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Rezension zum Film von Rainer Werner Fassbinder Ich will doch nur dass ihr mich liebt

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Kino fürs Fernsehen, so lautete die Devise des WDR in den 70er Jahren, als man unter anderem mit Rainer Werner Fassbinder junge und engagierte Regisseure an Board holte.

Die deutsche Schauspielerin Johanna Hofer (hier in in Othello, November 1921) spielt in dem FassbinderFilm «Ich will doch nur dass ihr mich liebt» die Grossmutter.
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Bild: Die deutsche Schauspielerin Johanna Hofer (hier in in Othello, November 1921) spielt in dem Fassbinder-Film «Ich will doch nur dass ihr mich liebt» die Grossmutter. / Peter Schütze (PD)

24. Oktober 2011

24. 10. 2011

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Ich will doch nur dass ihr mich liebt ist eine dieser Produktionen die nun als restaurierte Fassung und erstmals auch auf Blu Ray-Disc erscheint.

Fassbinder der als einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films – eines Filmstils ähnlich der Nouvelle Vague aus Frankreich – gilt, benötigte gerade einmal 25 Drehtage für diesen Streifen. Er selbst und Zeitzeugen die in der fast einstündigen Dokumentation Von der Liebe und den Zwängen, die ebenfalls auf der neuen Veröffentlichung enthalten ist, zu Wort kommen, halten diesen Zeitraum für „Fassbinder-Verhältnisse“ allerdings sogar für lang. Wie dem auch sei, Ich will doch nur dass ihr mich liebt gilt wie seine restlichen Werke als sehr persönlicher Film, der Protagonist Peter Trepper, der im Affekt einen Totschlag verübt, stellt dabei die Identifikationsfigur für Fassbinder dar.

Peter Trepper, gespielt von Vitus Zeplichal, pflegt ein sehr kaltes Verhältnis zu seinen Eltern. Dabei liegt es gar nicht an dem Jungen, der alles tun würde um ein klein wenig Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe von Vater (Alexander Allerson) und vor allem Mutter (Erni Mangold) zu erhaschen. Nachdem er in seiner Freizeit ein neues Haus für die Familie gebaut hat, um sich durch eine schier unmenschliche Leistung das Wohlwollen der Eltern zu sichern, heiratet er überstürzt die naive Erika (Erika Aberle) und zieht mit ihr aus dem bayrischen Wald in die Grossstadt München.

Doch selbst die Flucht vom Land und seinen Erziehern bringt dem psychisch angeschlagenen Peter keine Heilung, sondern ganz im Gegenteil, im Irrglauben sich mit immer teureren, materillen Güter die Liebe seiner Ehefrau sichern zu müssen, gerät er in eine schwerwiegende, finanzielle Situation. Als er schliesslich auch noch seine Arbeit als Bauarbeiter verliert, oder sie vielmehr nicht mehr erträgt, erschlägt er im Affekt einen Münchner Gastwirt (János Gönczöl) der seinem Vater nicht nur äusserlich verblüffend ähnlich ist.

Die Komplexität die Fassbinder seiner Hauptfigur und den hier nur kurz geschilderten Ereignissen beimisst, sind für eine TV-Produktion – vor allem wenn man das Entstehungsjahr bedenkt – untypisch und verlangen dem Publikum einiges ab. Er spielt mit Flashbacks und einer nicht chronologisch erzählten Story, überrascht den Zuschauer mit wirklich interessanten Kameraeinstellung und -fahrten auf. Die unverblümte Gesellschaftskritik, man denke nur an die Ratenzahlungen, der neue Hit damit sich auch die Mittelschicht jeglichen Luxus leisten kann, die Peter in einen nicht enden wollenden Strudel hinabziehen, und die ständige, verkrampfte Suche nach Liebe und Anerkennung eines Individuums das mit der modernen Welt nicht klarkommt sind Themen die über all die Jahre kaum an Aktualität eingebüsst haben, allenfalls durch die Postmoderne abgelöst wurden.

Die persönliche Note des Films ist selbst für jemanden wie mich der Fassbinders Kino kaum kennt unverkennbar. Obwohl er die Geschichte nicht selbst erfunden hat und sich aus dem dokumentarischen Buch Lebenslänglich – Protokolle aus der Haft bedient, scheint er sich sehr stark mit Peter Trepper zu identifizieren. Interessant an seinen mit Frauenkomplexen gespickten Filmen ist die Tatsache, dass sehr oft seine leibliche Mutter als Schauspielerin darin vorkommt. Auch bei Ich will doch nur dass ihr mich liebt bekam sie, Lilo Pempeit, eine kleine Rolle die kurz die eigene Hassliebe zu seiner Mutter aufflammen lässt.

Technisch gesehen wurde bei der Restauration sehr gute Arbeit geleistet. Obwohl das Bild etwas körnig wirkt, verblüfft die Qualität, wir erinnern uns es handelt sich um eine TV-Produktion die auf 16mm gedreht wurde. Auch der Ton ist kristallklar, ein Aspekt der übrigens auch in der bereits genannten Dokumentation angesprochen wird, wo der damalige Tonmeister über seine Pionierarbeit in Deutschland spricht. Ebenfalls sehr interessant sind die Details die wir dort von Michael Ballhaus, Fassbinders langjährigen Kameramann, erfahren.

Ein gelungenes Release mit wenig Schnickschnack das allein durch das lieblose Wendecover etwas billig wirkt.

Lorenz Mutschlechner
film-rezensionen.de

Ich will doch nur dass ihr mich liebt

Deutschland

1976

-

104 min.



Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder

Darsteller: Vitus Zeplichal, Elke Aberle, Alexander Allerson, Johanna Hofer

Produktion: Peter Märthesheimer

Musik: Peer Raben

Kamera: Michael Ballhaus

Schnitt: Liesgret Schmitt-Klink

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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