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Die Wayne Kramer Story Interview mit dem legendären Anarchisten im Punkrock: Von MC5 über GG’Allin bis heute

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MC5 (Motor City Boys 5) wurde etwa 1963 in Detroit gegründet. Die Band spielte wilden, bluesbeeinflussten energetischen Rock und rief zur Revolution auf.

Wayne Kramer im Februar 1974.
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Bild: Wayne Kramer im Februar 1974. / Hugh Shirley Candyside (CC BY-SA 2.0 cropped)

24. März 2004

24. Mär. 2004

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Mit ihrem Erstling "Kick out the jams" bannten sie 1969 eines der wildesten und besten Livekonzerte aller Zeiten auf Vinyl, was, gekoppelt mit ihrem politischen Engagement, MC5 zur definitiven Kultband machte. Ihre Musik war zusammen mit jener von Bands wie Blue Cheer und den Stooges ein wichtiger Teil der "Flower-Power" Generation, die sich gegen das sogenannte "Establishment" und dessen heuchlerische, profitorientierte Doppelmoral auflehnte.

Da die amerikanische Regierung aus militärwirtschaftlichen Gründen immer mehr junge Menschen in den Krieg nach Vietnam schickte, nahmen auch die Proteste gegen diesen immer grössere Ausmasse an.

Dafür, dass unzählige ihr Leben und ihre (physische wie psychische) Gesundheit geopfert hatten, wurden sie von derselben Gesellschaft, die sie in den Krieg geschickt hatte, nicht mehr akzeptiert und aus ihr ausgestossen.

Viele der ehemaligen Soldaten waren von ihrem Einsatz schwer gezeichnet, sahen inzwischen die Sinnlosigkeit dieses Krieges ein und protestierten gemeinsam mit den Hippies für Frieden und Freiheit.

So formierte sich die Rockergruppe "Hells Angels" ursprünglich aus ehemaligen Militärs, die nach ihrem Kriegseinsatz in Korea zurückgekehrt waren und sich von der amerikanischen Konsumgesellschaft nicht mehr akzeptiert fühlten. Gut, der frühere Manager von Blue Cheer war ein "Hells Angels".

Oder gab es da David Peel, der mit the "lower east side" - einer bunt zusammengewürfelten Hippieclique - jeden Sonntag in öffentlichen gratis-Jam-Sessions (im Thomkins Square Park in NY) die Freigabe des Marihuanakonsums forderte und dessen Motto lautete: "Welcher Musiker zahlte jemals etwas dafür, dass ihm jemand zuhört!? Warum soll also das Publikum dafür bezahlen, einem Musiker zuhören zu können!??"

Peel's Album "Have a Marihuana" war - zum Schock der Kritiker - ein voller Verkaufserfolg trotz low-fi Qualität und cheapo-Liveaufnahmen. In England veröffentlichten zur selben Zeit die "Deviants" ihr erstes Album "Ptoff!" und wurden - verdientermassen - als Untergrund-Kultband gehandelt.

Ihr Sänger Mick Farren war es, der MC5 1969 für ein erstes Gratis-Konzert auf die Insel holte.

Gleichzeitig erhob sich in den USA ein Teil der farbigen Bevölkerung, welche nicht nur gegen den Vietnam-Krieg einsetzten - viele der in Vietnam "verheizten" Soldaten waren Farbige - sondern auch noch um ihre Gleichberechtigung kämpften. Sie wurden von Vietnam-Rückkehrern unterstützt und z.T. militärisch ausgebildet. Als "Black Panthers" begannen sie - Seite an Seite mit den Hippies, Beatniks und Yuppies der "Flower Power Zeit - das amerikanische "Establishment" auf der Strasse zu bekämpfen.

Um diesen Kampf zu unterstützen begründete MC5's Manager John Sinclair die Organisation der. "White Panthers", die weisse Brüderschaft zu den "Black Panthers", mit denen auch MC5 sympathisierten. Nun ist 1997, fast 30 Jahre später und Wayne Kramer präsentiert uns - nach dem genialen Comeback Album "Hard Stuff" von 1995 und seinem letztjährigen Hammer "Dangerous Madness", sein neuestes Album.

Interview mit Wayne Kramer, dem ehemaligen Gitarristen von MC5

(von Boris Nicolaj Bühler)

BNB: Stimmt es, dass die Musiker von MC5 die Aktivitäten der "White Panthers" Gruppe zwar unterstützten, aber eigentlich eher skeptisch gegenüberstanden?

Wayne: John und MC5 gründeten gemeinsam die "White Panthers" und wir sahen uns als deren Verbündete der "Black Panthers". Diese waren quasi das Sprachrohr der farbigen Bevölkerungsgruppe, während wir unsererseits frustriert waren über den langsamen Gang der Veränderungen. Wir wollten Veränderung und wir wollten sie JETZT. Und das war eine Möglichkeit unseren Frust auszudrücken. All diese Ideen entstanden mehr oder weniger gleichzeitig zwischen Sinnclair, der Band und auch vielen anderen Leuten aus Detroit, die sich dafür einsetzten, diesen 'Blues' (Sinnbild für die Misere) loszuwerden.

BNB: Später wurde Sinnclair wegen 2 Joints, die bei ihm gefunden wurden, für 9 1/2 Jahre Gefängnis verurteilt. Während dieser Zeit organisierte MC5 zahlreiche Benefiz-Konzerte um die Anwälte Sinnclairs zu bezahlen. Ein grosser Teil dieser Gelder sei aber (laut Rocklexikon) zu Propagandazwecken der "White Panthers" verwendet worden. Stimmt das so?

Wayne: Das Problem war eher so, dass die Band und die Roadcrew den Eindruck hatte, den grössten Teil der Arbeit erledigen zu müssen. Andererseits - da war sich die Band einig - gab es Leute, die wir unterstützten und die aber niemals so hart arbeiteten, wie wir dies taten. Wenn ich aber heute darauf zurückschaue, dann war das alles Bullshit. Alles kleinkarierte Scheisse und eigentlich unwichtig. Wichtig war das, was wir zu tun versuchten, was wir repräsentierten und wofür wir einstanden. Das war wichtig.

BNB: Dann war da auf dem ersten MC5 Album "Kick out the jams" die Koproduktion mit dem genialphantastischen Jazzer Sun Ra, mit dem ihr zusammen "Starship" geschrieben und aufgenommen habt. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Wayne: Wir brachten Sun Ra nach Detroit um mit ihm ein Konzert spielen zu können, so schlossen wir mit dem Arkestra Sun Ra's Freundschaft. Als wir (nach NYC) zurückkamen, nahmen wir ihn mit. Da wir die Hausband in "Bradley's Ballroom" waren, konnten wir das Booking beeinflussen und brachten so Sun Ra mit ein. Folglich spielten MC5 sehr oft zusammen mit dem Sun Ra Arkestra in Detroit und Umgebung. Wir brachten ihn dann auch nach Ann Arbor und Sun Ra sagte: "Passt bloss auf mit MC5, wir versuchen euch einzuholen!"

BNB: Aber die Verbindung zu Sun Ra hatte nichts mit eurem Kontakt zu den Black Panthers zu tun?

Wayne: Nein, Sun Ra's politische Ideen würde ich eher als kosmisch, denn als politisch orientiert bezeichnen. Sun Ra's politische Ideen waren vielmehr kosmischer Art...

BNB: Zu den Gründen, welche später zur Trennung MC5's mit Sinnclair führten, wird Sinnclair (im "Rocklexikon") wie folgt zitiert:"You wanted to become bigger than the Beatles, i wanted to make you bigger than Mao" ("Ihr wolltet grösser als die Beatles werden, ich wollte euch grösser machen als Mao!") Zudem hätte er euch vorgeworfen, ein ausschweifendes Leben als Super-Rockstars zu führen. Ist da was dran?

Wayne: (sec und bestimmt) Nein. Aber das ist ein schönes Zitat: "I want you bigger than chairman Mao", ein klassisches Zitat. In Wirklichkeit aber waren wir eine Band, die seit ihrer Schulzeit zusammenspielte, aber immer noch gar nichts davon gehabt hatte. Also wollten wir unsere eigenen Autos und eine eigene Wohnung. Es war eine sehr harte Zeit: John wurde von den Bullen fertig gemacht und wegen 2 Joints für 10 Jahre Knast verurteilt, was ein grausames sehr ungewöhnliches Urteil war. John projizierte dann seinen Ärger und seine Verzweiflung auf mich, die Band und alle anderen. Er war Stinksauer, mit gutem Grund.

BNB: Aber das war doch nicht euer Fehler!?

Wayne: Nein, es war nicht unser Fehler. Und trotzdem: auf eine Art doch. Denn der Staat glaubte, etwas gegen MC5 unternehmen zu müssen, glaubte, er müsse unsere Aktivitäten stoppen und was war da einfacher, als unseren Manager zu internieren!?

BNB: Wie gross war denn das politische Engagement von MC5 wirklich!? Und welcher Teil davon ist euch zugeschriebener Mythos?

Wayne: Als wir sagten, WIR WOLLEN DIE JUGEND Amerikas dazu MOTIVIEREN, ALLES NIEDERZUREISSEN, wirklich ALLES, WAS UNSER FREISEIN BEHINDERT, und das MIT ALLEN MITTELN, auch mit Rock'n'Roll, da wurden wir ernst genommen. Und sie sagten sich: Wenn die wirklich unser "schönes" System zerstören wollen, dann gebrauchen wir es nach allen Möglichkeiten um sie damit fertig zu machen. Was auch geschah: John wurde verhaftet, die ganze Band ebenso, wir wurden dauernd angehalten und gefilzt, in unseren Häusern wurden Razzias durchgeführt... Immer wenn du einen politisch militanten Standpunkt einnimmst, wirst du eine politische Reaktion provozieren...

BNB: ... jedenfalls von dem Moment an, wo du dies öffentlich tust, zuhause darfst du "alles".
Kann man also sagen, dass du Anarchie als Teil der persönlichen Freiheit befürwortest?

Wayne: Ja und zwar auf eine Art, die mit Frieden verbunden ist. Ich spreche aber nicht davon, alles niederzubrennen, sondern bin davon überzeugt, dass Anarchie und Friede zusammengehören; jedenfalls in jener Anarchie, von der ich spreche. Ich meine damit, dass wir mit unserem Geist die Barrieren durchbrechen und lernen sollten, die Dinge auf eine neue Art zu überdenken, anstelle der bisherigen traditionellen. Aktiv den Kopf gebrauchen, in anarcho-syndikalistischer Weise, so, dass du die Verantwortung selbst trägst und die Dinge selbst in Gang setzt: Gründe eine eigene Zeitung, gründe deinen eigenen Buchverlag, deine eigene Band, dein eigenes Plattenlabel!

BNB: Doch nochmals zu Sinclair: Seine Verurteilung wegen 2 Joints war also ein offensichtlich politisches Urteil.

Wayne: Ja.

BNB: Aber deine spätere Verurteilung (etwa 1973/74) wegen "Conspiracy und "Traffic of drugs" (zu 4 oder 5 Jahren) war die ebenfalls politisch motiviert?
Wayne: Nein, dieses Urteil war keine politische, sondern eine kriminelle Verurteilung. Ich tat eindeutig bad things ("schlechte Dinge"): Verbrechen, ganz bewusst und nicht sehr geschickt. Als Krimineller war ich ein totaler Versager. Ich bin kein Gangster, kein Gunslinger. Allerdings.

Im übrigen denke ich, dass es nichts "cooles" an Verbrechen und Knarren gibt oder etwas cooles" daran zu finden ist, wenn du in den Knast musst. (Im Zweifel) Frag doch einmal Tupac, ob Knarren etwas "geiles" sind! Frag Snoop Dog, ob Knarren etwas "cooles" sind! Knarren sind nicht "geil" und Knast ist nicht "cool".

Beide können zu einer grossen Verschwendung von Zeit und Energie in deinem Leben führen.

Und die Zeit in deinem Leben ist etwas sehr kostbares: du hast sie nur einmal ein Leben lang. Wenn du deine Zeit aber zugunsten der "Staatsgewalt" aufgibst und die dann deine Zeit kontrolliert, dann wirst du die Zeit für den Staat aufwenden müssen und folglich rasch einmal keine Zeit mehr für dich oder jemand anderen übrig haben.

BNB: Das ist doch auch das Ziel des Staates: Indem er dir deine Zeit nimmt, verhindert er, dass du sie in deinem eigenen Sinn verwendest. Stattessen musst du sie dann ihm sinnlos opfern, anstatt sie vernünftig einsetzen zu können. Anstatt, dass du ihnen eine harte Zeit bereiten kannst, bereiten sie dir diese.

Wayne: Exakt.

BNB:Gewisse Infos aus Barry Graves "Rocklexikon" (von wegen exzessivem Lebenswandel der Band etc.) können also endgültig als überholt betrachtet werden. Doch wie war das nachdem du aus dem Knast heraus gekommen bist? Du seiest mit dem New York Dolls Gitarristen Johnny Thunders auf Tour gewesen. Wie war denn das?

Wayne: Sehr frustrierend... weil Johnny war ein Junkie... ich ebenfalls und ich wusste, wohin das führen würde und es war sehr mühsam. Ein Löffel voll bevor du ein Konzert gibst, einen, bevor du üben gehst, einen, bevor du essen gehst... Ein Teil von mir hoffte, dass Rock'n'Roll gewinnen würde, während der andere genau wusste, dass es keine Chance gab. Schliesslich musste ich die Zusammenarbeit mit ihm beenden, weil er zu viele ungünstige Entscheidungen traf... Sachen, mit denen ich nichts zu tun haben wollte...

BNB: Nachdem ihr euch getrennt habt, spieltest du zusammen mit Dennis Thompson, Michael Davis (beide ExMC5) und GG (IS GOD!) Allin, etwa 1981, GG's erste Single ein. Wie hast du denn diesen Wahnsinnigen getroffen!?

Wayne: Er rief mich an, aber als ich ihn damals traf, war er noch kein Maniac; er war einfach ein netter junger Kerl, total enthusiastisch was seine Band und Songs betraf. Er hatte sich noch nicht in jenen... sagen wir einmal: "bizarren Performance-Künstler" verwandelt, der er später wurde.

BNB: Später, etwa 1983, spieltest du in David Peel & the lower east side mit.

Wayne: Das waren nur ein paar Aufnahme-Jams, die wir gemeinsam einspielten. Wir nahmen ein paar Songs auf und das war's.

BNB: Dann, 1984, stiessest du zu den Wiederformierten "Deviants" und spieltest zusammen mit Mick Farren das Album "Human Garbage - Live at Dingwalls" ein. Mick-Deviant-Farren, war ja jener "Freak", der MC5 bereits 1969 für ein erstes Konzert nach England holte... doch inzwischen war eine lange Zeit vergangen. Wie trafst du Mick denn wieder?

Wayne: Oh, wir standen all die Jahre in Kontakt miteinander und während ich im Knast hockte, organisierte er eine Platte, zusammen mit Elvis Costellos Manager, Jake Riviera. Sie brachten eine limitierte 10'000'er Serie heraus und gaben mir, als ich wieder raus kam, all das Geld vom Verkauf. Es war wirklich ein Akt der Solidarität und Brüderschaft! Weil... wenn du ohne irgendetwas rauskommst, ist es echt beschissen. Das ist auch der Grund, weshalb die meisten gleich wieder rückfällig werden... Ich hatte nun wenigstens ein paar Tausend Piepen um eine Band zusammenzustellen, eine Wohnung zu mieten etc.

BNB: Und seit wann warst du in der Lage, das "Konsum"-Problem als erledigt zu betrachten?

Wayne: Ich beendete den Narcotics-Konsum 1987.

BNB: Was hast du denn so zwischen 1984 und '95 so getrieben? ... darüber fand ich keinerlei Angaben...

Wayne: I was stoooned. Die meiste Zeit über war ich zu zugeknallt, um etwas zu tun.

BNB: (Grins) Und wann hast du deine Frau Marjorie kennengelernt?

Wayne: Als ich 1987 New York verliess, lebten wir für etwa 3 Jahre auf einer kleinen tropischen Insel namens Key West, südlich von Florida und zogen dann für zwei Jahre nach Nashville, so lange sie in einer Schule war und schliesslich zogen wir weiter nach L.A., wo ich Gurewitz kennenlernte und bei Epitaph Records unterschrieb. Doch in Nashville hab' ich auch in Reggae Bands gespielt. Wir spielten Musik für Touristen in Key West. Es war witzig, aber es ist nicht das, was ich sonst so spiele! Ich spielte mit grossartigen Reggae-Musikern zusammen und ich mag Inselmusik, Reggae und Latin-Jazz... hatte auch grossen Spass daran, diesen Sound zu spielen, aber meine eigene Musik ist eher urbanorientiert.

BNB: Klar doch... aber es gibt keine Aufnahmen aus dieser Zeit?

Wayne: Nein. Das interessiert dort nicht so: die Leute wollen das Konzert spielen, Gras kiffen und ihre Kids grossziehen.

BNB: O.K. und was bewog dich dazu in den 90'ern, nach fast 10 Jahren, wieder die Gitarre aufheulen zu lassen?

Wayne: Ich hatte nie damit aufgehört! Aber es gab zuvor kein Label wie Epitaph, welches es verstand, meinen Sound richtig abzumischen, gute Werbung zu machen und einen guten Vertrieb hat... ich bin kein Major-Label-Typ, musst du wissen... die halten eher nach jüngeren Leuten Ausschau, die sie einfacher hereinlegen können...

BNB: Nun zu deiner 95'er Platte, "Hard stuft': darauf wurden zahlreiche Songs von Mick Farren und dir gemeinsam geschrieben. Wie kam es dazu, dass Mick beinahe die Hälfte des Albums mitschrieb?

Wayne: Wir sind schon so lange enge Freunde und haben bereits so viele Dinge gemeinsam ausgestanden: Drogen, Alkohol, Scheidung, Verlust von Freunden, in verschiedenen Städten eben... folglich denken wir in vielem sehr ähnlich.

BNB: Zwischen "Hard Stuff' ('95) und "Dangerous Madness" ('96) wechselte die Bandbesetzung nahezu 100%-ig: ausser Gurewitz spielte niemand auf beiden Alben. Hatte das einen besonderen Grund?

Wayne: Ich habe nicht eine "eigene" Band, wie z.B. die Kids aus deiner Nachbarschaft, das geschieht nur, wenn du jung bist: das ist dann dieser "Einer für alle - Alle für einen-Groove". Yknow, ich bin nun 48 Jahre alt, professioneller Musiker und ich arbeite mit Profis zusammen, aber das Zentrum hält nicht; Leute kommen und gehen.

Ich versuche meinen Fokus auf die Songs zu konzentrieren sowie auf die Art, wie ich Sound machen möchte. Darüber hinaus arbeite ich mit jenen Musikern zusammen, von denen ich denke, sie bringen den Song am besten rüber. Brett singt auf beiden Alben mit, weil er der einzige Sänger im Punk-Rock ist, der richtig singen kann.

BNB: (Smile) Na, wenn das mal kein Kompliment ist... cool! Du hast also nicht mehr eine feste Bandformation im herkömmlichen Sinn?

Wayne: Nicht eigentlich... doch Brock Avery (ehemaliger Drummer von den genialen "Liquid Jesus", MCA 10191! Deren Neuformation nennt sich Squash! Anm. d. Verf.) ist seit fast zwei Jahren dabei, seit ich wieder auf Tour bin und ich will ihn für immer behalten... zumindest, so lange es immer möglich ist, möchte ich mit ihm zusammenarbeiten: er ist ein phantastischer Musiker. Paul 111, der Bassist, ist erst seit kurzem dabei und ich möchte auch ihn für immer behalten.

Im Prinzip führe ich die Band aber eher so, wie es die Jazzer machen, so, wie z.B. John Coltrane sein Quartett hat oder wie Dexter Gordon sein Quintett (Erg.: in wechselnden Besetzungen weiter) führt. Du hast eine Gruppe von Stammmusikern, doch einmal ist der eine "busy" mit einem Projekt beschäftigt, ein andermal ist ein anderer...

BNB: (Smile)... im Moment wieder einmal unauffindbar... aber Brock Avery spielte früher bei Liquid Jesus, wie trafst du denn auf ihn? Ich meine, "L.J s Sound ist von deinem doch wesentlich verschieden.

Wayne: In L.A.: Die Musiker dort besitzen eine Art Netzwerk, wir haben einen gemeinsamen Freund, Johnny Angel, der wusste, was für eine Art Drummer ich suche: einer, der verschiedenen Sound spielen kann, einer, der das ganze Repertoire beherrscht, von Rock bis Jazz, einer, der weder Junkie noch Säufer ist, der humorvoll und angenehm auf der Tour ist... Während der Tour lebst du mit den anderen im engen Bus, yknow, und da musst du menschlich miteinander so gut auskommen wie Brüder.

BNB: Klar, sonst artet das in einer Tor-Tour aus. Doch noch zu einem etwas "speziellen" Musiker auf "Dangerous Madness": wie kam Terence Trent D'arby dazu auf dem Titelstück des Albums zu mitzusingen!? ... ist er ein Scum- oder Punkrocker?!?

Wayne: Ich traf ihn in einem Musikladen: ich war gerade dort, um eine meiner Gitarren reparieren zu lassen und jemand fragte mich, ob ich Terence schon kenne, weil der gerade neben mir an der Theke stünde. Ich sagte: "Hello, wie geht's dir?" und er gestand mir, dass er ein grosser Fan von mir war. Als er auf seine erste Tournee ging, hatte er nur zwei CDs dabei: "Petsounds" von den Beach Boys und "Kick out the jams' von MC5.

BNB: In Bern hast du während dem Stück "Junkie Romance" den Gesangsteil "Alive an Avenue D" durch "Dead on MTC" ersetzt. Hatte das einen bestimmten Grund? (Anm.: die Avenue D ist Teil der sog. "alphabetic City" in NYC, einer teils ziemlich heruntergekommener Gegend beim Tompkins Square Park. Die Gegend ist von Parallelstrassen durchzogen, die von A bis D benannt wurden; je näher du zu "D" kommst, desto mehr Junkies und Dealer triffst du und desto gefährlicher wird es. 1993 war es ab Avenue B bis C zu gefährlich um als nicht-ansässiges Bleichgesicht alleine weiterzugehen.

1987 besuchten wir dort den farbigen Jazz Violinist (und ehemaligen Black Panthers-Aktivist) Billy Bang, der sich im Lift bei einem zusteigenden farbigen Mitbewohner des Sozial-Blocks sogleich entschuldigte: "Sorry ", dafür, dass er Weisse dorthin mitnimmt!, "but teure europeans and friends of mine". Die Gegend wird nun langsam "saniert" und die Bewohner zunehmend in ärmere Viertel am Stadtrand (z.B. die South-Bronx) abgedrängt; ich vermutete einen praktischen Zusammenhang mit der heute realen Situation. Wayne interpretierte die Frage aber als "Sinn"-Frage dieses Stückes:)

Wayne: Das ist einfach Teil dieser ganzen... (zögert) Lüge, von wegen Fixen macht dich sexy, oder macht dich zu einem grossen Star, zu einem besseren Gitarristen und es gibt nun eine ganze Bande neuer Musiker, die glauben, sie "entdeckten" das heute zum ersten Mal... und wenn du dem folgst, dann kannst du es wirklich schaffen, bald ein grosser, toter Rockstar auf "MTV" zu werden.

BNB: Du willst also die ganze Heroisierung des Drogenkonsums und seiner Folgen endlich stoppen.

Wayne: Ich versuch zumindest mit diesen Song die Sache zu entromantisieren, einen Teil des "Glamours" abzuschminken.

BNB: YIP. Vielsten Dank für deine Geduld, Zeit, Musik, das Interview, die Erlaubnis, das Konzert in der Luzerner Schüür mitzuschneiden und daraus ein Stück auf die GOAR 7" zu pressen!!

Interview: Boris Nicolaj Bühler / UB

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