Das Leck: Die Wirtschaftsweisen Kein Retro, kein Museum – nur Proberaum: Die anarchische Ästhetik von DAS LECK
Kultur
Schon die Songtitel lesen sich wie die Chronologie eines Fiebers: „Stromrebell“, „Die neue Todesepoche“, „Stern von Ruanda“, „Fronthotel“, „Tempelzorn“, „Feindgold“, „Neon Testament“.

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Album-Cover.
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Dabei wirkt das Album erstaunlich geschlossen. DAS LECK hatten schon immer eine Schwäche für groteske Bilder und eine fast beneidenswert gleichgültige Haltung gegenüber den Grenzen des guten Geschmacks. Bereits ältere Titel wie „Pipelines zu den Oligarchen“, „Der Messias der Mittelschicht“ oder „Mobbing in der Gruppe 47“ zeigten diese Lust an der absurden Verknüpfung von Hochkultur, Politik, Provinz und Quatsch. "Die Wirtschaftsweisen" führt diese Tradition konsequent fort.
Besonders interessant ist, wie die Platte eigenes Material wiederverwertet. Dass ausgerechnet „Boomer“, „Go East“, „Mein Chinese hat Gelbsucht“ und „Babybong Babylon“ in neuen Versionen auftauchen, wirkt weniger wie Recycling als wie eine Art selbstreferenzielle Archäologie. DAS LECK betreibt offenbar Wiederkäuen als Kunstform. Die Songs werden nicht einfach neu aufgelegt, sondern erscheinen wie Figuren, die Jahre später mit experimenteller Frisur und noch seltsameren Ansichten wieder auftauchen oder sich einfach als Instrumentals ganz ausschweigen. Der eigentliche Witz des Albums liegt aber darin, dass es trotz seiner anspielungsreichen Stil-Mutationen nie nach Bildungsbürger klingt. DAS LECK tragen ihre Referenzen nicht wie Orden vor sich her. Eher wie Einkaufszettel, die versehentlich in der Jackentasche geblieben sind. Wenn „Wenn Quanten tanzen und der Bembel weint“ auf derselben Platte existiert wie „Tempelzorn“, dann nicht, weil hier jemand besonders clever wirken möchte, sondern weil die Band offenbar keinen Grund sieht, zwischen Philosophiestammtisch, Dorffest und Endzeitvision zu unterscheiden.
Man kann der Platte deshalb viel vorwerfen: mangelnde Stringenz, gelegentliche Selbstparodie, eine gewisse Verliebtheit ins Schräge. Was man der Platte schwerlich nachsagen kann, ist Austauschbarkeit. In einer Musiklandschaft, in der viele Künstler klingen, als hätten sie ihre Persönlichkeiten an eine Strategieberatung ausgelagert, wirkt DAS LECK fast schon unangenehm eigenständig.
Oder anders gesagt: "Die Wirtschaftsweisen" ist bis jetzt vielleicht das einzige Album des Jahres, das gleichzeitig nach kulturkritischem Essay, Bahnhofskiosk und einem leicht beschädigten Faxgerät klingt. Und genau deshalb hört man es sich am Ende doch lieber an als die meisten Werke, die wesentlich professioneller daherkommen.
Musikalisch bewegt sich "Die Wirtschaftsweisen" dabei in jenem erfreulich verrotteten Niemandsland, das entsteht, wenn Post-Punk, kratziger Indie-Rock und die dunkleren Kellerräume der NDW über Jahre hinweg gemeinsam feucht eingelagert werden - "wie Rilke in Fantakorn" hiess es mal in einer Rezension zu einem früheren Album der Band. Die Gitarren scheppern mit einer Hingabe, die jeder Vorstellung von Hochglanzproduktion den Mittelfinger zeigt, und das Schlagzeug klingt oft so, als sei es weniger aufgenommen als irgendwo gefunden worden.
Immer wieder blitzen diese typischen Das-Leck-Momente auf, in denen ein zunächst schlurfender Song plötzlich die Zähne zeigt und für ein paar Takte in eine fast aggressive Nervosität kippt. Dann wirken die Stücke kurz, als wollten sie ihre Hörer aus dem Sessel prügeln, bevor sie sich wieder in ihre gewohnt schludrige Souveränität zurückfallen lassen.
Das Schöne daran: Nichts tönt hier nach Retro-Romantik oder liebloser Stilübung. DAS LECK zitieren weder Post-Punk noch NDW, sie benutzen beides eher wie Einbruchswerkzeug. Entsprechend klingt die Platte nicht nach Museum, sondern nach einem Proberaum, in dem jemand die Heizung abgestellt hat und alle beschlossen haben, trotzdem weiterzumachen. Genau diese Mischung aus kontrolliertem Verfall und latentem Kontrollverlust verleiht dem Album seinen eigentümlichen Drive. Ich weiss nicht, wie laut ich das in meiner Datscha aufdrehen kann, bevor ich mir den Tempelzorn meiner Kleingartennachbarn zuziehe!
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