Eine aktualisierende Rückschau auf die Beziehung zwischen Punk und Anarchismus Coda: Testimony

Kultur

Die Punkband meines Freundes spielt in der rückständigen kleinen Südstaatenstadt neben meiner. Der Veranstaltungsort ist ein Atombunker aus dem Kalten Krieg. Er heisst “The Fallout Shelter”. (deutsch: “Der Atombunker”)

Demo in Kopenhagen für den besetzten Punk-Treffpunkt Ungdomshuset, Dezember 2006.
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Demo in Kopenhagen für den besetzten Punk-Treffpunkt Ungdomshuset, Dezember 2006. Foto: Svinebræk (PD)

10. März 2023
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Ein Polizeiauto hält vor dem Lokal und ein Beamter steigt aus. Während der Beamte die Punks auf dem Bürgersteig bedrängt, schlüpft mein Freund über die Strasse. Er geht auf Ellbogen und Knie, krabbelt hinter das Polizeiauto und schlitzt mit seinem Taschenmesser einen Reifen auf. Der Polizist muss über Funk Verstärkung anfordern. Den ganzen Abend lang, zwischen den Auftritten der Bands, trinken die Punks auf dem Bürgersteig und applaudieren ironisch, während die Polizei sich bemüht, den Reifen zu wechseln.

In der ersten Woche der High School spielt Seven Seconds in dem einzigen Club in meiner kleinen Stadt. Die Show endet so wie jede grosse Hardcore-Show dort endet - mit einer massiven Skinhead-Schlägerei, die sich auf die Hauptstrasse ausweitet.

Am nächsten Morgen betrete ich das Klassenzimmer mit einem blauen Fleck in der exakten Form eines Doc-Martens-Stiefelabdrucks auf meinem Arm. Dieser Blaue Fleck ist ein Zeichen: Ich gehöre nicht zu euch und eurer Welt.

In den folgenden zehn Jahren trete ich einer Band bei, starte ein Zine, führe endlose Debatten über Tanz, Mode, Essen und Auseinandersetzungen. Ich freunde mich mit den Leuten an die in dem Kopierladen die Strasse runter Nachtschicht haben. Ich bleibe die ganze Nacht auf und fotokopiere dort Zines, strickt ohne das Kassenbuch miteinzubeziehen. Jemand in der Tschechischen Republik schickt mir eine Kopie der Kritická Situace LP im Tausch gegen mein Zine. Ich bringe die LP zur Hörstation in der Stadtbibliothek, weil ich keinen Plattenspieler habe. Ich fahre zwölf Stunden, um ein Konzert zu spielen, das von Schlägern besucht wird die versprochen haben mich sofort anzugreifen wenn sie mich sehen. Ich organisiere Auftritte für Bands. Ich bringe Platten heraus.

Unsere Band geht auf Tournee. Nacht für Nacht werden wir von Leuten aufgenommen und manchmal sogar verpflegt. Wir kaufen uns gemeinsam einen Van. Wir reisen durch das Land, spielen auf selbstorganisierten Veranstaltungen und übernachten in Gemeinschaftsunterkünften. In Übersee sehen wir unsere ersten riesigen besetzten Häuser, mit Bannern an den Wänden, Bibliotheken mit Archiven der Bewegungen, und Fahrradwerkstätten in der Nachbarschaft. Langsam dämmert uns, dass wir Teil von etwas viel Grösserem sind als wir dachten.

Erst nach drei Monaten auf Tour stelle ich fest, dass ich dazu übergegangen bin nicht mehr in der ersten Person Singular, sondern in der ersten Person Plural zu denken. Wir.

Wir treffen die alten Hasen der Crass-Generation. Sie sind alle ein paar Jahrzehnte älter als wir; wir sind die Jüngsten bei allen Shows in Grossbritannien. Ein Mitglied von Doom fährt uns in seinem Van über die britischen Inseln, weil wir es nicht gewohnt sind auf der linken Seite der Strasse zu fahren.

Eines Nachts bleibt der Kerl von Doom lange auf und redet die ganze Nacht mit einem Mitglied der Subhumans. Am Ende streiten sie darüber, ob The Clash Punk ruiniert haben, weil sie sich an eine Plattenfirma verkauft haben. Ich habe den Eindruck, dass sie seit zwanzig Jahren den gleichen Streit haben. Trotzdem hilft es mir, meine eigenen Bemühungen und Verpflichtungen in einem grösseren Zeitlichen Rahmen zu sehen

Reclaim the Streets-Millionen für Mumia-die Nationale Konferenz für organisierten Widerstand-die Amtseinführung des Präsidenten. Während jeder Konferenz, vor oder nach jedem Protest, gibt es eine Punk-Show. Nicht nur Bandauftritte, sondern auch Puppentheater, Performance-Kunst, radikales Cheerleading. Umherziehende Punks stellen Literaturtische auf, die ausschliesslich aus Noam Chomsky-Büchern bestehen, die sie aus Barnes & Noble-Buchläden gestohlen haben. Manchmal bricht der schwarze Block direkt aus dem Moshpit auf.

In Sâo Paulo nehme ich an einer Demonstration gegen ein Denkmal zu Ehren von 500 Jahren Kolonialismus teil. Alle sind vermummt. Die Punks hinter uns werfen Farbbomben auf das Denkmal und Steine auf die Reihen der Bereitschaftspolizei vor uns. Die Polizei schiesst mit scharfer Munition über unsere Köpfe. Danach verstecken wir uns in einem Açai-Stand, damit die Bullen uns nicht angehen wegen der Farbe auf unseren Kleidern.

Ein paar Tage später spielt Abuso Sonoro in Guarujá. Der Gitarrist trägt dieselbe Maske die er bei der Demonstration anhatte. Eine weltweite Kultur des Widerstands.

Als wir das erste Mal am Ungdomshuset, dem besetzten Punk-Treffpunkt in Kopenhagen, vorfahren, sind alle Fenster in der Nachbarschaft vernagelt. In der Nacht zuvor gab es hier Unruhen, erklären unsere Gastgeber, weil die Polizei einen Mann in die Türkei abschieben will. Nach der Show, während wir im Gästezimmer schlafen, sitzt die Polizei in einem gepanzerten Auto vor dem Gebäude und bedroht die Punks die auf dem Dach Wache stehen per Lautsprecher.

Als wir zum vierten Mal das Ungdomshuset besuchen, sind wir zu viele um im Gästezimmer zu schlafen. Stattdessen breiten unsere Gastgeber Turnmatten über die gesamte Länge der grossen Halle aus. Wir rollen unsere Schlafsäcke aus und legen uns in einer Reihe hin, dreissig oder mehr - die Bands, die Organisatoren und jeder x-beliebige Reisende, der keinen anderen Platz zum Schlafen hat - zusammen unter der gewölbten Decke des Gebäudes, in dem 1910 der Internationale Frauentag ausgerufen wurde. Die Erde soll eine gemeinsame Schatzkammer für alle sein. Bevor ich einschlafe, wende ich mich an die Person, die links von mir ihr Nachtlager aufgeschlagen hat. “Woher kommst du?”

“Me? I'm from Australia,” antwortet sie. “Where are you from?”

Ein Jahr später stürmt die Polizei das Gebäude und reisst es in der grössten Aktion in Dänemark seit dem Zweiten Weltkrieg ab. Die Stadt ist eine Woche lang in Aufruhr; ein Jahr lang finden wöchentlich Demonstrationen statt. Tausende von Menschen planen gerade, das Rathaus gewaltsam zu besetzen, als die Regierung einlenkt und den Besetzern ein neues Gebäude zugesteht. Das nächste Mal spielen wir dort, im neuen Ungdomshuset.

Jahre später, während der Occupy-Bewegung, strömt eine neue Generation in die anarchistische Gemeinschaft in unserer kleinen Südstadt. Sie sind die ersten, die ankommen ohne Punk als Bezugspunkt.

“Aber du musst auch einen Workshop über Punk machen!”, sagt Liz zu mir, nach einem Direct Action Training.

“Ein Workshop? Wozu? Punk ist nur ein Musikstil, er ist für diese Sache nicht wesentlich”, antworte ich. Jahrzehntelange Diskussionen über subkulturelle Vereinzelung haben mich bei diesem Thema ein wenig empfindlich gemacht.

“Vielleicht, aber für alle, die sich schon vorher kannten, ist Punk wie eine Studentenverbindung, in der man war, oder ein Geheimbund. Ein Haufen Verweise auf Bands, von denen wir noch nie gehört haben, wie ein privater Code. Es kommt nur zur Sprache, wenn ihr unter euch seid, aber… so entsteht Verbundenheit, richtig? Ihr müsst uns auch einweihen.”

Ein paar Jahre später bittet die anarchistische Studentengruppe an der örtlichen Universität uns ältere Ansässige, einen Vortrag zu halten. Ich gehe davon aus sie wollen dass wir über “security culture” oder Konsensprosse oder den Spanischen Bürgerkrieg sprechen. Was sie tatsächlich wollen ist dass wir über Punk erzählen. Tatsächlich wollen sie dass wir ihnen etwas über Punk erzählen.

Roxy und ich beschlagnahmen einen Ganzkörperspiegel aus der verlassenen Glasfabrik neben meinem Haus und bringen ihn ins Klassenzimmer. Wir stellen ihn vor dem Publikum auf. Ich fange an, in einem Hemd mit geknöpftem Kragen einen langweiligen Vortrag zu halten, wie ein Professor. Während sie mich anstarren, schlägt Roxy mit einem Baseballschläger auf den Spiegel ein, so dass überall die Scherben herumfliegen als der D-Beat einsetzt.

“Warum sollten wir auf die Idee kommen sowas zu tun?”, fragt sie sie anschliessend, und in ihren Antworten formulieren die Teilnehmenden selbser alles was sie darüber wissen müssen was Punk ist. Welche Vorstellung du auch immer von dir selbst und der Welt hast, in der du dich siehst, zerschlage sie - was auch immer du glaubst was Unglück bringt (Scherben, eine schwarze Katze streicheln etc.), tu es jetzt - und beginne von diesem Punkt aus, dich und die Welt neu zu gestalten.

CrimethInc

Der Text ist eine Übersetzung des Vorworts zu Smash The System! Punk Anarchism as a Culture of Resistance, einem neuen Buch, das von Active Distribution auf Englisch veröffentlicht wird. Ihr könnt es hier vorbestellen. Ihr könnt fast alle Punk- und Hardcore-Platten die CrimethInc. im Laufe der Jahre veröffentlicht hat kostenlos herunterladen hier.