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Zum Tod des Dichters Steve Dalachinsky »Vorstossen ins Unbekannte«

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Am 16. September starb in New York City der 1946 In Brooklyn geborene Dichter Steve Dalachinsky.

Steve Dalachinsky, September 2007.
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Bild: Steve Dalachinsky, September 2007. / David Shankbone (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

21. November 2019

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Er war unmittelbar nach einer Lesung mit Hirnblutungen in ein Krankenhaus verbracht worden. Auf Facebook kursierten bereits Nachrufe, als er noch am Leben war. In seinem Gedicht ›Pray for me‹ heisst es: »Bete für die billige Sentimentalität, die mein Abgang hervorrufen wird.«

Im September 2017 las Dalachinsky in Berlin, Düsseldorf, Wuppertal und München. Zu erleben war, dass das Spektrum seiner Vortragskunst vom zarten Flüsterton bis zu wilden und lauten Wortkaskaden reichte, so etwa bei der Darbietung seines Gedichtes ›Schweinehund, Rampensau‹ (https://youtu.be/5hOrybYj5qE). 2014 war Dalachinsky für seine Poesie in Frankreich mit dem Orden Chevalier des Arts et des Lettres ausgezeichnet worden. In Frankreich trat er mit der französischen Band The Snobs auf.

Weil Dalachinsky die Nächte totschlug »mit Musik & Maulerei«, wie es in seinem Poem ›Dies ist ein Jazz-Gedicht nicht‹ heisst, wird er häufig als »jazz poet« bezeichnet. Diese Bezeichnung ist irreführend. Wenn es schon einer Klassifizierung bedarf, sollte er »free jazz poet« genannt werden, hat doch seine der Konvention entsagende Verskunst, mit der er – wie Billie Holiday oder Thelonious Monk in der Musik es taten – vorstossen wollte ins Unbekannte, nichts mit jenem Langweiler-Jazz zu tun, der vornehmlich von Studienräten in angestaubten Jazz-Clubs gehört wird. Gerne wäre Dalachinsky Fluxus-Poet genannt worden.

Dalachinsky hat u. a. mit Musikern wie William Parker, Susie Ibarra, Matthew Shipp, Roy Campbell, Daniel Carter, Sabir Mateen, Mat Maneri, Federico Ughi, Loren Mazzacane Connors, Rob Brown, Tim Barnes, Michael Evans und Thurston Moore (Ex-Sonic Youth) gearbeitet. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehören die expliziten Jazz-Bücher »The Final Nite« mit Gedichten, die er in mehr als zwanzig Jahren als Zuhörer des Tenorsaxofonisten Charles Gay verfasste; »Logos and Language«, eine Kollaboration mit dem Pianisten Matthew Shipp, die auch Shipp gewidmete Gedichte enthält; »The Mantis«, ein Band für den Pianisten Cecil Taylor aus über fünfzig Jahren (das erste Taylor-Gedicht schrieb Dalachinsky, als er neunzehn Jahre alt war); »Reaching Into The Unknown«, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Jacques Bisceglia, ein Mammutwerk von 450 Seiten mit Gedichten von 1967 bis 2011, ins Notizbuch geschrieben, während der Dichter Jazz in allen Varianten lauschte; »Long Play E.P.«, ein Büchlein für den Saxofonisten Evan Parker.

Im Jahre 2008 interviewte Tuli Kupferberg, einst Musiker der legendären Agit-Prop-Combo The Fugs, Steve Dalachinsy und seine japanishce Frau Yuko Otomo in ihrer Wohnung in der New Yorker Spring Street.

Eine Zeitlang war Dalachinsky Superintendent, also Hausmeister, dieses Hauses. Seine dieser Tätigkeit und den Hausbewohnern gewidmeten Gedichten finden sich in dem von seinem New Yorker Kollegen und Literatur-Netzwerker Ron Kolm edierten Buch »The Unbearables: ›Wir agierten völlig durchgeknallt‹. Eine Anthologie aus New York« (Zirl/Tirol: Edition Baes, 2017). In ›hausmeisters augen #62 (warum nicht den bäumen einen strafzettel ausstellen?)‹ heisst es:

»heute morgen bekam ich einen strafzettel / weil ich den müll nicht von den wertstoffen getrennt habe. / hey, für das, was zwischen mitternacht & dämmerung auf der strasse abgeht, / bin ich nicht verantwortlich. / vor ein paar wochen bekam ich einen strafzettel / wegen all der herabgefallenen gingko-blätter. / den rest des tages verbrachte ich damit sie wieder an die äste zu kleben.«

Wer wird nun die Gingko-Blätter an die Äste kleben?

Jürgen Schneider
telegraph.cc

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