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Alice Pechriggl: Castoriadis. Denker der Revolution – Revolution des Denkens.

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Alice Pechriggl: Castoriadis. Denker der Revolution – Revolution des Denkens. Eine Hommage an einen häretischen und libertären Denker

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Politik

Zur Würdigung eines unkonventionellen Intellektuellen, der im Verhältnis zur Innovationskraft seiner theoretischen Entwürfe im etablierten akademischen System wenig Beachtung fand, gehört, den Gehalt seines Denkens herauszustellen.

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Datum 16. Juli 2023
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Damit wird verständlich, warum die Philosophie-Professorin Alice Pechriggl die Bedeutung des griechisch-französischen Psychoanalytikers, Philosophen und Ökonomen Cornelius Castoriadis so vehement herausstellt.

Doch so ganz neu wie behauptet wird, ist die Beschäftigung mit dem libertären Denker wiederum nicht. Seine Werke wurden auch auf deutsch bei Edition AV herausgegeben [1], es gab diverse Beiträge zum Beispiel zu seiner Sozialtheorie [2] und eine schon 2015, wie die vorliegende Studie, ebenfalls beim Transcript-Verlag erschienene Darstellung in Castoriadis' Begriff des Imaginären und den damit verbundenen Konzepten von Entfremdung, Autonomie und Anerkennung [3]. Auch in der (freilich marginalen) Debatte um radikale Demokratietheorie ist Castoriadis – neben seinem Kollegen Claude Lefort, mit dem er die Zeitschrift Socialisme ou Barbarie herausgab – mit seiner Kritik an Bürokratie und seinen Überlegungen zu Institutionalisierungsprozessen eine feste Grösse [4].

Wer sich mit poststrukturalistischen politischen Theorien beschäftigt, dem ist das Spannungsfeld zwischen „dem“ verflüssigenden, „autonomen“, tendenziell zivilgesellschaftlichen Politischen und „der“ verfestigten, „heteronomen“, tendenziell staatlichen Politik wohlbekannt. Castoriadis fasste diese Denkfigur in das nie-endende Wechselspiel von Chaos und Kosmos, also – weiter gedacht – als Aushandlung zwischen Anarchie als bewegenden Prozess und libertären Sozialismus als freiwillige Ordnung. Daniel Loick schreibt, dass auch das „unordentliche“, chaotische Element des Anarchismus zu diesem gehört und wertgeschätzt werden sollte. [5]
Gerade weil diese Art zu Denken mittlerweile in viele progressive Theorien Eingang gefunden hat, wird schnell verkannt, welche Rolle offenbar auch Castoriadis für ihre Entwicklung gespielt hat. In der sozialen Funktion eines häretischen linksradikalen Gesellschaftskritikers und Visionärs gleicht Castoriadis in gewisser Hinsicht dem aus Italien stammenden Johannes Agnoli, da sie auch zeitgleich wirksam waren und mit ihren unorthodoxen Schriften jeweils indirekt auf die 68er-Bewegung einwirkten. Wenn die Autorin in ihrem neuen Buch eines zeigt, dann, dass es mehr kritische und sich positionierende Philosophinnen wie sie braucht, welche in ontologische, erkenntnistheoretische und psychoanalytische Geistestiefen steigen können.

So kenntnisreich Pechriggl ihr Thema durchdringt, so fachspezifisch ist ihr Buch trotz klarer Struktur leider gehalten. Auch dies ist ein Aspekt der Würdigung von Castoriadis Denken, welches sich nicht unüberlegt in irgendeine Art Praxis übersetzen lassen muss, sondern möglicherweise gerade in seinem Tiefgang revolutionäre Perspektiven ermöglicht. Für interessierte Laien, die in sozialen Bewegungen aktiv sind, bräuchte es hingegen weitere Übertragungen und Erläuterungen an Beispielen. Dahingehend gibt der dritte Teil von Revolution des Denkens einige Aufschlüsse.

Pechriggl geht darin zunächst auf ihr eigenes – von Castoriadis betreutes – Thema des Wandels von Geschlechterverhältnissen im Kontext des „instituierten Imaginären“ ein. Weiterhin widmet sie sich einem seiner Lebensthemen, der „politischen Verwirklichung der Freiheit als ‚kollektive Autonomie'“ in welcher dieser auf tiefgründige Weise das Zusammenspiel und den Widerstreit von individueller und kollektiver Autonomie durchdenkt – ein Thema, mit welchem sich nicht nur Bakunin mit seinem Verständnis von sozialer Freiheit beschäftigte, sondern welches auch eine wesentliche Kontroverse im Anarchismus insgesamt darstellt [6].

Darin werden auch Castoriadis' Sympathien für den Anarchismus, Operaismus und Rätekommunismus deutlich. Im letzten Abschnitt fasst Pechriggl seine Überlegungen zu einem emanzipatorischen und zeitgemässen Revolutionsbegriff zusammen, welchen er als durch den sogenannten Realsozialismus grundlegend diskreditiert ansah und ihn gerade darum erneuerte. Hierbei wird deutlich, dass die Autorin weiterdenkt und auf aktuellere gesellschaftlich-politische Konflikte und Konstellationen eingeht. Eine stärkere Anwendungsbezogenheit wäre dann aber in einem daran anschliessenden Buch herzustellen.
Zuerst veröffentlicht in: Graswurzelrevolution #480

Alice Pechriggl: Castoriadis: Denker der Revolution – Revolution des Denkens. Transcript, Bielefeld 2022. 242 Seiten. ca. 44.00 CHF. ISBN 978-3-8376-5962-7.

Fussnoten:

[1] Ausgewählte Schriften, 7 Bände. Hrsg. v. Michael Halfbrodt & Harald Wolf, Lich, 2006–2016.

[2] Harald Wolf (Hrsg.), Das Imaginäre im Sozialen. Zur Sozialtheorie von Cornelius Castoriadis, Göttingen 2012.

[3] Nicola Condoleo, Vom Imaginären zur Autonomie. Grundlagen der politischen Philosophie von Cornelius Castoriadis, Bielefeld 2015.

[4] Robert Seyfert, Cornelius Castoriadis: Institution, Macht, Politik, in: Ulrich Bröckling / Robert Feustel (Hrsg.), Das Politische denken. Zeitgenössische Positionen, Bielefeld 2010, S. 253-272.

[5] Daniel Loick, Anarchismus zur Einführung, Hamburg 2017, S. 10, 212.

[6] Jonathan Eibisch: Die Kunst freiwillig gemeinsam zu werden. Das Spannungsfeld zwischen Kollektivität und Individualität als Indiz für eine grundlegend paradoxe Form anarchistischen Denkens, in: Markus Hawel et. al (Hrsg.), Work in Progress. Work on Progress. Doktorand*innen-Jahrbuch 2019 der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Hamburg 2019; kostenlos abrufbar unter: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/ pdfs/sonst_publikationen/RLS_Studienwerk_Jahrbuch_2019.pdf.