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Punk aus Zürich - Interview mit Rams Ramseier | Untergrund-Blättle

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Züri brännt: Texte zur Bewegung Punk aus Zürich - Interview mit Rams Ramseier

Kultur

Wir haben damals mit unserer Band im AJZ gespielt, in der Fabrik, das war recht cool. Und dann hat man später gesagt, wir seien der Soundtrack der Bewegung.

Punk Konzert im AJZ Zürich, 1980.
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Bild: Punk Konzert im AJZ Zürich, 1980. / Screenshot aus «Züri brännt»

7. August 2022
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00:00 Das habe ich eigentlich immer von mir gewiesen. Weil ich habe das nicht vorhandene Dogma, dass man keine Führer und keine Chefs hat… es war halt kommunistisch, man lässt sich nicht von jemandem sagen, da und da… sondern es war alles vom Volk bestimmt.

00:42 Und dann habe ich das dem Journalisten auch gesagt, wir wollen nicht mit dem Etikett herumlaufen, wir sind das musikalische Entertainment. Es gab ja auch andere Bands, wir wollten uns nicht da hinstellen und sagen, so ist es. Was mir leider zum Verhängnis wurde. Es gab eine Schlagzeile, ich weiss nicht ob es im Tagesanzeiger war: Rams, der mit der Bewegung nichts zu tun haben will. Und das tut weh, oder? Da wurde ich Jahre später noch drauf angesprochen. Als falscher Hund. Spielt im AJZ, juhu, aber eigentlich will er danach wieder heimgehen und… sowas von furchtbar. Das tut weh.

01:48 Mein Name ist Rams, ist die Hälfte meines Nachnamens. Gefällt mir besser als mein eigentlicher Vorname. Damals sind wir von einer Probe gekommen und sind in die Stadt zurück und haben gesehen, es ist was am Kochen. Und es war der Abend, als die Leute die Auslieferung der NZZ verhindern wollten. Man hat schon gemerkt, es knistert. Das Thema AJZ ist ja nicht erst 1980 entstanden, das war auch Jahre vorher schon Thema. Es gab ein paar kleine Demos.

03:04 Ein paar Leute, es gab eine Vereinigung, die Roten Steine, ultralinks. Man hat irgendwelche kommunistischen Sprüche gerufen. Aber die Forderung AJZ bestand schon lange vorher. Ich war um die 17, sie haben die autonome Republik Bunker ausgerufen und man hat von der Stadt mal als Versuch in der Urania den Bunker freigegeben. Da unten waren Partys, es wurde viel gekifft, die Hells Angels haben sich eingenistet.

03:56 Es gab die Vollversammlungen, damals natürlich noch nicht übers Netz verbreitet. Es gab Flyer. Da war ich sehr oft. Musikalisch, Bands, die ich gut fand, waren Ton Steine Scherben, Macht kaputt, was euch kaputt macht war auch schon so ein Slogan, der mich begleitet hat. Wir selbst als junge Leute haben uns einen Sport daraus gemacht, gratis in Konzerte zu kommen. Einerseits fanden wir, da gibt es Leute, die sich finanziell an unserer Kultur bereichern, also unterstützen wir die Konzertagenturen nicht, sondern versuchen, gratis reinzukommen.

04:45 Was wir natürlich nicht bedacht haben, jetzt aus meiner heutigen Sicht, dass Musiker auch etwas bekommen sollten für ihren Job. Dann im Limmathaus hiess es damals, sind wir – sehr gefährlich – rauf, hinten übers Dach, oben durchs Fenster, da konnte man sich hochhangeln und dann ist man in die Vorratskammer vom Hotel gelangt. Dann hat man die Tür aufgemacht und war mitten im Konzertlokal.

05:21 Einmal, weil wir nicht den Falschen das Portemonnaie füllen und andererseits hat man sich einen Sport daraus gemacht. Zu meiner Jugend muss ich vielleicht so ausholen: Als Hippie, als Langhaariger ist man von der Gesellschaft und von den Eltern sehr stark verurteilt worden, hat im Dorf symbolisch das Kreuz aufgestellt, um uns dranzunageln.

05:57 Ich war zwar rebellisch, aber eigentlich wollte ich nur aussehen wie meine musikalische Idole. Ich wollte niemanden im Dorf verrückt machen, mit meinen langen Haaren. Aber als sie dann verrückt waren und ein richtiger Hass gegenüber unseren Leuten und Kultur kam, hat mich das auch im Herzen getroffen. Ich fand das unfair. Ich habe denen ja nichts getan, hab ihnen nicht in den Garten gepisst oder sowas.

06:26 Das ist ein Geben und Nehmen, dadurch, dass man so verschrien wurde, das hat ausgelöst, dass man vielleicht nachts ein bisschen laut war. Aber als es 1980 geknallt hat, hat die Jugend schon viel davon mitgenommen, von diesem Frust. Vielleicht bist du in eine Bäckerei, hattest lange Haare und bist schlecht bedient worden. Das hat man über längere Zeit mitgetragen.

07:04 Das war meine Generation, das ist noch vor den Punks, da waren wir ja noch Hippies. Wobei ich finde, Hippies und Punks sind sehr verwandt. Was Punks nicht so gern hören, aber… viele haben das auch ohne grosse… mit Programm, wir brauchen unsere Räume, das musste mal raus, das hat auch extrem gutgetan.

07:31 Jeden Samstag war Demo, wenn wir nicht irgendwo gespielt haben, bin ich auch im Tränengas herumgerannt. Die Polizei wurde immer brutaler und das Tränengas – einmal weiss ich noch wie wir am Bellevue waren und nur noch an der Mauer hingen, weil es nur noch wehgetan hat.

07:52 Freiräume, das hat man ja gefordert und der Auslöser war vor allem die Rote Fabrik. Es gab ja schon mal ein Konzert, ohne dass es eingerichtet war – Patty Smith und so. Und dann hiess es, das war’s, jetzt lagern wir unsere Opernhauskulisse da ein. Und dann hat’s geknallt, das wurde nicht mehr akzeptiert: Sie kommen und sagen, das Opernhaus braucht das. Darum hiess es ja auch Opernhauskrawall.

08:21 Das war zu viel, das hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Und ohne zerbrochen Scheiben wäre das heute das Lager vom Opernhaus. Organisatorisch sassen die Leute lange mit den Obrigkeiten am Tisch und haben gesagt, wir wollen ein Jugendhaus, ja gut, wir schauen mal. Man ist vertröstet worden, es ist nichts passiert, der Sigi wird da oft zitiert, den Spruch haben sicher andere vor mir schon gesagt: Ob Rockmusik Kultur ist, sei jetzt mal dahingestellt.

08:58 Eine ziemlich despektierliche Aussage. Am Tisch sitzen und mit denen diskutieren, das gab es an Vollversammlungen. Da sassen sie auf dem Podium, das hat nicht gefruchtet. Es klingt ein bisschen platt, aber dadurch, dass Scheiben kaputtgegangen sind, hat es etwas bewirkt und dadurch ist die Rote Fabrik ein Kulturzentrum geworden. Ohne die Riots, ohne die kaputten Scheiben am Limmatquai würden wir heute noch am Tisch hocken wahrscheinlich.

09:41 Schlussendlich gab es das AJZ. Wir haben immer gespielt, zwischendurch war es mal wieder zu, dann haben wir wieder an der Eröffnung gespielt. Dann wurde es schwierig. Das AJZ hat super gut funktioniert. Man brauchte keinen Chef, der sagt, du machst das und du machst das. Die ganze Gruppe zusammen hat da eine super Kneipe aufgezogen, Bands haben gespielt… wie man weiss, haben Junkies das [AJZ] kaputtgemacht und durch deren Machenschaften hatte die Polizei Handhabe, um zu sagen, illegal! Wir haben ja gesagt, da drinnen läuft nur scheisse.

10:24 Also haben sie es schlussendlich definitiv als Experiment abgebrochen. Bei mir kam das schon zusammen: meine Musik und meine politische Haltung. Auch mit der Bewegung. Nicht bewusst, es war ein Spagat. Punks, es ist in eine Krankheit ausgeartet mit dem Konsumverzicht. Plötzlich wurde alles als Konsum verschrien. Wenn eine Band später in der Roten Fabrik gespielt hat – Sylvia hat es ja erlebt, sie hatte einen zu kurzen Rock an, also wurde sie von der Bühne geschmissen als Schlampe, was weiss ich.

11:11 Auch zu mir sind gewisse gekommen, haben gesagt, das ist scheisse mit dem Rockstargehabe. Ihr solltet nicht da oben auf der Bühne spielen, sondern ebenerdig. Wir sollten im Publikum unsere Songtexte ausgedruckt verteilen, damit die Leute mehr Teil haben an Konzert und nicht nur die applaudierenden Leute da unten sind. Aber auch das kleine Beispiel sagt schon, es ist ein bisschen entgleist mit dem absoluten Konsumverbot. Das Pendel war auf der anderen Seite auch am falschen Ort.

11:50 Man konnte sich in der Roten Fabrik nicht auf die Bühne stellen ohne sich zu entschuldigen: sorry, ich bin kein Rockstar, aber ich spiele jetzt meine Musik. Das hat die Stimmung negativ beeinflusst. Die späteren ehemaligen Punks wollten mit der Bewegung zum grossen Teil im Nachhinein nichts zu tun haben, weil sie gesagt haben hey, die haben uns von der Bühne geholt, schlecht behandelt.

12:19 Das habe ich erst Jahre später erfahren, als ich irgendwelche Ex-Punks negativ reden gehört habe über die Bewegungsgeschichte. Ich sagte, spinnst du, das war wichtig, dass wir auf die Strasse gegangen sind. Aber das waren so Befindlichkeiten von den Punks: Die haben uns schlecht behandelt mit ihrem Konsumverbot und so weiter.

Interview aus Strapazin NO:137

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