UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Maria Callas: Erinnerung an eine Göttin

Eine Stimme die den Himmel verdüsterte Maria Callas: Erinnerung an eine Göttin

compact-disc-677583-70

Kultur

Wieder einmal ist (wie fast an jedem 16. September eines jeden Jahres) bei mir „Callas-Tag“. Heute also ist der 16. September 2026 ein Mittwoch.

Maria Callas während der Aufzeichnung von Vincenzo Bellinis Oper „Norma“ in Mailand, 1962.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild vergrössern

Maria Callas während der Aufzeichnung von Vincenzo Bellinis Oper „Norma“ in Mailand, 1962. Foto: Touring Club Italiano (CC BY-SA 4.0 cropped)

Datum 16. September 2026
0
0
0
0
Lesezeit4 min.
DruckenDrucken
KorrekturKorrektur
Vor genau neunundvierzig Jahren starb Maria Callas. An diesem Tag verdüsterte sich der Opern-Himmel für Millionen Jünger der „Himmlischen“ und ein jeder ihrer Bewunderer brauchte seine eigene, ganz individuelle Trauerzeit, um den Tod seines Idols und seinen grossen Schmerz in sich peu à peu abtragen zu können. Millionen Callas-Fans und Bel-Canto-Freunden aus mehreren Generationen ist das bis heute nicht gelungen, sie haben ihre Trauer im Herzen auch nach vierzig Jahren nicht völlig aus sich vertreiben können, schliesslich weint man um eine Belcanto-Göttin nicht nur am Tag ihres Todes, nein, man weint, trauert und leidet, solange man als Callas-Verehrer in dieser Welt ohne seine Göttin weiter leben muss.

Sie war nicht nur die einzige und legitime Prima Donna Assoluta des 20. Jahrhunderts, sie war auch dessen grösste und erhabenste Tragödin im wundersamen Reiche des Musiktheaters. Sie war (und bleibt) für mich und für ihre Verehrer ein nicht zu enträtselndes Phänomen, das nur ein einziges Mal während eines Jahrhunderts und damit auch nur einmal im Leben eines Menschen auftaucht.

Wer das Glück hatte, sie jemals auf der Bühne als „Norma“, als „Toska“, als „Lady Macbeth“, als „Turandot“ und in anderen grossen Rollen (zum Beispiel auch als Violetta in Verdis „Traviata“) erlebt zu haben (mir wurde dieses Glück zuteil), der weiss spätestens danach um die Einmaligkeit ihrer Stimme, und so weiss er auch um die unerreichte Dimension ihres facettenreichen und so tragischen Lebens, von dem sie so viel in ihre Bühnengestalten eingebracht hat. Denn sie, „La Callas“, sie war ja nicht nur die „von Gott auf die Erde“ gesandte und begnadete Stimme allein, nein, sie war so unendlich viel mehr. Sie kreierte auf faszinierende Weise auch noch einen Sänger- und Darsteller-Typus, wie es ihn nach ihr wohl nie wieder geben wird, das lässt ihre „Einmaligkeit“ einfach nicht zu. Zudem gehörte sie in und mit der abgründigen Farbigkeit ihres Wesens, in ihrer höchst komplizierten Persönlichkeitsstruktur einer aussterbenden Sänger und Belcanto-Generation an, wie es sie ebenfalls niemals mehr im modernen Musiktheater geben wird.
Ja, grossartige Stimmen, die wachsen glücklicherweise nach, doch der Thron, auf dem die Callas residierte, auf dem wird nach ihr so bald niemand mehr Platz nehmen dürfen. Vielleicht war Maria Callas bereits mit ihrem Debut ein singender Anachronismus, es war absolut nichts „Modernes“ an ihr. Alles an und in ihr war archaisch, unglaublich wild, emotional und chaotisch, erschreckend und auch absolut zeitlos und dem Tod so nah, denn Ihr Spiel auf der Opernbühne, das war niemals ein Spiel, nein, es war stets Ekstase pur, in manchen Rollen („Carmen“, „Norma“) war es zunächst der heisse Flirt mit dem Tod und schliesslich der erst und zugleich der letzte Tanz mit dem Tod selbst.

Maria Callas hat die „Tosca“ nicht einstudiert und gestaltet, sie hat diesen Part auch nicht nur virtuos gesungen, nein, sie war „Tosca“ selbst, sie war das Blut und die Leidenschaft, die Liebe und der Hass in dieser exzentrischen Opernrolle, das alles war in ihr, auf eine schmerzhafte, auch bedrohliche Weise, so wie es mit allen ihren grossen Charakterfiguren der Fall gewesen ist. (vor allem in „Norma“).

Jede Rolle geriet auf der Bühne zu einer immer währenden menschlichen Tragödie, jede Figur war hochexplosive Rollengestaltung, schonungslose Selbstdarstellung und fast schon grausame Selbstzerfleischung, alles war ganz einfach tödliche Leidenschaft bis zum Wahnsinn hin. Die Belcanto-Freunde rund um den Globus knieten vor ihr, waren bereit, für sie in den Tod zu gehen, damit sie weiter leben möge.

Möglicherweise war die Opernbühne für sie die einzige vertraute Heimat, zugleich aber auch an einem jeden Abend die Hölle, der grausamste und einsamste Ort in der Welt. Ihr privates Leben danach war die dramatische und tragische Fortsetzung all dessen, was und wie sie in jede der grossen Opern-Figuren hinein geschlüpft war, die sie nach orkanartigem Applaus und nach dem Fallen des Vorhangs dann gnadenlos in die grösste Einsamkeit der realen Welt geführt haben. Sie wird für mich und für Millionen Menschen weiterleben, als die letzte grosse Vertreterin des Bel Canto, einer grossen und heiligen Kunst, deren unerreichte Meisterin und Hohepriesterin sie bis zum letzten Atemzug war, selbst noch auf ihrem Totenbett. Ich danke allen musikalischen Göttern für das wundervolle Geschenk, dieser Ausnahme-Künstlerin einige Male auf der Bühne begegnen zu dürfen. Viva La Callas!

10227