UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Der Sinn des Lebens für 9,99$ | Untergrund-Blättle

513

kultur

ub_article

Kultur

Warmherziger Stop-Motion-Animationsfilm über die grosse Sinnsuche Der Sinn des Lebens für 9,99$

Kultur

Wann auch immer man sich in den Tiefen des Mitternachtsfernsehens verliert, ist die Gefahr gross, ihnen über den Weg zu laufen: Nepper, Schlepper, Bauernfänger.

Szene aus $9.99.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Szene aus $9.99. / Tonkatsu Pictures

1. Oktober 2013

01. 10. 2013

0
0
3 min.
Korrektur
Drucken
Mehr oder weniger gewiefte Menschen, die ihren oftmals traurigen Mitbürgern das verkaufen, wonach sie sich am meisten sehnen. Träume, Hoffnung, Sinn, Halt, Trost – aus welchen Gründen auch immer sie dort anrufen, die Karten wissen Rat. Vielleicht auch die Sterne. Im Zweifelsfall tut’s aber auch der Laptop.

Nein, beim Fernsehen hat Dave nicht angerufen, aber auch er gehört zu denen, die ständig auf der Suche nach Antworten sind – oder besser: der Antwort. Und die findet der arbeitslose Endzwanziger eines Tages zufällig in seinem Briefkasten. Ein Verlagsflyer wirbt dort mit einer Reihe von Selbsthilfe-Ratgebern für $9.99 das Stück, darunter auch einen mit dem vielversprechenden Titel „Der Sinn des Lebens“. Wer kann dazu schon Nein sagen?

Doch Dave ist nicht der einzige Bewohner des Apartmenthauses in Sydney, der sich nach Halt sehnt. Sein Bruder Lenny zum Beispiel wäre bereit, für seine neue Traumfrau alles zu machen, um weicher zu werden. Wirklich alles. Der alte Albert hat seine schon lange verloren, die sozialen Kontakte des Witwers beschränken sich auf eine junge Mitarbeiterin eines Call Centers, die immer wieder für Meinungsumfragen bei ihm anruft. Bis Albert auf einen kettenrauchenden, sarkastischen Engel trifft und sich mit ihm anfreundet. Freunde hat Ron hingegen genug, nur dass diese nicht ganz real sind: Seitdem ihn seine Freundin verlassen hat, spricht er mit drei imaginären Däumlingen, die dem Alkohol und Drogen ebenso wenig abgeneigt sind wie er selbst.

Wem sich das zusammenhanglos anhört, liegt nicht ganz falsch. Tatsächlich basieren die einzelnen Handlungsstränge auf Kurzgeschichten des israelischen Schriftstellers Etgar Keret, der 2007 für seine Regiearbeit Jellyfish – Vom Meer getragen die goldene Kamera in Cannes erhielt und hier auch beim Drehbuch mitschrieb. Anders als bei dem damaligen Episodenfilm entschied sich Tatia Rosenthal – der Regisseur von $9.99 – jedoch, die Geschichten von Keret als Stop-Motion-Animationsfilm zu gestalten. Das weckt natürlich Erinnerungen an Mary & Max, der ebenfalls mit Knetmassefiguren die tragikomische Geschichte zweier Aussenseiter erzählt.

$9.99, eine blosse Kopie? Nein, damit würde man der israelisch-australischen Koproduktion Unrecht tun – und das nicht nur, weil diese eigentlich sogar etwas älter ist, jetzt aber erst auf DVD erscheint. Im Gegensatz zu den bewusst grotesken Figuren des thematisch ähnlichen Animationsfilms wurde hier auf vergleichsweise realistische Darstellungen gesetzt. Dafür wird inhaltlich gerne ins Fantastische geschwenkt. Gerade bei der Geschichte um den Engel, der es nicht so ganz in den Himmel geschafft hat, ist es so, als würde Mary & Max auf Idiots and Angels treffen.

Das Besondere ist jedoch, dass es hinter den teils bizarren Einfällen kräftig menschelt. Dave, Albert und Co. sind keine ausgefallenen Aussenseiter, Figuren, die uns durch ihre pure Exzentrizität auf Distanz halten. Der Tod des Partners, das Ende einer Beziehung oder auch Arbeitslosigkeit – wie die unbelebten und unscheinbaren Knetmassehaufen sich an ihren jeweiligen Schicksalsschlägen aufarbeiten, der eine durch Träume, der andere durch Zynismus oder auch durch eine handfeste Depression, verrät uns mehr über uns selbst als so mancher grosser Film mit realen Schauspielern. Eine Antwort auf die Sinnsuche wird in dem Episodenfilm nicht gegeben, aber genau das macht $9.99 so wirkungsvoll, denn diese Mischung aus Alltäglichem und Absurdem, aus universellen Fragen und individuellen Scheitern ist oft unglaublich witzig, manchmal traurig aber vor allem immer eins: warmherzig.

Fazit: Was ist der Sinn des Lebens? Eine Antwort darauf hat auch $9.99 nicht zu bieten. Vielmehr beschränkt sich der israelisch-australische Stop-Motion-Animationsfilm darauf, in mal absurd-witzigen, mal traurigen Episoden seine Knetmassefiguren auf die Suche nach Halt gehen zu lassen, geht aber genau damit zu Herzen.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Der Sinn des Lebens für 9.99$

Australien

2008

-

78 min.



Regie: Tatia Rosenthal

Musik: Christopher Bowen

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Josip Broz Tito im Jahr 1964.
Rezension zum Film von Helena Ahonen und Max AnderssonTito On Ice

12.10.2016

- Zwei Comiczeichner, eine Styropor-Mumie und Papierfiguren machen sich auf den gemeinsamen Weg durch das ehemalige Jugoslawien. Das ist eine inhaltlich wie visuell faszinierende De- und Rekonstruktion zwischen Alltag und Wahnsinn, zwischendurch aber auch etwas ziellos. Was Tito On Ice auszeichnet, ist aber nicht nur die De- und Rekonstruktion von Tito und Jugoslawien, sondern auch die visuelle Umsetzung hiervon.

mehr...
Die südenglische Stadt Bridgend in der Nähe von Bristol.
Film des dänischen Regisseurs Jeppe RøndeDorf der verlorenen Jugend

09.12.2015

- „Dorf der verlorenen Jugend“ vom dänischen Regisseur Jeppe Rønde erzählt die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte eines Ortes, das von einer mysteriösen Selbstmordwelle heimgesucht wird.

mehr...
Der deutsche Filmschauspieler Tom Schilling verkörpert in dem Film den ziellosen Berliner ExStudenten Niko.
Rezension zum Film von Jan Ole GersterOh Boy

03.11.2016

- «Oh Boy» des deutschen Filmregisseurs Jan-Ole Gerster erzählt mit stimmungsvollen Schwarzweissbildern die unspektakuläre Geschichte eines jungen Mannes, der auf seiner Sinnsuche durch Berlin streift und den verschiedensten Menschen begegnet.

mehr...
’Aus neutraler Sicht’ von Albert Jörimann - Vox Com

26.04.2016 - Man ist ja immer auf der Suche nach Halt und Orientierung in jenem Theater, das unser eigenes Leben ist oder bietet. Vielleicht sind es erziehungs- oder ...

Volnet EV

04.07.2012 - Macht mein Leben eigentlich Sinn? Wenn junge Menschen ihrem Leben einen Sinn geben wollen, dann entscheiden Sie sich schnell für die soziale Arbeit in ...

Dossier: Klimawandel
Klimawandel
Propaganda
Lewak For freedom and democracy

Aktueller Termin in Berlin

Ausstellung: Genozid an Rom*nja in der Ukraine 1941-1944

2018 interviewten Teilnehmer*innen eines internationalen Projektesdutzende Rom*nja in der Ukraine als Zeitzeug*innen. Die Überlebendensprachen vom Leid, das ihnen widerfuhr, aber auch vom Widerstand,den sie oder ihre Angehörigen ...

Samstag, 4. Juli 2020 - 18:00

Zielona Góra, Grünbergerstr. 73, 10245 Berlin

Event in Berlin

VIVA LA LIEBIG! 30. BIRTHDAYBASH!

Samstag, 4. Juli 2020
- 14:00 -

L34

Kurfürstendamm 178/179

10707 Berlin

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle