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Rezension zum Film von Robert Bresson Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen

Kultur

In «Un condamné à mort s’est échappé» stellt Robert Bresson den Gefängnisausbruch eines Todeskandidaten im von den Nationalsozialisten besetzten Frankreich dar.

Das Gefängnis de la Santé, Paris.
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Bild: Das Gefängnis de la Santé, Paris. / Charles Marville (PD)

7. Oktober 2011
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Nachdem der Résistance- Anhänger Fontaine (François Leterrier) verhaftet und zum Tode durch Erschiessen verurteilt wurde, wird er in ein Gestapo-Gefängnis überführt; sein Drang nach Freiheit ist jedoch ungebrochen – vom Tag seiner Inhaftierung an arbeitet er unermüdlich an einem Fluchtplan. Es gelingt ihm, einen Durchbruch zu graben, doch kurz vor seinem Ausbruch wird ein weiterer Mitgefangener, der sechzehnjährige François Jost (Charles Le Clainche), in seine Zelle gewiesen und sein Plan droht zu scheitern, da Fontaine befürchtet, es könnte sich bei dem jungen Mann um einen Spitzel handeln…

Bresson rhythmisiert seinen Film streng – regelmässig sind die zum Hofgang antretenden Gefangenen, der in seiner Zelle an dem Fluchtweg arbeitende Fontaine zu sehen und die Gewehrsalven des Erschiessungskommandos zu hören – und arbeitet erstmals lediglich mit Laiendarstellern, welche dem Stoff, übrigens ein Merkmal aller späteren Werke Bressons, auf Grund ihres „mechanisch“ wirkenden Schauspiels gewissermassen eine universelle Gültigkeit garantieren und den Fokus des Zuschauers vielmehr auf das Dargestellte als auf die Art der Darstellung lenken.

Durch eine minimalistische Bildsprache und die Tatsache, dass der Ausgang des Fluchtversuches bereits im Titel vorweggenommen wird, versucht der Regisseur eine höchstmögliche Spannungsarmut zu erreichen; die Erlösungsbotschaft ist es, auf die der Film konsequent hinarbeitet, und sich dementsprechend von anderen Filmen dieser Art bewusst distanziert. Dennoch ist Un condamné à mort s’est échappé von einer grossen atmosphärischen Dichte, da der Film in einer bedrückend engen Gefängnisanstalt situiert ist und Fontaine das Datum seiner Hinrichtung unbekannt bleibt, wodurch zusätzliches Unbehagen entsteht.

Bezeichnend für Bressons Vorgehen ist zudem, dass er auf Gesichtstotale, im Gegensatz zu späteren Werken wie etwa Mouchette oder Au hasard Balthazar, vollständig verzichtet; die dargestellten Charaktere, v.a. die Gefängniswerter, werden zu blossen Funktionseinheiten, die es für Fontaine zu überwinden gilt, degradiert. Die Sehnsucht des Protagonisten nach Freiheit und sein Überlebensdrang finden ausserdem in der selten erklingenden musikalischen Untermalung, das „Kyrie“ aus der c-Moll Messe von Mozart, eine Entsprechung.

«Un condamné à mort s’est échappé» ist ein zeitloses, leider in Vergessenheit geratenes Werk des französischen Regisseurs, das auf aussergewöhnliche Weise einen Gefängnisausbruch thematisiert und durch die Mitarbeit eines einstigen Delinquenten, dessen Schicksal dem Film als Vorbild dient, ein hohes Mass an Authentizität gewinnt.

Falko Fröhner
film-rezensionen.de

Ein zum Tode Verurteilter ist entflohen

Frankreich

1956

-

100 min.

Regie: Robert Bresson

Drehbuch: Robert Bresson, André Devigny

Darsteller: François Leterrier, Charles Le Clainche, Maurice Beerblock

Produktion: Alain Poiré, Jean Thuillier

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart

Kamera: Léonce-Henri Burel

Schnitt: Raymond Lamy

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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