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Batman Filmkritik The Dark Knight Rises - Against Occupy

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An dieser Stelle wäre eine Spoilerwarnung angebracht, aber da The Dark Knight Rises als Spielfilm ohnehin wenig Spannung aufkommen lässt, und in erster Linie als Propagandafilm interessant ist, würde ich trotzdem empfehlen weiterzulesen, auch wenn ihr den Film noch nicht gesehen habt.

Batman LogoProjektion während der Filmaufnahmen zu "The dark night rises"  brian donovan
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Bild: Batman Logo-Projektion während der Filmaufnahmen zu "The dark night rises" / brian donovan (CC BY-SA 2.0 cropped)

22. Oktober 2012

22. 10. 2012

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Nachdem David Graeber einen Essay zu Batman veröffentlicht hatte, musste ich mir den Film schliesslich doch noch ansehen. Denn eigentlich ist dies hier kein Filmtip, sondern eine Empfehlung für Graebers Besprechung. Graeber konnte im Grunde nicht anders, als The Dark Knight Rises zu kommentieren, denn in diesem Film bricht in New York, pardon, Gotham City, der Aufstand aus. Assoziationen mit Occupy Wall Street sind unvermeidlich. Graeber:

"Um eins von vornherein klarzustellen: The Dark Knight Rises ist tatsächlich ein Stück Anti-Occupy-Propaganda. Nolan, der Regisseur, behauptet, dass das Drehbuch geschrieben wurde, bevor die Bewegung überhaupt begann, und dass die Szenen von der Besetzung von New York ("Gotham") in Wahrheit durch Dickens' Beschreibung der Französischen Revolution inspiriert wurden. Das ist wahrscheinlich wahr, aber es ist unehrlich."

Seit den Ereignissen des Vorgängerfilms ist der Milliardär Bruce Wayne nicht mehr als Batman in Erscheinung getreten, aber als Maskenmann Bane die Bühne betritt, wird wieder ein echter Held gebraucht. Zum Einstand stürmt Bane erstmal die Börse von New York, pardon, Gotham City. (Ein besorgter Aktienhändler zur Polizei: "Das ist nicht nur unser Geld, es ist unser aller Geld!") Dann detoniert Bane in der ganzen Stadt Sprengsätze, schneidet sie von der Aussenwelt ab, und sperrt noch dazu die Polizei in den Tunneln unter der Stadt ein. Nachdem er auch das Spielfeld in einem Footballstadion in die Luft gesprengt hat, agitiert Bane die versammelte Menge: "Übernehmt eure Stadt!"

Die Tore der Gefängnisse werden gesprengt, das Volk stürmt hinein, befreit und bewaffnet all jene, die im Zuge der harten Linie gegen das Verbrechen weggesperrt wurden. Die Villen der 1% werden geplündert und besetzt. Anzugträger werden vor revolutionäre Tribunale gezerrt, der Ausbeutung der Schwächeren überführt und zum Tod verurteilt. In ihrem Eifer ahnen die aufständischen Bürger von New York, pardon, Gotham aber nicht, dass Bane von Anfang an eine unaufhaltsam tickende nukleare Zeitbombe in Gang gesetzt hat, die sie in absehbarer Zeit alle auslöschen wird.

Aber, warum dann die Revolution anzetteln? Banes Motive bleiben weitgehend im Dunkeln. Er verliert ein paar Worte darüber, dass man den Menschen zuerst Hoffnung geben müsse, bevor man sie vernichtet. Plausible Motive? Egal. Wichtig ist nur, dass Batman zurückkehrt.

Batman befreit erst einmal die Polizei, und es kommt zum Showdown in Form einer Strassenschlacht. Der Multimilliardär im Fledermauskostüm kämpft Seite an Seite mit der Polizei und prügelt sich mit dem Mob. Dieser ist in diesem Fall schwerer bewaffnet und die Polizei erleidet herbe Verluste, kämpft aber entschlossen weiter. Und natürlich erweist sich Batman für alle als wahrer Held und kann die Pläne von Bane, dem "Anarchisten" mit Bombe, durchkreuzen.

Spätestens an diesem Punkt stellt sich dringend die Frage: Sind Comichelden eigentlich rechts? Hier setzt die Analyse von David Graeber an. Als Ethnologe weiss er, dass in den Mythen einer Gesellschaft viel über ihre soziale Realität zu lesen ist. Was sagt das Superheldengenre, das sich ja erneut grosser Popularität erfreut, über unsere Gesellschaft aus?

Vielleicht nichts Gutes: Mehr als einmal wurde zu dieser Frage die These aufgestellt, dass Superhelden eigentlich faschistoid sind. Indizien? Folgende: Helden wie Superman sind schon aufgrund ihrer Herkunft mit übermenschlichen Kräften ausgestattet, und normalen Menschen weit überlegen. Im Superhelden-Mythos sehen wir regelmässig, wie alle etablierten demokratischen Institutionen versagen, wenn sie mit dem wahrhaft Bösen (Superschurken) konfrontiert werden. Nur durch das gewaltsame Einschreiten des Übermenschen lässt sich die Welt retten. Superhelden operieren ausserhalb des Gesetzes, aber doch im Namen des Gesetzes, um den Zustand von Recht und Ordnung wiederherzustellen... Es lassen sich also leicht Assoziationen finden, die den faschistoiden Charakter dieser Helden belegen. Vielleicht ist das nicht ganz fair, und auch David Graeber nimmt sie in Schutz gegen den Faschismusverdacht:

"Sie sind keine Faschisten. Sie sind bloss normale, anständige Menschen mit Superkräften, die in einer Welt leben, in der Faschismus die einzige politische Option ist."

Das erläutert Graeber in einem interessanten Exkurs zur Frage der "verfassungsgebenden Gewalt", den ich der Kürze wegen hier ausspare. Aber auch wenn Superhelden keine Faschisten sind, progressiv sind sie keinesfalls. Im Gegensatz zu ihren endlos kreativen Gegenspielern (mit deren wahnsinnigen Erfindungen und Plänen für eine neue Weltordnung) sind die Helden unglaublich einfallslos:

"Diese "Helden" sind rein reaktionär, im ganz wörtlichen Sinne. Sie haben keine eigenen Projekte, zumindest nicht in ihrer Rolle als Helden. [...] Es scheint Superman niemals in den Sinn zu kommen, dass er mit Leichtigkeit magische Städte aus Bergen meisseln könnte."

Den Einsatz ihrer Kräfte beschränken sie darauf, den Status Quo wiederherzustellen:

"Sie sind und bleiben die Verteidiger eines legalen und politischen Systems, das scheinbar aus dem nichts gekommen ist, und das, wie fehlerhaft oder verkommen es auch ist, verteidigt werden muss, da die einzige Alternative so viel schlimmer ist."

The Dark Knight Rises ist nur ein besonders explizites Beispiel für dieses Muster. Für Graeber fügt sich das alles so zusammen:

"Wenn es eine Moral in dieser Geschichte geben soll, dann muss sie ungefähr so lauten: "Ja, das System ist korrupt, aber es ist alles was wir haben. Sowieso können wir Autoritätsfiguren vertrauen, sofern diese zunächst kasteit worden sind und schreckliches Leid ertragen mussten." Normale Polizisten lassen Kinder auf Brücken sterben, aber Polizisten, die wochenlang lebendig begraben waren, können legitimerweise Gewalt anwenden. Wohltätigkeit ist viel besser als strukturelle Probleme anzugehen. Jeder Versuch, strukturelle Probleme anzugehen, selbst durch gewaltfreien zivilen Ungehorsam, ist in Wirklichkeit eine Form von Gewalt, denn dies kann unmöglich etwas anderes sein. Imaginative Politik is inhärent gewaltsam. Und deshalb ist es nicht unverhältnismässig, wenn die Polizei darauf reagiert, indem sie die Köpfe von Demonstranten wiederholt gegen den Beton schmettert."

Warum aber faszinieren uns diese immer nach demselben Schema ablaufenden Geschichten immer wieder?

"Man könnte damit beginnen, einmal das Kernpublikum für Superheldencomics zu betrachten: (Vor)pubertäre weisse Jungen. Das heisst: Jungs, die an einem Punkt in ihrem Leben sind, an dem sie maximal phantasievoll und zumindest ein wenig rebellisch sind, die allerdings zurechtgemacht werden, um schliesslich Positionen der Autorität und Macht zu besetzen: um Väter, Polizisten, mittelständische Unternehmer, mittleres Management etc. zu werden. Was lernen sie aus diesen endlos wiederholten Dramen? Nun, zunächst einmal, dass Phantasie und Rebellion zu Gewalt führen. Zweitens, dass Gewalt, ebenso wie Phantasie und Rebellion, sehr viel Spass macht; drittens, dass Gewalt letztendlich gegen einen Überfluss an Phantasie und Rebellion gerichtet werden muss, damit nicht alles aus den Fugen gerät. Solche Triebe müssen in ihre Schranken gewiesen werden! Darum dürfen Superhelden, sofern ihnen überhaupt einmal Kreativität gestattet ist, ihre Phantasie bloss beim Design ihrer Kleidung, ihrer Autos und vielleicht ihrer Häuser und Accessoires ausleben. Und in diesem Sinne ist die Logik der Superhelden-Plots zutiefst konservativ."

Vor diesem Hintergrund, und nur vor diesem Hintergrund, empfehle ich The Dark Knight Rises. Das liegt allein an meiner Faszination für Propagandafilme. Wäre da nicht diese Dimension als Propaganda im Jahr 1 nach Occupy, man könnte diesen Film, der leider ein Flickwerk von lose zusammenhängenden Handlungssträngen, flachen Dialogen und manchmal lächerlichen Actionszenen ist, getrost ignorieren. Hat man aber diese zwei Stunden hinter sich gebracht, darf man zur Belohnung Graebers Besprechung lesen, die ich hier natürlich nur sehr unvollständig zusammenfassen konnte.

Systempunkte / David Graeber: Super Position (in The New Inquiry)

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