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Opfer von Andrei Tarkowski Die Verantwortung des Menschen

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Opfer von Andrei Tarkowski ist einer der imposantesten Filme in der europäischen Filmgeschichte: weil er intelligent und dringend zugleich ist.

Der russische Filmemacher Andrei Tarkowski am Set.
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Bild: Der russische Filmemacher Andrei Tarkowski am Set. / Festival de Cine Africano de Córdoba (CC BY-SA 2.0 cropped)

12. November 2007

12. 11. 2007

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5 min.

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Der Film ist nicht nur eine vielschichtige Meditation über den Zustand des Menschen am Vorabend einer vielleicht eintretenden nuklearen Apokalypse (für die der Regisseur keine Spezialeffekte oder Leichenberge, lediglich ein paar Wort- und Tonfetzen, ein flimmerndes Fernsehbild und ein zerschellendes Glas Milch benötigt), sondern über richtiges und falsches Sehen und Sprechen, Geschwatz und Tat, die problematische Beziehung von Realität und Phantastik (Ottos Sammlung realer, aber völlig unerklärlicher Ereignisse), über die Ablehnung eines immer weitere Kreise ziehenden lebensfeindlichen Materialismus auf Kosten der einzig wahren, inneren, geistigen, natürlichen Hinwendung des Menschen, über die "totale Abkehr von allen vordergründig-egoistischen Belangen" (Tarkowski), die Schuld, die man zu wenig bei sich selbst sucht, über die Verantwortung sich selbst und seiner Umgebung gegenüber.

Auch wenn nur drei seiner Filme zum SF-Film gerechnet werden können (SOLARIS und STALKER sind die beiden anderen), hat Tarkowski wie kaum ein anderer Filmemacher die psychologischen Möglichkeiten und Feinheiten moderner SF auf die Leinwand gebracht.

Auch wenn literarische Stoffe zugrunde lagen, sind seine Filme sehr persönliche und eigenständige Arbeiten mit einem an subjektiver Logik orientierten Stil über den Menschen als seinen eigenen und einzigen Feind (handelt es sich nun um Nazis, Tartaren, übereifrige Wissenschaftler oder Militärs, die ihren eigenen Planeten in die Luft zu sprengen bereit sind), über den Widerspruch von Glauben und Wissen, über die Zerstörung und Verdrängung dessen, was wir nicht verstehen und über die Grenzen menschlichen Handelns und Erkennens, die in ihre philosophischen und menschlichen Dimension für das Genre weitgehend fremdartig erscheinen.

Tarkowski schafft ein Gefühl von Realität in seinen Filmen allein schon dadurch, dass er Real- und Filmzeit deutlich lange neben einander her laufen lässt (manche Einstellungen in Opfer gehören zu den längsten der Filmgeschichte) und den Zuschauer nicht durch Schnitte oder Szenenwechsel irritiert, manipuliert oder sogar überrumpelt, sondern ihm im Gegenteil viel Zeit und Distanz lässt, sich in das Geschehen wie in seine eigenen Überlegungen des Stattfindenden hineinzudenken, hineinzufühlen.

Dabei bedient er sich nur weniger vereinzelter Objekte (Haus, Auto, Kind, Baum, lkonenbilder, Pfützen, Lampe, Glaser, Blumenstrauss), die jedoch innerhalb ihres filmischen Univerums fühlbare Präsenz und übergeordnete Bedeutung gewinnen.

Allein das Abbilden von Räumen oder Landschaften in superben Kombinationen und Übergangen von Licht und Dunkel, Farben und Figuren wird bei Tarkowski zu einer ungewöhnlich spannenden Angelegenheit, atmet geradezu die Realität, ist Teil und Spiegel der inneren Verfassung des Protagonisten. Oft hat man hier den nicht unbeabsichtigten Eindruck, man sehe die Dinge nicht nur zum ersten Mal, sondern zum ersten mal richtig.

Und anstelle einer veräusserlichten Handlung tritt natürlich das sich entwickelnde Bewusstsein der Hauptfigur. Tarkowskis radikale Kompromisslosigkeit der natürlichen geistigen Zuwendung und Gewissenhaftigkeit des Menschen gegenüber erfordert nicht nur unsere Bewunderung und Zustimmung, sondern unseren Einsatz (allein sein persönlicher Weg ist ein stichhaltiger Beweis dafür): Es ist immer das Erkennen, das Opfer des Einzelnen, worauf es ankommt und das etwas zum Positiven verändern kann.

Die absurde Tat Alexanders, sein Haus zu verbrennen und angesichts der Dummheit, Verlogenheit und Grausamkeit seiner Zeit wie Rubljow in Stummheit zu verfallen, erscheint einem normalen Betrachter vollkommen unverständlich - aber nur deshalb, weil wir uns zu weit von unserer Verantwortung (die längst in Passivität oder Gleichgültigkeit übergegangen ist) entfernt haben, Absichtserklärungen statt Taten den Vorzug geben oder aus einer bequemen Sicherheit heraus argumentieren können. Opfer ist ein Direktangriff auf die heutigen Zuschauer, ob sie es nun bemerken oder nicht.
Das Grab von Andrei Tarkowski auf dem «Friedhof Sainte-Geneviève-des-Bois» in Paris.

Bild: Das Grab von Andrei Tarkowski auf dem «Friedhof Sainte-Geneviève-des-Bois» in Paris. / Alex Ex (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

Das Kind symbolisiert die Hoffnung, die Zukunft wie auch eine dringend erforderliche realistischere Sicht der Dinge, weil unsere Auffassung der Welt ganz einfach ihren Sinn verloren hat. Wir brauchen keine neuen Welten, wie sie die SF in unverhaltnismässigem Übermass herstellt und anzubieten hat, sondern eine neue Sprache, ein neues Denken, ein neues Begreifen und Bewusstsein.

Es ist kein Zufall, dass Alexanders Sohn seine Sprachlosigkeit erst am Ende überwindet. Am Anfang war das Wort, deshalb auch ein flehender Appell an eine bessere Zukunft in einer vielleicht bereits zu späten Gegenwart. Bisherige Sprache, bisheriges Denken erweisen sich wie in Briefe eines Toten angesichts des aktuellen und akuten Zustandes der von uns geschaffenen Wirklichkeit nicht nur als unzureichend, sondern unzutreffend, sie haben ihre Bedeutung verloren und müssen neu geschaffen werden. Als logische Konsequenz bezeichnet der Filmhistoriker Ulrich Gregor «Opfer» deshalb als das, was er seinem inneren Wesen nach darstellt, eine Herausforderung an uns alle.

Die Besonderheit dieses Films innerhalb des SF-Genres (vorausgesetzt, man rechnet ihn dazu) liegt darin, dass er wie kein anderer vor ihm die Welt, in der wir leben, charakterisiert und uns schonungslos vor die ungelösten, aber in ihrer Dringlichkeit unbedingt zu lösenden Fragen stellt (schliesslich hängen unsere Existenz und unser Überleben davon ab).

Es liegt nur an uns, sich dieser real existierenden Herausforderung, diesem Opfer zu stellen - die Form der poetischen Parabel lässt ohnehin verschiedenen Interpretationen und Auflösungsmöglichkeiten zu, weil jeder mit dem Film eine andere Erfahrung macht bzw. machen muss.

Alexanders Opfer konnte die Welt retten, wie Kelvins Beichte in SOLARIS einen wirklichen Kontakt zwischen den Menschen und dem fremden Planeten - der für nichts anderes steht als unsere verlorgengegangene natürliche Beziehung zu uns selbst und unserer Umwelt - herstellen konnte.

Nur braucht Tarkowski das damalige Einführungs- oder Verbindungsstück, den SF-Rahmen von Gibarians Eingeständnis und Warnung auf einem Bildschirm der Raumstation, den Film im Film, nicht mehr: OFFRET ist sein eigenes und direktes filmisches Vermächtnis und seine Offenbarung, und der Empfänger weniger der Hauptdarsteller, sondern wir selbst, jeder einzelne.


Wir schauen nur, aber wir sehen nicht.



(Andrei Tarkowski)

aus "Science Fiction Year"

Opfer

Schweden 1986 - 149 min.

Regie: Andrei Tarkowski
Drehbuch: Andrei Tarkowski
Darsteller: Erland Josephson, Susan Fleetwood, Allan Edwall, Gudrun Gisladotir
Produktion: Katinka Farago
Musik: schwedische und japanische Volksmusik
Kamera: Sven Nykvist
Schnitt: Andrei Tarkowski, Michal Leszczylowski

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