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Accattone: Rezension über den Film von Pier Paolo Pasolini | Untergrund-Blättle

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Rezension über den Film von Pier Paolo Pasolini Accattone - Wer nie sein Brot mit Tränen ass

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“Accattone” war 1961 der Regieerstling vom enfant terrible Pier Paolo Pasolini. Ist bereits hier das umstrittene Genie zu erkennen?

Pier Paolo Pasolini.
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Bild: Pier Paolo Pasolini. / T Wei (CC BY 2.0 cropped)

23. Juni 2011

23. 06. 2011

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Pier Paolo Pasolini hat immer gerne provoziert. Diese Leidenschaft resultierte schliesslich 1975 in einem Mord. Im römischen Stadtteil Ostia wurde der berüchtigte Filmemacher umgebracht, nachdem er seinen höchst umstrittenen „Die 120 Tage von Sodom“ fertig gestellt hatte, auf dessen Premiere es zu gewaltsamen Übergriffen kam und der bis heute in vielen Ländern noch immer nur stark zensiert gezeigt werden darf – wenn überhaupt, denn viele Zensoren nahmen Anstoss an diversen Szenen, in denen Menschen aufeinander urinieren oder Kot essen. Doch bereits vor diesem Werk, das auch in Deutschland noch nicht ungekürzt auf DVD erworben werden darf, erregte Pasolini viel öffentliches Aufsehen.

Bereits mit seinem ersten Spielfilm als Regisseur überschritt er bewusst bestimmte Grenzen und so geschah es, dass „Accattone“ bald in aller Munde war. Pasolini knüpft in diesem Film an den italienischen Neorealismus an, beleuchtet zugleich aber auch Themen, die zuvor in dieser Eindeutigkeit und Intensivität nie auf der Leinwand zu sehen waren. Ihm zur Seite stand als Hilfsregisseur ein gewisser Bernardo Bertolucci, dessen erste Arbeit beim Film dieser Streifen war, ehe der Italiener selbst ein bedeutender Regisseur des 20. Jahrhunderts werden und sich für Filme wie „1900“ oder „Der letzte Tango in Paris“ verantwortlich zeichnen sollte.

„Accattone“ ist dabei in erster Linie eine Milieuschilderung. Zentrale Figur ist hierbei der junge Vittorio (Franco Citti), genannt Accattone, der nie in seinem Leben auch nur einen Tag lang gearbeitet hat. Stattdessen verdient er sich sein Essen damit, seine Freundin Maddalena (Silvana Corsini) auf den Strich zu schicken, bevor er ihr als Zuhälter das erarbeitete Geld abknöpft. Aus Liebe zu Accattone lässt sie dies mit sich machen, ohne sich zu beschweren, bis sie eines Abends von einer Bande Männer mitgenommen und brutal zusammen geschlagen wird.

Der junge Zuhälter stört sich indes nicht am Schicksal Maddalenas, sondern geniesst weiterhin sein abwechslungsarmes Leben mit seinen Freunden, die Tag ein, Tag aus auf den Strassen sitzen, Karten spielen, trinken und Witze machen, wenn sie nicht gerade um das Leben eines ihrer Freunde wetten. Es kommt jedoch der Tag, als Maddalena ins Gefängnis muss, da in Italien Prostitution illegal ist. Für Accattone brechen die Einnahmen ein und er kann sich mehrere Tage nicht ernähren, als er an einem späten Nachmittag ein schönes, junges Mädchen namens Stella (Franca Pasut) trifft. Von ihrer Attraktivität eingenommen, spricht er sie an, doch sie erweist sich als sehr schüchtern und wahrt Distanz zu dem berüchtigten Vittorio.

Wie ausführlich und detailliert Pasolinis Charakterporträts sind, wird darin deutlich, dass nie ein Zweifel daran besteht, dass Accattone Stella nicht mit den Augen eines verliebten Mannes ansieht, sondern mit den prüfenden Blicken eines Zuhälters, der wie ein Schlachter entscheidet, ob das Vieh bereit ist geschlachtet bzw. auf den Strich geschickt zu werden. Pasolini vermeidet es jedoch, den verarmten Mann für seine Sichtweise zu verurteilen und nachdem er Stella einige Avancen gemacht hat, lässt diese sich schliesslich auf eine Beziehung zu ihm ein, während seine Freunde darum wetten, wie lange es dauern wird, bis er Stella soweit habe, dass sie für ihren neuen Liebhaber auf den Strich gehen würde. Accattone zieht nicht nur Stella, sondern auch sich immer weiter ins Unglück, an dem er schliesslich zu zerbrechen droht…

Das Rom Accattones ist ein Brachland, Häuser sind nur Ruinen, die Strassen sind leer, an ihren Rändern türmt sich Müll und Schmutz. In völliger Ödnis wandert ein gebrochener, perspektivloser Zuhälter umher, auf der Suche nach Nahrung wie die Neandertaler als seine Vorfahren. Auf dem Weg trifft er Bettler und Leichenzüge, sein Sohn spielt im Schmutz, er erkennt ihn nicht mehr.

Es ist eine Welt, in der Männer ihre Freunde verraten und entfremden, nur wenn sie sich dafür eine warme Mahlzeit erhoffen. Es sind Männer, die kaum etwas zu verlieren haben und daher leichtfertigt mit ihrem Leben umgehen, indem sie in abenteuerlichen Wetten alles riskieren und das voyeuristische, verarmte Volk schaut zu. Sie schauen zu, weil jemand bei dieser Wette sterben könnte. Sie würden nicht zuschauen, wenn die Wette ungefährlich sein würde, denn dann würde sie jeglichen Reiz verlieren. Sie hungern nach Blut und Tod in ihrem langweiligen Leben. Als die Prostituierte Maddalena zusammengeschlagen wird, angestrahlt von den grellen Scheinwerfern des Luxusguts Auto, strahlt über dieser Szenerie die zeitlose Musik Johann Sebastian Bachs – ein sarkastischer, gar sadistischer Kommentar des atheistischen Pasolinis.

Die Menschen, die er beschreibt, sind Extreme der menschlichen Schwächen. Sie sind skrupellos und interessieren sich nur für sich selbst, sie weigern sich, zu arbeiten und sind jederzeit bereit, jemanden anderen zu verkaufen, wenn man sich davon einen Gewinn verspricht. „Accattone“ ist einer jener zutiefst deprimierenden, intensiven und schmutzigen Filme, die in all ihrem Realismus fast schon wieder surreal wirken. Die schmutzige Poetik der Strasse erwacht auf beängstigende Weise zum Leben, wenn auf einmal die eigenen Gefühle zum Leben erwachen und im Konflikt stehen mit den kommerziellen Interessen, die man verfolgen muss, um nicht zu verhungern. An dieser Unvereinbarkeit von Sehnsucht und Determination gehen die Figuren kaputt.

Cineast
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Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen ass

Italien 1961 - 116 min.

Regie: Pier Paolo Pasolini
Drehbuch: Pier Paolo Pasolini
Darsteller: Franco Citti, Franca Pasut, Silvana Corsini
Produktion: Alfredo Bini
Musik: arrangiert von Carlo Rustichelli nach Johann Sebastian Bach
Kamera: Tonino Delli Colli
Schnitt: Nino Baragli

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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