt schlechthin, definiert als "die Verwendung von Streitkräften durch einen Staat gegen die Souveränität, die territoriale Integrität oder die politische Unabhängigkeit eines anderen Staates".

Doch das Völkerrecht erweist sich als das, was es in der imperialen Praxis ist und auch immer war: ein moralisches Geschütz, ein Einmischungstitel gegen die Schwachen, ein lästiger Formalismus - um den sie sich heute unter der Trump Administration nicht mehr bemühen - für die Starken. Die USA beanspruchen für sich das Recht, überall auf der Erde "Geschäfte" zu tätigen, ihre "globalen Interessen" durchzusetzen und betrachten dabei souveräne Staaten als blosse Hindernisse, die beseitigt werden müssen, wenn sie sich weigern, den US-Willen zu akzeptieren. Das Völkerrecht wird nicht als universell bindende Norm anerkannt, sondern als selektives Instrument der Machtdurchsetzung.

Es gilt für die Schwachen – für Serbien 1999, für den Irak 2003, für Libyen 2011 – als Rechtfertigung für Interventionen, während die Starken es nach Belieben missachten. Israel besitzt seit Jahrzehnten ein nichtoffizielles, aber allseits gewusstes Nuklearwaffenarsenal von geschätzt 80-400 Atombomben. Dabei verweigert Isreal jede IAEA-Inspektion, hat den Atomwaffensperrvertrag nie unterzeichnet – und bleibt unbehelligt. Der Iran, der den Vertrag unterzeichnet hat, der bis 2018 die strengsten IAEA-Inspektionen überhaupt akzeptierte, der nachweislich keine Nuklearwaffen besitzt, wird bombardiert?

Die moralische Maske: "Unterdrückung" als Kriegsbegründung

Die zweite Achse der Rechtfertigung ist ebenso alt wie zynisch: Das iranische Regime sei "repressiv", "unterdrückerisch", "menschenrechtsverletzend", eine "diktatorische Theokratie", die ihre eigene Bevölkerung tyrannisiere und nicht zuletzt im Januar 2026 zu tausenden ermorde. All das stimmt. Die Mullah-Diktatur unterdrückt seit Jahrzehnten Frauen, Kurden, Bahai, politische Oppositionelle, Arbeiterstreiks, Studentenproteste, freie Gewerkschaften, unabhängige Medien schlichtweg alles widerständige. Die Moralpolizei, die im September 2022 die Kurdin Mahsa Amini auf brutalste Weise zu Tode prügelte, weil sie ihr Kopftuch "falsch" trug, ist nur die Spitze eines Systems der allgegenwärtigen Kontrolle und Gewalt durch einen, den iranischen Staat.

Doch diese Wahrheit wird nicht erwähnt und ausgeschlachtet um den Menschen im Iran zu helfen. Sie wird instrumentalisiert, um einen Krieg zu rechtfertigen, der diese Menschen in die nächste vermeintlich noch grössere Katastrophe stürzt. Diese Logik ist pervers und doch vertraut: Weil das Regime im Innern Gewalt anwendet, dürfen von aussen tonnenweise Bomben fallen? Weil Frauen ihre Kopftücher nicht abnehmen dürfen, müssen Nuklearanlagen zerstört, Kraftwerke demoliert, Krankenhäuser und Schulen bombardiert, Wasserversorgungen zerstört werden? Weil politische Gefangene gefoltert werden, ist es legitim, die iranische Wirtschaft mit Sanktionen zu ersticken? Betroffen von all dem ist und bleibt die gesamte Bevölkerung, nicht nur die Regierenden.

Die "feministische Aussenpolitik" der deutschen Aussenministerin Annalena Baerbock, die 2022 noch "konkret spürbare Unterstützung" für die iranischen Protestierenden forderte, die den "Mut vor Ort propagandistisch beförderte" und die Ukrainer "in den Opfergang trieb", mündet 2026 unter der aktuellen Bundesregierung in die Unterstützung eines Krieges, der iranische Frauen, Männer und Kinder in den Tod treibt.
Die "Werte" der westlichen Gemeinschaft – Menschenrechte, Demokratie, Frauenrechte – fungieren als moralische Verpackung für nichts anderes und offenkundigeres als imperialistische Gewalt, das Instrument der Regelbasierten Weltordnung. Sie werden dann eingefordert, wenn sie die eigenen Interessen durchsetzen helfen, und ignoriert, wenn sie im Weg stehen. Saudi-Arabien, einer der repressivsten Staaten der Welt, der Journalisten zerstückelt, Frauen systematisch entrechtet, Minderheiten verfolgt und den Jemen mit westlichen Waffen verwüstet und zerbombt, ist ein "Partner"? Der Iran, der ähnlichen Verbrechen begeht, aber sich dem US-Imperium widersetzt, ist ein "Schurkenstaat", der bombardiert werden muss!

Hier offenbart sich die "regelbasierte Weltordnung" und ihre nackte Realität: Sie beansprucht das Monopol sowohl über Moral als auch über Gewalt. Wer sich ihren Regeln nicht fügt, wird zum "Störenfried", zum "Schurkenstaat", zum legitimen Angriffsziel erkoren. Die tatsächliche stattfindende Unterdrückung im Iran wird zur Grundlage, zur Rechtfertigung für eine noch grössere Unterdrückung: die imperialistische Zerstörung eines souveränen Staates, die Demontage seiner Infrastruktur, die Ermordung seiner Wissenschaftler und Militärs sowie die Verarmung seiner ganzen Bevölkerung. Die "Befreiung" wird von aussen importiert, mit Bomben und Sanktionen, nicht von innen erkämpft!?

Der Prinz aus der Konservenfabrik: Die Rückkehr des Schahs

Während tausende Tonnen Bomben fallen und die iranische Wirtschaft kollabiert, wird in Washington, Berlin und Tel Aviv bereits die "Nachfolge" im eigenen Interesse geplant. Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs von Persien, Mohammed Reza Pahlavi, wird als "demokratische Alternative" inszeniert und dem iranischen Volk, als Hoffnungsträger, als die natürliche Führungspersönlichkeit für ein "befreites" Iran angepriesen.

Ein Blick auf die Biographie dieses Mannes zeigt, was diese in den westlichen Medien sowie Grossdemonstrationen so gehypte "Alternative" tatsächlich repräsentiert. Reza Pahlavi wurde 1960 geboren, als Kronprinz des Schah-Regimes, das von den USA und Grossbritannien 1953 installiert worden war, nachdem die CIA und der MI6 den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh gestürzt hatten.

Mossadegh hatte die iranische Ölindustrie verstaatlichen wollen, was den "globalen Kapitalinteressen" der westlichen Ölkonzerne missfiel. Der Schah, der an seine Stelle gesetzt wurde, errichtete einen brutalen Polizeistaat in dem die, von der CIA trainierte Geheimpolizei SAVAK Folter und Terror perfektionierte, das politische Gefangene in den berüchtigten Kerker Evin warf, das die Öleinnahmen des Landes in westliche Taschen leitete, während die eigene Bevölkerung immer weiter Verarmung und Verelendung ausgeliefert war.

1979 floh die Familie Pahlavi vor der Revolution. Reza Pahlavi lebt seitdem im Exil in den USA, zunächst in Maryland, später in Virginia. Er wurde von der CIA und konservativen Think Tanks gepflegt wie ein Reservefonds für schlechte Zeiten, für den Fall, dass das iranische Regime einmal destabilisiert werden könnte. Der Zeitpunkt scheint gekommen. Er hat keine demokratische Legitimation im Iran. Er hat keine Verbindung zur iranischen Gesellschaft von heute. Die zu zwei Dritteln unter 40 Jahren alte Bevölkerung heute kennt die Schah-Zeit nur aus den Erzählungen ihrer Grosseltern. Er repräsentiert nichts als die Rückkehr zur Vor-1979-Ära: die Rückkehr des Westens als Herrschaftsmacht, die Rückkehr der Ölmultis, die Rückkehr der SAVAK, nur diesmal mit moderner Technologie und unter demokratischem Gewand.

Die Inszenierung des Prinzensohns folgt einem bewährten Muster der "regelbasierten Ordnung". Wenn militärische Gewalt allein nicht ausreicht, um einen "Störenfried" zu brechen, folgt, damals wie heute der "Regime Change" von aussen. Nicht die Menschen im Iran sollen entscheiden, wer sie regiert, sondern die Planer in Washington, im Westen, die den passenden Kandidaten aus der „Konservenfabrik“ holen. Die "Demokratie", die exportiert werden soll, ist von vornherein nichts als ihre eigene Karikatur: ein Potentat, der von aussen eingesetzt wird, der keine soziale Basis im Land hat, der auf westliche Militärstützpunkte und Geheimdienste angewiesen ist.
Reza Pahlavi selbst tritt als Verfechter der "Demokratie" auf, als Unterstützer der Protestbewegung von 2022. Doch seine Agenda ist klar: die Rückkehr zur alt bewährtem, der Wiederherstellung der "grossen Verbindung" mit den USA, die Öffnung des iranischen Marktes für westliches Kapital und letztlich die weitere Verarmung der Menschen im Iran. Er ist nicht die Alternative zur Mullah-Diktatur, sondern deren Spiegelbild: beide repräsentieren Herrschaft von oben, beide basieren auf Gewalt und Ausschluss, beide dienen nicht den Interessen der iranischen Bevölkerung, sondern denen einer kleinen Elite und ihrer ausländischen Geldgeber.

Die Kurden: Vom Stellvertreter zum Opfer, vom Opfer zum Verratenen

In diesem Machtspiel werden schon wieder die Kurden als Stellvertreter instrumentalisiert – ein Volk, das seit einem Jahrhundert zwischen den Mühlen verschiedener Imperialismen zermahlen wird und dessen Geschichte eine einzige Chronik des Verrats ist.

Die Kurden sind mit schätzungsweise 60-70 Millionen Menschen das grösste staatenlose Volk der Welt. Ihr Siedlungsgebiet, Kurdistan, erstreckt sich über die Staatsgrenzen der Türkei, des Irak, des Iran und Syriens – genau jene Staaten, die ihre Teilung mit Waffengewalt seither aufrechterhalten. Seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches wurden die Kurden von allen Seiten unterdrückt: vom türkischen Nationalismus, vom arabischen Baathismus, vom persischen Schiitismus. Ihre Sprache wurde verboten, ihre Identität geleugnet, ihre Aufstände niedergeschlagen.

In diesem Kontext wurden die Kurden wiederholt als Stellvertreter für imperialistische Interessen rekrutiert, benutzt und verraten. Die USA (be)nutzten die kurdischen YPG (Volksverteidigungseinheiten) und YPJ (Frauenverteidigungseinheiten) in Syrien im Kampf gegen den "Islamischen Staat" ab 2014. Die kurdischen Milizen waren die effektivsten Bodentruppen gegen den IS. Sie befreiten Kobane, sie befreiten Raqqa, sie riskierten ihr Leben, während die USA aus der Luft bombardierten. Sie errichteten in Nordsyrien ein de facto autonomes Gebiet, Rojava, mit einem Experiment direkter Demokratie - angelehnt an die Räterevolution Anfang des 20. Jahrhunderts- Frauenrechten, ökologischer Planung: eine radikale Alternative zu den autoritären Regimen der Region.

Als Dank wurden sie 2019 von Donald Trump an die Türkei verraten. In einem Telefonat mit Recep Tayyip Erdoğan gab Trump damals grünes Licht für die türkische Invasion in Nordsyrien. Die USA zogen ihre Truppen ab, die Kurden wurden von der türkischen Armee und ihren islamistischen Milizen angegriffen, ihre Städte bombardiert, Hunderttausende vertrieben: Die ehemals lauten Rufe „Biji Obama“ verstummten. Die "Sicherheitszone", die die Türkei errichtete, wurde mit Panzern sowie Siedlern gefüllt: mit der Umsiedlung arabischer Flüchtlinge aus anderen Teilen Syriens, mit der Demografie als Waffe.

Heute, 2025/2026, sollen die Kurden erneut als Werkzeug dienen. Im Iran werden kurdische Milizen aufgerüstet, um das Regime zu destabilisieren. In Syrien sollen sie sich unter die neue Regierung von Ahmed al-Scharaa integrieren, einem Islamisten, der mit der al-Qaida verwandten HTS an die Macht kam und der nun von den USA und der Türkei als "moderate Alternative", als Befreiung vom schrecklichen Baschar al-Assad verkauft wird. Die Kurden sollen ihre Autonomie aufgeben, ihre Waffen niederlegen, sich in "Strukturen" eingliedern, die seither ihre eigene Existenz negieren.

Die anstehende Planungslogik ist kalt und kalkuliert: Die Kurden sollen für die USA gegen den Iran, gegen Reste des IS, gegen die Feinde der westlichen Interessen kämpfen. Dann sollen sie den Interessen der Türkei geopfert werden, die keine autonome kurdische Entität an ihrer Grenze duldet. Schliesslich sollen sie in ein Syrien integriert werden, das unter islamistischer Führung die kurdische Identität weiter unterdrückt. Wer nicht spurt, wird zum "Terroristen" erklärt – die PKK ist in den USA, der EU und der Türkei auf Terrorlisten, die YPG, die gegen den IS kämpften, werden zunehmend als "mit der PKK verbunden" kriminalisiert. Wer spurt, wird verbraucht, entwaffnet, verraten.

Die Geschichte wiederholt sich. In den 1970er Jahren unterstützte der Schah von Persien die irakischen Kurden gegen Saddam Hussein, um den Irak zu schwächen. Als der Schah 1975 mit Saddam einen Deal machte, wurden die Kurden im Stich gelassen, ihr Aufstand niedergeschlagen. 1991 rief George H.W. Bush die Iraker und Kurden zum Aufstand gegen Saddam auf, zog dann aber die Truppen zurück. Die Aufstände wurden blutig unterdrückt. 2003 versprachen die USA den Kurden Autonomie im neuen Irak, doch das Unabhängigkeitsreferendum von 2017 wurde von Bagdad mit Waffengewalt beantwortet, während die USA zuschauten.

Die "regelbasierte Weltordnung" kennt keine Verbündeten, nur temporär nützliche Werkzeuge. Die Kurden sind für die USA wertvoll, solange sie kämpfen. Sobald sie nicht mehr gebraucht werden, werden sie verhandelt, verkauft, verraten.

Die dritte Option: Selbstermächtigung jenseits der Herrschaft - für alle Menschen

Für die Menschen im Iran, in der Region, für alle, die nicht zwischen den Fronten der Mullahs und des US-Imperialismus wählen wollen, stellt sich eine, die existenzielle Frage: Gibt es eine dritte Option? Eine, die nicht auf "Herrschaft" von oben wartet, die nach neuer, nach anderer Herrschaft ruft, sei es die der Ayatollahs, sei es die der CIA-gestützten Prinzen, sei es die der kurdischen Stammesführer oder islamistischen Milizen?

Die Geschichte der iranischen Gesellschaft bietet Antworten. Antworten, die in der öffentlichen Wahrnehmung westlicher Medien systematisch übergangen werden. Die Protestbewegung von 2022/2023, die nach dem Mord an Mahsa Amini begann, war nicht eine "bunte Revolution", die von aussen gesteuert wurde.

Ganz im Gegenteil war sie ein autonomer Aufstand von Frauen, Studenten, Arbeitern, die sich weigerten, sich der Logik eines Entweder-Oder zu beugen. Frauen nahmen ihre Kopftücher ab in einer Gesellschaft, die das mit Gefängnis, Folter oder Hinrichtung bestraft. Arbeiter streikten in den Ölraffinerien, trotz der Androhung von Entlassung und Verhaftung. Studenten besetzten Universitäten, trotz der gezielten Schüsse der Sicherheitskräfte. Bauern protestierten gegen die fortschreitende Wasserknappheit und Umweltzerstörung. Die Bewegung hatte kein zentrales Führungspersonal, das man hätte verhaften können. Sie organisierte sich horizontal, über soziale Medien, über lokale Netzwerke, über Gewerkschaften und Frauenvereine ausgerichtet an den eigenen Interessen.

Diese Bewegung wurde nicht vom Westen "befreit"! Sie wurde unter den Augen des Westens vom eigenen Regime zerschlagen. Mit Gewalt, mit Massenverhaftungen, mit Hinrichtungen, mit gezielter Folter. Der Westen, der so gerne von "Menschenrechten" spricht, sah nur zu. Die Sanktionen, die angeblich das Regime treffen sollten, trafen mit aller Härte die Bevölkerung. Die so gehypte "feministische Aussenpolitik" Deutschlands beliess es bei Solidaritätsbekundungen. Genauso trafen die Bomben, die 2025 fielen, nicht die Mullahs, sondern die Infrastruktur, die auch von den Protestierenden genutzt wurde.

Doch die Bewegung von 2022 zeigte: Es gibt Widerstand, der weder die Mullahs noch die USA braucht. Es gibt eine Gesellschaft im Iran, die sich selbst organisieren kann, die eigene Forderungen artikuliert, die nicht auf "Herrschaft" von oben wartet und die ein tiefreichendes Erfahrungswissen kämpferischer Praxis vorzuweisen hat. Diese Erfahrung ist der Keim, der Fundus einer dritten Option.

Und diese Option betrifft nicht nur den Iran. Sie betrifft alle Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen leben – einschliesslich der Bevölkerung in Israel. Die israelische Gesellschaft ist gefangen in einer Logik der "Sicherheit durch Dominanz", die seit Jahrzehnten das Gegenteil von Sicherheit produziert: die Eskalation von Konflikten, die Radikalisierung von Gegnern, die Militarisierung des eigenen Lebens, die Unterdrückung der Palästinenser, die zu einer Belastung für die eigene Demokratie geworden ist. Die israelische Regierung behauptet, die Bombardierung des Iran diene der "Selbstverteidigung", doch sie produziert nur neue Bedrohungen, neue Ressentiments, neue Gewaltspiralen.

Die Erkenntnis, dass "Sicherheit" nicht durch militärische Überlegenheit, nicht durch die "Full Spectrum Dominance" der USA, nicht durch Atomwaffenmonopole erreicht wird, sondern durch die Aufhebung der Unterdrückung, durch soziale Gerechtigkeit, durch die Anerkennung der Rechte aller Menschen in der Region – diese Erkenntnis ist universell. Sie gilt für die Arbeiter im Iran, die gegen das Mullah-Regime streiken, ebenso wie für die israelischen Friedensaktivisten, die gegen die Besatzung protestieren. Sie gilt für die Kurden, die ihre Autonomie verteidigen, ebenso wie für die Palästinenser, die gegen die Blockade von Gaza kämpfen. Sie gilt für alle Menschen, die erkennen, dass ihre wirklichen Feinde nicht die "anderen" Völker sind, sondern die Herrschaftseliten, die ihre Leben zerstören, ob mit religiösem oder mit demokratischem Etikett.

Diese Perspektive muss sich erweitern über nationale Grenzen, über die Trennlinien, die Imperialismus und Nationalismus errichten und nähren. Die Kurden im Iran, im Irak, in der Türkei, in Syrien sind ein Volk, das seit Jahrzehnten gegen vier Staaten kämpft, die ihre Teilung aufrechterhalten. Ihre Befreiung liegt nicht in der Wahl zwischen US-Stellvertreterschaft und Unterwerfung unter Damaskus, Teheran oder Ankara. Sie liegt in der eigenen Organisierung, im Bruch mit dem System der Staaten, die ihre Existenz negieren. Das Experiment von Rojava, so unvollkommen und bedroht es war, zeigte: Eine andere Form der Gesellschaft ist nicht nur dort sondern überall auf diesem Globus möglich. Eine Gesellschaft ohne zentralisierte Herrschaft, ohne patriarchale Unterdrückung, ohne kapitalistische Ausbeutung: eine freie Gesellschaft der gleichen.

Die Arbeiter im Iran, die Frauen, die Jugendlichen, die Kurden, die Belutschen, die Azeris, die Ahwazi-Araber, die israelis – sie alle haben ein Interesse an einer Gesellschaft, die nicht auf Unterdrückung und Ausbeutung basiert. Sie haben ein Interesse daran, ihre eigenen Ressourcen zu kontrollieren, ihre eigene Produktion zu organisieren, ihre eigenen Leben zu führen. Diese Gesellschaft wird nicht von Reza Pahlavi kommen, nicht von Donald Trump, nicht von Friedrich Merz mit seiner "gemeinsamen Seite" im Oval Office. Sie wird nicht von kurdischen Stammesführern kommen, die mit Ankara oder Washington dealen. Sie muss von ihnen selbst erkämpft werden, von unten, gegen alle Formen der Herrschaft: die der Mullahs wie die des Imperialismus, die des Nationalismus wie die des Kapitalismus.

Die Solidarität, die nötig ist, ist eben keine "humanitäre Hilfe" von oben. Sie ist die praktische Unterstützung der Selbstermächtigung: die Verbreitung von Informationen, die Unterstützung von Streiks und Protesten, die Weigerung, an den Sanktionen mitzuwirken, die Sabotage der Kriegsmaschinerie, die in den USA, in Europa, in der Türkei, in Israel produziert und immer weiter und radikalisierter vorangetrieben wird. Sie ist die Anerkennung, dass die "Feinde" im Iran, in Kurdistan, in Palästina, in Israel nicht die Feinde der Menschen in den imperialen Zentren sind, sondern dass sie gemeinsame Feinde haben: die Herrschaftseliten, die ihre Leben zerstören, ob mit religiösem oder mit demokratischem Etikett.

Diese Solidarität ist global oder sie ist nicht! Sie kann nicht selektiv sein, sie kann nicht sagen: Wir unterstützen die Iraner, aber nicht die Palästinenser. Wir unterstützen die Kurden, aber akzeptieren die israelische Besatzung. Sie muss alle einschliessen, die für eine Gesellschaft kämpfen, die auf Gleichheit, Freiheit und Selbstbestimmung basiert – über alle Grenzen und Idenditäten hinweg, gegen alle Formen von Herrschaft.

Fazit: Die Ordnung zeigt ihr wahres Gesicht - und ihre Alternative

Die Bomben auf Fordow, Natanz und Isfahan im Juni 2025 waren keine "befreienden" Schläge. Sie waren der Ausdruck einer Ordnung, die den gesamten Planeten als "Praxisfeld und Mittel" ihrer Interessen betrachtet, die souveräne Staaten als Hindernisse behandelt, die beseitigt werden müssen. Und sie ist Ausdruck dafür zu lügen, zu bombardieren, Völkerrecht mit Füssen zu treten und ganze Gesellschaften in die Katastrophe zu stürzen.

Die "regelbasierte Weltordnung" mit ihren Prinzen aus der Konservenfabrik, ihren verratenen Stellvertretern, ihren moralischen Masken und ihren imperialen Zielen ist das Problem und niemals Teil der Lösung. Sie bietet keine Befreiung, sondern nur die Wahl zwischen verschiedenen Formen der Unterdrückung: die religiöse Diktatur der Mullahs oder die marktliberale Diktatur des Westens, die nationale Unterdrückung durch Teheran oder die ethnische Zerstückelung durch Stellvertreterkriege.

Doch die Geschichte ist nicht vorherbestimmt. Ganz im Gegenteil sie ist Resultat. Die Bewegungen von 2022 im Iran, das Experiment von Rojava, die Friedensbewegungen in Israel, die Arbeiterstreiks überall in der Region zeigen: Es gibt Widerstand, der sich dem Entweder-Oder zu beugen verwehrt. Es gibt Menschen, die eine dritte Option suchen und praktizieren: die Selbstermächtigung von unten, die Organisierung jenseits der Herrschaft, die Solidarität über Grenzen hinweg verteidigen.

Die Zukunft liegt nicht in der Wahl zwischen Mullahs und Prinzen, zwischen Teheran und Washington, zwischen Hamas und der IDF. Sie liegt in der Ermächtigung derer, die unter allen diesen Herrschaftsformen leiden, sich ihr verwehren. Sie liegt in der Ermächtigung derer, die sich eine Gesellschaft vorstellen können, die auf Gleichheit, Freiheit und Selbstbestimmung basiert – nicht auf Herrschaft, sei sie religiös oder imperial, national oder kapitalistisch, sei sie in grün-weiss-rot oder in Blau-Weiss getaucht.

Die Strassen von Teheran, von Sanandaj, von Mahabad haben gezeigt, dass diese Menschen existieren. Die Demonstrationen in Tel Aviv gegen die Regierung, die Friedensaktivisten, die sich mit Palästinensern solidarisieren, zeigen, dass sie auch dort existieren. Es gilt, ihre Stimmen zu hören, ihre Kämpfe zu unterstützen, ihre Feinde zu erkennen – auch wenn diese Feinde sich als Freunde tarnen, auch wenn sie behaupten, sie handeln im Namen der "Sicherheit" oder der "Demokratie". Die wahre Sicherheit, die wahre Demokratie, die wahre Freiheit wird nicht von oben geschenkt. Sie müssen von unten erkämpft werden – gegen alle Formen der Herrschaft, für alle Menschen, auf dem ganzen Globus. Dann rufen wir alle gemeinsam überall auf diesem Planeten: Der König ist tot! Er bleibt tot!

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