UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Zum 250. Geburtstag des dänisch-deutschen Dichters Jens Baggesen | Untergrund-Blättle

535

Zum 250. Geburtstag Der dänisch-deutsche Dichter und Philosoph Jens Immanuel Baggesen

Kultur

Erinnert sei, dass Jens Baggesen wie kaum ein anderer der in Dänemark zur Welt Gekommenen auf unterschiedliche nationale Eigenschaften aufmerksam gemacht hat.

Jens Baggesen Strasse in Århus, Dänemark.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Jens Baggesen Strasse in Århus, Dänemark. Foto: Villy Fink Isaksen (CC BY-SA 3.0 cropped)

27. Februar 2014
0
0
5 min.
Drucken
Korrektur
Dazu trug entscheidend bei, dass dem aus recht einfachen Verhältnissen Stammenden durch einige in Dänemark damals deutschsprachige Adelskreise der Besuch einer Lateinschule ermöglicht worden war, wodurch Baggesens dichterisches Talent zum Tragen kam. Der sich sehr schnell einer gewissen Popularität Erfreuende wurde aus nationaldänischen Rücksichten, angeblich wegen seiner etwas angeschlagenen Gesundheit, 1789 nach Deutschland komplimentiert, nach Bad Pyrmont. Dort traf er einige der Berühmtheiten jener Zeit.

Er reiste weiter und kam bis in die Schweiz. Seine Reisenotizen gestalteten sich zu seinem auch noch in unseren Tagen weltberühmten sentimentalen Roman "Das Labyrinth oder Reise durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich" (1792 erstmals herausgekommen).

In der Schweiz unternahm Baggesen unter anderem Bergwanderungen. Er heiratete eine Enkelin des berühmten Alpendichters Albrecht von Haller; einer der Söhne des Paares, Reinhold Baggesen, wurde Münsterpfarrer in Bern. Die frisch Vermählten wollten sich in Kopenhagen niederlassen, konnten dort jedoch nicht heimisch werden, weshalb sie sich immer wieder zurück in die Schweiz aufmachten. Auf einer dieser Reisen starb die Gemahlin 1797 in Kiel, lungenkrank. Baggesen verheiratete sich wenig später mit der Tochter eines französichsprachigen Diplomaten, wodurch sein Wohnsitz St.-Germain-en-Laye, Frankreich, wurde, wo er übrigens die längste Zeit seines Lebens zugebracht hat.

Jens Baggesens Gesamtwerk ist sowohl für die dänische als auch für die deutsche Literatur von Bedeutung. Baggesen ist jedoch, kann man sagen, in herausragender Weise deutscher Autor geworden, indem er sich mit den literarischen Strömungen in den deutschen Landen direkt konfrontiert sah, worauf er unter anderem mit gezielten Parodien reagierte, die ihrerseits sich als eigene Kunstwerke auszeichneten. Zuvorderst zu nennen wäre da das 1809 bei Cotta in Tübingen erschienene Bändchen mit dem Titel "Der Karfunkel oder Klingelklingel-Almanach. Ein Taschenbuch für vollendete Romantiker oder angehende Mystiker", das sich als ein Ratgeber präsentiert fürs Fabrizieren von Sonetten im Schnellverfahren zu vorgegebenen Reimen innerhalb einer vorgegebenen Zeit. Dem schliesst sich Baggesens Grossdrama "Der vollendete Faust" an, dessen Titel auf das in jenen Tagen aktuelle Faustfragment Goethes anspielt und in dem gezielt einiges der damals in die Mode gekommenen romantischen Bewegung unter die Lupe genommen wird, das für eine, kann man sagen, als geboten zu betrachtende, doch in der Wirklichkeit leider vermisste politische Verantwortlichkeit herzuhalten hatte.

Jens Baggesens dänische und deutsche dichterische Werke ergeben ein breites Spektrum. Aus Baggesens Feder besitzen wir aber auch eine enorme Menge philosophischer Betrachtungen und Bemerkungen. Auch was die aktuelle politische Revolution in Frankreich angeht sowie die, man möchte sagen, entsprechenden Verhältnisse in Deutschland. Dargestellt wird da immer wieder, wie während der 30-jährigen Revolutionszeit, auf die zurückgeblickt wird, in Frankreich real geköpft wurde, wohingegen das selbe in Deutschland sich idealistisch vollzog. Deutschlands Überdichter Goethe wird als »der poetische Talleyrand« bezeichnet; Talleyrand war der Wendehals jener Zeit, der als Politiker einen wichtigen Platz in grundverschiedenen französischen Regierungen einnahm, die er am Ende alle überlebt hat.

Jens Baggesen ist immer auch ein Däne geblieben, auch wo er sich hie und da ganz oder teilweise als Deutscher oder als Franzose verstand, sich direkt entsprechend bezeichnete. Er war ein Däne, dem es gegeben erschien, sich in die verschiedensten national geprägten Denkweisen zu versetzen. Es hätte ihm ein gewaltiges Manko bedeutet, sollte es nur eíne einzige Sprache auf unserer Erde geben, womit sich nebenbei bemerkt seine Anschauung mit der Grundtvigs, des Begründers der dänischen Volkshochschulen trifft, und was in unseren Tagen auch ein wenig über unsere ganz aktuelle EU nachdenken lässt.

Weit seiner Zeit voraus war Baggesen auch da, wo er unsere Weltgeschichte als einen Kosmos gelangweilter Insekten versteht:


»Die Geschichte unsrer Erde,
Falls man's so benennen will,
Das Tagebuch der allerhand Narrenteien
Von Ameisen, Fliegen oder Bienen,
Die ohne Fügel und mit Flügeln dran
Ganz irre kreisend sich tummeln
Umher und herum
Mit ihrem ewigen Gesumm,
Sich selbst zum Narren halten,
Stossen, beissen, schlagen,
Verstümmeln, gegenseitig sich den Hals umdrehen, zerfleischen,
Der liebe Gott mag's verstehn, wie sollte ich's?
[...]
Wenn man will, kann man
Die Geschichte unsrer Erde
Mit Recht das Trauerspiel nennen
Des grossen Dichters der Natur,
Doch dieser Titel taugt für das Ganze nur,
Passt da gut -
Wo hingegen jede einzelne Szene zählt,
Finde ich mit gleichem Recht,
Trotz des Teufels und seiner Mutter und der Totengöttin Hel,
Die hässlich bei uns die tragische Muse Melpomene zu spielen hat,
Das Ernsthafteste nicht alleine zum Lachen,
Sondern ganz und gar zum sich Totlachen.«

(Ins Deutsche übertragenes Zitat aus Baggesens dänischem Vorwort zu seinem deutschen Versepos Adam und Eva oder die Geschichte des Sündenfalls. Ein humoristisches Epos in zwölf Büchern, das Jens Baggesens Schwanengesang geworden ist).

Horst Waldemar Nägele

Zum Autor des obenstehendem Artikels:

Horst Waldemar Nägele, Dr. phil. (Kiel, 1969), Vergleichende Literatur, Schwerpunkt Jens Baggesen. Zu Jens Baggesen vom Autor erschienen der Band 1 der Skandinavistischen Studien: Der deutsche Idealismus in der existentiellen Kategorie des Humors. Eine Studie zu Jens Baggesens ideolinguistisch orientiertem Epos »Adam und Eva« (1971), dem die Dissertation (1969) zu Grunde liegt, sowie eine Reihe von Abhandlungen, Aufsätzen, Zeitungsartikel und Rundfunksendungen. Der Autor hat zahlreiche Baggesen-Texte nach den Handschriften publiziert, einige auch übersetzt. 2006 wurde ihm der Jens-Baggesen-Preis der Stadt Korsør/Dänemark zuteil.

Mehr zum Thema...
Gelegte Aussenansicht.
Pflichtfeld MitteilungGelegte Aussenansicht

04.03.2015

- Was kann ich für Sie tun, was bist du für ein Huhn, wie's war, in Deutschland unvorstellbar, wieder vereint Kanzler ganz oben ohne, macht's die Drohne.

mehr...
Gehöriges gehören.
Horst Waldemar NägeleGehöriges gehören

28.09.2013

- Was sich gehört, gehört sich nicht, dass es sich gehört, frei Haus, serviert, gestrafften Arsches, alles mit dem Handy. Von Horst Waldemar Nägele

mehr...
Felicien Rops
Horst NägeleWer kann's schneller

11.04.2015

- Die Bahnen hin und her, dicht nebeneinander, es treffen sich ihre Hände, schrecken zurück, nach dem Duschen, das gegenseitige Frottieren, und ganz schnell in die Puschen, wann schwimmen wir wieder?

mehr...
Arktisches Monopoly geht weiter, Dänemark startet neue Arktis-Expedition - Gespräch mit Christoph Seidler

09.08.2012 - Die Arktis und damit auch der Nordpol ist eine "Terra Incognita" - eines der letzten Gebiete der Welt das noch keiner staatlichen Souveränität unterstellt ist. Noch.

Wilde Streiks - Der heisse Herbst 1969

26.05.2016 - Deutschland ist eines der streikärmsten Länder der Welt. Der deutsch-französische Komiker Alfons hat es einmal so auf den Punkt gebracht: "In Deutschland mögt ihr nicht wirklich streiken - beim Bahnstreik wart ihr empört.

Dossier: Steueroasen
Shahee Ilyas (   - )
Propaganda
Révolution essentielle

Aktueller Termin in Freiburg im Breisgau

Besser-Spät-Als-Nie-Mittagstisch

Hallo liebe Freund_innen des guten Essens, nachdem der Besser-Späti-als-nie-Mittagstisch um 14:00 mit der Schliessung des Spätis gehen musste, wird es allerhöchste Zeit für einen neuen solidarischen Mittagstisch für alle. Wer mitessen ...

Mittwoch, 1. Februar 2023 - 14:00 Uhr

Stadtteiltreff Brühl-Beurbarung, Tennenbacher Straße 36, 79104 Freiburg im Breisgau

Event in Hamburg

Tramhaus

Mittwoch, 1. Februar 2023
- 20:00 -

Komet

Erichstraße 11

20359 Hamburg

Mehr auf UB online...

Demonstration gegen Preissteigerung in Ulm am 22. Oktober 2022.
Vorheriger Artikel

Teil I: Subjektivität und Organisierung

Politik von unten

Nächster Artikel

Der Panzer

Unsere Wunderwaffe: Taurus 1

Untergrund-Blättle